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2012 Nostradamus Weltuntergang

 
Nostradamus Buch
Kapitel 1

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Aus dem Englischen von Petra Schardt


© 2006 Eric Mellema
Alle Rechte vorbehalten



Kapitel 8


Die vergangenen Gräuel dezimieren die Erde.
Lange Zeit Friede auf der entvölkerten Welt.
Sicheres Reisen durch Himmel, Erde, Meer und Wellen.
Dann entstehen von neuem die Kriege.

Die abgeschlossene Türe des Arbeitszimmers wurde aufgebrochen und Anne ging mit zitternden Knien hinein, voller Angst, ihren Mann darin tot auf dem Boden vorzufinden. Nach ihrer Heimkehr hatte das Hausmädchen ihr zwar mitgeteilt, den Gelehrten aufgrund seines Experiments unter gar keinen Umständen zu stören. Er war mit einem wichtigen Experiment beschäftigt. Aber das dauerte ihr nun zu lange. Tagelang hatte er nichts von sich hören lassen und nun schien es, dass ihre Sorgen sich bewahrheiteten. Sie fand ihren Ehemann ausgestreckt auf dem Boden liegen.
"Er ist tot", wehklagte sie.
"Kannst du nicht einfach anklopfen?", fragte Michel, der überraschenderweise bei Sinnen war. Einen Moment lang war sie sprachlos, wurde dann aber sehr verärgert.
"Du hast dich für drei ganze Tage eingeschlossen! Wir haben viele Male gerufen, geklopft, an die Türe geschlagen und gefleht, und du hast nicht geöffnet. Ich hielt es nicht mehr aus."
"Es ist nichts passiert mit mir", beruhigte er sie.
"Du könntest tot sein", fuhr sie fort, noch immer fuchsig. "Ich hatte keine andere Wahl, als einzugreifen, denn die Königin will dich sehen. Ich dachte, dass du es vielleicht wissen wolltest."
"In der Tat, das sind gute Neuigkeiten! Ich packe gleich meine Sachen", und machte entsprechende Anstalten.
"Idiot, erst wirst du dich für ein paar Tage stärken. Du siehst fürchterlich aus", tobte sie und ihr Ehemann gelobte ihr, es zu tun.
"Was war mit Papa los?", fragte die dreijährige Pauline am nächsten Tag beim Frühstück.
"Papa kümmert sich um das Jenseits", antwortete César.
"Reich mir das Brot herüber", bat der Vater, woraufhin sein Sohn es ihm zureichte.
"Er wird wieder irgendwelche Streiche spielen", meinte Paul verschmitzt.
"Euer Vater verliert zwar seine Haare, aber noch lange nicht seinen Schalk", stand ihm Anne bei. Ihr Mann nahm einen Schluck vom Fruchtsaft und hörte sich amüsiert alles an.
"Euer Vater wird bald die Königin treffen", unterrichtete sie jeden. "Paul, lass sofort César los!" Paul besaß ein ziemliches Temperament und seine Hände waren immer dort, wo sie nichts verloren hatten.
"Hoffentlich ist die Königin nicht allzu schön. Denn sonst werden wir Papa wohl nie mehr wieder sehen", bemerkte Madeleine.
"Ich will nur deine Mutter", beruhigte dieser sie. "Und zudem ist die Königin bereits mit dem König verheiratet."
"Nun, ich habe gehört, dass diese Ehe nur noch Heuchelei ist. Außerdem gibt es jede Menge Mätressen am Hof", bemerkte Anne.
"Was sind Mätressen, Mama?", fragte Pauline.
"Das sind Frauen, die zwar nicht mit einem Mann verheiratet sind, aber ihn dennoch lieben", versuchte sie es auf einfache Weise abzutun.
"Dann sitzen hier am Tisch viele Mätressen", witzelte César. Die Eltern mussten herzlich darüber lachen und fingen an, den Tisch abzuräumen.
"Bleibst du einen Augenblick bei André?", fragte Anne. Ihr Mann, der wieder ganz der Alte war, warf einen Blick auf das Baby, während sie nach draußen ging und im Garten das Tischtuch ausschüttelte.
Der erste Teil von Die Prophezeiungen war ein derartiger Erfolg, dass Königin Katharina de Medici bei dem äußerst populären Astrologen für eine Konsultierung anfragte. Eine größere Ehre hätte ihm nicht zuteil werden können, und Nostradamus willigte ihrem Wunsch ein. Da Paris weit weg war, würde er einen guten Monat von zu Hause weg sein. Schweren Herzens nahm er Abschied von seiner Familie.
"Hier Kinder, ein paar Vergissmeinnicht", aber der Nachwuchs rannte schon wieder nach draußen, denn es gab Wichtigeres zu tun. Der Vater liebte sie alle sehr, ganz gleich was sie taten, doch am meisten fühlte er sich mit César verbunden. Ein kluger Junge, dem er vielleicht eines Tages seine Kenntnisse weitergeben konnte.
"Sei vorsichtig. Am Hof gibt es immer viel Hass und Neid", legte Anne ihrem Mann ans Herz.
"Ich werde mich abseits halten", versprach er ihr und ging nach einem dicken Kuss mit seinem Gepäck zur bereitstehenden Kutsche. Der königliche Gast wollte auch noch die Gelegenheit nutzen, seinen Verleger Chomarat in Lyon zu besuchen.
Zwei Tage später kam er dort an. Sein Verleger schüttelte ungläubig seinen Kopf, als er den berühmten Schriftsteller unangemeldet in seinem Büro eintreten sah.
"Ich werde das Gästezimmer herrichten müssen", stammelte er.
"Fein. Ich bleibe sowieso nur ein Tag, denn morgen muss ich bereits weiter nach Paris."
"Dann zeige ich Ihnen unverzüglich meine Druckerei", sprach er und gab ihm eine Tour durch das Maison Thomassin. Die Typographen waren ebenso überrumpelt von dem Blitzbesuch und machten umständlich Platz für ihren hohen Gast. Bei der Druckerpresse begann ihr Vorgesetzter nervös zu sprechen.
"Dieser Erfindung haben Sie Ihren Erfolg zu verdanken", sagte Chomarat, der diesen revolutionären Apparat wie sein eigenes Kind festhielt. Er bat einen der Arbeiter, etwas Druckerschwärze auf die Druckplatte für den Umschlag von "Die Prophezeiungen" zu geben. Dieser tat, was von ihm verlangt wurde.
"Jetzt werde ich Ihnen zeigen, wie es funktioniert", sagte Chomarat und platzierte die eingeschwärzte Form auf die Unterplatte. "Dann legen wir noch etwas Papier obendrauf und nun können Sie den Abdruck selbst machen…" Nostradamus begann mittels einer Kurbel die Platte nach unten zu drehen.
"Wäre nur jeder Druck so leicht", meinte er vergnügt, doch bevor irgendjemand die Chance hatte zu lachen, schrie sein Verleger auch schon vor Schmerz. Sein Daumen klemmte dazwischen und sein Gast kurbelte die Platte rasch zurück.
"Lassen Sie mich einmal sehen", bat der Letztere. Wehklagend reichte ihm Chomarat seinen Daumen.
"Haben Sie Verbandszeug?"
Mit schmerzverzerrtem Gesicht zeigte er auf sein Büro. Sie gingen dorthin und fanden nach einigem Suchen einen schmalen Lappen.
"Mit dieser Hand zu schreiben, ist derzeit nicht drin", sagte Michel, als er den Daumen bandagierte.
"Ich bin ein Drucker und kein Schreiberling", brummte Chomarat und nachdem dieser sich wieder von seinem Schrecken erholt hatte, gingen die Männer wieder zurück zum Arbeitsplatz. Dort drehte Nostradamus die Platte wieder nach unten, so dass es mit dem Papier bündig gedruckt wurde und drehte sie danach wieder zurück.
"Minderwertige Arbeit muss jetzt der Vergangenheit angehören", vergnügte er sich, als er den nassen Abdruck betrachtete. "Ausgezeichnet…aber was macht das kleine Teufelchen dort auf der untersten Linie?" Chomarat stellte sich verdutzt neben ihn und betrachtete sich diese Abnormität.
"Welcher Flegel hat die Teile verändert?", fragte er verärgert. Doch niemand von den Arbeitern schien es getan zu haben. Halsüberkopf rannte ihr Chef zu dem Vorrat an Büchern seines Klienten. Zum Glück, alle Umschläge waren in Ordnung, dachte er erleichtert, keine tausendfach reproduzierten Teufelchen. Sie korrigierten die Druckform und nach all der Aufregung war die Lackmusprobe bestanden. Der Schriftsteller war äußerst zufrieden und betrachtete noch sein eigenes Werk, das hier in mehreren Sprachen veröffentlicht wurde. Seine Bücher fanden reißenden Absatz in ganz Europa. Danach, in einem Restaurant um die Ecke, unterhielten sich der Verleger und er sich über Verbesserungen gegenüber der aktuellen Version.
Am nächsten Morgen wurde die Reise nach Paris fortgesetzt. Alles verlief reibungslos und drei Tage später, ritten sie vorbei an Fontainebleau. Es würde nicht mehr lange dauern. Plötzlich umzingelte eine Reitergruppe die Kutsche und zwangen sie zum Anhalten.
"Wegelagerer!", rief der Kutscher erschrocken, aber es stellte sich heraus, dass es Polizeiagenten waren und beruhigt folgte er ihren Anweisungen. Ein Kommissar weihte die Reisenden bald ein.
"Ihre Route wurde geändert und nun werden Sie unter Geleit zum Schloss in St. Germain en Laye gebracht."
"Woher kommt diese Anweisung?", fragte Nostradamus.
"Das königliche Paar wechselt dann und wann ihren Wohnsitz."
"Oh, dann dauert es noch ein Weilchen."
"Ich entschuldige mich, für dieses Ungemach." Kommissar Morency setzte sich neben ihn und sie redeten weiter.
"Der Mensch reist heutzutage ziemlich viel", begann der Polizist zu stöhnen, als er seine Reitstiefel auszog. "Nach all den finsteren Jahren, blüht die Welt endlich wieder auf und geht mit raschen Schritten dem Fortschritt entgegen."
"Sehen Sie dort drüben, wie die Zugvögel nach Norden fliegen?", unterbrach ihn Michel.
"Ja. Wieso?"
"Die können das zehnmal schneller als wir es können."
"Was wollen Sie damit sagen?"
"Dass ich in die verkehrte Zeit hineingeboren wurde…"
"Ich begreife es noch immer nicht", sagte Morency.
"Ach, ich bin etwas schlecht gelaunt. Es wird wohl die Müdigkeit sein", entschuldigte sich der Gelehrte bei ihm.
"Ich werde Sie in Ruhe lassen. Vermutlich werden Sie sowieso ständig von allen Seiten belästigt."
"Sie sagen es. Die Aufdringlichkeit wächst von Tag zu Tag. Sogar in meinem eigenen Städtchen, kann ich schon nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen. Aber reden Sie ruhig weiter, denn Geselligkeit kennt keine Zeit." Morency sprach über seine Laufbahn, und dass er schon bald in Rente gehen würde.
"Sie werden noch während Ihrer Arbeitszeit gefangen genommen", sagte der Hellseher auf einmal. Der Kommissar sah ihn ganz verwirrt an.
"Was sagen Sie da? Kurz vor meiner Pension?"
"Bleiben Sie zuversichtlich. Ein Friedensvertrag gibt Ihnen die Freiheit zurück."
"Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber ich werde es mir gut merken. Dass Sie das einfach so sehen können?"
"Tja, die Ereignisse liegen in der Luft und ich nehme sie einfach wahr, so wie ein Vogel den herannahenden Sturm wahrnimmt. Obwohl Menschen, im Gegensatz zu den Tieren, in der Regel ihr eigenes Elend verursachen."
"Unglaublich. Sehen Sie auch Ihre eigene Zukunft voraus?", fragte der Kommissar tief beeindruckt.
"Persönliche Fragen vernebeln mir leider meinen Vorausblick."
"Nun, ich bin Ihnen dankbar für diese Vorhersehung. Sind Sie Katholik?"
"Ja. Warum?"
"Hier ist ein politischer Streit zwischen dem katholischen Herzogengeschlecht der Guise und den kalvinistischen Colignys. Die Königin hat die Seite der Guises gewählt. Was das betrifft, so sind Sie sicher. Aber hüten Sie sich vor dem Pariser Gericht, die fanatisch sind und auf der Suche nach dem geringsten Grund sind, um jemanden verurteilen zu können. Ich denke dabei vornehmlich an Ihre Publikationen." Ein inzwischen aufgekommener Regen prasselte auf das Kutschendach hernieder, und bis zum Ende der Fahrt unterhielten sich die Männer noch angeregt.
Endlich kam St. Germain en Laye, der Stadt, die von Königen wegen ihrem angenehmen Klima und den großen, umliegenden Wäldern so sehr geschätzt wird. Als der Wagen aus dem Laubwald herausgefahren kam, hatte das Wetter sich aufgeklärt. Danach rumpelten Sie entlang den endlos erscheinenden Gärten, die gerade frisch angelegt wurden.
"Die Gärten sollen terrassenförmig angelegt werden, mit Blick zur Seine", erklärte Morency.
"Sieht ganz so aus, als bräuchte man einen ganzen Tag, um sie zu durchstreifen", antwortete Michel.
"So ungefähr. Und dann gibt es noch Fünftausend Hektar Wald. Heinrich II. ist ein leidenschaftlicher Jäger." Die Kutsche fuhr nun am neuen Palast entlang, der noch von Baugerüsten umstellt war. Es wurden Karren voll Material hin- und hergekarrt und Gruppen von Arbeitern waren fleißig am schaffen. Der königliche Gast jedoch wurde zum dahintergelegenen alten Schloss gebracht.
"Wie viele Zimmer muss das wohl haben?", fragte dieser, als der kolossale Bau in Sicht kam.
"Über vierhundert. Das neue soll sogar noch mehr haben", antwortete sein Begleiter. Die Polizisten auf ihren Pferden bogen ab, und die Kutsche kam vor dem Eingang zum Stehen. Die beiden Männer stiegen aus und gingen auf die haushohen Eingangstüren zu, die von zwei Lakaien geöffnet wurden. Sie betraten die herrschaftliche Eingangshalle, wo zwei Wendeltreppen elegant miteinander verflochten waren.
"Meine Aufgabe ist nun erledigt. Viel Glück", wünschte ihm der Kommissar. Der Gelehrte verabschiedete sich, setzte sich auf eine vergoldete Bank und betrachtete das Interieur, während er wartete. Wohin er auch blickte, jedes Fleckchen war mit größter Sorgfalt eingerichtet. Sogar die Decke war dekoriert. Kaum zu glauben, dass das neue Schloss das wahre Prunkstück werden sollte. Die Schatzkiste musste wirklich sehr gut gefüllt sein. Ein Hauptlakai bat ihn, mit in den Thronsaal zu kommen, wo die Gäste im Allgemeinen empfangen wurden. Das königliche Paar wartete auf ihren goldenen Thronsitzen. Zwischen Ihnen hing ein Gemälde von einer Frau, mit einem geheimnisvollen Lächeln.*
"Nostradamus, schön, dass Sie kommen konnten", sprach Katharina de Medici resolut und ihr Gast verbeugte sich tief, so wie es sich geziemte. "Heinrich, das ist der begnadete Astrologe aus der Provence, der für soviel Wirbel sorgt", informierte sie ihren Gatten. "Er war früher als Arzt tätig und hatte viele unserer Untertanen vor der Pest gerettet." Der König betrachtete den illustren Landsmann von der Seite. Sein kreidebleiches Gesicht hob sich stark von dem schwarzen Hut mit der braunen Feder ab.
"Schön, Sie zu sehen", sagte er pro forma. Wieder irgend so ein Intellektueller; es ist dein Besuch, Katharina, kümmere dich gefälligst selbst um den, dachte er bei sich. Michel durchschaute seine Gedanken; der König wollte einzig und allein auf die Pirsch.
"Ich bin schon sehr neugierig auf Ihre Fähigkeiten", meinte die Königin, die eine Lederkappe trug, "und ich bitte Sie, morgen um acht Uhr in meine Privatgemächer zu kommen, um weiter ins Detail zu gehen."
"Gewiss, Majestät." Er fand Sie doch etwas intelligenter als ihren Mann.
"Am nächsten Montag findet ein Fest statt", fuhr sie fort, "zu Ehren der Hochzeit des Herzogs von Joyeux und Maid De Vaudemont, und heute Abend gibt es aus diesem Anlass ein Bankett. Wir laden Sie zu beidem ein." Michel versetzte es ein Stich, den Namen seiner ersten Frau zu hören.
De Vaudemont, unglaublich. Die Braut musste entweder die Schwester oder eine Nichte von Yolande sein. Meine alte Familie wird über mein Kommen nicht gerade glücklich sein, dachte er. Eine unvermeidliche Konfrontation lag in der Luft. Den König plagten jedoch plötzlich hörbare Winde und er rutschte unbehaglich auf seinem goldenen Sitz hin und her.
"Danke für die Einladung, ich werde anwesend sein."
"Von unseren Gästen wird auch erwartet, dass Sie nach der Vorstellung beim Hoftanz mitmachen", bat Katharina nachdrücklich. "Kennen Sie diese Tänze?"
"Nicht wirklich, Majestät."
"Dann kann unser Ballettmeister Ihnen dieser Tage noch die nötigen Schritte beibringen. Aber heute Abend sehen wir uns bei dem Bankett", und befahl ihrem Lakaien, den Gelehrte aus dem Thronsaal zu geleiten. Der herbeigerufene Tanzlehrer versprach, noch am selben Tag mit dem Unterricht zu beginnen, doch zuerst erhielt der Gast noch die Gelegenheit, sich etwas auszuruhen.
Etwas erholt von der anstrengenden Reise, spazierte Nostradamus zum Ballettstudio, wo Balthasar ihn bereits erwartete.
"Noch reisemüde, Monsieur?", fragte dieser.
"Ein wenig, aber etwas Bewegung wird mir sicherlich gut tun."
"Ich werde Ihnen einige höfische Fertigkeiten beibringen, da diese untrennbar mit dem Tanz verbunden sind." Sein Gast fand es ausgezeichnet und legte seinen Übermantel ab.
"Bei den höfischen Tänzen ist eine perfekte Kleidung ein Muss", kicherte der junge Ballettmeister, "aber wie ich sehe, begrüßen Sie Ihre erste Tanzlektion", woraufhin sein Schüler den Übermantel wieder anzog.
"Was wissen Sie über den Tanz?"
"Nun, der Tanz ist die Jagd der Frau und die Jagd des Mannes ist sein Tanz", antwortete der Gelehrte.
"Diesen Spruch werde ich mir übers Bett hängen", kicherte der sehr umgängliche Balthasar erneut.
Glatt wie ein Aal, dachte Michel bei näherer Betrachtung.
"Lassen Sie uns schnell beginnen, denn in zwei Stunden kommen die De Vaudemonts, meine nächsten Schüler."
"Kennen Sie die De Vaudemonts gut?"
"Nein, ich weiß nur, dass sie von Adel sind. Aber unsere Königin begrüßt jede Gelegenheit, um ein Fest zu organisieren", erzählte Balthasar freimütig und fing mit der Lektion an.
"Ein Höfling muss über ein allgemeines Wissen verfügen, doch allem voran, muss er sich elegant bewegen können. Alles was man bei Hofe macht, muss graziös und mühelos aussehen. Sichtbare Steifheit und Anstrengung sind verpönt."
Die beiden Männer gingen auf die Tanzfläche.
"Auf einem Ball wird nach festen Mustern getanzt. So zum Beispiel", und während der Ballettmeister den Takt zählte, führte er ein paar Schritte vor. "Gleichzeitig hat man sich auch an die sozialen Regeln zu halten. Folgen Sie mir, bitte", woraufhin Michel einen Pas de Bourré nachtanzte.
"Eine ziemliche Herausforderung", meinte Michel, als seine Beine sich verhedderten.
"Ich werde Ihnen ein paar Übungen auf Papier geben, womit Sie die Kontrolle über Ihre Motorik gewinnen können", schlug der Lehrer vor.
"Gut, dann habe ich was zu tun. Ballett scheint die Lieblingsbeschäftigung von Katharina de Medici zu sein?"
"Richtig. An der Haltung erkennt man den Adel, gemäß unserer Königin. Leider denkt ihr Mann anders darüber, denn es war sie, die die feinen Manieren an den französischen Hof brachte. So brachte sie nach ihrer Hochzeit eine bunte Mischung aus Köchen, Künstlern und Musikern aus Florenz mit. Sie werden sie noch treffen", und sie tanzten weiter. Gerade als Michel glaubte, sicheren Schrittes zu sein, verhedderte er sich aufs Neue und der liebenswürdige Ballettmeister nahm ihn direkt bei der Hand. Schließlich übten sie noch einen Figurentanz und beendeten danach die erste Lektion. Tags darauf würde es weitergehen.
Es war bereits später Nachmittag, als Michel nach draußen ging, um noch etwas frische Luft zu schnappen. Er spazierte durch einen Park, wo mehrere Gärtner dabei waren, Sträucher einzupflanzen. Nebenbei verfolgte er etwas weiter oben auch den Fortschritt des neuen Schlosses. Hinter einem Blumenbeet stand ein Höfling, der ihm plötzlich heftig zuwinkte.
Schau sich einer an, wenn das mal nicht der Marquis de Florenville ist. Meine Vergangenheit holt mich tatsächlich immer wieder ein.
Es war in der Tat der Schlossherr, der ihm schon einmal einen Strick drehen wollte und nun enthusiastisch auf ihn zugestiefelt kam.
Sicherlich bekehrt, da ich nun berühmt bin, dachte der Astrologe höhnisch.
"Welch ein Privileg, Sie wieder zu sehen", grüßte ihn der Blaublütige.
"Ja, lange ist es her."
"Für wahr. Und jünger sind wir auch nicht geworden."
"Gehen Sie noch immer nach Strassburg?", fragte Michel.
"Die letzte Zeit habe ich überwiegend am Hofe zugebracht, wegen politischer Angelegenheiten", antwortete de Florenville, während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand. Es wurde nun kühler und der Gelehrte gab zu verstehen, dass er wieder hinein wolle.
"Welche politischen Sachen halten sie beschäftigt?", fragte er, als sie gemeinsam den Palast betraten.
"Nun, das ist eine lange Geschichte…"
"Wir haben noch eine ganze Stunde, bevor das Bankett beginnt", warf Michel ein und der Marquis begann zu erzählen.
"Mein einstmaliger Freund Erasmus fand, dass bestimmte Teile der Bibel nicht richtig ins Lateinische übersetzt wurden", erzählte er, als sie durch die Korridore gingen. "Er hat dann das Griechische Neue Testament übersetzt und in Druck gegeben. Der deutsche Luther feilte noch etwas daran und seine protestantische Bewegung wehte herüber nach Frankreich. Einige Hugenotten aus Strassburg baten mich, deren Bewegung in Paris zu repräsentieren…und das konnte ich ihnen nicht abschlagen. Deshalb bin ich hier. Haben Sie jemals von den Colignys gehört?"
"Ja, unlängst habe ich etwas davon vernommen. Aber das macht Sie doch zum politischen Feind des Königshauses?"
"Formell betrachtet, ja", stimmte De Florenville zu, "doch der König mischt sich nicht in die Politik ein und Katharina findet, dass die Guises zu mächtig sind. Tatsächlich sucht sie selbst den Kontakt zu uns. Diese Giftmischerin, verzeihen Sie diesen Ausdruck, hetzt die Guises gegen die Colignys auf."
"Ich wusste nicht, dass es eine derartige Begeisterung für den Protestantismus gibt", meinte Michel.
"Nun, sie wächst von Tag zu Tag mehr, ganz besonders in Nordfrankreich. Sogar in der königlichen Familie sind Anhänger zu finden. Aber sagen Sie, weshalb sind Sie hier?", fragte der Marquis und sah in erwartungsvoll an.
"Die Königin hat mich um eine Konsultation gebeten", ließ der Seher durchblicken.
"Was hat sich daraus ergeben?", wollte der Politiker wissen, der auf pikante Details aus war.
"Ich werde Ihre Majestät erst morgen sprechen und zudem, möchte ich mich über den Inhalt des Gespräches nicht auslassen. Berufsgeheimnis. Wohl aber kann ich sagen, dass der König nicht an Astrologie interessiert ist."
"Pah, das ist altbekannt", und wischte seinen Kommentar mit der Hand fort. "Heinrich II. hat nämlich für nichts ein Interesse übrig. Allerdings wird geflüstert, dass er für den äußerst kostbaren Bau des neuen Schlosses sämtliche Kirchenschätze beschlagnahmen ließ. Sehen Sie, das hat man nun von den Katholiken, diesen scheinheiligen Brüdern. Natürlich abgesehen von einigen wenigen. Die Kirche zu bestehlen bekümmert mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht, die ist sowieso viel zu mächtig…"
Durch das ganze Gerede, war der Gelehrte auf dem neusten Stand der Dinge dieser politischen Schlangengrube und hatte nun genug gehört.
"Ich muss mich noch umkleiden. Wir sehen uns beim Bankett", schnitt er die Unterhaltung ab und stieg über die zentrale Wendeltreppe hinauf in die dritte Etage zu seinem Zimmer.
Etwas später betrat der festlich gekleidete Seher den Speisesaal, wo bereits ein großes Bankett begonnen hatte. Zwei exorbitante Tafeln waren errichtet worden, an denen gut und gerne fünfhundert Gäste Platz fanden. Die Koryphäe wurde von einem Saaldiener zum Tisch des Königspaares geleitet. Beide saßen jeweils an einem Kopfende der Tafel und waren daher ziemlich weit voneinander entfernt. Der andere Tisch war für Mitglieder des niedrigeren Adels bestimmt, an dem auch der Marquis Platz genommen hatte. Der Astrologe wurde überraschenderweise gegenüber den De Vaudemonts gesetzt, die beim Anblick ihres ehemaligen Familienmitglieds förmlich erstarrten. Ganz perplex stießen sie sich gegenseitig an, um alle Verwandten über die Ankunft des Unheilpropheten zu alarmieren. Es waren Yolandes Brüder und Schwestern. Auch wenn sie alt und grau geworden waren, so war es dennoch ein Leichtes, sie zu erkennen. Ihre Eltern waren höchstwahrscheinlich schon gestorben. Die Braut stellte sich als Elise, die Tochter von Desirée, heraus und an ihrer Seite befand sich der Herzog von Joyeux. Da sie Michel noch immer bis aufs Blut nicht leiden konnten, verdarb alleine seine schiere Anwesenheit gründlich ihr Festmahl. Zwischenzeitlich wurden allerlei Delikatessen serviert, die der geladene Gast zu genießen wusste - trotz den sauren Gesichtern ihm gegenüber. Die Königin sprach nun einen Toast auf das zukünftige Brautpaar aus und jeder hob einstimmig das Glas. Alle, bis auf den König, der sich lieber mit einigen Hofdamen amüsierte. Michel konnte unter den vielen Gesprächen am Tisch heraushören, dass Katharina von einer reichen Bankiersfamilie abstammte und das französische Königshaus dadurch gestärkt wurde. Heinrich II. war demnach doch nicht so dumm. Nachdem die Gäste sich satt gegessen hatten, setzte Langeweile ein und die Unterhaltung wurde stichelnd und ging unter die Haut. Das Thema wechselte zur Politik und mit all den Guises und Colignys im Saal, steigerte sich die Spannung. Während eines heftigen Disputs wurde Nostradamus aufgefordert, die religiöse Zukunft des Königshauses vorherzusagen. Das Interesse war erheblich und es wurde großen Wert darauf gelegt, was der Himmelsforscher darüber zu sagen wusste.
"In achtzig Jahren", sprach dieser wortgewandt, "sehe ich in diesem Palast die Geburt eines Sonnenkönigs."
"Aber wird es ein Protestant sein?", drängte De Coligny, der Anführer der gleichnamigen Gruppe.
"Auf jeden Fall christlich", gab der Seher vorsichtig zur Antwort. Nichtsdestotrotz, die Situation geriet außer Kontrolle und es entstand ein schamloses Gerangel. Nach dem Dessert hatte Michel genug davon, während die Königin nur mutlos zusah.
Am nächsten Morgen, besuchte er Katharina de Medici in ihren Privatgemächern. Sie hatte den Raum offensichtlich nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet, denn die Wände hingen voll von Gemälden reicher Vorfahren, die vor ihren Residenzen in Florenz posierten.
"Kommen Sie, setzten Sie sich neben mich", gebot die Königin, worauf Michel auf dem Kanapee Platz nahm.
"Möchte Sie etwas Besonderes probieren?" fragte sie, während sie ihm eine Schale mit kandierten Früchten hinhielt.
"Vielen Dank, Majestät", und nahm eines der köstlichen Süßigkeiten.
"Und gefällt es Ihnen hier ein wenig, abgesehen von den Querelen gestern Abend?"
"Nun, ich bin sehr beeindruckt von dem ganzen Prunk und Pomp."
"So soll es auch sein. Es wird augenscheinlich viel Geld für nutzlose Dinge, wie Feste, Triumphe und Paläste, ausgegeben, aber auf diese Art und Weise versuchen wir, auf ausländische Gäste und Botschafter Eindruck zu machen, so dass wir bessere Geschäfte tätigen können. Und mit dem verdienten Geld, können wir unsere Armee verstärken."
Eine gerissene Frau, begriff er. Sicherlich lenkt sie das Land hinter den Kulissen.
"Ich habe Sie hierher bestellt", fuhr sie fort, "weil ich will, dass Sie mir mein Horoskop erstellen. Jeder spricht über Sie und ich bin schon sehr neugierig darauf, was die Sterne über mein Leben zu sagen haben. Können Sie das für mich tun?"
"Das ist durchaus möglich, aber dazu benötige ich Ihre exakten Geburtsdaten." Sofort befahl sie einem Lakaien die Geburtsdokumente zu holen.
"Wie viel Zeit benötigen Sie dafür?", fragte sie.
"Das nimmt leider einige Wochen in Anspruch; ich habe die nötigen Instrumente nicht bei mir und ich kann meine Arbeit lediglich zu Hause ausführen."
"Nun gut, das ist wohl ein Missverständnis meinerseits. Ich werde mich dann wohl in Geduld üben müssen. Können Sie mir vielleicht jetzt schon etwas enthüllen?"
"Da muss ich mich erst einmal konzentrieren, Majestät."
"Tun Sie es", und Nostradamus schloss seine Augen. Kurz darauf betrat er andere Welten und sein Kopf begann zu nicken.
"Ich sehe…ich sehe, dass das Hofballett wegen Ihres Einsatzes eine enorme Entwicklung mitmachen wird. Es werden spezielle Tanzakademien gegründet werden."
"Das sind gute Neuigkeiten. Ich bin ganz verrückt nach Ballett. Sehen Sie auch etwas, das während meines Lebens passieren wird?"
"Ich bekomme etwas von Rom durch…"
"Das ist gut möglich. Der verstorbene Papst Leo X., der in Rom wohnte, war mein Cousin Lorenzo di Giovanni de Medici." Die Königin wurde jetzt ganz nervös.
"Hmm, das regieren liegt Ihnen im Blut", murmelte er.
"Bedeutet dies, dass ich das Land regieren soll?"
"Das wird so kommen."
"Aber ist dann mein Mann nicht mehr am Leben?", fragte sie erschrocken. Michel nickte mitfühlend.
"Heinrich und ich führen zwar eine Zweckehe, aber ich hoffe doch sehr, dass es nicht eintreffen wird."
"Nichts ist sicher, Majestät, alles ist unter Vorbehalt. Aber die göttlichen Eingebungen wurden mir offenbart und jede Eingebung ist wahr. Die einzige Frage ist: Wann und Wo. Wenn die Saat einer Birke wenig Wasser oder Licht bekommt, wird die Birke wahrscheinlich niemals erscheinen, aber eine Eiche wird sie niemals werden."
"Können Sie mir verraten, was mit meinem Mann geschehen wird? Vielleicht können wir vorzeitig eingreifen."
"Es wird nicht heller in meinen Gedanken und ich möchte Ihren Mann auch nicht unnötigerweise diskreditieren. Aber wenn Ihr Gatte es möchte, dann werde ich mich weiters darin vertiefen."
"Keine große Chance", sagte sie und wechselte plötzlich das Thema. Unverhofft stand Katharina auf und ließ ihr Kleid zu Boden fallen. Pudelnackt stand sie vor ihm und sah ihn verführerisch an.
"Und? Finden sie mich attraktiv?"
"Nun…", zögerte er und war auf der Hut.
"Ja, ich bin kein schlankes Mädchen mehr."
"Für den wirklichen Regenten von Frankreich, sehen Sie sehr gut aus", und beugte sich ihr zu. "Hmm, sie duften fein", meinte er, als er seine Nase gegen ihre Mitte drückte.
"Ich lüfte meinen Körper jeden Tag", erklärte sie.
"Wenn nur alle Menschen so weise wären. Abwechselnd heiße und kalte Bäder nehmen, ist auch sehr gut", und berührte dabei ihr Gesäß. Behaglich genoss Katharina seine Berührung.
"Ihre Gesundheit ist in bester Ordnung", sprach der Doktor dann. "Sie können Ihre Kleider wieder anziehen."
"Mann, Sie sind beinahe so raffiniert wie ich", und amüsiert zog sie ihr Kleid wieder an. Unterdessen kam der Diener mit den Geburtsdokumenten angelaufen.
"Unser Wunsch ist ein starkes, stabiles Frankreich und die Aufrechterhaltung der Macht des königlichen Hauses Valois", nahm sie ernsthaft das Gespräch wieder auf. "Können Sie mir empfehlen, wie mein Mann und ich mit den politisch religiösen Fraktionen umgehen müssen, um dies zu bewerkstelligen?"
"Zuerst werde ich Ihnen ein Horoskop erstellen, Majestät. Anschließend gebe ich Ihnen Einsicht in Ihre starken und schwachen Seiten, wonach Sie diese Kenntnis selbst in die Praxis umsetzen müssen. Ich kann nämlich nicht das Leben eines anderen Menschen führen, egal wie sehr ich Ihre Wünsche auch erfüllen möchte."
"Bon, ich schätze Ihre Integrität. Dann sollten wir es vorerst ruhen lassen. Wir sehen uns nächsten Montag auf dem Ball", und beendete damit das Gespräch.
Es war elf Uhr vormittags, der Beginn für das Theaterspektakel zu Ehren der Hochzeit von Herzog von Joyeux und Elise De Vaudemont. Michel ging in den großen Ballsaal und flanierte in seinen einfachen Knickerbockerhosen zwischen den extrem herausgeputzten Gästen, denen er schon zuvor in den Palästen begegnet war, umher. Die Damen sahen in ihren weiten Kleidern und extravaganten Hüten wie Kunstwerke aus. Auch die Herren trugen fabelhafte Hüte oder kostbare Perücken und beide Geschlechter bewegten sich mit übertriebenem Gehabe durch den Saal. Michel bekam ein Programm in die Hand gedrückt.
"Erst mal sehen was da steht", murmelte er und entfaltete das Papier. Der berühmte Astrologe war natürlich schon längst aufgefallen und drei eifrige Hofdamen liefen auf ihn zu.
"Monsieur Nostradamus, wie reizend, dass Sie hier sind", flöteten sie. "Wie gefällt Ihnen das Ballett?"
"Ach, ich bin noch etwas unschlüssig, jedoch bin ich schon sehr gespannt auf den Auftritt von meinem Tanzlehrer in dem Stück Ballet Comique de la Reine", gab er zu.
"Aber Ballet Comique de la Reine ist doch die Bezeichnung des Unternehmens", verbesserte ihn Angelique, die Dame mit dem blauen Hut.
"Was spielen sie dann?"
"Circe von Homer."
"Ah, eines der bekanntesten Stücke aus der Odyssee", wusste der Gelehrte.
"De Beaujoyeux machte auch die Choreographie", warf Collette, die Dame mit dem pinkfarbenen Hut, dazwischen.
"Auch das ist mir unbekannt", sagte Michel.
"Es steht im Programm geschrieben", fuhr sie fort.
"Ich hatte noch keine Gelegenheit darin zu lesen, meine Damen", und versuchte erneut darin zu lesen, als die dritte Hofdame sich aufdrängte.
"Es kommen Sänger, Tänzer, Musikanten, Tiere, Zirkusartisten und noch einiges mehr", informierte sie ihn. In der Zwischenzeit hatte sich der Raum zum Bersten gefüllt, mit Tausenden von Höflingen und Gästen aus dem ganzen Land.
"Ich nehme an, dass dies Ihr erstes Fest der De Medicis ist?", fragte Collette.
"Ja, das ist es in der Tat", räumte er ein.
"Dann machen Sie sich auf etwas gefasst", warnte Angelique. "Das Ballett alleine dauert schon vier Stunden."
"Vier Stunden Ballett?"
"Keine Sorge, während der Vorstellung können Sie frei ein- und ausgehen", beruhigte ihn Collette.
"Vielleicht wäre es angebracht, Sie etwas bei Hofe herumzuführen", bot Angelique ihm an.
"Ich kenne mich hier besser aus als sie es tut", eiferte Collette, die sich die Butter vom Brot nicht nehmen lassen wollte.
"Ich denke, dass der Herr mehr von Feinsinnigkeit hält", übertraf die dritte Maid ihre Konkurrentinnen. Plötzlich konnten sich die Hofdamen nicht mehr länger ertragen.
"Ich bin glücklich verheiratet und habe wunderbare Kinder", wehrte der Astrologe ab. "Guten Tag, die Damen." Er lupfte den Hut und flanierte weiter.
Das Publikum war auf drei Seiten im Zuschauerraum verteilt. Zum Teil auf Galerien, wo auch der König und die Königin, zusammen mit dem Brautpaar, saßen und teilweise darunter, wo Michel sich dazugesellte. Die Vorstellung begann und eine beeindruckende Dekoration kam mechanisch zum Vorschein. Ein Tanzchor brachte eine Aubade, ein Morgenlied, dem frisch vermählten Paar vor und spielte eine allegorische Handlung über eheliche Liebe. Nach der ruhigen Zeremonie wurde die Stimmung ausgelassen und bunt kostümierte Gestalten paradierten hin und her. Nach einiger Zeit ging ein Schrei des Entzückens durch den Saal, als ein echter Elefant hinter den Kulissen hervorkam. Es waren alle Register gezogen worden. So drifteten exotische Tiere vorbei, gefolgt von einer Schar von Soldaten, die ein Gefecht nachspielten. Die Zuschauer waren begeistert von diesem Spektakel, selbst des Königs Stimmung wurde gehoben beim Anblick seiner Streitkräfte. Heinrich II. erhob sich sogar für eine Minute von seinem Sitz, als der Kommandant seiner persönlichen Leibgarde in ein improvisiertes Duell mit einem Schotten verwickelt wurde.
"Schau, bevor du springst!", rief Montgomery gekünstelt seinem Feind zu. Die beiden Militaristen standen sich in voller Kampfausrüstung auf der Bühne gegenüber. Der Schotte schlug mit seinem abgestumpften Schwert auf den Kommandanten ein, doch dieser parierte den Angriff geschickt mit seinem Schild. Es flogen die Funken und der Kommandant bereitete sich auf den Gegenangriff vor. Vor lauter Aufregung vergaß der König, dass es nur ein Spiel war und feuerte Montgomery vom Balkon aus an.
"Pack ihn, Kommandant!", schrie er durch den Saal. Das Publikum beschloss, diesen Fechter zum Favoriten zu erklären und jubelte ihm zu.
Verflixt, jetzt weiß ich wie der König sterben wird: bei einem Übungsduell, kam es Michel in den Sinn. Montgomery war für einen Moment von dem rasenden Publikum abgelenkt und der Schotte machte sich dessen Verwirrung sofort zunutze. Tollkühn stach er mit seinem Schwert auf den Kommandanten ein, aber prallte an seinem Helm ab.
"Verfehlt!", jubelten die Zuschauer.
"Ich glaube, ich muss meine Garde selbst anfeuern", brummte der König zu seiner Frau. Aber Montgomery setzte nun zum Gegenangriff an und nach einem Zusammenstoß der beiden Kämpfer fiel der Schotte zu Boden, woraufhin der Sieger sein Schwert im Triumph über sein Opfer hielt. Ein roter Vorhang wurde vor der Bühne herunter gelassen und der vermeintliche Todesstoß der Fantasie des Publikums überlassen. Während das Bühnenbild in aller Eile umgebaut wurde, ward die Gelegenheit geboten, etwas zu essen und zu trinken. Die politischen Spiele hingegen gingen wie gewohnt weiter. De Coligny, der vor Nostradamus stand, gab ein unauffälliges Handzeichen, woraufhin einige Festbesucher, einschließlich De Florenville, leise den Saal verließen, was einigen Guises nicht entgangen war.
Was für Idioten, dachte der Gelehrte und schenkte ihnen keine weitere Aufmerksamkeit. Das Podium drehte sich abermals spektakulär herum und das Bühnenbild für das Ballet Comique de la Reine kam zum Vorschein. Das Publikum setzte sich wieder und sah den Ballettmeister als erster auf die Bühne tanzen. Balthasar spielte die Rolle der Zauberin. Die Geschichte wurde von den Tänzern als Pantomime dargestellt. Das Ballett dauerte wirklich ewig lang und im Saal gingen die Höflinge laufend ein und aus. Halbwegs durch das Stück erschien Merkur, der Götterbote, der an einer Winde heruntergelassen wurde.
Es scheint gerade so, als verfolgte mich Hermes, sinnierte der Astrologe. Mit viel Lärm unterbrachen die Tänzer seine Überlegungen über die Zeichen von oben und Balthasar danach noch ein meisterhaftes Ballett aufführte.
Oh je, ich muss doch tatsächlich noch mein Tanzbein schwingen, und in Gedanken durchlief Michel nochmals die Tanzschritte, die er nach der Vorstellung würde umsetzen müssen. Als Homers Circe vorbei war, sprangen sämtliche Tänzer von der Bühne auf das mittlere Podium und forderten alle auf, mit ihnen mitzumachen. Die Edelleute stürmten auf den Tanzboden, während das restliche Publikum schaulustig zusah. Michel machte beim Bassa-Tanz mit, bei dem eine Menge Verbeugungen und Drehungen verlangt wurden. Durch das geometrische Muster und die enge Kleidung, glichen die Teilnehmer eher Marionetten als tanzenden Menschen. Der König und die Königin waren vom Balkon herunter gekommen und schritten feierlich über den Tanzboden, mit der De Vaudemont-Familie im Schlepptau. Katharina trug ein kegelförmiges Kleid, das so groß war, dass mindestens fünf Männer darunter passten. Ihr Mann hingegen trug derart lange Spitzenschuhe, die jeden auf Abstand hielten. Nach dem Bassa-Tanz ergriff die Königin das Wort.
"Liebe Freunde, geht etwas zur Seite, denn ich möchte das Brautpaar bitten, auf die Tanzfläche zu kommen und den Figurentanz zu beginnen."
Elise de Vaudemont und der Herzog von Joyeux kamen nach vorne und das Ehepaar begann, sich elegant zum Rhythmus der höfischen Musik zu bewegen. Es gesellte ein Paar nach dem anderen hinzu und die Tänzer bildeten lange Reihen, die sich dann wiederum zu Kreisen oder Dreiecken formierten. Michel beobachtete diesen Figurentanz, der vor allem für die Zuschauer ein besonders ästhetisches Vergnügen war, von der Seitenlinie aus. Die Aufmerksamkeit der De Vaudemonts war ganz auf das tanzende Brautpaar gerichtet und sie hatten keinen Blick mehr für ihren erklärten Feind.
Wo bleibt nur der Tiefpunkt dieses Abends, fragte sich der Seher, der die versteckte Spannung nur allzu gut wahrnehmen konnte.
"Einen Danse-Haute bitte", schaffte Katharina plötzlich den Musikanten an, gerade so, als ob sie seine Gedanken gelesen hat. Es war der Tanz, bei dem die Partner mit einem kleinen Hüpfer gewechselt werden.
Aha, das wird der Zusammenstoß sein: ein Duett mit einer der weiblichen De Vaudemonts, lächelte Michel, der den Tanzboden betrat. Trotz ihres voluminösen Kleides, nahm auch die Königin daran teil und stand nach einigen Partnerwechseln vor Nostradamus.
"Ich habe das Gefühl, als ob wir uns schon seit Jahre kennen, Doktor", sagte sie kokett. Nostradamus sah sie mit einem Zwinkern an und drehte sie galant herum.
"Mein Kompliment!", lobte sie ihn danach. "Sie haben wirklich ein Talent dafür", und hüpfte zum nächsten Tänzer. Während der Gelehrte eine neue Dame empfing, sah er, dass Elise seine nächste Partnerin sein würde. Die Braut war zum selben peinlichen Ergebnis gekommen und suchte ängstlich nach einem Augenkontakt mit der Familie.
Ein verrücktes Mädchen, genau wie der Rest ihrer Familie, schätzte Michel sie ein. Das wird nicht ganz funktionieren. Vielleicht steigt sie ja ganz aus?
Der Blickfang des Tages suchte wütend nach einer Möglichkeit, dem Tanz zu entfliehen, aber letztendlich konnte sie nichts anderes tun, als den üblichen Hopser zu machen und landete vor dem Seher.
"Schenken Sie mir diesen Tanz?", fragte er mit neugierigem Blick und Elise tat so, als ob sie ohnmächtig würde. Das Publikum reagierte sehr emotional, als sie die Braut umfallen sahen und die Musikanten hörten sofort zu spielen auf. Der Herzog von Joyeux sah mit Entsetzen seine Frau am Boden liegen und rannte Hals-über-Kopf zu ihr hin. Seine angetraute Familie stand wie angewurzelt da.
"Ruft den Hofarzt!", rief er voller Panik. Die Königin entschied anders und ging resolut zur Stelle des Geschehens.
"Monsieur Von Joyeux, es ist bereits ein Arzt anwesend", ließ sie wissen. "Dr. Nostradamus", fuhr sie fort, '"als Arzt können Sie uns sicherlich sagen, was mit der Braut los ist."
"Auf den ersten Blick sehe ich keine körperlichen Veränderungen, Majestät."
"Untersuchen Sie die Dame doch etwas näher", verlangte sie, woraufhin er sich über Elise beugte und zum Schein ihre Temperatur und den Herzschlag kontrollierte.
"Ich werde es schon hinbiegen, Maid", flüsterte er ihr zu und nach einigen kleinen Tests richtete er sich an den Ehemann: "Ihre Frau erlitt eine Vasovagale Synkope."
"Und was bedeutet das?", stammelte der Herzog.
"Es bedeutet, dass sie ohnmächtig wurde und bald wieder zu sich kommen wird. Es ist für sie wahrscheinlich alles ein bisschen viel geworden." Auch der König interessierte sich nun für die zusammengesackte Braut und betrachtete sie aus der Nähe.
"Nun, das passiert hier öfters", bemerkte er. In diesem Moment begann Elise zum Schein zu husten und machte Anstalten, aufzustehen.
"Kann vielleicht jemand zur Hand gehen?", fragte der Ehemann besorgt. Familienmitglieder eilten heran und halfen der betroffenen Braut vom Tanzboden herunter, wo sie auf einem Stuhl weiter behandelt wurde. Katharina bestellte jedem, das Fest wieder fortzusetzen und die festliche Atmosphäre war somit wieder hergestellt. Während den populären Suiten kam der König unerwartet auf den Geschmack und machte ein Tänzchen mit seiner Frau.
"Du bist heute so gut gelaunt, Heinrich", sagte sie.
"Gefallene Mädchen sind gut für mich", scherzte er und sie drehten sich zum Takt der Musik.
"Das sind keine Fasane", entgegnete sie ihm, als sie ihm wieder ins Gesicht sah.
"Du hast Recht, Weib. Fasane zu schießen ist wesentlich aufregender." Die Suiten neigten sich ihrem Ende und die De Vaudemonts verließen den Raum, nicht ohne dem teuflischen Magier einen letzten tödlichen Blick zuzuwerfen. Nach den Festivitäten gab es noch ein Abschlussbankett, aber Michel beschloss ebenso, dass er genug hatte und verließ die Gesellschaft, um schlafen zu gehen. Es war ein sehr ereignisreicher Tag gewesen.
Am nächsten Morgen nahm der Gelehrte Abschied von der Königin, um wieder nach Hause zu gehen. Ein Lakai führte ihn in ihr Gemach.
"Alles zu ihrer Zufriedenheit, Doktor?", fragte Katharina, die mit ihren Ratgebern tagte.
"Jawohl, Majestät, aber ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verabschieden, da ich in Bälde abreisen werde."
"Ach, wie schade. Andererseits, werden Sie ja mein Horoskop erstellen", und sie wies ihre Ratgeber an, den Raum für einen Moment zu verlassen. "Ich wollte Sie noch lobpreisen für Ihr auftreten gestern Abend", fuhr sie fort als sie alleine waren.
"Sie meinen den Vorfall mit Elise de Vaudemont?"
"Ja sicher, das habt Ihr sehr diskret gelöst. Schauspielern ist nicht gerade ihre stärkste Seite. Aber warum dieser Frevel? Es sah gerade so aus, als wollten die De Vaudemonts ihr Blut trinken."
"Das ist eine alte Geschichte, Majestät. Ich war einmal mit einer De Vaudemont verheiratet", und gab mit einem Blick zu verstehen, dass er nicht willens war, ins Detail zu gehen.
"Nun gut, dann wünsche ich Ihnen eine angenehme Rückreise, Doktor. Und wir werden uns wieder sehen", und händigte ihm eine generöse Zulage für seine noch zu erledigende Arbeit. Mit einem Augenzwinkern verabschiedete sie sich von ihm.
Kaum saß Michel in der Kutsche, als ihn plötzlich im ganzen Köper ein Schmerz überkam. Es fühlte sich an, als wären seine Gelenke am verbrennen.
Dies muss Gicht sein, diagnostizierte er besorgt. Liebste Anne, du wirst ein krankes Vögelchen zu Hause haben.
Während der langen Rückreise wurde die Entzündung immer schlimmer und mit Hängen und Würgen erreichte er Salon de Provence. Geschwächt stieg er aus der Kutsche und mit mühsamen Schritten ging er auf die Haustür zu.
Oh, nein, nicht schon wieder, dachte seine Frau als sie ihn durch das Fenster beobachtete, wie er mit sich am kämpfen war.
"Kinder, geht durch das Hinterzimmer nach draußen", forderte sie den Nachwuchs auf, die ohne zu murren verschwanden.
"Ich kann dich leider nicht mit Freuden begrüßen", jammerte sie am Eingang. "Ich hoffe nur, dass sie dich nicht vergiftet haben", und konnte ihn gerade noch auffangen.
"Nein, dieses Mal ist es noch viel schlimmer: es ist chronisch geworden", sagte er. Anne konnte ihren Mann nur mit Müh und Not nach oben ins Bett bringen.
"Bitte, bleib noch etwas bei mir liegen, ich habe mich so sehr nach dir gesehnt", bat er und woraufhin sie zu ihm unters Laken kroch. Als er ihre Haut auf seiner fühlte, verflüssigte sich sein Verlangen.
"Oh, das tut Wunder", seufzte er und fiel in einen Tiefschlaf.

Nach Wochen fühlte er sich wieder wie der Alte und machte sich schnell an die Arbeit. In seinem Arbeitszimmer begann er sorgfältig das Horoskop der Königin zu erstellen.
Mal sehen, geboren am 23. April 1519. Sternzeichen Stier mit Aszendent Skorpion, entnahm er den Tabellen.
"Was für ein Weib", murmelte er etwas später, als er die zwölf Häuser mit den Sternbildern am füllen war. Ruhig, stark, scharfsinnig, sozial gefestigt. Und mit Jupiter im vierten Haus, werden ihr ihre Besitztümer erhalten bleiben. Außerdem lässt sie sich nicht so leicht verärgern. Obwohl, mit der Sonne im siebten Haus und dem Mond in zehnten Haus? Das wird tief unter die Haut gehen. Sie muss von Zeit zu Zeit ziemlich eifersüchtig sein und wenn sie das ist, ist sie außerstande vergebungsvoll zu sein. Vorsicht geboten! Mit dem Haus Valois wird es nach ihrem Tode zu Schwierigkeiten kommen.
Nachdem er die Charakterbeschreibung der Königin sorgfältig ausgearbeitet hatte, entsandte er das Horoskop sofort.
Der Wohlgeruch von Essen wehte durch das Treppenhaus, bis zu seinem Arbeitszimmer, hoch. Anne war in der Küche beschäftigt! Das muss ich mir einmal näher ansehen, dachte Michel. Er legte seinen Federkiel zur Seite und schlenderte nach unten.
"Das Muskatnuss ist alle", sagte sie, als er eintrat.
"Ich bringe morgen welches vom Markt mit", versprach er und setzte sich auf einen Hocker an den Küchentisch.
"Hei, Tomaten!", rief er um sich schnüffelnd.
"Aha, mein Herr und Gebieter kann auch vorausriechen", neckte sie ihn. "Du wirst gleich Spaghetti Bolognese auf deinem Teller serviert bekommen. Wahrscheinlich eine einfachere Mahlzeit als bei der Königin, aber es muss genügen." Madeleine kam herein.
"Können wir essen, Mama?", fragte sie.
"Gleich. Geh und hol jetzt Paul und César", und ihre Tochter rannte nach draußen.
"Antoine wird auch mit uns essen", informierte sie ihren Mann.
"Großartig, dann werde ich zu diesem Anlass den Tisch schön decken", sprach er und ging mitsamt Tischtuch ins Esszimmer. Einen Augenblick später, kamen die Kinder mit gebündelter Energie hereingehüpft und liefen zum gedeckten Tisch.
"Jetzt aber, beruhigt euch wieder!", mahnte der Vater, der Andrés Hochstuhl näher ran schob. Diane wurde noch immer von der Maid gefüttert.
"Was ist das für ein seltsames Geräusch?", wunderte Michel sich laut.
"Das ist André mit einer Rassel", erklärte César, "Mama hat sie ihm gestern gekauft." Der Vater spazierte ins Wohnzimmer und sah sein Kind, wie er mit einem Blechspielzeug spielte. Er nahm ihn mit ins Esszimmer und setzte ihn in den Kinderstuhl. Ein lautes Klopfen ertönte an der Vordertüre. Das musste Antoine sein.
"Die Türe ist offen", rief Michel und sein Bruder kam herein.
"Grüße dich, Antoine, schön, dich hier zu haben."
"So, aufsteigender Star, irgendwelche Neuigkeiten von der königlichen Front?"
"Nein, aber ich habe gerade das Horoskop abgeschickt." In der Zwischenzeit hatte die Dame des Hauses die Spaghetti auf den Tisch gestellt und bat nun ihren Mann, einen Krug Wein vom Keller zu holen.
"Hast du noch mehr Steuern erhoben, Antoine?", legte Anne los.
"Ich bin zum Inspektor ernannt worden", strahlte ihr Schwager plötzlich.
"Hört, hört, da können wir uns ja glücklich schätzen. Hut ab. Hast du deinen eigenen Bezirk? Sollte das der Fall sein, werden wir einen privaten Termin mit dir vereinbaren."
"Ich kann wirklich niemanden bevorzugen", antwortete er ernst.
"Das war ein Spaß", meinte Anne. Nun, diese Nostredames sind wirklich keine Spaßvögel, dachte sie und stellte die niedren Glaskelche auf den Tisch. Ihr Mann kam mit dem Wein zurück.
"Kinder, ihr bekommt heute Limonade", sagte er, woraufhin sie zu jubeln begannen.
"Dein Bruder ist vor kurzem Inspektor geworden", unterrichtete ihn seine Frau.
"Das sind gute Neuigkeiten. Sind wir jetzt in deinem Bezirk?", fragte Michel, doch Antoine starrte geistesabwesend gerade aus.
"Ich dachte, du könntest nicht kochen", bemerkte der Inspektor etwas später gegenüber Anne.
"Ich habe das Kochbuch meines Mannes auswendig gelernt", bekannte sie. "Sein Buch La Traite wurde gerade in Antwerpen veröffentlicht."
"Ich würde lieber in "retraite" gehen und ein wenig ausruhen", gähnte der Gast, während die Kinder ihre Limonade schlürften und der Vater die Spaghetti austeilte.
"Was ist denn das?" rief Paul, der mit großen Augen die fremdartige Teigware begutachtete.
"Ein italienisches Gericht, mein Sohn. Guten Appetit", wünschte er jedem.
Pauline begann, das Spaghettinest sorgfältig zu entwirren, woraufhin ihre Brüder und die Schwester es ihr nachmachten.
"Das schmeckt großartig!", lobte Michel seine Küchenprinzessin.
Es dauerte nicht lange, bis die Kinder herausfanden, wie man diese witzigen Nudeln essen konnte und sie wetteiferten auch gleich, wer wohl am schnellsten so einen Teigfaden einsaugen konnte.
"Nicht mit dem Essen spielen", tadelte der Vater sie und die Nudeln wurden augenblicklich abgebissen und nicht mehr geschlürft.
"Sie folgen artig", kommentierte Antoine und trank einen Schluck Quellwasser. "Wisst ihr schon, dass Bertrand mit einem beachtlichen Projekt beauftragt worden ist?"
"Nein, wusste ich nicht. Du, Anne?" Aber seine Frau wusste genauso wenig darüber.
"Bertrand wird den Kanal von Ingenieur De Craponne graben", erzählte Antoine.
"Das wird Bertrand machen?", fragte Anne verdutzt.
"Ja, unser Bruder ist zu einem großen Auftragnehmer geworden. Es ist ein gewaltiges Projekt, das ihm eine Stange Geld einbringen wird."
"Sogar als er noch klein war, renovierte er bereits das Haus", erinnerte sich Michel.
"Der Kanal muss die Crau, diese Steinsteppe, fruchtbar machen", fuhr sein Bruder fort. "Sie haben bereits an der Durance zu graben begonnen und wollen den Kanal bis nach Salon durchziehen, aber das wird noch einige Jahre dauern." Das Hausmädchen kam herein, mit der weinenden Diane auf ihrem Arm.
"Madame, ich kann die Pinzette nirgends finden", sagte sie ganz nervös.
"In der obersten Schublade vom Schrank, neben dem Herd", erklärte ihr Anne, woraufhin das Mädchen wieder verschwand.
"Michel, was hältst du von einem Besuch bei deinem Bruder", fragte ihn seine Frau.
"Das scheint mir eine gute Idee zu sein."
"Zufällig habe ich morgen ein Treffen mit ihm in Saint Rémy", bemerkte Antoine. "Ich werde ihn von eurem Plan unterrichten."
"Ich glaube, es wäre interessant, ihn bei seinem Projekt aufzusuchen", deutete Michel an. "Was sagst du dazu, Anne?"
"Spannend. Aber es ist über zwanzig Kilometer entfernt und führt am Ende gar durch unwegsames Gebiet."
"Das werden wir schon schaffen", sagte ihr Mann. "Frag aber auch Bertrand, ob er es ihm gelegen käme."
"Ja, mach ich", versprach Antoine. Der Topf mit den Spaghetti war mittlerweile leer gegessen, und die Kinder gingen zum Spielen in den Garten.
"Nun, dann gehe auch ich wieder", meinte Antoine und verabschiedete sich von allen. Der Vater streckte sich auf der Veranda aus, um das Essen setzen zu lassen und beobachtete von weitem sein Kinder, die mit einem Ball spielten.
"Verdammt", schrie Anne plötzlich in der Küche und rannte in den Garten. "Wer hat die Spaghetti an die Decke geschleudert?", fragte sie fuchsteufelswild.
"Paul", antworteten die Kinder ganz verdattert. Aber der Übeltäter hatte sich schon längst aus dem Staub gemacht.
"Der kann was erleben, wenn er wieder nach Hause kommt", brüllte die Mutter.
Einige Tage später, ritten Michel und Anne auf ihren Pferden nach La Roque, wo Bertrand mit seinem Pflug am graben war. Die Kinder waren in der Obhut des Hausmädchens geblieben. Nach einer anstrengenden Reise durch den bergigen Norden von der Crau, wo die Durance floss, erreichten sie die Baustelle, auf der fleißig gearbeitet wurde. Sie banden ihre Pferde an und betraten den Bauwagen, der einige Meter entfernt von der Betriebsamkeit geparkt war. Ein älterer Mann saß hinter einem überfüllten Schreibtisch und bemerkte sie erst, als Michel sich höflich räusperte.
"Mein berühmter Bruder mit seiner Frau!", rief Bertrand voller Freude.
"Du hast es aber auch ziemlich weit gebracht", meinte Michel und umarmten sich.
"Setzt euch", forderte Bertrand sie auf und holte eine Holzbank für sie. "Wie steht es mit deinem Lebenswerk?", wollte er wissen, als sie sich alle gesetzt hatten.
"Die Prophezeiungen kommen gut voran", antwortete sein Bruder wie immer zurückhaltend, wenn es um seine Arbeit ging.
"Einfach unbegreiflich. Woher hast du das nur alles…"
"Und wie viele Kilometer musst du noch graben?", fragte Michel.
"Sechsundzwanzig Kilometer und fünfzig Meter, um genau zu sein", rechnete der Baumeister ihnen vor. Mit seinen eindringlichen Augen, den roten Wangen, der Glatze, seinem dickem Bart und der geraden Nase glich er seinem Bruder sehr. Ihre Persönlichkeiten hingegen waren wie Tag und Nacht.
"Ihr seid bestimmt durstig?", und ohne eine Antwort abzuwarten, schenkte Bertrand drei Krüge mit Bier ein.
"Seht, so wird der Kanal verlaufen", und zog eine Karte mit dem geplanten Projekt aus seiner Tasche. Und während sein belesener Bruder sich in die Karte vertiefte, stießen Bertrand und Anne fröhlich miteinander an.
"Auf den Kanal", prostete Anne. Einen Augenblick später, erschien einer der Arbeiter.
"Wir haben etwas Interessantes gefunden", berichtete er.
"Unser Archäologe", flüsterte Bertrand und sie folgten ihm nach draußen zu einem Haufen ausgegrabenem Schutt.
"Seht, verschiedene Bruchstücke von einem alten Mosaik", sagte der Arbeiter und zeigte ihnen eine zerbrochene Fliese, auf der ein Teil einer Schlange, mit einem Apfel im Maul, zu erkennen war.
"Das muss von Römern stammen", vermutete Bertrand. "Christen verwenden dieses Symbol nicht."
"Aber dafür die Katharer", sagte Michel, der auf die Grube zuging. Während die anderen die Scherben bewunderten, suchte er nach irgendwelchen Spuren. Und er fand welche.
"Auf dem Boden des Kanals, ist eine Spur von einer kreisförmigen Mauer zu erkennen", rief er und sie kamen alle etwas näher. "Wahrscheinlich war das einmal ein Brunnen gewesen, der mit Fliesen verziert war", fuhr er fort. "Stört es dich, wenn ich dieses Stück mit der Schlange mit nach Hause nehme?", fragte er seinen Bruder. "Es fasziniert mich."
"Nimm es mit", antwortete sein Bruder gleichgültig und gingen dann wieder hinein.
"Woher kennst du Adam de Craponne? Er wohnt bei uns in der Stadt, nicht in deiner Gegend", wollte Anne wissen, nachdem sie die Gläser erneut gefüllt hatten.
"Der Ingenieur arbeitet mit allerhand Gemeinden zusammen, die mich empfohlen haben", erklärte Bertrand. "Er sucht auch noch nach weiteren kapitalkräftigen Geldgebern. Nichts für euch?"
"Puh, was denkst du?", fragte sie ihren Mann, der unbeteiligt zusah.
"Ich bin ganz davon überzeugt, dass es eine gute Investition ist", äußerte Bertrand. "Neben der Tatsache, dass du Miteigentümer sein würdest, gäbe es ein Einkommen durch den Verkauf der anliegenden Grundstücke, das durch die Bewässerung fruchtbar gemacht wird. Obendrein werden die Profite unter den Eigentümern aufgeteilt."
"Es klingt wirklich interessant", reagierte Michel vorsichtig. "Wir werden darüber nachdenken." Als das Bier ausgetrunken war, musste der Bauherr wieder an die Arbeit und versprach aber, dass er und seine Frau sie bald in Salon de Provence besuchen würden.

Zuhause besprachen Sie dann die reizvolle Investition.
"Wer weiß, vielleicht wäre es etwas für die alten Tage", schlug Anne vor, "wenn wir nichts mehr tun können." Auch ihr Ehemann war der Ansicht, dass es eine gute Idee wäre und nach vielem hin und her beschlossen sie, die stattliche Summe von zweihundert Kronen in das Projekt zu investieren.
"Ich muss noch eine Menge Arbeit erledigen, Liebling", sagte Michel nach dieser gewichtigen Entscheidung und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, wo er die zerbrochene Fliese zu seinen anderen Relikten legte. Danach sortierte er seine Schreibutensilien und sah die Post durch. Zwei wichtige Nachrichten befanden sich darunter. Die erste war von seinem Verleger Chomarat in Lyon. Dieser schrieb, dass der König alleine dreihundert Exemplare vom dritten Teil von 'Die Prophezeiungen' bestellt hat. Heinrich II. bat Nostradamus, dazu ein Begleitschreiben zu verfassen.
Mein Buch als Beziehungsgeschenk, murmelte Michel zuerst. Der König, der als gutes Beispiel vorangeht, muss erst noch geboren werden.
Jedoch tief drinnen, fühlte er sich sehr geehrt.
Nun, über das Lebensrad von Samsara hinauszuwachsen ist schließlich auch keine Bagatelle...
Der andere Brief war die lang erwartete Reaktion der Königin. Nachdem er das Lacksiegel zerbrochen hatte, las er mit Spannung das Schreiben. Katharina schien voller Enthusiasmus zu sein, über das zugesandte Horoskop und die ausführliche Charakterisierung und sie bat ihn, ihre sieben Kinder auf die gleiche Art und Weise unter die Lupe zu nehmen. Sofern sie nichts von ihm hörte, würde er am folgenden Donnerstag abgeholt werden.
Es ist sowieso keine Zeit, um zu antworten, stellte er zähneknirschend fest. Nach dem verfassen eines Begleitschreibens für Teil Drei, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und dachte nach.
Keine Sinekure und nochmals eine derart anstrengende Reise, seufzte er. Etwas später teilte er seiner Frau die guten Neuigkeiten und seine Entscheidung mit: Er würde verreisen, um die Nachkommen des Hauses Valois in Paris zu untersuchen.
Die drauffolgende Woche wurde er abgeholt und nahm wieder Abschied von seiner Familie, die ihm von der Haustür aus zuwinkten.
"Ich glaube, die Königin steht auf Papa", suggerierte Madeleine, nachdem die Kutsche abgefahren war.
"Aber er nicht auf sie", kommentierte César.
"Lasst uns das mal hoffen, Kinder", reagierte die Mutter und sie gingen alle zusammen wieder hinein.
Die sieben kleinen Prinzen befanden sich im Louvre, einem mittelalterlichen Fort, das im zwölften Jahrhundert erbaut worden war, um die Stadt von äußerlichen Angriffen zu schützen, aber nun seit Jahren als königliche Residenz diente. Nostradamus würde im Hôtel des Tournelles untergebracht werden, das sich in nächster Nähe vom Louvre befand. Sofort nach seiner Ankunft lief er unverzüglich zu dem kolossalen Fort hinüber, um sich mit den königlichen Nachkommen zu treffen, die dort täglich in allem unterreichtet wurden. Er würde - laut Absprache - mit jedem von ihnen einen Tag verbringen, was gleichsam bedeutete, dass er nach einer Woche wieder abreisen konnte. Ein Sekretär empfing den bereits erwarteten Astrologen und führte ihn umgehend zu den Quartieren der Kinder.
"Ist die Königin nicht anwesend", fragte Michel.
"Nein, Monsieur. Die königliche Familie befindet sich selten in Paris. Haben Sie eine Präferenz, welches der Kinder sie zuerst sehen möchten?"
"Am besten werde ich mit dem ältesten anfangen", antwortete er und betraten das Quartier von Francis II. Die Gitterstäbe vor den Fenstern verrieten, dass in der Vergangenheit dieser Teil der Festung als Gefängnis gedient hatte. Der abgeteilte Raum jedoch, bot jeglichen aristokratischen Komfort. Der sieben Jahre alte Francis saß auf seinem Bett und wartete.
Gerade keine angenehme Umgebung für ein Kind, dachte der Gelehrte, der auf den Jungen zuging.
"Begrüßen Sie den Doktor, Hoheit", verlangte der Sekretär streng. Francis gab seinem Besucher die Hand.
Nanu, die fühlt sich eher wie ein toter Fisch an, als die eines Menschen, dachte Michel.
"Ist es mir erlaubt, mit dem Prinzen ungehindert durch den Louvre zu spazieren?"
"Eh… das ist durchaus möglich", antwortete der Sekretär zögerlich.
"Komm, Francis, wir machen eine Runde", forderte Michel den Jungen auf und der Hofdiener ihnen sofort auf Schritt und Tritt folgen wollte.
"Ich ziehe es vor, alleine zu gehen", gab der Gelehrte ihm zu verstehen. Der verherrlichte Babysitter bedachte einen Augenblick, ob er seine Aufgabe wohl vernachlässigen durfte und entschuldigte sich.
"Ich werde die Wachen darüber informieren", ließ er sie wissen.
"Nun, Francis, du sitzt hier in einem goldenen Käfig", bemerkte Michel, als sie alleine waren. Die beiden wanderten stundenlang durch zahllose Räume, mit beeindruckenden Schätzen und Archiven französischer Könige aus vergangenen Tagen. Francis sah zwar gesund aus und alles war am rechten Fleck, doch mental war er schwach und nichts ging von ihm aus. Nach diesem ausführlichen Besuch kehrte der Seher wieder in sein Hotel zurück, wo er unverzüglich begann, das Horoskop auszuarbeiten.
Am nächsten Morgen, besuchte er den zweiten Sohn, den sechsjährigen Charles IX, der trotz der isolierten Umgebung etwas lebhafter war. Nostradamus erhielt die Erlaubnis, mit ihm durch die Schlossgärten zu wandeln, wo tropische Vögel und wilde Tiere in Käfigen gehalten wurden. Während sie an den Käfigen vorbei gingen, studierte er das Benehmen des Kindes. Der Bursche warf Steine nach den Tieren und steckte dann seine Hand zwischen den Gitterstäben hindurch, um sie zu streicheln. Sein Begleiter musste ihn ständig wegzerren.
Der ist nicht besonders klug, dachte er. Nein, auch Charles würde kein guter König sein. Als sie beim Affenkäfig ankamen, wurden sie unerwarteterweise von der Königin überrascht.
"Doktor, ich wollte Sie noch sehen", schmeichelte Katharina und schlug vor, dass sie zu dritt eine Teezeremonie abhielten.
"Ich habe erst vor kurzem vernommen, dass Sie sich hier kaum aufhalten", sagte Michel, als sie hinein gingen.
"Nonsens, es finden hier regelmäßig Staatsbankette, Turniere und andere Veranstaltungen statt. Doch erzählen Sie, wie geht es mit den Untersuchungen voran?"
"Es ist noch zu früh, um einen Bericht abgeben zu können, Majestät", antwortete er. Nach dieser kurzen Unterhaltung verließ ihn die Königin wieder, um ihren Mann beim Staatsbesuch von Prinz Rudolf von Habsburg zu unterstützen.
Am vierten Tag, spazierte der Gelehrte schon früh durch den Louvre und betrachtete das unzusammenhängende Bauwerk, an dem sich seit Jahrhunderten Architekten, Erbauer und Dekorateure austobten.
Vielleicht wäre es eine gute Idee, das nächste Kind mit vor die Tore zu nehmen, überlegte er, dann sieht es wenigstens einmal was von der Außenwelt. Er begab sich direkt zum Sekretär, um seine Idee vorzutragen.
"Kein Wort davon!", sagte dieser bestimmt. "Die Sicherheit der Kinder steht an erster Stelle."
"Aber die sitzen hier doch nur rum und verkommen", hielt der Arzt ihm vor. "Dann erlauben Sie wenigstens einem Kind, einen Blick ins richtige Leben zu werfen. Es wäre so gut für dessen Entwicklung." Der Sekretär sandte als Kompromiss einen Botschafter zum königlichen Paar, das sich irgendwo in Paris aufhielt, und bekam innerhalb einer Stunde die Erlaubnis erteilt. So schlenderte Michel noch am selben Tag mit Heinrich III. durch die Straßen von Paris und stöberten in proletarischen Läden herum. Es tat dem Jungen sichtbar gut. Sie alberten herum, bis sie die Île de la Cité erreichten und liefen dann via Pont Neuf zurück.
Jammerschade, aber auch dieses Kind ist keine besondere Leuchte, stellte er fest. Meine Ergebnisse werden der Königin gar nicht gefallen.
Nachdem er den Prinzen unversehrt nach Hause gebracht hatte, schlenderte Michel im Abendlicht zurück zu seiner Unterkunft. Bislang war alles gut gegangen, doch als er sich dem Hôtel des Tournelles näherte, bemerkte er, wie ihm jemand folgte. Er beschloss, den Mann direkt zu konfrontieren und drehte sich um. Erschrocken preschte der Verfolger, der einen langen Mantel mit hochgestelltem Kragen trug, in eine dunkle Gasse und verschwand.
Es ist hier gefährlicher als ich dachte, stellte Michel fest. Von nun an keine kleinen Prinzen mehr außerhalb der Palasttore.
Am folgenden Morgen untersuchte er das zweitjüngste Kind, das gerade mal zwei Jahre alt war. Es zeigte genau die gleichen Charakteren wie dessen Brüder und so verlief der Tag ereignislos.
Morgen noch den kleinsten und dann ist meine Aufgabe erledigt, dachte sich der Astrologe zufrieden, der den Louvre recht spät verließ, da er die Erlaubnis hatte, im Archiv zu stöbern. Es war stockfinster und die Straßen von Paris schienen wie ausgestorben zu sein. Plötzlich bemerkte er hinter sich drei Gestalten.
Verflixt, das fühlt sich sehr ungut an, dachte er. Eigentlich wirklich dumm von mir, noch so spät nachts alleine durch die Straßen zu laufen und beschleunigte seine Schritte. Kurz nach dem Pavillon du Roi, das noch von Baugerüsten umgeben war, verschwand er in einem kleinen Gässchen, um zu testen, ob er auch wirklich verfolgt wurde. Diese schattigen Figuren schlugen den gleichen Weg ein. Notgedrungen spurtete der leichtfüßige Gelehrte davon. Wie erwartet, begannen die Männer hinter ihrer Beute herzujagen und er versuchte, sie in dem Wirrwarr von dunklen Gassen abzuhängen. Während Adrenalin durch seinen Körper strömte, durchforstete Michel in hohem Tempo die Steinmauern, Ecken und Zäune der Pariser Häuser. Weit und breit entdeckte er kein Schlupfloch und hoffte auf eine Eingebung, doch seine hellseherischen Fähigkeiten ließen ihn total im Stich.
Die Übermacht ist zu groß, brütete er und blickte hinter sich. Einen Augenblick später hatten sie ihn schon gepackt. Er rief noch um Hilfe, doch alle Fenster und Türen blieben verschlossen. Die Banditen hielten ihm den Mund zu und schleppten ihn in eine Sackgasse.
In dem Moment, als sie ihre Messer hervorholten um ihn abzustechen, klapperten Pferdehufe in der Straße und sie sahen erschrocken auf. Gerade noch rechtzeitig kamen Polizisten auf ihren Pferden in die Gasse geritten und vielen die Schurken an, die wie Ratten in der Falle saßen. Mit gezogenem Säbel hieben die Polizisten auf sie ein und zwei von ihnen wurden sofort durchbohrt. Dem dritten gelang es beinahe zu entkommen, wurde aber sofort geschnappt und in Ketten gelegt. Während Michel erleichtert nach Luft schnappte und sich bei seinen Rettern bedanken wollte, hielt eine Kutsche an und ein Würdenträger stieg aus.
"Sind Sie unverletzt?", fragte dieser. Es war Morency, der Kommissar, der ihn schon früher einmal eskortiert hatte.
"Sie kommen wie gerufen! Ja, es ist alles in Ordnung", sagte der Seher. Morency brachte ihn zur Kutsche.
"Sie haben sich in kürzester Zeit ein ganze Menge Feinde bei Hofe gemacht", erzählte er ihm, "und deshalb hat mich die Königin beauftragt, ein Auge auf Sie zu werfen."
"Wer will mich denn umbringen?", fragte Michel.
"Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber viele Belange des Hofes sind miteinander verstrickt. Was ich Ihnen jedoch mitteilen kann ist, dass die Pariser Autoritäten eine Untersuchung Ihrer magischen Praktiken begonnen haben und ich Ihnen deshalb dringend rate, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen."
"Aber ich muss noch ein Kind untersuchen."
"Sie sollten besser die Vereinbarung mit der Königin verschieben, denn Sie sind hier nicht sicher", drängte ihn Morency. Der Astrologe beschloss jedoch, seine Arbeit zu beenden und wurde zu seinem Hotel gebracht. Am nächsten Tag untersuchte er das jüngste Königskind und verließ danach Paris in Windeseile.
Der Besucher des königlichen Hofes kehrte diesmal sogar ohne einen weiteren Gichtanfall nach Hause zurück. Dort zeigte er eine ganz andere Seite von ihm. Nicht als Prophet mit schwerem Gemüt, sonder als ein fröhlicher Vater, der seiner Familie geheimnisvoll einen übervollen Koffer auf dem Tisch darbot. Seine Frau und Kinder schauten ganz erwartungsvoll zu.
"Was hat der Zauberer diesmal ausgedacht?", fragte Anne.
"Ich habe euch allen etwas mitgebracht", lächelte er. "Hokuspokus Fidipus, was versteckt sich in meiner Tasche?", und holte eine Mappe hervor, mit sieben Blatt Papier mit jeweils farbigen Handabdrücken der kleinen De Valois-Prinzen.
"Souvenirs!", rief Anne ganz aufgeregt und ihr Mann teilte die Abbildungen an jeden aus.
"Seit vorsichtig", wies er an, "denn ich kann die Prinzen es nicht nochmals machen lassen." Seine Liebsten waren alle sehr erfreut darüber und begannen, neugierig wie sie waren, die königlichen Handabdrucke miteinander zu vergleichen.
"Für dich habe ich auch noch eine Überraschung", sagte Michel zu seiner Frau und gab ihr eine minutiöse Federzeichnung vom Louvre.
"Oh, wie schön die ist. Ich hänge sie mir sofort über den Herd", meinte sie lyrisch.
"Das kannst du doch nicht machen", riet er.
In den darauf folgenden Wochen, stellte er die Horoskope der sieben Prinzen fertig und schrieb der Königin, dass alle ihre Söhne zum König werden würden. Er berichtete ihr allerdings nicht, dass ihr Nachwuchs zu schwach war, um das Land zu regieren, und dass der Königstitel schlechthin eine Formalität sein würde. Sie war klug genug, um dies selbst aus den Charakterskizzen herauszulesen.









Kapitel 9


Vor dem Konflikt fällt die große Mauer,
der Große wird sterben, stirbt zu unerwartet, Wehklagen
Unvollendetes Schiff: der größte Teil schwimmt
Nahe dem Flusse, vom Blut färbt sich die Erde.

Das Arbeitszimmer musste mal wieder gründlich sauber gemacht werden und das neue Hausmädchen öffnete die Mansardenfenster, um frische Luft herein zu lassen. Nervös beäugte Nostradamus seine Instrumente und Papiere. Schon wieder so eine Neue - dieser ewige Wechsel konnte er einfach nicht ausstehen. Am liebsten würde er selber alles putzen, aber seine immer schlimmer werdende Gicht und sein hohes Alter erlaubten es ihm nicht. Mit einem Auge auf den Meister gerichtet, reinigte das Mädchen den Raum.
"Sie passen hoffentlich auf meine Reagenzgläschen auf, nicht wahr?", fragte er leicht angespannt.
"Sie können auch gerne unten warten, Doktor", antwortete sie verärgert und er daraufhin misstrauisch nach unten ging. Im Wohnzimmer lief er auf und ab und sein Sohn César, der inzwischen elf Jahre alt war, musste für seinen Ärger herhalten.
"Leg die Zunderschachtel wieder zurück auf ihren Platz", geiferte er giftig. "Sonst können weder deine Mutter noch ich das Herdfeuer anzünden", und der Junge legte den Gegenstand wieder zurück, neben den Herd. Es bedurfte der Gewöhnung, Aufgaben aus der Hand zu geben.
"Ach herrje, das Bett!", erinnerte er sich und stürmte die Treppe wieder hinauf.
"Bevor Sie gehen, müssen Sie mir noch helfen, das Bett aus dem Gartenhäuschen zu holen", sagte er und warf einen kontrollierenden Blick auf seine Sachen.
"Gut", piepste das Hausmädchen. Nach dem saubermachen und dem heranschleppen des Möbelstücks war sie gegangen, und der Gelehrte konnte sich endlich wieder in aller Ruhe seiner Arbeit widmen. Das Bett wollte er dazu benutzen, um entspannt in Trance zu fallen und schob es dazu an einen geeigneten Platz.
Ein Laken müsste genügen, dachte er. Er legte sich nieder und dachte an sein Meisterwerk. Während den vergangenen Monaten schaffte er es, zwei aufeinanderfolgende Centuries zu vervollständigen; zusammen ergaben sie die drei kommenden Jahrhunderte.
Die Menschheitsgeschichte ist wahrlich eine einzige große Wiederholung, philosophierte er, als er wieder aufstand. Von einem Nero zum nächsten. Nach jedem Krieg folgt der Friede und es wird einmal mehr die Macht regieren. Die Menschheit wird immer irgendwelchen Illusionen hinterher rennen.
Der Abend war hereingebrochen. Nostradamus schnupfte von einem weißen Pulver, das er in einer seiner Schubladen aufbewahrte. Mit einem erweiterten Geist öffnete er das Dachfenster um mit dem Fernrohr die Sterne zu observieren. Der Himmel war außergewöhnlich klar und schon bald entdeckte er einen kugelförmigen Sternenhaufen. Diese kugelförmigen Sternenhaufen zeigten eine starke Konzentration hin zum Zentrum, im Kontrast zu offenen Sternenanhäufungen. Ein Stockwerk tiefer klopften die Kinder unaufhörlich gegen die Wand.
"Hei, könnt ihr da unten vielleicht etwas ruhiger sein!", rief er laut. Bis auf ein gedämpftes jammern, das gerade noch akzeptabel war, wurde es leise. Der Vater schaute erneut durch das Fernroh und betrachtete die Sternenansammlung, die aus weit über Zehntausend Sterne bestehen musste.
"Die Sterne stehen augenscheinlich sehr eng beieinander", ertönte plötzlich eine Stimme aus dem Nichts. "Aber wenn du mit der Geschwindigkeit des Lichts reist, dann benötigst du gut und gerne einen Monat, um von einem Stern zum anderen zu gehen." Michel schob ganz verdutzt das Fernrohr von seinem Auge und blickte sich um. Ein kleiner, grauhaariger Mann stand neben ihm. Eine Erscheinung!
"Wer sind Sie?", fragte Michel.
"Ich bin ein Physiker", antwortete der alte Mann und fragte, ob er einen Blick durch das Instrument werfen dürfe.
"Die kugelförmigen Sternenhaufen gehören zu den ältesten Objekten, die wir kennen", fuhr der Physiker fort, während er den Himmel betrachtete.
"Oh, das wusste ich nicht."
"Sie sind kompakt genug, um stabil zu bleiben."
"Ich weiß, dass dieser Sternenhaufen Omega Centauri genannt wird", kommentierte Michel.
"Omega Centauri…", wiederholte der alte Mann geistesabwesend, "Eigentlich irreführend, dass viele dieser Sterne gar nicht da stehen, von denen wir glauben, dass sie dort stünden."
"Ich kann Ihnen leider nicht folgen…"
"Nun, das Licht biegt sich etwas in der Nähe benachbarter Sterne, wodurch wiederum eine Krümmung der Raumzeit entsteht", erklärte der Physiker, doch der andere Gelehrte begriff noch immer nichts.
"Eine Krümmung in der Raumzeit?"
"Die Zeit ist ein relatives Phänomen, wissen Sie. Wenn Sie neben einer schönen Frau sitzen, kommen Ihnen zwei Stunden wie zwei Minuten vor, aber wenn Sie auf glühenden Kohlen sitzen, dann kommen Ihnen diese zwei Minuten wie zwei Stunden vor." Michel begriff das soweit.
"Woher kommen Sie überhaupt?"
"Das ist eine gute Frage, zu der ich auch verschiedene Antworten habe", antwortete der Fremde, "aber ich möchte Sie mit meinen Ansichten nicht langweilen. Ich wurde in Deutschland geboren und bin später mit meiner Frau nach Amerika gegangen. Im Jahre 1955 starb ich an einem Herzversagen und seither kann ich mich völlig ungezwungen der Wissenschaft des Universums widmen."
"Amerika, das Land der Indianer."
"Die wurden längst ausgerottet", entgegnete der alte Mann.
"Sie müssen sicherlich wegen des Naziregimes ausgewandert sein?"
"Genau. Diesmal mussten die Juden leiden, Hass und Angst regieren aufs Neue. Es gibt zwei Dinge, die unendlich sind: das Universum und die menschliche Dummheit. Allerdings weiß ich es vom Universum nicht ganz sicher..."
"Kurzsichtigkeit ist auch in meiner Zeit weit verbreitet, aber unterm Strich sind wir allesamt Menschen mit Fehlern."
"Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen", sagte der Mann. "Wenn nur jeder auf diesem Standpunkt wäre. Aber darf ich fragen, wie Sie heißen?"
"Michel Nostradamus, Astrologe und Arzt. Und Sie?"
"Albert Einstein, aber nenn mich ruhig Albert. So, du bist also auch ein berühmter Wissenschaftler, daher unser Zusammentreffen. Da hast du aber ein ziemlich archaisches Teleskop."
"Du meinst mein Fernrohr? Tja, ich muss mit den Dingen auskommen, die es zu meiner Zeit gibt", meinte Michel, der etwas verloren auf sein Instrument blickte.
"Ich hatte das Glück gehabt, dass während meiner Zeit die Technologie fortschrittlicher war", fuhr Albert fort, "und aufgrund dessen konnte ich meine Theorien entwickeln."
"Was für Theorien?"
"Oh, du kannst die wildesten Theorien haben. Ich sage immer: Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmt, dann ändere die Tatsache. Aber um deine Frage zu beantworten, ich habe mich unter anderem mit dem Verhalten der Schwerkraft in großen Entfernungen beschäftigt."
"Sind diese komplizierten Theorien von Nutzen für die Welt?", fragte Michel. Albert war einen Moment lang still.
"Da hast du einen wunden Punkt getroffen", sagte er plötzlich bedrückt. "Nun, ja, es gibt Entwicklungen die der Gesellschaft zugute kommen, aber es gibt auch eine Kehrseite. Ich hätte meine Kreativität vielleicht besser verbergen sollen." Er fühlte sich offensichtlich über etwas schuldig.
"An deinem Ausdruck ist zu erkennen, dass du etwas Schreckliches verursacht hast."
"Nun", seufzte Albert, "ich habe einen Bewertungsfehler gemacht, der für die Menschheit möglicherweise fatale Folgen haben wird. Ich hatte mich vor der wachsenden Aggressivität der Deutschen gefürchtet und fand, dass die amerikanische Armee gestärkt werden müsse und habe daraufhin andere Wissenschaftler angetrieben, eine Atombombe zu entwickeln."
"Kannst du mir erklären, was das ist?"
"Okay. Ich werde es einfach halten. Wenn man das kleinste Teilchen eines chemischen Elements spaltet, wird eine enorme Menge an Energie freigesetzt. Nach einer Kernspaltung von spezifischen Atomen setzt eine derartige Kettenreaktion ein, die alles vernichtend ist."
"Pandoras Büchse?"
"Ja, so ähnlich", stimmte Albert zu.
"Jetzt sind sicher einige Böswillige mit deiner Kenntnis abgehauen?"
"Vielleicht bin ich ja selbst böswillig. Ich leide ebenso an Engstirnigkeit…Und Vorurteile sind schwieriger zu spalten als Atome."
"Zumindest versuchst du gerecht zu sein."
"Ja, gut, aber leider wurden die Bomben verschiedene Male mit verheerendem Ergebnis eingesetzt worden, nachdem ich den Präsidenten der Vereinigten Staaten eindringlich gebeten habe, sie nicht zur Explosion zu bringen."
"Was bedeutet das, die Vereinigten Staaten?"
"Eh, das ist ein Teil Nordamerikas."
"So, du wusstest also nicht, welchen Schaden deine Forschungen anrichten könnten?"
"Wenn ich wüsste was dabei rauskommt, wäre es keine Forschung mehr", gab Einstein eigensinnig zurück. "Jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg sind unter den Völkern neue Machtverhältnisse entstanden."
"Amerika und Russland?"
"Exakt. Nun bekam auch Russland die Atomtechnik in die Hände, was ein Waffenwettlauf zwischen den beiden Riesenmächten zur Folge hatte. Beide Parteien verfügen nun über ein derart großes Arsenal an Atomwaffen, dass sie damit die Welt zehnmal zerstören könnten. Obendrein haben beide Führer einen so genannten roten Knopf in ihrer Reichweite. Ein Druck darauf genügt, und alle Kernwaffen werden unmittelbar gegeneinander abgefeuert."
"Je mehr Einfluss man auf das Leben hat, desto größer ist die Verantwortung", folgerte Michel.
"Ja, reib 's mir ruhig unter die Nase. Ich fühle mich auch so schon schuldig genug. Aber als ich dann eine Reputation erlangt hatte, habe ich mich weltweit für den Waffenabbau und gleiche Gesetze für alle eingesetzt. Leider vergebens, denn nach meinem Tod gerieten die Vereinigten Staaten und die Sowjet Union in einen Streit über Kuba und stehen nun kurz davor, sich gegenseitig zu vernichten." Der Nuklearphysiker zwirbelte nervös an seinen Schnurrbart.
"Gottes Wege sind unergründlich, auch wenn man Hellseher ist", versuchte Michel ihn zu beruhigen. "Aber wer sind die Führer dieser Supermächte?"
"Eh, das wäre Präsident Roosevelt in den USA und Stalin in der USSR. Ich war sogar gut befreundet mit Roosevelt und…"
"Nein, ich meine während dem Konflikt, nachdem du starbst."
"Oh, nach mir? Das sind John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow. Die beiden werden diejenigen sein, die entscheiden ob es einen Dritten Weltkrieg geben wird oder nicht. Und wenn das so sein sollte, wird der Vierte Weltkrieg mit Steinen und Knüppel gefochten."
"Hast du diese beiden Führer noch persönlich gekannt?"
"Nun, ich habe Kennedy einmal im Weißen Haus getroffen, aber das war noch bevor er Präsident wurde. Zu jener Zeit, hatte ich noch freien Zugang ins Weiße Haus, aber kennen tue ich ihn nicht. Und ich habe nie den russischen Kommandanten getroffen."
"Was ist das Weiße Haus?"
"Das ist der Sitz der amerikanischen Regierung. Das russische Gegenstück ist der Kreml. Wenn du möchtest, dann kann ich dich zum Weißen Haus mitnehmen." Michel war ganz überrascht über diesen unerwarteten Vorschlag und musste erst einmal die eventuellen Konsequenzen überdenken.
"Also gut. Du kennst ja den Weg", sagte er endlich.
"Meine Erinnerungen sind noch taufrisch, also, lass uns gehen", sagte Albert wieder aufgeheitert und nahm ihn mit zur Treppe. Die Kinder schliefen tief und fest auf der mittleren Etage und bemerkten nicht, wie die beiden Wissenschaftler hinunter stiegen.
"Hast du eine Art Flugmaschine bereitstehen?", flüsterte Michel, der die Kinder nicht aufwecken wollte.
"Ist nicht nötig", antwortete Albert ebenso leise. Sie erreichten das Erdgeschoss, wo Anne, bei Kerzenlicht, einen Stapel Papiere durchsah.
"Bist du es?", fragte sie wachsam.
"Ja, Liebling. Ich gehe noch etwas spazieren. Ich bin bald wieder da."
"Nette Frau, die du da hast."
"Danke, Albert."
"Mit wem sprichst du da, um Himmelswillen?", fragte Anne, die den Physiker nicht sehen konnte.
"Mit einem Kollegen", antwortete ihr Mann. Sie ließ ihren verträumten Mann alleine, da sie wusste, dass es nichts Ungewöhnliches war, wenn er Gespenster sah. Einstein lief selbstbewusst vorbei und der andere Gelehrte wurde schon richtig neugierig darauf zu sehen, wohin er geführt werden würde.
"Wir gehen noch einen Stock tiefer", ließ Albert ihn wissen und sie stiegen in den dunklen Keller hinunter, wo sie sich vorwärts tasten mussten.
"Hier gibt's lediglich Wein zu finden", protestierte der Hausbesitzer.
"Vertrau mir einfach…", und beide bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts.
"Ich kann überhaupt nichts sehen. Ich hätte besser ein Licht mitgenommen", murmelte Michel, als sich plötzlich der Keller in einen beleuchteten Korridor mit rotem Teppich verwandelte. Gezielt betrat der Atomwissenschaftler den Gang mit den mit weißgestrichenen Wänden, wo auch prompt jemand aus einem Seitengang heraus erschien.
"Irgendein Mitarbeiter", sagte Albert, der sich so benahm, als ob er hier zuhause wäre.
"Hallo, Mr. Einstein", grüßte der Offizier ihn, als sie einander begegneten. Albert stoppte ihn.
"Wissen Sie, wo ich den Präsidenten finden kann?", fragte er.
"Ich glaube, er ist gerade beim trainieren im Schwimmbad. Am Besten gehen Sie geradeaus und dann, am Ende dort drüben, links und…"
"Ja, danke, ich weiß wo es ist", unterbrach ihn Einstein und die beiden Gelehrten gingen weiter.
"Die sehen dich nicht, das sind kopflose Hühner", meinte er, als sie um die Ecke bogen und kurz darauf das überdachte Schwimmbad erreichten, wo ein Angestellter das Bad am reinigen war.
"Ist der Präsident denn nicht hier?", fragte Albert ihn.
"Nein, er ist auf dem Weg ins Oval Office", und das Duo machte sofort kehrt.
"Lass uns den Fahrstuhl nehmen, wir müssen in den zweiten Stock", schlug Albert vor. Eine mechanische Kabine brachte sie nach oben, wo die Wissenschaftler wieder ausstiegen. An einer der Türen klopfte der Atomwissenschaftler an und wartete einen Augenblick.
"Herein", rief jemand, woraufhin Einstein die Tür öffnete, die Zugang zu einem ovalförmigen Büro verschaffte.
"Hi, Albert, kommst du mich besuchen?", fragte ein Mann in einem Rollstuhl.
"Ja, Theodore, ich musste mal wieder die Nase hereinstecken."
"Ich dachte, du würdest mich zu Präsident Kennedy bringen", bemerkte Michel.
"Gedulde dich etwas", beruhigte ihn sein Kollege und bestaunten unterdessen das schöne Büro, während Theodore nichts mehr von sich hören ließ. Als wäre er ausgeschalten worden.
"Warum ist es hier eigentlich oval?", wollte Michel wissen.
"Weil man dann während einer Konferenz jedem in die Augen sehen kann", klärte Albert ihn auf.
"Du Witzbold."
"Nein, ernsthaft. Schau, da kommt Kennedy zum Vorschein." Der Mann im Rollstuhl war zu anderen Sphären aufgebrochen und an seiner Stelle stand nun ein gut aussehender Mann in mittleren Jahren. Michel fuchtelte sofort mit der Hand vor dem Gesicht des neuen Präsidenten herum, aber es folgte keine einzige Reaktion.
"Mich kann er auch nicht sehen", sagte der Atomgelehrte. Kennedy sah blass aus und hatte Schatten unter seinen Augen.
"Gewöhnlich hat er ein enormes Charisma", erzählte Albert, der auf den Ernst der Situation hinwies.
"Max, dich schickt der Himmel", sprach der Präsident plötzlich zu Nostradamus, der nur dastand und zusah.
"Max ist sein persönlicher Arzt", erklärte Albert seinem Kollegen, "die Rolle ist dir wie auf den Leib geschrieben."
"Auf meinen Leib geschrieben?"
"Spiel einfach mit… und viel Glück!", dann löste Einstein sich in Nichts auf.
Jetzt lasse ich mich auch noch vor seinen Karren spannen, klagte der Zurückgebliebene, reichte aber dem Präsidenten die Hand.
"Max, du musst mich auf den Beinen halten. Ich habe derartige Rückenprobleme", fuhr das Staatsoberhaupt fort. Seine Stimme klang müde und schwermütig setzte er sich auf ein Sofa, mitten im Büro. Michel setzte sich neben ihn und hörte ihm zu.
"Ich brauch mehr von diesen Pillen, Max. Die verlangen alle von mir das Äußerste. Russland stationiert mehr und mehr Nuklearraketen auf Kuba… Die Situation läuft aus den Schienen."
"Eh, ich habe keine Pillen", stammelte der mittelalterliche Mann.
"Eine Spritze tut es auch. Mann, das verdammte Korsett sitzt schon wieder schief." Nostradamus drückte ungewollt auf die Seele des Präsidenten, der seinem Herzen weiter Luft machte.
"Chruschtschow überrollt mich. Dieser Russe betrachtet mich als einen schwachen Führer. Vielleicht stimmt es sogar. Bei einer Anzahl von belangreichen Fragen, habe ich einfach nicht deutlich genug Stellung genommen. Seine kommunistischen Verbündeten sehen mich ebenfalls als einen Schwächling an." Mutlos ließ er seinen Kopf vornüber sinken.
"Gib mir was, Max. Ich muss durchhalten", bettelte er erneut. "Wir können doch keine Nuklearraketen akzeptieren, die aus so kurzer Entfernung auf die Vereinigten Staaten gerichtet sind. Ich habe sämtliche Botschafter zum russischen Befehlshaber ausgesandt, um ihn davon zu überzeugen, aber es war vergebens." Kennedy starrte ausdruckslos vor sich hin und kollabierte unverhofft. Die große Couch fing ihn auf und er blieb reglos liegen. Plötzlich ertönte neben dem Schreibtisch ein Piepton, das Michels Neugierde weckte und er hinüber lief.
"Mister Präsident", klang es aus einem Lautsprecher, "Chruschtschow ist in der Leitung für Sie." Aufmerksam hörte er zu.
"Hallo, Mister Kennedy, Sie machen sich Sorgen wegen unseren Verteidigungswaffen, bei mehr als neunzig Meilen vor der Küste Amerikas? Dann möchte ich Sie daran erinnern, dass Ihre Angriffswaffen in der Türkei aufgestellt und auf unser Territorium gerichtet sind." Der Seher ließ einen tiefen Seufzer los.
"Oder sind Sie etwa der Ansicht", fuhr der Russe fort, "dass Sie das Alleinrecht haben, Sicherheit für das eigene Land zu verlangen?"
"Ich bin nicht der, für den Sie mich halten", meldete sich Michel, doch seine Worte wurden ignoriert.
"Ich schlage deshalb folgendes vor", sprach Chruschtschow unerreichbar. "Wir werden uns darauf vorbereiten, unsere Raketen von Kuba abzuziehen und legen vor den Vereinten Nationen ein entsprechendes Versprechen ab. Sie müssen dann ebenfalls Ihre Waffen aus der Türkei abziehen und ein ähnliches Zusicherungen machen. Stimmen Sie dem zu?" Plötzlich wurde an die Tür zum Oval Office geklopft, woraufhin der Gelehrte vor lauter Schrecken eine magnetische Unterbrechung in der Telefonanlage verursachte und somit die Verbindung mit dem Russen unterbrochen wurde. Vizepräsident Johnson und andere Topfunktionäre betraten das Büro. Beim Anblick des wie leblos auf der Couch liegenden Staatsoberhauptes, waren Sie sichtbar erschrocken und eilten sofort an seine Seite.
"Er lebt noch", vermeldete Johnson erleichtert, als er dessen Herzschlag kontrollierte.
"Er ist in den letzten Wochen schon ein paar Mal zusammengebrochen", berichtete einer der Minister bedrückt.
"Ich werde Max Jacobson rufen", bot der General an.
"Meinen Sie, das wäre eine gute Idee?", fragte Johnson. "Sie wissen doch, wie sie ihn im Parlament nennen: den Wohlfühldoktor."
"Ja schon, aber der Präsident will nun mal keinen anderen", sagte der General und kamen zu dem Entschluss, dass sie besser Jacobson, der sich im Westflügel aufhielt, alarmierten. Kurz darauf kam Kennedys Arzt herbeigeeilt und untersuchte seinen Chef.
"Er ist mangels der benötigten Substanzen ohnmächtig geworden", diagnostizierte er geschwind. Er rollte den Hemdsärmel des Präsidenten hoch und gab ihm eine Injektion. Und für wahr, Nostradamus beobachtete überrascht, wie John F. Kennedy langsam aber sicher wieder zu sich kam, kaum dass er die Spritze mit dieser ominösen Substanz erhalten hatte.
"Danke Dir, Max. Du bist eine unschätzbar wertvolle Stütze für mich", murmelte sein Chef, als er sich mühsam aufrichtete.
"Mister Präsident, wir wollen Sie nicht unnötig stören", sagte der General nervös, "aber wir haben extrem wichtige Neuigkeiten."
"Erzählen Sie", antwortete der noch immer etwas erschöpfte John.
"Nun, auf den neuesten Fotos ist deutlich zu erkennen, dass die russischen Raketen noch immer auf Kuba stationiert sind. Der gesamte Führerstab ist der Ansicht, dass wir den Russen mit einem Angriff eine kleine Lektion erteilen sollten." Am Büroeingang erschien einer der Angestellten.
"Mister Präsident", rief der Mitarbeiter, "Mister Sukarno ist hier. Soll ich ihn hereinbitten?" Kennedy nickte zustimmend und sprach hastig zu seinen Beratern.
"Es gibt einen Mediator, von dem ich glaube, dass er eine Chance auf Erfolg hat - und das ist der Präsident der Republik Indonesien, der in engem Kontakt mit dem russischen Befehlshaber steht." Sukarno trat ein und wurde von den Amerikanern willkommen geheißen.
"Bitte, setzen Sie sich", forderte Kennedy ihn auf, aber Sukarno lehnte ab und begann ketzerisch zu sprechen.
"Nach dem Vorfall mit Ihrem Flugzeug, der B-25, verdächtige ich die amerikanische Regierung, dass sie mich zu Fall bringen möchte. Und da ich sehr stark annehme, dass dieser Raum verwanzt ist, ersuche ich den Präsidenten, dass unser Gespräch in seinem Schlafzimmer fortgeführt wird." Der General nahm seinen Chef beiseite.
"Unser Nachrichtendienst warnt vor einem möglichen Mordanschlag auf sie", flüsterte er ihm zu.
"In meinem Schlafzimmer? Durch ihn? Nein… und überhaupt, ich möchte meine Freiheit nicht verlieren", entschied Kennedy und verließ das Büro zusammen mit Sukarno. Michel folgte den beiden Präsidenten, die den Fahrstuhl zum höher gelegenen Schlafzimmer nahmen. Dort angekommen, führten sie ihren Weg fort, nur ihr Verfolger vergaß rechtzeitig aus diesem Kasten zu springen. Die Fahrstuhltüren hatten sich zu schnell geschlossen und er wurde nun in den Keller gefahren, wo sich die Türen wieder automatisch öffneten. Unwissend über die Bedienung dieses Transportmittels, stieg er aus und landete, wie zu Beginn, wieder im selben Korridor mit dem roten Teppich.
Ich glaube, ich gehe lieber wieder nach Hause, dachte Michel, der genug gesehen hatte. Er nahm die gleiche Route zurück und es wurde wieder dunkel. Nach einer Weile entdeckte er in der Ferne Licht, das sich als sein eigenes Kellerlicht entpuppte. Etwas deprimiert stolperte er die Treppe hinauf.
"Bist du das?", fragte Anne, die noch immer mit ihren Papieren beschäftigt war. Schweigsam ging er hin zu seiner Frau und setzte sich neben sie an den Tisch.
"Wo ist dein Kollege?", neckte sie ihn, während sie Zeichnungen von Kräutern betrachtete. Völlig in sich gekehrt, stützte er seufzend seine Ellbogen auf den Tisch.
"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte sie besorgt.
"Anne, manchmal glaube ich, dass ich verrückt werde", sprach er endlich.
"Was ist jetzt schon wieder passiert?"
"Die Welt steht davor, in der Zukunft zu explodieren. Es wird alles einfach zu viel für mich."
"Komm her", bat sie ihn, woraufhin er sich vor sie hin kniete und seinen Kopf ihn ihren Schoß legte. Sanft strich Anne durch sein noch verbliebenes Haar.
"Ich fühle mich so sehr verantwortlich für das Schicksal der Menschheit", klagte er. "Mein Lebensweg führt durch die Hölle."
"Du bist eben etwas Besonderes", meinte sie aufmunternd.
"Anne, wirst du von nun an nicht mehr all diesen erbärmlichen Seelen, die ständig um Hilfe bitten, die Türe öffnen? Es wächst mir momentan alles über den Kopf."
"Versprochen. Aber lass uns nun schlafen gehen, denn morgen ist wieder ein neuer Tag", und sie gingen zu Bett.
Die Depression von Michel läutete einen neuen Gichtanfall ein. Es war eine derart heftige Attacke, dass er einen ganzen Monat im Bett bleiben musste. Seine Frau beantwortete in der Zwischenzeit die Stapel seiner Briefe von Leuten aus dem fernen Ausland, die um Horoskope oder um Rat gegen Krankheiten baten. Jene Schreiben, die sich ab und zu darunter befanden, geschrieben von Wissenschaftlern mit denen ihr Mann sich austauschte, legte sie zur Seite. Meistenteils genügte es, mit einem Standardbrief in Französisch mitzuteilen, dass der Doktor auf Grund besonderer Umstände nicht in der Lage war, selbst zu antworten.
"Ich werde mich bald um einen Gehilfen bemühen, der sich um meine Korrespondenz kümmert", versprach ihr Ehemann, der von Schmerz geplagt im Bett lag.
"Ja, das muss wirklich sein", antwortete Anne entkräftet. André und Diane kamen hinzu und sprangen auf das Bett.
"Kinder, lasst euren Vater in Ruhe", befahl die Mutter gereizt und zog den Vorhang zu, der die Kammer von den anderen Räumen trennte.
"Es tut mir leid, dass du es wegen mir so schwer hast", entschuldigte ihr Mann sich.
"Keine Sorge, das wird sich alles wieder regeln", sagte Anne, die sich neben ihn auf die Bettkante setzte. "Es passieren hier im Haus allerdings sehr seltsame Dinge. Zum Beispiel der große Beutel mit Muskatnuss… der ist schon wieder verschwunden!" Er ging nicht weiters darauf ein und drehte sich unter dem Vorwand von Schmerzen von ihr ab.
"He, so etwas billige ich nicht. Ich will wissen, was du damit machst", fragte sie ernsthaft, er aber gab keinen Ton von sich.
"Was tust du so geheimnisvoll?"
"Ich gebrauch es für bestimmte Experimente", antwortete er vage. Aber sie wollte genau wissen, was er damit anstellte und ließ ihm keine Ruhe. Schließlich gab er sich doch geschlagen.
"Ist ja schon gut. Ich inhaliere es", beichtete er.
"Warum, in Gottes Namen, tust du da?"
"Ich inhaliere es, weil es meine Phantasie anregt." Annes Gesicht erstarrte zu Eis.
"Ich weigere mich, noch länger für einen Süchtigen zu arbeiten", erklärte sie resolut.
"Einen Süchtigen?", reagierte Michel wie ein getretener Hund und drehte sich zu ihr hin.
"Das ist der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt", fuhr sie fort.
"Liebling, wovon redest du?", und er setzte sich stöhnen auf.
"Für dich laufen wir hier wie auf rohen Eiern herum!"
"Hei, ich glaubte, dass alles in bester Ordnung wäre?"
"Ja, das dachtest du vielleicht, aber das ist es nun mal nicht. Du siehst und fühlst alles, nur nicht deine Familie. Alles dreht sich nur mehr um dich…und jetzt das noch!" Er ließ sie etwas von ihrem aufgestauten Dampf ablassen.
"Und diese ewige Selbstbeherrschung von dir", beschuldigte sie ihn, "du lässt dich nicht einmal gehen. Schlag mich wenigstens mal", und sie schubste ihn verspottend zurück ins Bett.
"Beruhige dich etwas, bitte, du erschreckst noch die Kinder."
"Die fürchten sich sowieso schon", schrie sie laut, damit sie es auch ja hören konnten. Da er ohnedies nichts rechtes sagen konnte, sagte er lieber gar nichts.
"Wir haben auch niemals normalen Sex", polterte sie weiter. "Ich dachte Juden wären gut im Bett, aber du gleichst eher einer Heiligenstatue. Wenn du nur einmal so kämst, wie jeder andere normale Mann!" Verärgert lief sie davon. Michel kroch aus dem Bett und humpelte ihr hinterher.
"Oh, der Gnädige kann plötzlich wieder gehen. Habe ich mich also für einen Simulanten abgerackert? Ich will dich nie wieder sehen!" Sie stürmte die Treppe hinunter und schlug die Tür derart heftig zu, dass das ganze Haus bebte.
Sie hat Recht, ich bin süchtig, dachte er. Ich möchte zu sehr die Zukunftsbilder sehen und bin deshalb wahrscheinlich gefühlsarm geworden. Ab sofort werde ich es bleiben lassen, schwor er sich und kroch wieder unter seinen wollene Decke.
Der Kampf tobte weiter und Nostradamus war gezwungen, seine Briefe selbst zu beantworten. Seine normalerweise lebhafte Frau weigerte sich strikt, irgendetwas für ihn zu tun. Genau genommen, weigerte sie sich, überhaupt etwas für ihn zu machen. Glücklicherweise waren die Kinder schon alt genug, um für sich selbst sorgen zu können. Trotz Nachwehen seines Gichtanfalls schrieb er einen Brief an Jean Dorat, einem seiner Bewunderer in Paris. Vielleicht hatte ja dieser renommierte Lehrer der Scholastik einen guten Studenten, der ihm etwas zur Hand gehen könnte, denn da seine Frau sich inzwischen in das Gartenhaus zurückgezogen hatte, ging sich das Ehepaar wochenlang aus dem Weg. Bis dass es eines Tages an der Vordertüre klopfte.
Wieder so ein Verzweifelter, dachte der wiedergenesene Gelehrte und schlurfte zum Eingang.
"Bitte, lasst mich in Ruhe!", rief er, doch da das Geklopfe weiterging, öffnete er murrend die Tür.
"Was ist los? Hast du was an den Ohren?", und sah den vermeintlichen Hilfesuchenden geradewegs an.
Grundgütiger Himmel! Das kann doch nicht wahr sein! Der Geist von François Rabelais, seinem Studienfreund vergangener Tage, war vor ihm erschienen.
"Bei Jupiter! Der Teufel spielt mir einen Streich", sprach Michel beschwörend.
"Ganz ruhig, ich bin es tatsächlich", beruhigte ihn François. "Ich dachte du hättest mein Kommen bereits gespürt. Anscheinend doch nicht. Komme ich ungelegen?"
"Eh, nein, natürlich nicht…oder vielleicht doch. Ich bin derzeit mitten in einer Ehekrise, aber komm doch herein", und sie umarmten sich.
"Möglicherweise bin ich ja hier, um dir zu helfen", suggerierte François während sie in den Wohnraum liefen und am Kamin Platz nahmen.
"Was machst du hier?", fragte Michel. "Ich dachte du wärst der Leibarzt des Vizekönigs von Piemont."
"Richtig, war ich auch, aber seit kurzem arbeite ich für den Papst in Avignon. Wo ist deine Frau?"
"Die sitzt im Gartenhaus", antwortete er niedergeschlagen.
"Sind Kinder da?"
"Ja, sechs, aber die sind alle schon am schlafen."
"Ich bin ziemlich durstig. Hast du was zu trinken?", fragte François.
Sein alter Schulfreund verschwand in der Küche und als er mit dem Bier zurückkam, war Rabelais verschwunden.
Habe ich jetzt tatsächlich meinen Verstand verloren, fragte er sich ernsthaft. Doch dann vernahm er ein ungewohntes Geräusch im Garten und realisierte, dass es doch keine Sinnestäuschung gewesen war. François war dabei, seine Frau aus dem Gartenhaus zu locken.
"So, mein Mann hat also einen Vermittler auf mich angesetzt", schnarrte Anne, als der Fremdling ihren provisorischen Wohnraum betrat.
"Da täuschen Sie sich. Ich hatte plötzlich so eine Ahnung, dass mein Freund in Schwierigkeiten steckte und beschloss spontan, ihn zu besuchen."
"Ha! Noch so ein Hellseher", bemerkte sie sarkastisch.
"Sie sprechen mit dem Abgesandten des Papstes!"
"Und wenn Sie der Papst selbst wären, Sie arroganter Schnösel", und schob ihn zum Gartenhaus hinaus.
"Wie bist du nur an so eine Frau geraten?", fragte François mit hochroten Ohren, als er zurück ins Wohnzimmer kam.
"Fand sie zwischen einer Herde wilder Pferde", brummte Michel.
"Ist das eine deiner obskuren Verszeilen?" Der Astrologe jedoch verneinte kopfschüttelnd.
"Das erklärt einiges. Aber lass mich dich einmal betrachten. Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen", und sie schauten sich gegenseitig an.
"Du hast noch immer volles Haar auf dem Kopf", stellte Michel fest.
"Ja, es wächst noch täglich. Und du? Für dein Alter siehst du noch hervorragend aus."
"Danke dir. Deine Augen und Zunge sind noch genauso scharf wie eh und je. Hier, dein Bier", und sie setzten sich wieder ans Kamin.
"Schwer zu glauben, dass ausgerechnet du, ein frei denkender Katharer, für den Papst arbeitest", fuhr Michel fort.
"Warum nicht? Dein Freund, dein Feind, obschon ich ganz hinter Pius IV. stehe. Er ist ein integrer Kirchenfürst und die elenden Missstände geschehen nur auf unterer Ebene."
"Welche kirchliche Funktion hast du?"
"Ich untersuche heimlich für den Papst die Inquisitoren und Bischöfe, ob sie die Lehren auch in ihrer reinen Form anwenden."
"Grundgütiger, direkt in die Höhle des Löwen…"
"Ja, das Leben verdient es, auf Messers Schneide gelebt zu werden", antwortete François.
"Da stimme ich dir vollkommen zu. Lebst du dann auch das Leben eines Zölibatärs?"
"Sicher. Hätte ich geplant, eine Familie zu haben, hätte ich einen anderen Beruf wählen müssen. Aber ich bin mir sicher, dass auch du deine Feinde hast." Anne kam unvorhergesehen herein und die Männer versuchten neugierig, ihren Gemütszustand auszuloten.
"Es tut mir leid, dass ich Ihnen gegenüber so grob gewesen bin", entschuldigte sie sich.
"Schon gut. Kommen Sie, setzten Sie sich dazu", forderte der ungebetene Gast sie auf und Anne sich daraufhin einen Stuhl nahm.
"François ist ein alter Studienkollege von mir. Während meiner Wanderjahre haben wir uns dann aus den Augen verloren", erklärte Michel verschämt. Doch Anne hielt ihn für keinen Blick würdig und sah nur den geistlichen Besucher an.
"So, das ist also die Frau, die dem Großmeister Widerstand bietet", provozierte er sie.
"Großmeister?", wiederholte sie empört. "Vorige Woche klemmte sein Bart noch zwischen der Haustür, als diese ins Schloss gefallen war. Jeder Passant hätte ausführlich Gelegenheit gehabt, ihm eine Tracht Prügel auf seinen Hintern zu verpassen." François musste derart heftig darüber lachen, dass es fast beängstigend war.
"Ihr Ehemann ist ein Genie, wenn es sich um das Innenleben eines Menschen dreht. Doch in irdischen Dingen da ist er manchmal ein Narr, wie so viele andere auch", sagte er, der sich wieder von dem Spaß erholt hatte. Anne war davon allerdings nicht überzeugt.
"Ich weiß sehr wohl, dass er wegen seiner Veröffentlichungen überall berühmt ist", sagte sie anerkennend, "aber ich bin mir nicht sicher über seine Erhabenheit. Vor einem Jahr verwechselte er den Bürgermeister mit einem Geist und lief schnurstracks in ihn hinein." François musste erneut lachen.
"Wie soll ich das verstehen? Hilf mir mal, Michel."
"Ich versuche einfach die Dinge so zu lassen, wie sie sind", antwortete Michel belanglos.
"Er hüllt sich ständig in irgendwelche Mysterien ein, aber erzählt mir niemals von seiner inneren Welt. Er ist wie eine Auster", fügte sie noch hinzu.
"Ja, Ihr Mann ist tatsächlich arg schweigsam, wohingegen meine Zunge im Vergleich eher lose ist. Aber Sie wissen ja: reden ist Silber, schweigen ist Gold." Anne war davon noch nicht so ganz überzeugt.
"Das Gute und Schlechte sind in jedem Menschen vereint", argumentierte François weiter, "und ihr Mann weiß das besser als jeder andere."
"Nun, das weiß ich ja. Ich zeige halt meinen Ärger sehr oft. Er dagegen nie."
"Wenn Ihr Mann wirklich böse wird, dann kann das die ganze Welt zerstören. Darum muss er sehr vorsichtig mit seinen Worten und Taten umgehen. Es ist eine Frage des Bewusstseins und Ihrem Mann wurde ein bislang ungekanntes, machtvolles Maß davon zugeteilt. "
"Soll das heißen, dass wenn Michel über mich verärgert ist, dass es mir schaden könnte?"
"Ein Durchschnittsmensch kann bei einem Streit mit ihm durchaus auf der Stelle tot umfallen oder ernsthaft krank werden, aber Sie sind eine starke Frau, die eine Menge ertragen kann. Sie sind Plato."
"Plato? Sie vergleichen mich mit dem griechischen Philosophen?"
"Es ist außer dem Name des Philosophen auch das griechische Wort für 'breitschultrig'", unterbrach Michel.
"Oh, jetzt verstehe ich. Ich bin also stark genug, um es mit meinem Mann aufnehmen zu können", und da war er endlich wieder, der Funken zwischen den beiden Eheleuten.
"Ja sicher, aber vor allem deshalb, weil er mit äußerster Disziplin seine Sinne zu beherrschen weiß. Denn, je größer der Geist, desto größer das Biest", sagte Rabelais weise.
"Sie sind ja voll des Lobes für meinen Mann", sagte sie, noch immer misstrauisch, "aber wenn ich Sie richtig verstehe, kann er sich einfach nicht richtig gehen lassen?"
"Genau. Das kann er sich einfach nicht erlauben. Sogar nur ein unkontrollierter Gedankenzug könnte verheerende Folgen haben. Sie müssen verstehen, dass Gedanken äußerst kraftvoll sind."
"Können Sie das erklären?"
"Nehmen wir den Stuhl auf dem Sie sitzen. Der besteht nicht einfach so. Zuerst muss ein Gedanke oder ein Bildnis von einem Stuhl entstehen, bevor dann die Materie folgt. In diesem Fall ist es das Holz in den Händen des Schreiners."
"Hmm, hört sich wie eine Vorsehung an, die dann eintritt", verglich sie.
"Hör zu, Michel. Deine Frau besitzt okkultes Wissen."
"Wenn er sein Wissen nur etwas früher mit mir geteilt hätte, dann steckten wir nicht in dieser Krise."
"Ja, mir scheint auch, dass du etwas mehr mit deiner Frau kommunizieren solltest", meinte François gegen seinen Freund sprechend.
"Ich fange langsam an, es einzusehen", gab Michel zu. Die Ehekrise näherte sich ihrem Ende und darauf stießen sie mit einem Bier an.
"Jetzt muss ich euch aber leider verlassen, meine Freunde", verkündete François schließlich.
"Sie können gerne hier schlafen", schlug Anne vor.
"Nein, vielen Dank. Ich werde im Schwanen übernachten."
"Bevor du gehst, möchte ich dir oben noch etwas ganz Besonderes zeigen", sagte Michel.
"Gerne, aber zuerst muss ich noch die Toilette aufsuchen", woraufhin der Seher eilends in sein Arbeitszimmer lief.
Als Anne dem Gast das Toilettenhäuschen im Garten zeigte, flüsterte er ihr etwas ins Ohr: "Anne, Ihr Mann ist fast erleuchtet. Versuchen Sie, ihn in Ihrem Herzen los zu lassen. Nur der Einzelne kann zu großer Höhe emporsteigen und Gott liebt ihn." Ohne auf eine Reaktion zu warten, ging er davon. Die gewichtigen Worte drangen langsam zu ihr durch und sie begriff, dass sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte. In der Mansarde wartete bereits Michel darauf, seinem Freund die zerbrochene Fliese mit der Schlange zu zeigen.
"Du wirst vielleicht wissen, was das ist", sagte er, nachdem dieser oben angekommen war.
"Jesus, ein Fragment des Mosaiks mit Magdalena von Montségur", rief François überrascht und hob behutsam die jahrhundertealte Fliese auf.
"Von dort kommt sie allerdings nicht, sondern von La Roque an der Durance."
"Nun, wie dem auch sei, bewahre sie gut auf. Jetzt muss ich aber gehen", und er legte die Fliese zurück. Die beiden nahmen brüderlich Abschied voneinander.
"Pass auf, dass du nicht ermordet wirst", warnte ihn Michel als sie die Treppe hinunter stiegen.
"Und du, sei vorsichtig, damit du nicht von deiner Jakobsleiter runter fällst", erwiderte sein Freund fröhlich, der sich unten noch von Anne verabschiedete. An der Tür wechselten die Männer noch ein paar Worte.
"Danke für alles, François; wir bleiben in Kontakt."
"Ja, genau das hast du schon vor vierzig Jahren versprochen", antwortete sein Schutzengel als er sich zum Gehen wandte.
Unverbesserlich, dieser Rabelais, lächelte Michel, der ihm mitfühlend nachblickte.

Am darauf folgenden Morgen erschien ein gewisser Christophe de Chavigny an der Station von Salon de Provence und fragte nach dem Haus des Propheten. Auf seine Frage wurde sofort Auskunft gegeben, da bald jeder den jungen Mann aus Paris dorthin begleiten wollte, in der Hoffnung, einen Blick auf den mystischen Stadtbewohner werfen zu können. Der mit Cum Laude ausgelernte Lehrling von Jean Dorat wollte sich gerne beim Großmeister weiterbilden und es war der Metzger, der ihn in seinem Wagen vor der Tür absetzte. Mit einem Sack Lammkoteletten in der Hand, meldete sich der stupsnasige Lehrling an.
"Aha, meine Rettung aus Paris", begrüßte Nostradamus ihn. Doch da das Haus anscheinend zu klein war, schickte er seinen Helfer - natürlich ohne die Lammkoteletten - in ein Gästehaus, um dort zu wohnen. Erst einmal sehen, was für Fleisch sich in dem Sack befindet, dachte Michel.
Christophe schien ein wahrer Jünger zu sein und hatte keine extra Worte nötig. Blitzschnell begriff er, was sein Meister von ihm verlangte. Er führte mit einer derartigen Zuwendung seine Aufgaben aus, dass es seinen Chef manchmal geradezu überwältigte. Der junge Pariser kannte zudem die neuesten philosophischen Trends - einschließlich des rationalen Denkens - und war ebenso geübt in den klassischen Fremdsprachen. Anne hatte unterdessen einen neuen Schreibtisch für den Gehilfen organisiert und der von ihrem Mann wurde ins Wohnzimmer gestellt. Nach einem Monat musste der Gelehrte anerkennen, dass die Anwesenheit von De Chavigny ein Segen für ihn war.
Meine Korrespondenz war nie so ordentlich, beobachtete er erfreut. Er war inzwischen alt geworden und hatte sich Sorgen darüber gemacht, dass er Die Prophezeiungen nicht mehr vollenden könne. Doch nun blieb ihm genügend Zeit, sich darum zu kümmern. Er hatte sich schon früh angewöhnt, mit gerade einmal vier oder fünf Stunden Schlaf auszukommen, vor allem deshalb, weil ein wacher Zustand die beste Art und Weise war, um auf die andere Seite zu reisen. An diesem Abend war der Bleistiftspitzer glücklicherweise in sein eigenes Quartier gegangen, da sich ein paar Straßen weiter weg befand, und die Kinder waren auch alle am schlafen. Zur Sicherheit verriegelte er noch die Tür zu seiner Kammer.
"Ich denke, ich werde eine andere Methode anwenden", sagte er sich und holte den kupfernen Stuhl wieder hervor. Der Hocker, dessen Beine im gleichen Winkel abstanden, wie die Steigung der Pyramidenwände in Ägypten.
Von jetzt an lasse ich die Finger von dem Muskatnuss und den halluzinierenden Ölen, nahm er sich hoch und heilig vor; ich will schließlich nicht verrückt werden, und fing an, neben dem Hocker zu summen.
"Nein, so geht es nicht", murmelte er und entschied sich für das Meditationsbett.








Kapitel 10


Eines Tages werden die beiden großen Meister zu Freunden,
ihre enorme Macht wird man wachsen sehen:
Die neue Erde wird in ihrer höchsten Entfaltung stehen,
von den Blutrünstigen, die Zahl berichtet.

Mitten in der Nacht flog der Himmelsforscher über eine moderne Stadt, wo pferdelose Wagen mit Laternen an Kopf und Schwanz herumfuhren. Er ließ sich hinab gleiten, um das Wunder aus der Nähe zu betrachten und spazierte entlang den Straßen und Plätzen, die reichlich beleuchtet waren. Nach einer Weile erschien ein mächtiges Gebäude vor ihm, das er zu erkennen glaubte.
Dies muss das Parlamentsgebäude sein, unter dem Hister Selbstmord verübte, vermutete er. Seine Vermutung wurde durch ein davorstehendes Monument bestätigt. Berlin hatte sich von den massiven Kriegswirren, die zu jener Zeit große Trümmerhaufen zurückließ, erstaunlich gut erholt. Quer durch die erleuchtete Stadt lief ein Fluss und er entschloss sich, dem fließenden Wasser zu folgen, das ihn zu einem Friedhof brachte, wo jemand am Flussufer entlang stapfte. Ein verwahrloster Mann schob eine Karre mit Ramsch vor sich her.
Sackgasse, dachte Michel, und ließ es dabei. Er stieg wieder auf, machte eine scharfe Wende und flog zurück zum Potsdamer Platz.
Fliegen wie ein Vogel ist wahrlich ein Genuss, stellte er fest und wie ein junger Gott breitete er seine Flügel aus. Auf dem weiten Platz stand ein stattliches Tor mit einem griechischen Streitwagen oben drauf, unter dessen Bogen er kühn hindurch flog. Als er das Tor passiert hatte, kollidierte er mit einer Art elektrischem Feld und plumpste wegen des Aufpralls zu Boden.
Hochmut kommt vor dem Fall, tadelte er sein leichtsinniges Verhalten. Benommen versuchte er herauszufinden, was ihm da widerfahren war. Sorgfältig untersuchte er den Luftraum, aber es war nichts zu sehen. Der gefallene Geist stand wieder auf und prüfte seine Flugfähigkeiten.
Glücklicherweise noch intakt, stellte er erleichtert fest, aber ich bin doch gegen irgendwas gestoßen. Neugierig begab er sich an den Punkt, wo der Zusammenprall geschehen war und suchte die ganze nähere Umgebung ab.
"Da muss doch irgend was sein", murmelte er. Unverhofft geriet seine Hand in ein Spannungsfeld, woraufhin ein blauer Fleck sichtbar wurde.
Teufel auch, die Zukunft ist voller Überraschungen. Vorsichtig schob er sich entlang des magnetischen Feldes, das jedes Mal kurzschloss wenn er es berührte. Es schien eine unsichtbare Mauer zu sein, die die Stadt in zwei Teile spaltete. Da es war ihm ein absolutes Rätsel war, wozu das überhaupt gut sein sollte, wollte er es partout herausfinden. Die Stadtbewohner mussten doch mehr darüber wissen und neugierig machte er sich auf die Jagd nach einem willkürlichen Passanten. Hoch über der Stadt, entdeckte er denselben Vagabunden mit seinem Karren. Da dieser die einzig lebende Seele in dieser Umgebung zu sein schien, schwebte er zu ihm hinunter.
"He, du!" rief er, aber der Berliner mit seinem schiefen Hut hörte ihn nicht und karrte weiter. Der Geist landete nun direkt vor ihm, aber der Mann ging unbeirrt weiter.
Der kann mich weder hören noch sehen, begriff Michel und überlegte sich, wie er seine Aufmerksamkeit erwecken könnte.
"He, Napoleon", probierte er aus. Volltreffer! Der Vagabund hielt sofort inne.
"Freund oder Feind?", wollte er wissen.
"Freund!"
"Mon Dieu! Endlich wieder einmal ein Landsmann. Wie ist dein Rang?", fragte der arme Teufel, der wohl einen Schlag vor den Bug bekommen haben musste.
"Feldmarschall", spielte Michel mit.
"Habe ich dir nicht den Auftrag erteilt, Russland anzugreifen?"
"Ja, aber Moskau wurde zwischenzeitlich eingenommen."
"Exzellent, dann kann ich mich ja wieder um den Karren und diese Sachen hier kümmern", und wollte weiter wandern.
"Weißt du zufällig warum diese elektrische Mauer durch Berlin läuft?", hielt der Marschall ihn zurück.
"Hast du sie nicht mehr alle? Hier stand einmal eine Mauer, aus Stein, aber die haben meine tapferen Männer vor nicht allzu langer Zeit niedergerissen. Ich habe noch immer ein Foto davon", und zog einen Zeitungsartikel aus seiner Innentasche heraus. Der Seher betrachtete das Bild vom Abriss der Mauer und las den darunter stehenden Text:
'Fall der Berliner Mauer!* Es war genau vor zwei Jahren, als der Eiserne Vorhang, die Teilung zwischen Ost und West, gefallen war. Heute gedenken wir ausgiebig dem Mauerfall und einem vereinten Deutschland, unter anderem mit Konzerten und Diskussionen. Die Mauer diente dazu, dem Strom von Flüchtlingen, die nach dem freien Westen wollten, ein Ende zu setzen…'
Darum läuft also ein magnetisches Feld durch die Stadt, begriff er. Jahrelange Frustration mussten der Mauer eine psychische Ladung verpasst haben.
"Wo sind deine Männer?", fragte er daraufhin.
"Ich weiß nicht wo sie sind, die haben mich verbannt. Ich kann dir aber zeigen wo sie sich aufhalten."
"Zeig mir mal den Ort", bat Michel, der herausfinden wollte, wie der Konflikt gelöst worden war. Während der Vagabund sein Wägelchen weiter vor sich her schob, begab sich das Paar zum östlichen Teil der Stadt. Nach dem überqueren des Alexanderplatzes, hielten sie vor einem schmucklosen Gebäude.
"Das ist das alte Politbüro, wo ich einmal das Sagen hatte. Du musst drinnen nachfragen."
"Das werde ich sicher tun", sagte der Seher, der ihm einen Franc gab und dann zum Eingang ging.
"Nay, Pau, Leon, mehr Feuer als Blut", rief der Vagabund ihm nach. Michel drehte sich überrascht um, als er seine eigenen Verszeilen hörte - allerdings in der verkehrten Reihenfolge. Leider war dabei das Gesicht des Mannes geradeaus gerichtet. Ein Stück weiter vorne kickte er missvergnügt derart gegen einen Laternenpfosten, dass prompt das Licht ausging.
Unglaublich. Meine Verse werden in der Zukunft populär sein, und freudig betrat der Seher das verfallene Gebäude. Hinter dem Eingang befand sich ein trostloser, verlassener Raum und er beschloss, die Marmortreppe, die nach oben führte, zu nehmen.
Wo sind jetzt die ganzen tapferen Kerle, von denen er gesprochen hatte?
Oben schöpfte er Hoffnung, als er ein paar Männer sah, die mit irgendetwas beschäftigt waren. Es schienen lediglich Beamte zu sein. Er ging wieder nach unten und gerade als er die Vorhalle verlassen wollte, hörte er aus dem großen Saal die Geräusche einer regen Betriebsamkeit.
Was geht da drinnen wohl vor sich?
Neugierig betrat er den Raum, der sich wie aus heiterem Himmel mit Menschen gefüllt hatte.
Ich muss wohl spontan für einige Jahre in der Zeit rückwärts gereist sein, spekulierte er. Er mischte sich unter die Anwesenden und spitzte dabei seine Ohren. Es wurde eine Pressekonferenz abgehalten und hunderte von Journalisten hatten sich vor den höchsten Parteiführern des Kommunistenstaats versammelt.
"Warum all das Gedränge?", fragte er einen der Reporter, der ihn für einen ausländischen Kollegen hielt.
"Direkte Fragen zu stellen, war einem bislang nicht erlaubt", antwortete der Ostdeutsche, der an seinem Blitzapparat herumhantierte, "doch wie es scheint, macht diesmal Schabowski, unter dem Druck des Volkes, eine Ausnahme. Die Partei hofft, mit mehr Offenheit die Unterstützung des Volkes zu gewinnen."
"Und wenn das nicht gelingt?"
"Wenn es nicht gelingt, dann wird sich unser Land einfach leeren, ungeachtet der kilometerlangen Mauern und Zäune." Er entschuldigte sich und bahnte sich einen Weg durch das Gedränge nach vorne. Inzwischen stellten seine Kollegen allerlei Fragen, auf die allerdings immer die gleiche Standardantwort folgte, bis dass ein französischer Journalist in gebrochenem Deutsch den Kern der Konferenz ansprach.
"Wann können Ihre Landsmänner frei in den Westen reisen?", fragte er einfach. Die Reporter nahmen seine Frage kaum ernst, da Schabowski diese sowieso auf die eine oder andere umständliche Weise umgehen würde. Doch im Angesicht des internationalen Publikums, wähnte sich der Parteiführer plötzlich vor ein Gericht gestellt und machte zu wie eine Auster.
Wie viel länger muss ich noch diese Lügen erzählen, fragte er sich besorgt und mit verschwitzten Händen begann er, ganz unerwartet, sich wieder zu öffnen.
"Heute wurde, eh, soweit ich weiß, ein Beschluss gefasst. Und, eh, wir haben beschlossen…, dass eigentlich jeder Bürger über die Grenze darf." Die Menge war sprachlos.
"Wann tritt dieses Gesetz in Kraft?", fragte ein Journalist unmittelbar. Schabowski blätterte willkürlich durch seine Akten und blickte hilflos zu seinen Parteigenossen, die sich mit den Händen die Haare rauften.
"Das gilt ab, soweit ich weiß… ab sofort", verkündete er. Aufgrund der schleppenden Pressekonferenz zweifelte jeder, ob es nun tatsächlich wahr sei, bis dass jemand nach draußen rannte und lauthals verkündete: "Die Grenze ist offen!" Diese Botschaft verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer und schon bald drängten die Ostberliner massenweise hin zur Mauer, um sich zu vergewissern, ob sie auch tatsächlich nach Westberlin gehen konnten. Nostradamus schwebte hinter dieser Meute her.
Wozu doch so eine von mir dahin geplapperte Frage führen kann, dachte er. Von nun an muss ich das Schicksal seinen eigenen Lauf nehmen lassen.
Da die Grenze noch immer verschlossen zu sein schien, strömten Tausende von Menschen friedfertig auf die Grenzwachen zu, die zudem noch blitzartig von einer Horde Journalisten umringt wurden.
"Wenn ich es richtig verstehe, soll die Grenze noch heute geöffnet werden", stammelte der Leiter der Wache.
"Ja, auf Befehl von Schabowski", skandierten alle. Der Funktionär wartete noch einige Zeit auf eine offizielle Benachrichtigung, gab aber wegen dem enormen Druck der Bevölkerung schließlich nach und öffnete den Grenzübergang. Die Rote Armee griff glücklicherweise nicht ein. Überwältigt liefen die Ostberliner auf die andere Seite der Grenze, wo Westberliner auf sie zuströmten und mit lautem Applaus empfangen wurden. Der Seher sah vergnügt zu, wie sich wildfremde Menschen unter dem Brandenburger Tor umarmten und voller Freude und Ungläubigkeit Tränen vergossen. Das Berliner Monument, mit dem griechischen Streitwagen, war für so viele Jahre im Niemandsland gestanden, dass viele beim Berühren der kalten Säulen zutiefst bewegt waren. Einer der Stadtbewohner paradierte wie ein Besessener unter dem Tor hindurch und rief immer wieder 'Ich bin ein Berliner!'
Ist das nicht der Mann aus dem Weißen Haus, fragte sich Michel, der damit vollkommen daneben lag - es war der zukünftige Landstreicher, der glaubte Napoléon zu sein. Der bis dahin noch nicht heruntergekommene Mann begann plötzlich jeden leidenschaftlich zu küssen, wobei auch der Seher einen dicken Schmatz abbekam. Die Grenze war nun endgültig offen und einige starke Männer fingen damit an, die Mauer niederzureißen.
"Souvenirs zu verkaufen!", rief einer von ihnen mit einem Brocken Stein in der Hand. Der französische Beobachter verließ anschließend dieses unvergessliche Volksfest und begab sich frohgemut zurück in die Renaissance.
Endlich einmal ein glückliches Ende, dachte er, als er in seinen Körper zurückschlüpfte. Das sollte öfters passieren, und hüpfte schnell vom Bett runter. Es war bereits mitten in der Nacht, und auf Zehenspitzen schlich er zurück in das Schlafzimmer.
"Anne", flüsterte er, "schläfst du?"
"Ja, ich schlafe, aber komm ruhig ins Bett", und vorsichtig legte er sich neben sie zur Ruhe.
Ein neuer Tag brach an und der frische Wind wehte durch die geöffneten Fenster. Gut ausgeschlafen ging er nach unten und traf dort auf seine Frau, die im Wohnzimmer am Bügeln war.
"Du bist früh dran", sagte Anne, während eine Dampfwolke vom Bügeltisch aufstieg.
"Keine Klienten heute. Aber ist das nicht die Arbeit des Hausmädchens?"
"Sie ist schon seit zwei Tage krank."
"Oh, das ist mir entgangen", murmelte ihr Mann, der sich gegen das Nähkästchen lehnte.
"Heute muss ich mit Christophe noch eine Menge Papierkram erledigen, aber dafür werde ich morgen den ganzen Tag mit dir spazieren gehen", versprach er ihr.
"Ich kann erst übermorgen, denn morgen kommt meine Schwester auf Besuch."
"Also gut, abgemacht", sagte er, als er mit einem Fingerhut herumspielte.
"Möchtest du, dass Jacqueline dir noch ein neues Gewand näht?", fragte sie ihn.
"Ja, prima. Diesmal aber kein schwarzes mehr, lieber wieder ein braunes."
"Sag ihr das doch selbst. Sie würde sich bestimmt darüber freuen."
"Mach ich. Übrigens, ich hatte ein erstaunliches Erlebnis letzte Nacht", berichtete Michel, der sein Bestes tat, sie in seine Erlebniswelt mit einzubeziehen. "Es war so eine Art Jericho - nur, dass es in Deutschland war."
"Ah, die Mauren, die wegen des Glaubens gefallen waren", wusste Anne und setzte das Eisen ab.
"Ja, aber nicht durch den Glauben an Gott, sondern vielmehr durch den an die Freiheit."
"Hört sich interessant an", und begann das nächste Kleidungsstück zu bügeln, während er für sie die Nähte gerade zog.
"Ich mag es, wenn du mir über dein anderes Leben erzählst", sagte sie plötzlich ganz schüchtern und sah sie zum ersten Mal erröten. Christophe kam von der Mansarde herunter.
"Meister, Graf Ercole aus Florenz hat Ihre Stellungnahme noch immer nicht erhalten. Ich befürchte, dass die Übersetzung irgendwo in der Post untergegangen ist. Soll ich eine neue machen?"
"Nein. Schreiben Sie ihm einfach, dass er gründlicher in seiner Administration nachsehen soll. Diese kleine Ratte versucht nur, um mein Honorar herumzukommen", und beide Männer begaben sich unterhaltend nach oben.
Nach dem Besuch von Jacqueline stiegen Anne und Michel tags darauf früh aus den Federn und machten sich auf, mit einem Picknickkorb voller Leckereien, zu den nahe gelegenen Wiesen und Wäldern. Nach einem herrlichen Tag draußen in der Natur, wo sie ihren Korb mit Kräutern und Blumen gefüllt hatten, kehrte das Ehepaar wieder zufrieden nach Hause zurück. Unterwegs kam ihnen der Priester hastig entgegengelaufen.
"Doktor, haben Sie schon die schlechte Nachricht gehört?", fragte er ganz aufgeregt.
"Nein, ich habe allerdings so meine Vermutungen - aber erzählen Sie."
"Der König ist tot", berichtete der Priester mit traurigem Gesicht. "Durch ein Unglück mit einem seine Hauptmänner."
Es war die Eitelkeit, die sein Leitgedanke war, dachte Michel.
"Da Sie eine besondere Verbindung zum Königshaus haben, Doktor", sagte der Priester, "komme ich, um Ihnen zu kondolieren.
"Danke, Ehrwürden. Dies ist ein trauriger Tag für ganz Frankreich." Nachdenklich setzten sie ihren Weg nach Hause fort. Vor ihrem Haus hatte sich bereits eine Menschenschar versammelt die alle ihre Anteilnahme gegenüber dem Mystiker und seine Frau bezeugten, als diese an ihnen vorbeigingen.
Am darauffolgenden Tag wurde der Tod von König Heinrich II. rechtskräftig verkündet und noch am gleichen Nachmittag hielt eine eskortierte Kutsche vor dem Haus der De Nostredames. Als der Gouverneur der Provence ausstieg, strömten die Stadtbewohner herbei. Christophe, der die Tür geöffnet hatte, meldete den hohen Besuch in Windeseile seinem Meister. Der kam hinter seinem Schreibtisch hervor und bat den befreundeten Gouverneur, auf der Veranda Platz zu nehmen.
"Sie wissen natürlich von dem Tod des Königs", mutmaßte Claude de Tende, der sich draußen an den Tisch setzte. Der Gelehrte nickte zustimmend.
"Eine Lanze hatte seinen goldenen Helm durchbohrt, direkt durch das Auge und die Kehle. Zwei Wunden in einem einzigen Übungsduell", informierte ihn der Gouverneur. "Aber abgesehen von dem Schrecken und dem Verlust, die Einheit Frankreichs steht jetzt auf dem Spiel."
"Oh, soweit wird es nicht kommen", meinte sein Gastgeber, dem ein Regentropfen ins Gesicht viel.
"Hoffen wir es. Sie haben ja den Tod des Königs in Ihrem letzten Almanach vorausgesagt. Katharina de Medici hat mich persönlich darüber informiert. Jahrelang habe ich Ihr Werk als eine Art Unterhaltung angesehen, aber nun ist sie zur grausamen Wahrheit geworden. Wissen Sie eigentlich, wie viel Macht Sie haben könnten?"
"Darüber bin ich mir nur allzu bewusst und ich fühle mich äußerst verantwortlich dafür."
"Warum haben Sie dann Heinrich II. nicht davor gewarnt?"
"Der König wollte nichts über Astrologie wissen", erklärte Michel ruhig. Der Gouverneur seufzte tief und war deutlich betroffen von dessen Ableben, das durchaus Konsequenzen für seine eigene Position haben könnte.
"Marguerite de Valois, die Schwester des Königs, möchte Sie wegen einer Konsultation besuchen kommen. Sie wird in Kürze mit Ihnen Kontakt aufnehmen", teilte er ihm mit.
"Sie ist herzlich willkommen. Ich werde ihr zu Diensten sein", versprach der Gelehrte. Claude starrte wieder mutlos vor sich hin.
"Wer wird jetzt Frankreich regieren?", fragte er. "Die Prinzen sind noch zu jung und viel zu unerfahren."
"Die Königin wird das Land regieren. Sie hat sich bereits auf die aktuellen Staatsangelegenheiten vorbereitet", antwortete der Gelehrte, der sich selbstsicher durch den Bart strich. Der Gouverneur sah ihn untertänig an und begriff, dass sein Landsmann von sehr großem Kaliber war. Das Hausmädchen kam mit dem Tee und die Männer unterhielten sich noch eine Zeit lang.
Einige Tage später kam Christophe mit dem bereits erwarteten, königlichen Brief angelaufen.
"Fantastische Neuigkeiten, Meister", berichtete er und Michel überflog schnell was darin stand. Die Schwester des Königs schrieb, dass sie direkt nach dem Begräbnis ihres Bruders für eine Beratung zu ihm kommen wolle, in der Hoffnung, dass sie nicht ungelegen kam.
Des Einen sein Tod ist des Anderen sein Leben, schüttelte Michel den Kopf.
"Christophe, wenn es soweit ist, dann zieh dir was nettes an", und gab seinem Studenten einen goldenen Dukaten.
An jenem Freitag kam eine königliche Kutsche auf dem engen Place de la Poissonnerie an, wo Gardisten die neugierigen Bürger auf Abstand hielten. Marguerite de Valois, gehüllt in Trauerkleidung mit Schleier, betrat das Haus des Sehers, wo dessen Kinder in bester Manier im Vorraum warteten. Nur Paul, der mal wieder hinter den Mädchen her war, fehlte. Sie nickten höflich und bewunderten mit großen Augen ihre opulente Robe. Michel und Anne führten den hoheitlichen Besuch ins Wohnzimmer, das für diesen Anlass besonders herausgeputzt worden war und wo auch Christophe noch kurz seine Aufwartung machte. Anne kondolierte der Schwester des Königs und zog sich dann zurück, damit ihr Mann unter vier Augen mit ihr sprechen konnte. Nach einem kurzen Gespräch bedankte sich Marguerite für seinen Rat, sich fortan aus der Politik heraus zu halten und stattdessen für einige Zeit zur Erholung ans Meer zu fahren. Die königliche Prozession zog danach weiter und auf dem Platz kehrte wieder die gewohnte Ruhe ein.

An einem Sommerabend, konnte Diane einfach nicht einschlafen und so erzählte Anne ihrem jüngsten Kind ein Märchen. Ihr Mann, der gerade zufälligerweise von der Mansarde herunterkam, hörte, wie sie mit ihrer verschleierten Lebensgeschichte begann.
"Es war einmal ein böser Zauberer, der einen Fluch aussprach…", begann sie.
"Geht es um mich?", rief er von der Treppe aus.
"Wenn der Schuh passt, dann zieh ihn an", antwortete sie.
Was ist sie heute wieder scharfzüngig", wunderte er sich und machte sich auf ins Wohnzimmer, wo er mit dem Hausmädchen schwatzte. Nachdem er sich den Pflanzen im Garten gewidmet hatte, kroch er schon früh ins behagliche Bett.
Am folgenden Tag schloss er den sechsten Teil von Die Prophezeiungen ab und brachte das Manuskript sofort zur Post, um es zu seinem Verleger nach Lyon zu senden. Gewöhnlich war dies die Aufgabe von Christophe, doch Michel hatte Verlangen nach etwas Bewegung. Es war ruhig in den Straßen, so dass er glaubte, vor seinen Mitbürgern nicht gestört zu werden. Nach der Aufgabe seines Päckchens schlenderte er auf dem Stadtplatz an seinem Standbild vorbei und beobachtete, wie einige Jungen mit Pfeil und Bogen nach seinem Bildnis schossen.
Solch einen Unfug habe ich noch nie verstanden, dachte er verstimmt. Nanu, wenn das mal nicht Paul, mein eigener Sohn ist, schoss es ihm in den Kopf. Er schien sogar noch der Rädelsführer der Gruppe zu sein und er wollte ihm schon eine Standpauke halten, besann sich dann aber eines besseren.
Ach, lass mal gut sein, dachte er, es ist ja nur eine alberne Statue. Lang lebe die Vergänglichkeit.
Ein Stadtwächter kam um die Ecke gelaufen und entdeckte ebenfalls diese Schelme, wie sie den ganzen Stolz der Stadt entehrten.
"Hei, ihr da, herkommen!", befahl er ihnen lautstark, aber die Kinder preschten auf und davon. Als er Nostradamus dort stehen sah, entschuldigte er sich.
"Ich werde diese Ganoven schon noch zwischen die Finger bekommen, mein Herr."
"Lassen Sie mal, ich finde es nicht so schlimm", besänftigte ihn der Ehrenbürger, der seinen Sohn nur ungern in ein schlechtes Licht stellen wollte und schlenderte dann weiter. Unterwegs wurde er von einem beklemmenden Gefühl heimgesucht und musste sich etwas ausruhen.
Das fühlt sich gar nicht natürlich an, dachte er verstimmt. Da aber nichts weiter passierte, setzte er seinen Weg fort. Nach einer Weile kehrte dieses abscheuliche Gefühl wieder zurück und er musste sich erneut setzen, um sich davon zu erholen. Sobald er sich bewegte, wurde er von einer unkontrollierbaren Macht attackiert.
Ich hätte es wissen müssen, dachte er, die Qualen der Hölle manifestieren sich offenbar schon im Tageslicht, und er beschloss, sofort nach Hause zu gehen, wo er sich gegen diese Übermacht besser schützen konnte. Auf dem Rückweg wurde er fortwährend von der anderen Welt belagert und dieser Kampf zehrte enorm an seinen Kräften. Wiederholt musste er anhalten und die Umstehenden schauten überrascht auf ihren taumelnden Mitbürger, der normalerweise, trotz seines hohen Alters, immer stramm daherkam. Unaufhörlich taumelte er weiter und hörte dabei mehrere Male 'Kann ich helfen?'. Die innere Kraft jedoch war so intensiv und derart dunkel, dass er keine Antwort geben konnte und von einem Moment auf den anderen in die Knie ging. Einige Mitbewohner eilten ihm daraufhin zur Hilfe und trugen ihn nach Hause. Alarmiert, übernahmen ihn Anne und Christophe und führten ihn nach oben ins sein Bett. Dort begann Michel regelrechte Anfälle zu bekommen und Anne saß angsterfüllt an seiner Seite. Ihr Ehemann sah aus, als ob er seinen Verstand verlieren würde. Er verteidigte sich gegen die Gespenster und schrie: "Dreimal täglich Mundwasser!". Für einen Augenblick beruhigte er sich und sie versuchte sofort mit ihm Kontakt aufzunehmen.
"Was passiert mit dir?!", fragte sie in Panik.
"Jemand will mich töten", gab er blutleer zurück. Er war leichenblass. Selbst seine normalerweise rosige Wangenfarbe war verschwunden. Als ein heftiger Anfall folgte, verlor er sein Bewusstsein. Sein Geist landete auf einer der Stufen des Fegefeuers und gelangte in die Hände des Bösen.

Im dunklen Laboratorium stand ein großer Tisch voll von Reagenzgläschen, Glasschalen, Messbecher und Flaschen, mit denen Nostradamus für ein abschließendes, dunkles Experiment herumhantierte. Verschiedene Elixiere waren über einem Feuerchen am brodeln und die aufsteigenden Dämpfe umnebelten sein Gesicht.
"Abrakadabra, gleich ist es Gold und jeder tanzt nach meinem Geheiß", brüllte er lachend. Aufgeregt tröpfelte er noch eine letzte alchemistische Substanz in den reichlich gefüllten Kolben und gab sicherheitshalber noch etwas Alkohol dazu. Dann brachte er die Flüssigkeit mit dem zerkrümelten Blei zum Brodeln, um anschließend diese Mischung in ihre festen und flüchtigen Bestandteile zu destillieren.
"Jetzt noch etwas Schwarzpulver dazu", kicherte er und kramte in einem Schrank herum. Mit einem Glaszylinder in der Hand, kehrte er zu der blubbernden Flüssigkeit zurück.
"Diesmal wird mir die Macht nicht entgleiten." Plötzlich wurde die Tür vom Schuppen aufgerissen und vor lauter Schrecken ließ er den Glaszylinder fallen, der in Tausend Splitter zerbarst. Er starrte geradewegs in den Lauf einer Mörderwaffe.
"Tötet den Zauberer!", befahl eine mechanische Stimme aus dem Nichts. Instinktiv duckte sich der Alchemist zur Seite, woraufhin dann der Tisch mit all den Glasinstrumenten von einer riesigen Kugel komplett in Stücke zerfetzt wurde.
"Mein teures Labor! Total zerstört! Du elendiger Schurke, wer auch immer du sein magst", doch seine Worte blieben ihm im Hals stecken, als der Lauf der Waffe erneut auf ihn gerichtet wurde. In letzter Sekunde kamen einige muskulöse Bewacher, die draußen Wacht standen, ihm zu Hilfe.
"Vernichtet den Eindringling, Männer!", befahl er, aber die Wachen wurden einer nach dem anderen umgebracht. Um sein Leben zu retten, musste er aus dem Raum fliehen.
"Idiotenpack", maulte der Gelehrte, als er durch einen von Fackeln beleuchteten Gang floh. Entlang der Mauer kam eine Kugel angeflogen. Der Fremdling war ihm auf den Fersen und es wurde wieder und wieder auf ihn gefeuert. Gerade noch rechtzeitig konnte Nostradamus in einen Raum fliehen, in dem Mönche in grauen Kutten meditierten.
Sollen doch die die Kugeln abfangen, dachte er herzlos als er sich unter sie mischte. Einen Augenblick später vernichtete der Verfolger die Diener Gottes, die ihm im Weg standen. Der Gelehrte eilte unterdessen durch diesen unterirdischen Komplex und landete in einer großen Bibliothek, die von zahllosen Feuern erhellt wurde. Hastig verriegelte er die schwere Holztür hinter sich.
Der kommt nie hier herein, war er überzeugt und ging entspannt zu dem Regal mit den jahrhundertealten Büchern. All diese kostbaren Manuskripte waren allerdings nutzlos, jetzt, da er die goldene Formel besaß. Genau in diesem Moment wurde die Eingangstür von einem Schuss zerschmettert. Aufgeschreckt spurtete er entlang den Bücherregalen, um sich dahinter zu verstecken. Sein Verfolger war nicht zu stoppen und schoss alles über den Haufen. Feuer brach aus und in diesem ganzen Chaos gelang es Nostradamus, durch eine Falltür zu entkommen. Er landete in einem grottenähnlichen Tunnel, durch den er sich schleunigst davonmachte. Ein Stück weiter, blieb er ganz ruhig stehen, um zu hören, ob dieser Mörder noch immer hinter ihm her war. Glücklicherweise hörte er nichts.
Das wäre auch überstanden, wähnte er sich in Sicherheit und erreichte einige Zeit später einen unterirdischen See. Auf einmal kam diese grausame Waffe wieder zum Vorschein und wurde geradewegs auf ihn gerichtet. Überraschenderweise versuchten ein paar Fledermäuse ihn zu beschützen, wurden aber sofort niedergeschossen. Der Alchemist zuckte mit den Schultern, sprang in den See und schwamm davon. Dabei blieb er solange wie möglich unter Wasser, denn jedes Mal wenn er Atem holen musste, flogen ihm die Kugeln direkt um die Ohren. Mit mehr Glück als Verstand schaffte er es, die andere Seite des Sees zu erreichen, wo er sich dann triumphierend an den Felsen hochzog. Dann, ganz plötzlich, wurde er unter Beschuss genommen und brach zusammen.
"Willst du noch mal ein Spiel spielen?", fragte die mechanische Stimme.
"Klar, aber erst muss ich mich kurz ausruhen", antwortete jemand. "Was ist mein Score?"
"1566 Punkte."
In dem dunklen Laboratorium stand ein Tisch voll von Reagenzgläschen und Messbechern und dahinter stand Nostradamus, der kurz davor war, eine große Erfindung zu machen. Verschiedene Elixiere brodelten über einem Feuer, während aufsteigender Dampf sein Gesicht vernebelte.
Die Königin wird zufrieden sein, freute er sich, und tröpfelte ganz vorsichtig noch etwas Vitriol in den Kolben und gab noch ein wenig Alkohol dazu. Als die Flüssigkeit mit dem zerkrümelten Blei den Siedepunkt erreichte, fing er die Destillation in einem langhalsigen Kolben auf.
"Das sieht noch nicht sehr beeindruckend aus", faselte er und suchte in einem Regal hinter sich nach weiteren Zusatzstoffen. Plötzlich wurde die Tür des Schuppens aufgerissen und vor lauter Schrecken zerschmetterte er einen Glastrichter. Er starrte geradewegs in den Lauf einer Waffe.
"Tötet den Zauberer!", sprach eine mechanische Stimme. In einer Reflexbewegung sprang Michel zur Seite, wobei er den Tisch, mit den ganzen Glasinstrumenten, umstieß.
Meine letzte Stunde hat geschlagen, doch unverhofft versuchten einige Wachen ihn zu beschützen. Sie wurden jedoch alle in kürzester Zeit vor seinen Augen niedergeschossen und in größter Not erkannte er einen der Gefallenen.
"Opa wurde erwischt", wimmerte er, als er zu ihm hin kroch. Jean lag nach dem Versuch, seinen Enkel zu retten, mausetot auf dem Boden. Viel Zeit blieb ihm nicht darüber nachzudenken, denn die Waffe war erneut auf ihn gerichtet. Halsüberkopf flüchtete er aus seinem Laboratorium und rannte einen endlos langen Korridor entlang. Das Phantom donnerte schießend hinter ihm her. Noch am Leben, konnte der Alchemist in einen anderen Raum fliehen, wo andere Verwandte sich nichtsahnend unterhielten.
"Yolande, Victor! Macht, dass ihr wegkommt!" schrie er, doch auch sie wurden von dem näherkommenden Spuk im Handumdrehen vernichtet. Taumelnd rannte Nostradamus weiter und landete in einer jahrhundertealten Bibliothek, wo er die Zugangstür hastig hinter sich verriegelte. Keuchend, fing er wieder Atem.
"Ich habe ein großartiges Buch für dich", sagte auf einmal jemand.
"Abigail! Wir haben wenig Zeit!", antwortete er voller Panik.
"Komm, komm, Eile mit Weile", meinte der Buchhändler mit beruhigender Stimme und zog ihn hin zum Schatz des Wissens.
"Abigail, jetzt hör mir doch mal zu! Wir müssen hier wirklich augenblicklich…", aber seine Worte wurden brutal unterbrochen, denn die Tür wurde gleich bei den Philistern aufgeschossen. Das Phantom glaubte, seine Beute bereits in der Falle zu haben. Er machte mit Abigail sofort kurzen Prozess. Michel stob davon und verschanzte sich hinter dem Bücherregal. Daraufhin wurde die ganze Bibliothek derartig niedergeschossen, dass die kostbaren Bücher in einem Flammenmeer untergingen. Dank dem Chaos, gelang es dem Gelehrten über eine Falltreppe zu entkommen und landete in einem stockdunklen, unterirdischen Korridor.
"Wie gut, dass ich eine Kerze mitgenommen habe", murmelte er und kramte in seinem Beutel herum. "Isabelle, halt noch etwas durch. Wir werden es schaffen." Mit einem Licht in der Hand und seiner Tochter auf dem Rücken, stapfte er durch den Tunnel. Hinter ihm erklang plötzlich ein Geräusch.
"Allmächtiger, läuft denn heute alles schief?!", lamentierte er und eilte weiter. Das Phantom mit seinen blutrünstigen Hunden war inzwischen in die Höhle eingedrungen. Das Gekläff klang angsteinflößend. Das aufgescheuchte Paar erreichte etwas später einen unterirdischen See, wo Michel kurz zögerte. Sie konnten nicht weiter! Der Dämon hatte sie wieder eingeholt und richtete seine Waffe auf sie.
"Isabelle, hol tief Luft", gebot der Vater, aber noch bevor er ins Wasser tauchen konnte, setzte ein Volltreffer seinem Fluchtversuch ein Ende.
"Willst du noch ein Spiel spielen?", fragte eine mechanische Stimme.
"Ja, aber jetzt ein Niveau höher."
In dem dunklen Laboratorium stand ein Tisch, übersät mit Reagenzgläschen, hinter dem Nostradamus mit einem einzigartigen Experiment beschäftigt war.
"Das erzeugen von Gold ist wie das reinigen von Körper und Geist", sprach er mit sich selbst. Dann schüttete er noch etwas Salpeter in das brodelnde Gebräu, was eine unvorhergesehene Reaktion zur Folge hatte. Eine große Stichflamme verbrannte ihm den Bart und holte ihn aus seinem Rausch.
"Abrakadabra: ich erschaffe durch sprechen." Aber was für ein Durcheinander auf dem Tisch, dachte er plötzlich mit klarem Verstand. Es wird ein Spiel mit mir gespielt, und sah sich wachsam im Raum um.
Dies ist nicht mein Arbeitszimmer, stellte er sehr schnell fest. Plötzlich flog die Tür zum Schuppen auf und er sah direkt in den Lauf einer schrecklichen Waffe.
"Ein Höllenbewohner", stotterte er verwirrt.
"Tötet den Zauberer!", erklang eine Stimme aus dem Nichts. Der aufgeweckte Alchemist tauchte zur Seite und rollte zum Laboratorium hinaus, während seine Glasinstrumente zu Splittern geschossen wurden.
Wie komme ich aus diesem Dilemma wieder heraus, fragte er sich unter Todesangst. Aber da er keine Idee hatte, rannte er einfach los. Nachdem er durch einige Korridore gerannt war, holte der Höllenbewohner ihn ein. Gerade noch rechtzeitig, konnte sich Michel in eine jahrhundertealte Bibliothek retten, wo er den Riegel des Tores hinter sich zuschob.
"Ein Moment der Ruhe", seufzte er und während er neuen Atem schöpfte, erkundete er seine Umgebung. Der gigantische Raum schien eine überwältigende Anzahl an Büchern zu beherbergen.
"Die Akasha-Chronik, die Bibliothek aller Zeiten!" Hier musste die Lösung liegen und eilte hinüber zu den Dokumenten. Er nahm aus dem Regal das erstbeste Buch, auf dem mit illuminierten Buchstaben 'Das Elixier der Glückseligkeit von Al-Ghazali' stand.
Der Muselmann aus Sizilien, erinnerte er sich auf einmal und begann in größter Eile durch das Buch zu blättern. Die erste Passage sprach von den sieben Tälern der Seele. Und auf der Suche nach dem richtigen Schlüssel, hielt er ein stetes Auge auf das Eingangstor.
Prüfung, Donner, Abgrund, Lobgesang, göttliche Führung. Das bietet keinen Trost, klagte er. Lass es mich finden - schnell jetzt!
Es war ein Klappern zu hören, der Höllenbewohner hantierte mit dem Tor.
Buße, Blockaden, Beschwörungen, das ist es, was ich suche.
Dann zerbarst die hölzerne Tür in Tausend Stücke durch eine enorme Feuersbrunst, woraufhin ihm das Buch aus den Händen viel.
"Bei Jupiter, bleib stehen oder ich schieße", schwor der Gelehrte, der gleichzeitig seinen rechten Zeigefinger und Mittelfinger auf die Gefahr richtete. Der Höllenbewohner erstarrte sichtlich. Mit zusammengekniffenen Backen ging Michel auf ihn zu und als er sich ihm genähert hatte, blickte er entlang eines Waffenlaufs, um zu sehen, mit wem er es zu tun hatte.
"Jesus, Maria und Josef, ein kleines Negerlein am Abzug!", fluchte er und seine Augen brannten mit Bosheit. Der kreolische Junge erschrak derartig, dass er die Feuerwaffe fallen ließ und wegrannte, so schnell wie seine Beine ihn tragen konnten. Der Bann war gebrochen. Die höllische Terrasse schmolz dahin, wie Schnee in der Sonne und eine zentnerschwere Last war von Michels Schultern gefallen. Es offenbarte sich ihm wieder sein Schlafraum, wo Anne noch immer seine Hand hielt.
"Was für eine Schlangengrube", stöhnte ihr Mann als er wieder zu Bewusstsein kam. Danach stieg er gestärkt aus dem Bett und ließ seine Frau mit offenem Mund sitzen.
"Verzeih, mein Schatz", entschuldigte er sich und ging zurück, um ihr einen Kuss zu geben. "Eine Frage noch, was hast du gestern Abend Diane erzählt?"
"Nur ein Märchen mit einem glücklichen Ende", stotterte sie. "Wieso?"
"Ich denke, sie hat wegen mir fantasiert. Kannst du ihr nächstes Mal nicht lieber ein Schlafliedchen vorsingen?"
"Dafür ist sie doch schon zu alt", sagte Anne, als sie vom Bett aufstieg.
"Dann eben etwas anderes! Hauptsache es erinnert sie nicht an mich", und er ging nach oben zu seinem Gehilfen, der in der Mansarde saß.
"Heute muss ich noch eine Wörtchen mit Paul sprechen", redete er mit sich selbst auf dem Weg nach oben, "sonst endet der Junge noch am Galgen oder Rad."
"Geht es Ihnen wieder besser, Meister?", fragte sein Helfer mit einem Gänsekiel in der zittrigen Hand.
"Unkraut vergeht nicht, Christophe, auch wenn mich dieses verdammte Rheuma plagt", und er machte sich Notizen von dieser virtuellen Welt, die ihn noch vor kurzem im Griff hielt.
Künstliches, düsteres Land mit mir in der Hauptrolle, kritzelte er in sein Notizbuch.
"Würden Sie mir alle Märchen, in denen magische Waffen vorkommen, zusammensuchen?", fragte er. Sein Sekretär versprach, es so schnell wie möglich zu machen.
"Eines Tages werden die Kinder die Welt regieren", erklärte ihm sein Meister.
"Das will ich nicht hoffen", meinte Christophe, der seine Feder wieder unter Kontrolle hatte.
"Dann produzieren Sie keine Nachkommen. Für mich ist es bereits zu spät", und der Gelehrte ging wieder zur Tagesordnung über.
Heute Nacht werde ich sehen, ob es in den Sternen geschrieben steht.
Für den Rest des Nachmittags wühlte er sich durch einen Stapel Horoskope.






Kapitel 11


Fünfundvierzig Grad wird der Himmel brennen,
Feuer nahe der großen neuen Stadt.
Sogleich schießt eine große, ausschlagende Flamme hervor,
so dass die Nordländer sich beugen werden

Ein lauter Gong klang durch das ganze Haus und jeder hielt sich die Ohren zu. Die silberne Öllampe, ein Geschenk von Graf Ercole als Wiedergutmachung, tanzte beinahe vom Tisch und das Hausmädchen war so erschrocken, dass es auf die Straße lief.
"Du hast schon wieder ein neues Spielzeug?", klagte Anne als ihr Ehemann voller Ekstase die Treppe runter kam.
"Ich teste nur meinen neuen Gong", verteidigte er sich, "er ist gestern aus Marseille angeliefert worden."
"Du wirst doch damit nicht etwa Musik machen, oder", fragte sie allen Ernstes. "Denn dann wird die ganze Nachbarschaft, einschließlich deiner Familie, davonlaufen."
"Nee, natürlich nicht. Soweit wird es nicht kommen", versicherte er ihr und nahm daraufhin auf seinem gewohnten Platz in der Nähe des Herdes Platz, um die freigewordene Energie zu genießen. Anne ging zu ihrer Tochter, um ihr das Haar zu frisieren. Sie wartete bereits beim großen Tisch am Fenster. Von dort hatte man einen herrlichen Blick in den Garten. Während ein zarter Sonnenstrahl Mutter und Tochter beschien, verfolgte der Vater dieses amüsante Schauspiel von seinem Schaukelstuhl aus. Währenddessen schenkte er sich ein Gläschen Wein ein. Eine Stunde später war der letzte Zopf geflochten und die Mutter bündelte alle Zöpfe zusammen und band sie zu einer Krone.
"Nur noch einen Moment", beruhigte sie ihre Tochter, die schon nicht mehr still sitzen wollte. "So, bitteschön, fertig", und gab ihr einen Spiegel. Zufrieden mit der Frisur nach venezianischem Stil, dankte Madeleine ihrer Mutter.
"Meine Freundinnen werden staunen", sagte sie und ging sofort nach draußen, um sich zur Schau zu stellen. Die anderen Kinder kamen ins Haus geeilt und ein weiterer Tag neigte sich seinem Ende. Abends um sieben hatte Christophe sich verabschiedet und der Meister entspannte sich zusammen mit seiner Frau auf der Terrasse.
"Du wirst heute Abend ohne mich auskommen müssen. Die Planeten stehen äußerst günstig und es gibt einiges an Arbeit", informierte er sie.
"Gut, mein Liebster. Komm zu mir wann immer du möchtest…Hauptsache du bleibst mir nur von diesem scheußlichen Gong weg", sagte sie und er sich daraufhin umgehend in die Mansarde begab. Der getriebene Forscher legte sich unter ein Laken und stellte zu seiner Überraschung fest, dass der Gong noch immer in seinem Körper nachvibrierte.
"Dieses Ding hat es in sich", murmelte er und driftete bald hinüber in eine andere Sphäre.
Langsam entfaltete sich eine Etage vor seinem dritten Auge, mit einem Fensterglas, durch das man vom Boden bis zur Decke durchsehen konnte. Nostradamus landete allmählich mit seinem ganzen Körper in einer Einkaufsstraße und sah sich schnell um. Seine Anwesenheit schien offenbar nicht aufzufallen. Er war in einem wahren Einkaufsparadies gelandet. Menschen aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen spazierten mit schicken Taschen herum und gingen von einem Geschäft ins nächste. Neben den vielen Schnäppchenjägern wimmelte es nur so von angebotenen Waren, blinkenden Reklametafeln und unmöglich hohen Gebäuden, die bis zu den Wolken reichten. Die Etage auf der er gelandet war, zeigte extrem fortschrittliche Produkte. So entdeckte er Flimmerkästen in allen Größen und Formen, die sich bewegende Bilder von einem Sprecher, von Schauspielern, Sportsereignissen aber vor allem von fantasiereichen Spielen zeigten. Die Letzteren waren so genannte Computerspiele und die Schirme zeigten eine bunte Auswahl von Action-Figuren, auf die ständig geschossen wurde.
Diese Spiele erinnern mich an das Land, wo ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, eine Hauptrolle darin zu spielen, dachte er. Aus einem Laden, dessen Türen seiner Ansicht nach unnötig offenstanden, drangen Dschungelgeräusche, auf die Michel zutriebe. In dem Geschäft mit den ohrenbetäubenden Musikrhythmen und kreischenden Bestien, suchten Kunden, ungestört von dem Lärm, nach eigenartigen Produkten. Es gab eine lange Reihe von Menschen, die darauf warteten ihre unnachahmlichen Sachen zu bezahlen. Die Beschreibungen halfen ihm einigermaßen weiter. So unterschied er die Audio-, Television- und Computerabteilung voneinander und jede besaß eine Wand voller Apparaturen. Es machte ihn direkt schwindlig. Etwas weiter entdeckte er auf einem langen, niedren Regal ein großes Angebot von Spielen, allesamt mit kriegerisch klingenden Titeln. Vornehmlich Kinder waren in den Bann dieser bedenklichen Spiele geraten, beobachtete er. Dieser mordlustige kleine Afrikaner, mit seiner höllischen Waffe, war leider nicht der einzige seiner Art, und er betrachtete sich das Angebot einmal näher. Blockbuster - Space Invaders - Battlefront, las er unter anderem.
Oh je, wenn ich tatsächlich auf einen Titel mit meinem eigenen Namen stoßen sollte, dann sieht meine Zukunft aber gar nicht rosig aus. Bei dem Gedanken, dass Millionen kleiner Dumpfbacken ihre Frustration an seinem Bildnis abreagierten, überkam ihn eine Gänsehaut. Auf der Rückseite der Verpackung standen klein gedruckt die Informationen über den Erfinder.
Diesen Platz muss ich mir merken, dachte er. Man weiß ja nie…Glücklicherweise war nirgends ein Spiel mit seinem Namen darauf zu entdecken. Hinter einer Ladentheke, die die Form eines Lebensbaumes hatte, kam ein Asiat hervor und ging auf ihn zu.
"Kann ich behilflich sein?", fragte er. Der Kabbalist wollte gerade antworten, doch die Frage war nicht an ihn gerichtet, sondern vielmehr an das kleine Kind, das vor ihm stand.
Ich glaube, ich bekomme die Pest, durchzuckte es ihn. Wenn das nicht das kleine schwarze Monster ist, das mich um die Ecke bringen wollte!
"Ich suche das neuste Spiel von Schnappt den Magier", antwortete der Junge.
"Es liegt noch nicht in den Regalen", erklärte der Verkäufer, "ab keine Sorge, ich hole dir eines vom Lager." Einen Augenblick später stand der Bursche bereits an der Kasse, um sein neustes Spiel zu bezahlen.
Das bedeutet ja, dass meine Person massenhaft missbraucht wird, schüttelte es Michel als der junge Übeltäter den Laden verließ.
"Hei, du kleiner Schelm, wo gehst du hin?", rief er verbissen, aber der Junge konnte ihn nicht hören und überquerte die Straße, dort, wo nur gelbe Autos herumfuhren. Der Gelehrte spurtete hinter ihm her, schrak aber dann vor dem dichten Verkehr zurück und der Junge verschwand in der Menschenmenge auf der anderen Straßenseite.
Wie kann ein Kind nur auf derartige Ideen kommen, wunderte er sich, als er mit größter Mühe die Straße überquerte. Nach einiger Zeit entdeckte er das Kerlchen wieder, als er auf dem Trottoir auf eine Bushaltestelle zuging. Da stoppte auch schon ein Bus in den der Junge und einige andere Menschen einstiegen.
"Die Rollen sind jetzt getauscht, Freundchen", murrte der Seher, der sekundenschnell zum Fahrzeug eilte und sich hineindrängte.
"Kann ich bitte Ihre Fahrkarte sehen?", fragte der Busfahrer. Michel griff nach seinem braunen, taschenlosen Gewand und entschuldigte sich. Wieder war die Frage nicht an ihn gestellt, sondern an eine alte Dame, die bereitwillig ihr Kärtchen herzeigte. Geister aus anderen Zeiten wurden einfach immer wieder übergangen. Jeder hier wurde von dem verführerischen Stadtleben in Beschlag genommen. Die Passagiere sahen sich weder um noch an und waren einzig mit sich selbst beschäftigt. So auch der kleine Junge, der sich in der letzten Reihe neben einen Japaner setzte und anfing, auf seinem Taschencomputer herumzuspielen. Sein Verfolger setzte sich ganz in der Nähe auf einen der leeren Plätze.
Wenn ich das Spiel nur näher betrachten könnte, dann könnte ich vielleicht erkennen, wer es entwickelt hat, dachte er und der Bus fuhr ab. Warenhäuser, Cafés, Museen und Boutiquen huschten an ihm vorbei. Da alle Straßen der Stadt nummeriert waren, musste es ein Leichtes sein, sich hier zurechtzufinden. Der Bus näherte sich einem gigantischen Park mit gepflegten Grünflachen, Bäumen und Teichen.
Dies musste die Neue Welt sein, das Land der nördlichen Bewohner, mutmaßte der Träumer, der jeden Eindruck in sich aufsog. Immer wieder beobachtete er den Jungen, der noch immer ganz friedlich auf der Rückbank saß.
Dieser kleine Lockenkopf darf mir unter gar keinen Umständen entkommen und dachte dabei an das Spiel. Irgendwie sieht der gar nicht so gefährlich aus. Entweder trügt der Schein oder ich habe mir ein zu schnelles Urteil gebildet.
Unverhofft sprang der Junge auf und stieg aus dem zum Stillstand gekommenen Bus. Sein Verfolger eilte hinter ihm her, aber diesmal bevor die Türen wieder zuschlugen. Ähnliche Hindernisse hatte er schon miterlebt. Der Bursche betrat den Central Park und ging auf einem Pfad zwischen blühenden Sträuchern entlang zu einer Skaterbahn, wo er einige seiner Freunde traf. Die kamen auf Brettern, unter denen Rollen montiert waren, angefahren.
"Hei, Joe", rief einer von ihnen, woraufhin der Junge seine Hand ausstreckte.
"Wo ist dein Skateboard?", wollten sie wissen.
"Es war was dazwischen gekommen… Ich hab ein cooles Spiel gekauft", und Joe holte es aus seinem Rucksack. Der französische Geist kreiste umher und versuchte, die Rückseite der Verpackung zu lesen, aber Joe packte es schon wieder weg. Die Burschen kletterten danach auf einen der alten Bäume und sprangen augenblicklich wieder hinunter. Sie liefen weiter und überquerten eine Fußgängerbrücke aus Eisen. Dort orientierte sich dann der Seher und sah die Eindruck erweckende Kulisse von Wolkenkratzern, die am Park angrenzten.
Das ist schon ein Unterschied zu Paris, fand er. Im Tiergarten entschieden die Jungs dann, dass jeder seinen eigenen Weg gehen würde und Joe entschied sich für einen anderen Ausgang, um den Park zu verlassen. Er stieg wieder in einen Bus und der Geist folgte ihm erneut. Der Bus fuhr entlang eines Boulevards wo sich unzählige Theatergebäude, Hotels und Nachtclubs nebeneinander befanden. Die Straße war voll von schrillen Reklametafeln und auf der größten stand Coca Cola.
Zum wahnsinnig werden, dachte Michel, der Kopfschmerzen davon bekam. Der Junge spielte unterdessen wieder mit seinem Taschencomputer, während er den Rucksack zwischen seinen Beinen eingeklemmt hielt. Nach der aufregenden Fahrt durch das Nachtviertel mit seinen Neonlichtern verließ der Bus die überfüllte Insel, indem er über eine enorme Brücke fuhr. Nostradamus drehte sich nach hinten um, um diese großartige Ansicht zu genießen. Die Silhouette der hohlen Berge zeichnete sich scharf vom blauen Himmel ab.
Die Stadt mit dem Horn des Überflusses, philosophierte Michel, der Joe fortwährend im Auge behielt. Aber der hing noch immer an seinem Spielzeug. Nach der Brücke bog der Bus rechts ab und fuhr entlang einer Promenade. Bei der nächsten Haltestelle stieg der Junge aus und stapfte zu einem nahe gelegenen Wohngebiet. Ein paar Straßen weiter klingelte er bei einem gepflegten Reihenhaus, wo eine Frau ihm die Tür öffnete.
"Wenn du willst, dann kannst du noch etwas draußen bleiben, Joe", sagte seine Mutter. "In ungefähr einer halben Stunde ist das Essen fertig." Ihr Sohn schlenderte zurück zum Flussufer, wo er sich auf eine Bank setzte. Er befreite sich von seinem Rucksack und blickte kurz in die Richtung, wo eine steinerne Wache stand, die eine Fackel empor hielt. Dann öffnete er seinen Rucksack, holte das Spiel wieder heraus und starrte ganz fasziniert auf das Bild auf der Schachtel.
"Dreh das verdammte Ding endlich um", fluchte Michel, doch seine Worte blieben ohne jeglichen Effekt.
Ich muss etwas unternehmen, damit das Spiel nicht verbreitet wird...
Er versuchte es aus Joes Händen zu reißen, bekam es aber nicht zu fassen. Sein Wille hatte hier keinen Wert, und mutlos ging er zu seinem ehemaligen Gegner und setzte sich neben ihn.
Ich werde es einfach akzeptieren müssen, dachte er, bis dass Joe auf einmal zu sprechen begann.
"Wow! Das bist ja du!", und zeigte dem Zauberer das Bild auf der Packung. Der erkannte sein eigenes Gesicht. Es war etwas zu kantig, was ihm einen eher grimmigen Blick verlieh, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Das gezeigte Portrait musste ohne sein Wissen gemacht worden sein, wahrscheinlich während seinem Besuch bei Katharina de Medici.
"Ja, das bin ich tatsächlich, aber hast du denn keine Angst vor mir?"
"Nein. Warum?", fragte Joe.
"Lass mal", antwortete er sauer. Angst vor Geistern war scheinbar von gestern.
"Auf dem Bild trägst du einen Piratenhut", fuhr Joe fort.
"Einen Offiziershut", verbesserte Michel ihn, während er an seinen kahlen Kopf fasste, "nun, die bin ich allerdings los."
"Du bist nicht aus New York, oder?"
"Nein, ich komme aus einer anderen Welt. Aber sag mal, macht es dir eigentlich Spaß, mich später abknallen zu wollen?" Joe erschrak bei dieser Frage und musste kurz überlegen.
"Es ist doch nur ein Spiel…"
"Das denkst du, aber Gedanken sind mächtig, weißt du."
"Aber jeder spielt doch Spiele", reagierte der Junge ganz verzweifelt.
Im Grunde genommen ist er ja ein ganz passables Kerlchen, dachte Michel, ihm fehlt es eben nur an der richtigen Erziehung.
"Hast du schon mal was von Karma gehört?", fragte er ihn dann.
"Nee, was ist das?"
"Das ist keine Person, vielmehr ein kosmisches Gesetz. Alle deine Taten, auch Gedanken sind Taten, haben eine Auswirkung. Ein intelligentes Wesen wird daher nichts unternehmen, was sich gegen die Schöpfung richten könnte."
"Was hat das Spiel jetzt mit der Schöpfung zu tun", fragte Joe, der das alles nicht fasste.
"Lass es mich einfacher formulieren: wenn Tausende von Kindern anfangen, mich niederzuschießen, dann wird mein Herz so schwer werden, dass ich für immer und ewig in der Hölle schmoren muss."
"Das will ich wirklich nicht", sagte Joe.
"Ich auch nicht", bekannte Michel.
"Ich kann dieses Spiel noch umtauschen…"
"Vielen Dank für deine guten Vorsätze, aber es würde nicht viel ändern, denn es gibt ja noch unzählige Kopien davon."
"Oh, nein!", rief der Junge plötzlich. "Ich komme zu spät zum Essen", und rannte davon. Der Zauberer blieb erstaunt zurück, holte ihn aber flugs wieder ein.
"Hei, verabschiedet ihr euch hier alle so voneinander?"
"Oh, tut mir Leid, ich muss pünktlich zu Hause sein. Aber ich kann ja fragen, ob du mitessen darfst", und als sie das Wohnhaus erreichten, klingelte er erneut. Seine Mutter öffnete tadelnd die Tür.
"Wir haben schon gegessen, Sohn. Du kommst zu spät, und das obwohl du eine so schöne Uhr zu deinem Geburtstag bekommen hast."
"Es tut mir Leid, Mom."
"Schon gut. Ich wärm dir das Essen auf", seufzte sie.
"Darf mein Freund zum Essen bleiben?", fragte er ganz vorsichtig, denn es war wirklich nicht der geschickteste Moment, um nach einem Gefallen zu fragen.
"Was für einen Freund? Ich sehe niemanden."
"Er war doch gerade noch hier", sagte Joe, der sich verwundert umschaute und verwirrt hinter seiner Mutter herlief. Etwas später, stieg er mit seinem aufgewärmten Essen die Treppe hinauf zu seinem Zimmer, wo der Zauberer bereits auf ihn wartete.
"Oh, da bist du! Wo warst du denn?", fragte der Junge.
"Ich war bei dir, aber du konntest mich nicht mehr sehen." Joe machte ein verblüfftes Gesicht und bot ihm ein Stück vom Hühnchen an.
"Nein danke, ich habe bereits gegessen. Aber du könntest mir einen Gefallen tun und mir dein neues Spiel zeigen."
"Du willst bestimmt ein Spiel spielen?"
"Nein, nicht wirklich. Ich bin nicht gerade erpicht darauf, mich selber abzuschießen, vielmehr möchte ich herausfinden, wer dieses ekelige Spiel über mich erfunden hat."
"Oh, das kannst du ganz leicht aus dem Internet erfahren", bot Joe an, der noch am essen war.
"Internet? Was ist das?"
"Das ist das World Wide Web, eine globale Vernetzung, wo man alles in Erfahrung bringen kann."
"Aha, du meinst die Akasha Chroniken?"
"Eh, die kenne ich nicht, aber ich werde es dir auf dem Computer zeigen", und schaltete den Apparat ein.
"Ich will später Informatiker werden", erzählte Joe, während er am warten war.
"Fein, Hauptsache, du denkst nicht an diese mörderischen Spiele." Aber der Junge hörte ihn schon nicht mehr, da er von dem Geräusche machenden Computer in Beschlag genommen wurde.
"Ich dachte schon du seiest verrückt, aber wie es scheint, bist du ganz in Ordnung", bemerkte Michel, als Joe für einen Moment aufhörte, die Tastatur zu bearbeiten.
"Danke."
"Was für ein prächtiges Schiff, das du dort drüben auf der Fensterbank stehen hast."
"Es ist ein Modell der Voorzienigheid", erklärte der Junge stolz. "Im siebzehnten Jahrhundert wurden damit Sklaven transportiert."
"Oh ja, der Mensch ist nicht immer freundlich. Homo homini lupus est - der Mensch ist ein Wolf."
"Sieh her, das hier ist jetzt eine Suchmaschine, wo du Suchwörter eingeben kannst", wies Joe ihn an, als das Bild zum Vorschein kam und er sofort damit begann, Wörter einzutippen.
"Ich kann noch nichts finden", sagte er nach einigen Versuchen.
"Probier doch mal 'Erfinder - Spiel - Zauberer und Narr' zusammen", bot Michel an, aber auch diesmal kamen keine Ergebnisse dabei heraus.
"Suchmaschinen die nichts finden können", maulte Joe. "Hol einfach die Hülle und lass mich mal die Rückseite sehen. Da muss doch irgendeine Information darauf stehen." Joe stand auf und holte seinen Rucksack, der in einer Ecke des Zimmers lag.
"Mist! Das Spiel ist nicht mehr da. Ich muss es beim Fluss liegen gelassen haben."
"Dann lass uns sofort gehen", schlug der Magier vor und sie rannten aus dem Haus in Richtung Promenade.
"Zu spät, das Spiel ist weg", bedauerte Joe, als sie sich der Bank näherten. Er begann, eifrig die Umgebung abzusuchen und bemerkte plötzlich etwas. "Der da, der hat die Plastiktasche, in der mein Spiel ist."
"Komm schon, keine Zeit verlieren", sagte Michel, aber sein Freund wurde schneeweiß im Gesicht.
"Was ist los?"
"Er gehört zu den Crips", antwortete Joe verängstigt, "die sind lebensgefährlich."
"Nun, Crip oder Chip, ich habe keine andere Wahl", und er schob den Jungen zur Seite und nahm zielstrebig die Verfolgung auf.
"Hei, kannst du nicht auf Wiedersehen sagen?", rief Joe, doch der Fremde war bereits außer hörweite und flog wild entschlossen hinter dem Jugendlichen her.
"Heute ist wirklich nicht mein Tag", klagte Michel, der dem Bandenmitglied dicht auf den Fersen war. Der letztere verschwand im Untergrund und warf eine Münze in eine Art Stahlzaun, was dem Jungen den Zugang gewährte, während der Magier einfach durch die Gitterstäbe hindurch segelte. Sie erreichten eine Plattform, wo der Crip stehen blieb und wartete. Gelangweilt begutachtete er seine Beute, stopfte sie unzufrieden in seine Jackentasche und ließ die Plastiktasche achtlos fallen. Nach einigen Minuten stoppte ein fremdartiges Gefährt, in das er, zusammen mit dem Geist, einstieg. Das Vehikel setzte sich wieder in Bewegung. Nach einer einstündigen Fahrt, mit vielen Stopps an denen die Menschen ein- und ausstiegen, war das Spiel noch immer nicht hervorgeholt worden.
Zumindest habe ich die Zeit und nicht die Zeit mich, dachte Michel, der mit einer Engelsgeduld hinter dem Jungen saß. Endlich stieg dieses Bürschchen aus und rannte die verdreckte Treppe hinauf, wo er auf halbem Wege seine Kumpels traf, die allesamt einen extrem widerwärtig dreinblickte.
Wenn Blicke töten könnten, dachte der Seher.
"Hei, Mike, wird Zeit, dass du kommst. Wir warten hier schon eine Ewigkeit", sagte Enrique, ein Kerl, der von oben bis unten tätowiert war.
"Ich jagte noch einige Schläger in Brooklyn und konnte nicht eher kommen", log Mike.
"So, was geht?", fragte Bob, der seine Baseballmütze verkehrt herum trug. "Es wird hier langsam fad. Seit neun Tagen wurde hier schon keiner mehr gelyncht."
"Seither auch keine Bloods mehr gesehen", meinte Mike gelassen.
"Jungs, dieser Gestank von Pisse bringt mich zum Kotzen", beschwerte sich Enrique. "Kommt, lasst uns hier abhauen", und sie liefen nach oben.
"Es lebe die Bronx", jubelte Bob draußen, als die Hooligans durch dieses Viertel, voll von verwahrlosten Wohnhäusern, stolzierten.
In dieser Unterwelt muss ich mich vorsehen, dachte Michel bei sich. Wer weiß, vielleicht werde ich noch von einem bösen Geist hinterrücks angefallen. Gleich und gleich gesellt sich nun mal gern…
Inzwischen war es Abend geworden und die drei räudigen Typen gingen in ein Geschäft, um etwas zu trinken zu kaufen. Die Registrierkasse war in zwei Meter Höhe angebracht und wurde wie ein Fort bewacht. Völlig überraschend kam ein Polizeiauto mit Sirene angerast, das mit einer Vollbremsung abrupt zum Stehen kam. Polizisten stiegen aus und schnappten sich einen willkürlichen Passanten und drückten ihn unsanft auf den Kofferraumdeckel. Die drei Crips sahen neugierig zu und schlürften in aller Ruhe aus ihren Dosen.
"Sieht aus, als ob mal wieder jemand verhaftet wird", lachte Enrique und sie näherten sich dem Geschehnis, wo ein Anwohner, der wegen einer anderen Straftat gesucht worden war, festgenommen wurde.
"Hol jetzt dieses verflixte Spiel raus", beschwor Michel ihn, ungeduldig geworden. Aber Mike, der das Spiel noch immer in seiner Jackentasche hatte, dachte da ganz anders. Nach einem Kneipenbesuch, wo der Geist missmutig neben dem Zapfhahn saß und wartete, gingen die Kumpels endlich nach Hause. Einen Block weiter betraten sie einen armseligen Apartmentkomplex, wo sie in einem gammeligen Lift hinauf fuhren und in eine verwahrloste Wohnungen gingen, in der sie sich auf ein verschlissenes Sofa fallen ließen. Mike zog seine Jacke aus und holte das Spiel hervor. Nostradamus stand ganz aufgeregt daneben, doch alles was er sehen konnte, waren dem Halbstarken seine langen Finger.
"Was hast du da?", fragte Bob angetrunken.
"Oh, ein Computerspiel, das ich auf der Straße fand: Schnappt den Magier", antwortete Mike.
"Wir schnappen uns nur die Bloods", prahlte Enrique, der die Schachtel packte und zum geöffneten Fenster hinaus warf.
"Hei, du Idiot, darüber bestimme immer noch ich", fluchte Mike, der zum Fenster rannte, um zu sehen wohin dieses Ding geflogen war.
Das ist meine Chance, dachte Michel, der durch das Fenster zu dem Spiel hinab tauchte, welches er neben dem Müllcontainer liegen sah. Aber dort unten angekommen, musste er feststellen, dass es bereits zu dunkel war, um den Text lesen zu können.
"Du hast mal wieder einer dieser Träume, in dem alles und jeder gegen dich ist", jammerte er vor sich hin und setzte sich enttäuscht neben den Müllcontainer. "Dann werde ich eben warten müssen, bis dass es wieder hell wird."
Die Nacht ging vorbei und früh am Morgen fuhr ein Müllwagen durch die Straßen. Einer der Arbeiter sammelte den ganzen losen Abfall von der Straße auf und warf die Hülle in das Mahlwerk, noch bevor der Träumer begriffen hatte was da passierte. Plötzlich hellwach, tauchte er tapfer hinter dem Spiel her und landete mitten drin im zerkleinerten Müll. Erst Stunden später wurde der stinkende Abfall auf eine Halde gekippt, wo dann die fast unbeschädigte Hülle endlich herausfiel und zudem noch auf der richtigen Seite landete.
"Eureka!", rief Nostradamus voller Freude aus und fand sogleich eine Adresse.
Hmm, es muss irgendwo in Manhattan sein, erkannte er an der Straßennummerierung, die ihm die Suche als einen Spaziergang erscheinen ließ. Schnell wie eine Rakete stieg er auf und flog mit Höchstgeschwindigkeit auf die total verbaute Insel. Einmal den Fluss überquert, bog er ab in Richtung Downtown, wo er neben einem Kaffeehaus landete.
Mit etwas Glück, ist das die richtige Adresse, und stiefelte durch den Eingang, wo eine Menschenmenge auf den nächsten Fahrstuhl wartete. Zusammen mit anderen betrat er die Kabine und wurde in weniger als einer Minute in die neunundneunzigsten Etage befördert.
Zwar nicht so schnell wie ich, aber man kann es lassen, dachte er und stieg aus, um nach diesem verteufelten Büro zu suchen, wo dieses Spiel entworfen worden war.
"Nummer 214, 216, 218… hier ist es", brummelte Michel, der geisterhaft durch die geschlossene Tür des Entwicklungsbüros hindurch ging.
"Der Räuber ist ziemlich limitiert", hörte er jemanden namens Max zu seinem Entwickler sagen. "Du kannst den Charakter besser anpassen, mittels der Verwendung von Biomod, aber du musst bei der Auswahl sehr vorsichtig sein."
"Kann er damit seine Feinde durch die Mauern sehen?", fragte John.
"Wenn es sein muss." Die beiden Männer saßen hinter einem Computer und studierten das Bild eines Spieles, das sich in der Entwicklung befand.
So, hier wird also das Böse gesät, überlegte sich der Seher, der alles in sich aufnahm.
"Ich habe noch Informationen über die Verbesserung von Wealth Leech gesammelt", fuhr John fort. "Ich hole das Dossier mal her", und lief zu seinem eigenen Arbeitszimmer und kam mit einer Mappe zurück.
"Ah, großartig", bedankte sich Max, der ihm die Mappe abnahm. "Wie steht es derzeit mit dem extra Download für den Magier?" Michel wurde hellhörig.
"Ich habe zuhause eine ganze Woche lang daran herumgetüftelt", antwortete sein Kollege. "Ich habe Nostradamus erfindungsreicher gemacht. Jetzt kann er zur Wiederherstellung organisches Material von toten Körpern verwenden."
"Die ersten Reaktionen sind noch nicht sehr überwältigend", knurrte Max. "Vielleicht wird es ja besser mit den neuen Zusätzen. Ehrlich gesagt, finde ich ihn nicht spannend genug, um auf ihn zu schießen. Kannst du ihn nicht etwas gefährlicher aussehen lassen, aber so, dass man ihn noch als Magier erkennt?"
"Ich sehe, was ich machen kann."
"Du weißt es eh, dass die Jugend heutzutage an Gewalt und nicht an Subtileres glaubt."
"Klar. Die Bibliothek wurde schon herausgenommen und stattdessen zischen jetzt Laserstrahlen aus seinen Augen. Zudem werde auch noch sein Äußeres etwas ummodeln."
"Nun denn, an die Arbeit", sagte Max, woraufhin sein Kollege ihn in Ruhe ließ und in sein eigenes Arbeitszimmer verschwand. Nachdem er sich einen Kaffee genommen hatte, setzte er sich hinter einen der Computer beim Fenster. Auf dem Monitor erschien eine Abbildung des berühmten Sehers und er fing an, es versuchsweise zu verunstalten.
"Hei, das sind mein Kopf und Körper", piepste Michel, der alles über dessen Schulter hinweg mit verfolgte. Ungehindert entfernte John den Piratenhut und ersetzte ihn durch eine wilde Frisur. Anschließend wurde der Bart entfernt und nach einigem zögern wieder hin geklebt, und bis zu seinen Füßen hinunter verlängert. Er überdachte seine neuste Änderung für einen Augenblick, während der Hauptdarsteller, der vor dem Computer lag, die Skizzen von sich selbst betrachtete.
Dieses Spiel darf unter gar keinen Umständen ein Erfolg werden, dachte er entschlossen und planten einen Angriff. John hatte zwischenzeitlich die Extremitäten entfernt, um den Torso bearbeiten zu können. Er dehnte den abgetrennten Leib in alle Richtungen und ließ ihn die schrecklichsten Krankheiten unterlaufen. Schließlich kam ein aufgeblasener Kämpfer dabei heraus, der nur noch im Entferntesten etwas von einem Magier hatte. Inzwischen konzentrierte sich der verzweifelte Geist mit seiner ganzen Kraft auf den Computer, der auch prompt abstürzte.
"Oh nein, nicht schon wieder!", klagte John. Eine Splitsekunde später wurde sein Kaffee genau über die provozierenden Skizzen auf seinem Tisch vergossen.
"Jetzt wird's unheimlich", stotterte er. Er rief nach seinem Chef und erzählte ihm von dem Vorfall
"Ich glaube absolut nicht an Gespenster", entgegnete Max kritisch. "Du hast wahrscheinlich den Becher selber umgestoßen… zudem kommt es dann und wann mal vor, dass Computer ohne Weiteres abstürzen."
"Ich hatte den Kaffee noch nicht mal angefasst!", protestierte John. "Vielleicht ist dieses Spiel ja ein Sakrileg?"
"Es war deine Idee! Du musstest ja unbedingt Nostradamus als Actionfigur haben."
"Ja, klar, denn bei der Marktanalyse war er ganz vorne mit dabei", verteidigte sich John, während er mit einem Putzlappen beschäftigt war. "Glücklicherweise habe ich Kopien und Sicherungskopien davon gemacht", und tupfte währenddessen den verschütteten Kaffee auf. Die beiden Männer faselten noch über die Existenz Gottes, als Michels Gewissen sich meldete. Er realisierte, dass er das Schicksal bestimmt hatte und zweifelte über seinen Charakter.
Ich sollte es wirklich besser wissen, haderte er sich. Ich habe mich von der Angst beeinflussen lassen. Es mangelt mir an Vertrauen an das Allerhöchste.
Seine Intuition sagte ihm aber auch, dass es mögliche Konsequenzen haben könnte.
"Wenn jetzt auch noch das Dach einstürzt", sprach Max unterdessen, "dann glaube ich dir." In diesem Moment flog ein gigantisches Flugzeug direkt auf sie zu, so als ob der Teufel selbst im Spiel wäre. Michel, der das Monster heranfliegen sah, war selbst total perplex.
Mein Gott, geschieht das wegen mir, fragte er sich mit enormem Schuldgefühl. Aber das konnte doch nur ein reiner Zufall sein! Das Flugzeug bohrte sich direkt unterhalb von ihnen in den Turm, der durch den heftigen Schock gefährlich hin- und herschlingerte. Sofort gingen alle Computer und Lichter aus. John und Max starrten ungläubig vor sich hin und klammerten sich dann aus schierer Angst aneinander fest. Der Seher eilte zum Fenster, wo gigantische Rauchwolken emporstiegen. Unter ihm wurden Schutt und Körperteile durch die Luft geschleudert. Die beiden Entwickler rannten komplett verwirrt umher und fingen plötzlich an zu weinen. Erst als Büroangestellte von höher gelegenen Etagen über Treppen herunterkamen und hereinstürmten, kamen sie in Bewegung. Sie rannten wie Besessene zu den Fahrstühlen, die allesamt außer Betrieb waren. Hysterisch kratzten sie an den Fahrstuhltüren. Eine Reihe von Explosionen folgte und erstickender Rauch, vermischt mit dem Geruch von Blut und verbrannter Kleidung, füllte den Raum. Menschen begannen hysterisch zu schreien und stürzten sich voller Verzweiflung aus den Fenstern. Schon eine Minute später, krachte ein zweites Flugzeug in den benachbarte Wolkenkratzer hinein und brachte den Turm, auf Grund dieser gewaltigen Explosion, erneut ins schwanken. Es herrschte das blanke Chaos. Ein ungeheuerliches Flammenmeer schnitt den Fliehenden den Weg nach unten ab. Kurz darauf stürzten beiden Türme ein.
Nostradamus wurde vorzeitig von seinem körpereigenen, automatischen Schutzmechanismus in die Hülle seines irdischen Leibes zurückgezogen und öffnete schockiert die Augen in seinem Arbeitszimmer. Dieser beispiellose Angriff würde für immer und ewig in seinem Gedächtnis eingemeißelt bleiben.







Kapitel 12


Der Antichrist, recht bald drei vernichten,
der Krieg wird siebenundzwanzig Blutjahre dauern,
die Ketzer getötet, Gefangene ins Exil geschickt,
Blut, menschliche Körper, Wasser rot gefärbt, Erde voll Hagel

De Chavigny war mit seiner Feder bereit. Sein Meister war dabei, ihm etwas zu diktieren, da er wieder einmal stark unter seiner Gicht litt.
"Schreiben Sie auf, Christophe: 'Vom Himmel wird ein König des Terrors kommen'". Und eifrig tauchte dieser die Feder in die Tinte und schrieb die aufgetragenen Worte nieder.
"Oh, Moment mal, ändern Sie den letzten Teil in 'König des Schreckens'."
Der Schreib strich die Passage aus, während sein Chef durch das Dachfester blickte und die Herbstluft genoss. Christophe wartete unterdessen mitten im Zimmer auf eine neue Verszeile.
"Der große Mongolenführer wird wieder auferstehen", fuhr der Gelehrte fort und erneut war das antippen ans Tintenfass zu hören. "Nein, das ist zu deutlich. Eh… mach daraus 'Der König von Angolmois wird wieder auferstehen'", und wieder korrigierte der Schreiber den Text.
"Zum Schluss: '1999, der siebte Monat. Davor und danach regiert Mars mit großem Glück'."
"Das wäre ja in über 436 Jahren, Meister, sofern ich richtig gerechnet habe."
"Nein, so einfach mache ich es nicht. Das Eintrittsdatum dieses Vierzeilers wird 2012* sein", erdachte sich Nostradamus.
"Oh, na dann", murmelte der Schreiber etwas verloren.
"Lass uns draußen auf die Veranda sitzen, Christophe. Es ist einer der schönsten Herbsttage des Jahres", und beide Männer gingen nach unten.
"Seid ihr schon fertig?", fragte Anne, die mit dem Hausmädchen alte Sachen aussortierte.
"Nein, wir werden draußen weiter arbeiten", antwortete ihr Mann, der noch ein paar Briefe aus seinem persönlichen Schreibtisch holte, bevor er die Wohnstube verließ.
"Oh, ein neuer Schaukelstuhl", bemerkte der Schreiberling als sie auf die Veranda kamen.
"Ja, gut geeignet, um meine Gedanken zum Stillstand zu bringen", erklärte sein Chef und setzte sich in einen Korbstuhl.
"Christophe, ich möchte, dass Sie noch heute den Brief von Bischof Méandre beantworten. Dieser Mann glaubt nämlich, dass ich vor der Veröffentlichung meines nächsten Almanachs seine Vollmacht benötigen würde."
"Méandre ist engstirniger Mensch."
"Das finde ich auch, aber scheinbar befinde ich mich auf seinem Terrain. Aber schreiben Sie ihm einen freundlichen Brief und erklären ihm, dass ich seinem Wunsch leider nicht nachkommen kann und zwar aus folgenden Gründen: Der Inhalt meines Almanachs ist nicht blasphemisch und tut daher der Kirche keinen Abbruch. Zudem kann ich unter Einschränkungen meine Arbeit nicht verrichten." Christophe versprach es sofort zu tun, als Anne dazukam und die geschäftlichen Angelegenheiten unterbrach.
"Pauline ist krank, würdest du bitte einmal nach ihr sehen?", bat sie ihn besorgt. Ihr Mann stand auf, um seine Tochter zu untersuchen, die sich rührend in eine Ecke des Zimmers verkrochen hatte.
"Komm, lass Papa mal nach dir schauen, Liebes", sprach er sanft, als sie aus ihrem Versteck kam. Sie war ganz blass.
"Es sieht ganz so aus, als hättest du dir eine Erkältung geholt. Der Sommer ist vorüber, weißt du. Ab sofort ziehst du eine Jacke an", und setzte sie an den Tisch.
"Ich mache dir jetzt was Warmes zu trinken und wenn du es ausgetrunken hast, geht's ab ins Bett, bis dass du dich besser fühlst. Einverstanden?" Das Mädchen nickte zaghaft. Er ging in die Küche und kehrte kurz darauf mit einem Kräutergemisch zurück.
"Bis auf den letzten Tropfen austrinken."
"Pfui", meckerte Pauline nach dem ersten Schluck und schob das Gebräu von sich.
"Komm schon, wenn du gesund werden willst, musst du schon ein kleines Opfer bringen", und sobald sie die Medizin geschluckt hatte, brachte er die kleine Patientin ins Bett. Wieder zurück bei seinem Sekretär, unterhielten sich die beiden überwiegend über den neuen Almanach, der noch in derselben Woche fertig sein musste.
"Stupsnase, Stupsnase", neckte plötzlich eines der Kinder.
"André, lass Monsieur De Chavigny in Ruhe, hörst du! Der kann in Englisch besser schreiben, als du und ich zusammengenommen." Der Junge kam hinter dem Strauch hervor und dachte sich was Neues aus.
Vielleicht schenke ich meinen Kindern einfach zu wenig Aufmerksamkeit, sinnierte der Vater und hatte auch schon eine Idee.
"André, komm mal!" Sein Sohn kam aus dem Garten angelaufen. "Geh, und frag deine Brüder und Schwestern ob sie Lust hätten, unten am Flussufer ein Feuer zu machen." Der Junge rannte enthusiastisch davon.
Nach dem Mittagessen verschwand Christophe nach oben und der Gelehrte machte sich auf, ins Wohnzimmer zu seinen Kindern.
"Wer kommt jetzt alles mit an den Touloubre?", wollte er wissen.
"André, César und ich", antworte Paul, der sich im Sessel seines Vaters lümmelte.
"Sonst niemand?", aber es waren keine weiteren Kandidaten anwesend.
"Dann sind wir Männer unter uns", stellte Michel fest, der die Zündholzschachtel neben dem Schornstein holte.
"Nehmt doch ein paar Angeln mit", meinte Anne, "dann können wir morgen Fisch essen." Bevor sich die Männer auf den Weg machten, holte ihr Ehemann noch das Angelzeug aus dem Schuppen.
"Ihr habt den Kübel vergessen", rief Anne ihnen noch nach, aber sie waren schon außer Hörweite. Sie verließen die Stadt über einen Schleichweg, um den Anbetern ihres Vaters aus dem Weg zu gehen.
"Oh, herrje, wir haben keinen Eimer mitgebracht", bemerkte er, auf halbem Wege der Platanen Allee.
"Ich lauf schnell zurück und hol uns einen", bot César an, der sie kurz darauf mitsamt einem Eimer wieder einholte. Sie erreichten den Fluss, der südlich von Salon floss und stritten sich darüber, wo wohl die beste Stelle wäre.
"Drüben, auf der anderen Seite bei den Zypressen ist wirklich der beste Platz, um zu fischen", war sich Paul ganz sicher. Sie beschlossen, seinem Rat zu folgen und überquerten die alte römische Fußbrücke.
"Nächste Woche werde ich acht", verkündete André als sie am anderen Ufer ankamen.
"Keine Sorge, wir werden es nicht vergessen… aber was sollen wir jetzt zuerst tun: angeln oder ein Feuer anzünden?" Paul hatte bereits seine Angel ausgeworfen und die anderen folgten auch diesmal seinem Beispiel.
"Machst du mir wohl einen Köder auf meinen Haken, César", bat der Vater, der mit seinen Fingern Probleme hatte und der Junge ihm daraufhin etwas Teig daran befestigte. Zu viert saßen sie gesellig am Ufer, als Paul den ersten Biss hatte.
"Wie kommt es, dass du immer den ersten Biss hast?", rief André eifersüchtig.
"Ich angle schließlich öfters", klärte sein Bruder ihn auf.
"Übung macht den Meister", stimmte sein Vater zu und sie starrten erneut wie gebannt auf den Schwimmer.
"Die Gilde ist derzeit damit beschäftigt, eine neue Schule zu errichten", gab César bekannt, "dort möchte ich nachher noch hin."
"Ausgezeichnet! Es freut mich zu sehen, dass mein Nachwuchs ihren Verstand gebraucht. Und du, Paul, was hältst du von der Schule?", wollte der Vater wissen.
"Tja, soweit ganz in Ordnung, aber mir liegt Musik am meisten. Ich hab einen!", und zog einen Flussbarsch an Land. "Am Samstag mache ich übrigens mit Lisette zusammen Musik im Tamburin", sagte er, als er seinen Fisch in den Kübel steckte.
"Ist das nicht die Tochter der De Capronnes?", fragte der Vater.
"Ja, stimmt. Lisette spielt Violine. Sie studiert gerade ein Stück ein für die Eröffnung vom Kanal, der nächstes Jahr bis Salon durchgehend sein wird." César und André hatte inzwischen auch jeder einen Fisch gefangen.
"Bei mir will es einfach nicht beißen…"
"Dafür braucht man das richtige Händchen, Paps", meinte Paul, "entweder man hat's oder man hat's nicht." Auf einmal verschwand Michels Schwimmer tief unter der Wasseroberfläche und er musste mit aller Kraft seine Angel hochhalten. Ein riesiger Tintenfisch schoss daraufhin aus dem Wasser hoch und streckte seine Tentakel bösartig in seine Richtung. Unverhofft wurde der Seher in den Würgegriff genommen und unter Todesangst kämpfte er tapfer dagegen an. Just in dem Moment als er zu ersticken glaubte, löste sich das Monster in Luft auf.
Puh, was war das wohl wieder für ein Omen, dachte er, als er sich von diesem Trugbild erholte.
"Wir haben jetzt genug Fisch; setzt die nächsten wieder zurück ins Wasser", sagte er gefasst zu seinen Söhnen, die nichts bemerkt hatten.
"Lass uns jetzt endlich ein Feuer machen", schlug André vor und daraufhin die Angeln zur Seite gelegt wurden. Nach dem Sammeln von Fallholz flackerten schon bald große Flammen vor ihren Augen.
"Können wir nicht jetzt schon einen Fisch drauf legen? Ich habe Hunger", schlug Paul vor.
"Wir haben doch gerade erst gegessen", meinte César.
"Wir bringen alle Fische der Mutter nach Hause", entschied der Vater. "Sie wird sie dann morgen braten." Als das Feuer niedergebrannt war und es etwas kühl wurde, beschlossen sie, wieder nach Hause zu gehen.
"Warum schleppst du eigentlich diesen schweren Stein mit dir herum, André?", fragte Paul als sie die Brücke überquerten und sein Bruder daraufhin den Stein in den Fluss warf. Vom Wasser angespritzt, blickte der Vater angstvoll um sich, ob auch ja keine bösen Tentakel empor schossen.

Väterchen Frost hatte das Land fest im Griff. Die Temperaturen waren innerhalb weniger Tage drastisch nach unten gegangen und es herrschte eine noch nie gekannte Kälte. Auf dem engen Platz im Herzen von Salon traf eine von Gendarmen bewachter Gefängniswagen ein, der vor der Haustür Nr. 2 hielt. Während einige Bürger neugierig aus ihren Fenstern hingen, stiegen die Gendarmen von ihren Pferden ab. Nachdem der Befehlshaber mit ernster Mine and die Tür klopfte, erschien Nostradamus etwas lichtscheu am Fenster und verstand augenblicklich das Vorzeichen, das er bereits vor einem Monat erhalten hatte.
"Michel de Nostredame, im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet", verkündete der Hauptkommandant, als der Gelehrte die Tür öffnete. Ihm wurde lediglich ein kurzer Moment zugestanden, damit er ein paar Sachen packen und sich von seiner Familie verabschieden konnte. Anne kam zu spät herbeigeeilt und musste mit traurigen Augen beobachten, wie ihr Mann mit einem Seesack im Wagen verschwand.
"Michel!", schrie sie ihm durch die Straße hinterher. Die ganze Stadt war in hellem Aufruhr. Der viel gepriesene Wissenschaftler wurde in Ketten an den Stadtbewohnern vorbeigeführt, was sogleich die wildesten Gerüchte aufkeimen ließ. Der betagte Gefangene wurde zur Festung Marignane, außerhalb von Marseille, gebracht und dort wie ein gewöhnlicher Krimineller eingesperrt. Später an diesem Tag bekam er Besuch von Claude de Tende, dem Gouverneur der Provence.
"Es tut mir wirklich leid, Michel", begann sein Freund, der blass wie ein Gespenst war. "Bischof Méandre zwang mich dazu, dich wegen deiner dubiosen Veröffentlichungen zu verhaften. Er drohte mir, mich auch vors Gericht zu bringen, wenn ich nicht kooperierte. Es gibt da nämlich noch einige heikle Angelegenheiten aus meiner Vergangenheit…"
"Ach, es ist meine eigene Schuld - ich musste sie ja unbedingt veröffentlichen lassen. Hauptsache, ich werde meine Familie wieder sehen…"
"Es gibt da noch mehr schlechte Nachrichten", sagte Claude düster. "Es war ein Anschlag auf den Papst verübt worden. Er hat es überlebt… dein Freund Rabelais leider nicht. Er wurde getötet." Das war ein Schlag, der Nostradamus sehr zu schaffen machte.
Früher konnte ich so etwas noch voraussehen, überlegte er. Da war ich noch rein, doch der Erfolg ist mir regelrecht in den Kopf gestiegen und ich dachte, mir könne niemand etwas anhaben.
"Ich bin ein nutzloser Prophet, Claude", sagte er.
"Das stimmt nicht. Es ist nur so, dass der Bischof mehr Macht hat, als wir je vermuten konnten."
"Ja, sicher, aber ich muss mich jetzt gegen den höchsten Kirchenführer verteidigen, wo doch das Ergebnis schon klar auf der Hand liegt. Im besten Falle wird es ein schleppendes Verfahren, das sich über Jahre hinzieht und ich dabei untergehe."
"Lass uns hoffen, dass es positiv ausgehen wird und ich versichere dir nochmals: Ich bin machtlos." Der Gouverneur verabschiedete sich von seinem Freund und verließ betroffen die Zelle.
Obwohl der Gelehrte im Gefängnis täglich Übungen machte, um gesund und kräftig zu bleiben, begann er jedoch nach einer Woche in der Kälte besorgniserregend zu entkräften. Sein Alter und das Rheuma zwangen ihn in die Knie, bis dass er nur noch still auf seiner Pritsche lag. Er starrte unentwegt durch das vergitterte Fenster nach draußen. Es schneite, was im Süden Frankreichs ein seltenes Phänomen war. Ein paar Schneeflocken flatterten zum Fenster herein und landeten auf seinen Händen, die von der Kälte schon ganz taub waren.
"Ich verkomme hier noch bevor ich mich im Gerichtsaal verteidigen konnte", wehklagte er. Ach, lass mich die Zeit nicht derartigen Gedanken vergeuden und wickelte sich in die Decken ein.
Glauben, alles was ich tun kann ist glauben, und voller Erschöpfung ging seine Geist mit der Sonne des Nordens unter.
Eine Karawane zog stetig durch eine Wüste in Richtung des schneebedeckten Hochgebirges. Der staubige Wind aus dem Südwesten erschwerte die Reise für die Gruppe, wo Frauen und Kinder das Ende bildeten.
"Hopp, auf mit euch!", riefen die Eseltreiber wiederholt. Endlich verließen die Flüchtlinge mit ihren voll bepackten Tieren die dürre Ebene, um Schutz zu finden am Fuße des Gebirges.
"Wir schlagen hier das Lager auf", ordnete der Führer mit dem blauen Turban an, als sie das felsige Tal erreichten. Die Karawane kam zum Stillstand und das leidgeprüfte Volk bekam endlich die Gelegenheit, etwas auszuruhen. Einige Träger holten Flaschen mit Wasser von den Eseln herunter und verteilten sie.
"Seid sparsam damit", warnte der Anführer, "das muss noch für ein paar Tage reichen." Hoch auf einem roten Felsen stand ein Bergbewohner, der die Gruppe beobachtete.
"Beshir, geh hinüber zu dem Mann und frag ihn, wer er ist", verlangte sein Chef, "er sieht ganz nach einem Paschtunen aus." Beshir kletterte die Felsen hinauf und erreichte nach einiger Zeit den unerschrocken dastehenden Mann, der ein langes, braunes Gewand trug.
"Darf ich fragen, wer du bist?", fragte der Pfadfinder, der schnaufend die letzten Felsen erklomm.
"Nenn mich einfach Discute", erwiderte der Fremdling. Sein dichter Bart flatterte im Wind, während er selbst bewegungslos in der Sonne stehen blieb.
"Mein Name ist Bashir und wir sind Pathanen aus dem Norden. Wir suchen hier in den Bergen eine sichere Zuflucht."
"Dann rate ich euch dringend, das Tal augenblicklich zu verlassen, denn ein höllischer Regen wird es innerhalb von zwanzig Minuten komplett verwüsten." Der Pfadfinder sah ihn ganz verwundert an.
"Ich bitte dich höflichst, das dem Anführer selber mitzuteilen", sagte er endlich. Zusammen kletterten sie die Felsen hinunter und erreichten bald das Camp, wo Beshir den Sonderling seinem Anführer vorstellte.
"Sind wir uns schon einmal begegnet?", fragte der Letztere.
"Nicht, dass ich wüsste", antwortete der Bergbewohner.
"So, dieses Tal steht also kurz davor, vernichtet zu werden. Woher hast du diese Information?"
"Ich stehe in Verbindung mit dem All", behauptete der Bergbewohner. "Dort drüben, rechts, unterhalb der Kluft, findet ihr eine Höhle, wo ihr euch alle verstecken könnt."
"Stimmt das mit der Höhle?", frage der Anführer. Beshir nickte. Sein Chef dachte einen Moment lang nach und rief dann einen seiner Männer herbei.
"Alalaam, bring sofort alle Frauen und Kinder und die Hälfte der Männer zu der Höhle die dir Beshir zeigen wird. Die anderen sollen mit dem Aufbau des Camps weitermachen." Alalaam teilte in aller Eile die Pathanen auf und mit Beshir an der Spitze, verschwanden hunderte von Stammesgenossen in der Kluft.
"Ich kann dich leider nicht frei gehen lassen", teilte der Anführer Discute mit. "Da wir ständig mit Verrätern rechnen müssen, wirst du mit uns in die Höhle gehen", und auf Geheiß hielten seine Gefolgsmänner ihn in Schussweite. "Aber wenn du recht haben solltest, dann werden wir dir unsere Dankbarkeit zeigen und dich reichlich dafür belohnen", und der besagte Prophet wurde gezwungen mitzugehen.
"Es bleibt nicht mehr viel Zeit", sagte der Fremde düster, während sie hinunter stiegen.
"Wir werden sehen", erwiderte der Anführer und sie betraten einen Moment später die Höhle, wo sich die vorherige Gruppe bereits verschanzt hatte.
"Es ist ein durchgehender Tunnel, Chef", rief Beshir, der zu ihnen gerannt kam. "Er führt bis zum nächsten Tal und…" Plötzlich, erschütterte eine gigantische Explosion den Berg, hinunter bis zu seinem Ansatzpunkt. Wegen der enormen Druckwelle wurden die Wächter, die sich am Eingang aufhielten, meterweit in die Höhle hinein katapultiert. Große Gesteinsbrocken stürzten gefährlich von der Decke herab und brachten fast jeden zu Fall. So jäh wie es begann, so unverhofft wurde es wieder ruhig und die leicht angeschlagenen Pathanen standen wieder auf ihren Beinen.
"Das war ein gemeiner Racheanschlag", murmelte der Anführer, der den Staub von seiner Kleidung abklopfte. Der Schaden schien sich in Grenzen zu halten und es waren lediglich ein paar Leichtverletzte zu beklagen. Hastig begab sich der Anführer mit seinen Vertrauten nach draußen, um zu sehen wie es um die anderen Männern stand. Ein bis dahin ungekannte große Bombe hatte das Tal komplett zerstört und es in Schutt und Asche gelegt. Sprachlos ging die kleine Gruppe zurück in die Höhle, wo der Anführer augenblicklich seinen Gast aufsuchte.
"Ich habe mich noch nicht vorgestellt: Ich heiße Osama Bin Laden. Du bist nun frei zu gehen, auch wenn ich von ganzem Herzen hoffe, dass du uns mit deiner besonderen Gabe beistehen wirst."
"Ich stehe der ganzen Menschheit zur Verfügung und ich werde so lange bei euch bleiben, bis dass die Gefahr gewichen ist", sagte der Prophet.
"Das stimmt mich sehr zufrieden. Ist Mohammed in Ordnung?", fragte Bin Laden Alalaam.
"Ja, Chef. Er bepackt seinen Maulesel."
"Sag ihm, dass wir uns hier ausruhen und von jetzt an nachts unseren Weg fortsetzen werden", und sein Helfer verschwand in dem schmalen Gang, der voll erschöpfter Flüchtlinge war.
"Der Feind wird uns nicht zu fassen bekommen!", ermutigte Bin Laden jeden. "Allah hat uns gerade seinen Sohn gesandt", und sein Volk jubelte ihm zu. "Ruht euch jetzt aus, denn heute Nacht werden wir die Reise fortsetzen. Yasser, gib unserem tapferen Retter Decken und etwas zu essen." Der Handlanger nahm Discute mit in den Tunnel, vorbei an Soldaten die ihre Waffen vorbereiteten. Von einer verschleierten Frau erhielt der Neuling die nötigen Sachen zugewiesen.
"Relativ wenig Frauen und Kinder", wunderte dieser sich.
"Alle Frauen und Kinder sind die von Osama", verdeutlichte ihm Yasser. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, ruhten sich die Pathanen, bis auf einige Wachen die am Eingang standen, aus. Sobald der Abend hereingebrochen war, forderte Osama seinen mysteriösen Gast auf, der Jirga beizuwohnen, dem dieser gerne zustimmte. Sie gingen zusammen zum Rat, als Osama eine Eingebung hatte.
"Jetzt weiß ich, woher ich dich kenne", sagte er. "Vor Jahren hatte ich einen inspirierenden Traum gehabt, in dem ein alter Mann mir aus einem Wolkenkratzer zuwinkte. Das warst du!" Auf einen Schlag bekam Nostradamus seine Geistesgegenwärtigkeit zurück und überblickte seine gesamte wunderliche Situation.
Ich habe… ich habe diesen Anführer persönlich gedient. Gerade so, wie der Geist aus Aladins Lampe gerufen wurde. Dieser Muslim muss ganz besondere Fähigkeiten haben, dachte er und noch etwas benebelt versuchte er, die einzelnen Bruchstücke wieder zusammenzufügen. Eine Reihe weiser Männer saßen bereits in der Konklave versammelt, als Osama und sein Gast Platz nahmen.
"Unsere Kämpfer werden den Heiligen Krieg fortsetzen", sprach einer der Mullahs, dessen Gesicht hinter einem Tuch verborgen war.
"Aber wie? Wir sind kaum imstande zu überleben und die Vorherrschaft der Ungläubigen ist groß!", entgegnete eine anderes Ratsmitglied. Jetzt meldete sich der militante Ahmed.
"Erst müssen wir uns in die Berge zurückziehen, um uns zu retten und danach schlagen wir vernichtend zurück", schlug er vor.
"Gut, wir wollen allesamt den Kampf gegen diese Christenhunde fortführen", fasste der Mullah zusammen, "und plädiere deshalb für einen letzten, entscheidenden Kampf, in dem Allah uns zum Sieg führen wird."
"Nein. Wenn wir den Kampf gegen die Amerikaner gewinnen wollen, müssen wir entkommen", kommentierte Osama kritisch. "Zudem sind wir, militärisch gesehen, keine Partei."
"Wie stellst du dir das vor? Untertauchen in Jalalabad oder über die Grenze verschwinden?", fragte der Mullah.
"Ich dachte tatsächlich an Pakistan, wo wir uns über neue Anschläge auf den Westen, an allen Fronten, beraten können." Eine Anzahl Weiser stimmten ihm zu.
"Was hält Discute davon?", fragte Bin Laden.
"Nun, ich bin kein Stratege", antworte dieser, der sofort erkannte, dass er da in kein friedliebendes Nest geraten war.
"Siehst du nicht bestimmte Gefahren voraus?"
"Nein, ich empfange momentan nichts", antwortete er vorsichtig. Der Rat beschloss letztendlich, die Grenze nach Pakistan via dem Khyber Pass zu überqueren. Der Marsch durch die zerklüfteten Berge war zwar sehr riskant, doch wenn sie erst einmal das Nachbarland erreicht hatten, würden sie bei den befreundeten Stämmen sicher sein. Beshir war unterdessen damit beschäftigt alle aufzuwecken, da es an der Zeit war, weiterzureisen. Während die Karawane langsam in Bewegung kam, begab sich der Hellseher an die Seite von Bin Laden.
"Bist du ein Sunnit?", fragte der Letztere.
"Nein, bin ich nicht."
"Schiit?", aber Discute gab zu verstehen, dass er auch dazu nicht gehörte.
"Aber zumindest ein muslimischer Bruder, nicht wahr?"
"Ich verhalte mich nach den Regeln des Höheren Seins. Man nennt ihn Gott oder Allah."
"Nun, lass das bloß nicht die anderen hören. Auf jeden Fall bist du gegen die Amerikaner." Der Konvoi kam kurz zum Stillstand, da der Tunnel für eine rasche Durchwanderung zu schmal war.
"Warum führt ihr einen Krieg?", wollte Discute wissen.
"Die Amerikaner sind ständig in Saudi-Arabien präsent und besudeln damit das Heilige Land."
"Amerikaner? Das sind doch die Bewohner der Neuen Welt?"
"Sind Sie in der Zeit stecken geblieben, oder wie? Die Kreuzritter kommen von weit her, sicher, aber von der Neuen Welt? Sie meinen wohl die ruinierte Welt", und Osamas Mund kräuselte sich zu einem grausamen Grinsen.
"Warum bombardieren euch die Amerikaner?"
"Weil wir sie attackierten, um ihre Macht zu zerstören."
"Du meinst, den Angriff auf die Wolkenkratzer?"
"Ja, und du hast mich auf diese Idee gebracht… aber du fragst mir zu viele Löcher in den Bauch", meinte Osama irritiert und machten dem Gespräch ein Ende.
Heiliger Bimbam, das ist der in der Bibel genannte Antichrist, begriff Nostradamus plötzlich. Ich bin in die Irre geführte worden, von dem Sohn des zukünftigen Verderbens. Meine Prüfungen sind wahrlich bizarr.
Allmählich erreichten die Kämpfer die Außenwelt und wie es schien, war die Luft rein. Der Konvoi zog unter bloßem Himmel weiter, über eine steinige Ebene mit Bergketten zu beiden Seiten verlaufend. Die Prozession war nicht sonderlich schnell, was Osama Sorgen bereitete.
"Ein Helikopter! Versteckt euch alle!", rief er plötzlich. Aus der Ferne erklang ein fürchterliches Geräusch das schnell näher kam und die Flüchtlinge sich in Zwischenräume und Spalten verstecken ließ, keinen Ton mehr von sich gebend. Ein Suchlicht des Helikopters beschien routinemäßig diese karge, unwirtliche Landschaft, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Unverzüglich drängte der Anführer jeden zum sofortigen Weitermarsch. Die Wetterlage wechselte zu ihren Gunsten und die aufkommenden Wolken hielten die Karawane außer Sicht. Nach einem langen Marsch zeigte ihnen Beshir eine Höhle, wo seine Leute sich über tags ausruhen konnten. Als es dann zu regnen begann, war auch der letzte der Esel im Versteck untergekommen und die überspannten Araber fanden endlich Zeit, um zur Ruhe zu kommen.
"Ich habe schlechte Neuigkeiten", sagte Bin Laden zu seinen Komplizen. "Die Kreuzfahrer machen eine Zangenbewegung und kämmen dabei alle Höhlen durch."
"Dann sind wir verloren", jammerte Alalaam.
"Nein, denn diese Berge können unmöglich eingekreist werden", antwortete sein Anführer.
"Ich bin mir sicher, dass die Amerikaner versuchen die Völker zu bestechen, damit sie uns anschließend verraten", gab Ahmed zu bedenken.
"Die Bergmenschen sind mir gegenüber loyal", versicherte ein normalerweise schweigsamer Mullah.
"Vielleicht bekommt unser Freund Discute noch mehr Zeichen von oben", sagte Osama. Aber dieser hielt sich abseits und hatte nicht mehr vor, weiters in diesem Spiel mitzuspielen. Ein paar Stunden später wurden die Wachen unverhofft von einer amerikanischen Einheit aufgespürt und am Eingang beschossen.
"Aufstehen und weitermarschieren!", befahl der Anführer augenblicklich. Die militanten Anhänger packten ihre Sachen in Windeseile zusammen und zogen tiefer in den Berg hinein. Anschließend sprengten einige getreue Gefolgsmänner den Eingang zur Höhle in die Luft und versperrten dem Feind endgültig den Zugang und waren somit für einen Moment sicher. Beshir führte die Gruppe in schnellem Tempo durch verschiedene Gänge und kamen dann etwas später wieder ins Freie. Diesmal auf einem schroffen Bergkamm, wo ein heftiger Schneesturm tobte. Auf dem rutschigen Abhang war es unmöglich auch nur die Hand vor den Augen zu sehen, aber davon ließen sich die zähen Pathanen nicht zurückhalten. Langsam zogen sie über die zerklüfteten Bergrücken, wo noch ein abgestürztes Flugzeugwrack von früher lag. Aus dem Schnee kam ein befreundeter Paschtune angelaufen und nach einem knappen Gespräch mit diesem Bergbewohner wurde beschlossen, einen anderen Pfad einzuschlagen.
"Was ist los?", fragte Discute, schon ganz blau vor Kälte.
"Der normale Durchgang wird von feindlichen Afghanen kontrolliert und an der Grenze steht die pakistanische Armee bereit", antwortete Yasser. Wild entschlossen schuftete sich die Rotte entlang an Schluchten und Granitspitzen, immer Richtung Osten. Trotz des schlechten Wetters schafften sie es, den anderen Pass nach Pakistan zu erreichen. Gleich nach der Grenzüberquerung legte sie eine Rast ein. Danach versammelte Osama eine auserwählte Gruppe, unter der sich auch seine Familie befand, und gab seinen hundert übrig gebliebenen Kriegern den Auftrag, ins das kleine Dorf Peschawar zu gehen. Ihr Anführer wollte anderswo untertauchen, aber verständlicherweise verriet er nicht wo.
"Männer, unsere Wege müssen sich jetzt für eine Weile trennen", verkündete Bin Laden. "Wenn ich nicht überleben sollte, dann sehen wir uns auf jeden Fall wieder im Paradies."
"Lang lebe Osama", skandierten sie.
Sie sind tapfere Kerle, aber sie werden im Handumdrehen vernichtet, dachte Nostradamus. Ihre Rolle ist ausgespielt.
"Discute, ich möchte dass du mit uns kommst", verlangte Osama, "denn du könntest uns mit deiner göttlichen Gabe noch dienlich sein."
"Ich werde solange mitkommen, wie es mir beschert ist", antwortete er. Die auserkorene Gruppe begab sich mit zwei Mauleseln nach Norden, während der Großteil der Männer nach Süden zog.
"Wäre es nicht vernünftiger gewesen, ebenso nach Süden zu ziehen, wo unsere Sympathisanten leben?", fragte Alalaam unterwegs.
"Nein, versteh doch, da werden uns doch schon die Amerikaner suchen", antwortete Osama.
Nach einiger Zeit kamen sie heraus aus dem Gebirge und erreichten eine Steppe, wo zwei Autos mit Heckklappe seitlich eines Baches standen. Zur Sicherheit, verbarg sich die Gruppe hinter einem Felsen und Beshir ein Erkennungssignal pfiff.
"Zindibad Osama", war vom Bach her zu hören.
"Alles in Ordnung", versicherte Beshir jedem und sie dann weiter rannten. Am Bach angekommen, sprangen sie in die bereitstehenden Geländewagen und sahen zu, dass sie von dort weg kamen. Nach stundenlanger Fahrt über holprige Sandstraßen erreichten sie ein verfallenes Gebäude. Es stand auf einer kahlen, verlassenen Ebene, umringt von weißen Bergen.
"Willkommen in Bar Chamarkand", scherzte Osama. Sie stiegen alle erschöpft aus und gingen in das Haus, das ein Dutzend verwahrloste Zimmer hatte. Der Wind hatte freies Spiel, denn keines der Fenster hatte einen Fensterladen. Ein düsteres Haus, fand der Seher. Den Frauen wurde ein eigenes Zimmer zugeteilt und die Männer beschlagnahmten den Hauptraum, wo sie ihre Gewehre ablegten. Die Kinder durften noch eine Weile draußen spielen, mit der Absicht, die Feinde vielmehr zu verunsichern als anzulocken.
"Hier, da hast du was zum trinken, Discute", rief Mullah. Hingegen seiner eigenen Erwartung, fing der Seher die ihm zugeworfene Dose Mekka Cola auf.
Sieht ja ganz so aus, als wäre meine Geisteskraft gewachsen, stellte er zufrieden fest. Die ausgelaugten Krieger legten sich auf Matratzen und Discute lehnte sich indessen gegen den Fensterrahmen. Draußen amüsierte sich eine von Osamas Töchtern mit einem Schmetterling aus buntem Glas. Nostradamus wollte dem Mädchen seine Aufmerksamkeit schenken, als es plötzlich verschwunden war. Wenige Sekunden später steckte sie belustigt ihren Kopf durchs Fenster.
"Guck-Guck!", rief sie und ihre Augen strahlten vor Freude.
"Hallo, kleines Mädchen", sagte er gerührt. Dieses freudige Ereignis war leider nur von kurzer Dauer.
"Discute, komm mal her und sieh dir das an… das könnte dich interessieren", rief der Vater des Mädchens, der sich umgezogen hatte und nun in Armeekleidung umherlief. Ein tragbarer Fernseher zeigte das Flugzeug, das mit voller Absicht in einen Wolkenkratzer rammte, wo sich Nostradamus just in diesem Moment aufgehalten hatte. Die Männer sahen sich voller Spannung die Bilder an.
"Osama Bin Laden, das Hirn hinter diesem Anschlag auf die Twin Towers, gelang es, zusammen mit anderen Anführern, aus den Tora-Borahbergen zu entkommen", berichtete ein Nachrichtensprecher. "Der saudische Muslimfundamentalist, mit Drogen reich geworden, hat schier mythische Proportionen…"
"Das ist eine Lüge!", rief einer dazwischen.
"...Der weltweit meistgesuchte Terrorist ist unter der afghanischen und pakistanischen Bevölkerung äußerst beliebt, da er für Waffen, Training, Essen und Medizin sorgt. Der goldene Tipp, der zur Ergreifung von Bin Laden führt, ist stolze fünfundzwanzig Millionen Dollar wert."
"Ich habe genug gesehen", sagte Osama und während er davonging, bekamen seine Männer sein Gesicht auf dem Bildschirm zu sehen. Beshir schleppte zwischenzeitlich einige Kisten herum, wobei ihn Discute beobachtete und sein Cola trank.
Wirklich konstruktiv sind diese Leute nicht, dachte er, als er einen Knall in einem der Zimmer hörte. Neugierig geworden verließ er die Krieger, die am Fernseher klebten, und untersuchte die Räume.
Wo sind die ganzen Frauen geblieben, fragte er sich. In einem provisorischen Büro, schien eine Kiste umgefallen zu sein. Eine mit Palmen dekorierte Kiste war kaputt gegangen und einige Dokumente lagen zerstreut auf dem Boden. Er bückte sich darüber und fokussierte seine Augen.
Oje, damit wäre Einstein ganz und gar nicht zufrieden...
Die Informationen dienten zur Herstellung von Atombomben.
"So, du bist also doch ein amerikanischer Spion", sagte plötzlich Bin Laden, der unbemerkt hinter ihm gestanden war. "Ich hätte es wissen müssen", und rief seine Komplizen.
"Alalaam, sperr diesen Verräter ein!"
"Aber er rettete doch unsere Leben!"
"Er wollte sich infiltrieren", sagte der Führer unerbittlich und der falsche Prophet wurde ins Lager gesperrt, wo er wieder klar denken konnte.
Jetzt sollte ich eigentlich wieder automatisch in meine Zelle in Marignane zurückkehren, dachte Michel, aber nichts dergleichen passierte. Um Gotteswillen, mein nächstes Gedankenmuster muss erst noch durchbrochen werden.
Dann hörte er Schlüssel klimpern und die Tür wurde geöffnet. In der Tür stand Osamas Töchterchen, mit einer Papierkrone auf dem Kopf. Sie lächelte.
"Michel, du bist wieder ein freier Mann!", verkündete der Gouverneur der Provence, dessen Stimme ihn wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt hatte.
"Ich danke dir, junge Dame", antwortete der Gelehrte, der sich mit viel Mühe von seiner Pritsche erhob.
"Du hast fantasiert, mein Freund. Ich hoffe nur, dass du nicht verrückt geworden bist."
"Es ist alles gut. Die Gezeiten haben sich gedreht, Gott sei's gedankt", und er humpelte auf ihn zu.
"Die Anklage gegen dich wurde fallengelassen", erklärte Claude, während Nostradamus seine Nase zwischen die Gitterstäbe steckte.
"Lang lebe die Königin!", rief er mit heiserer Stimme. Claude sagte nichts, doch sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
In Salon wurden Lieder für den zurückgekehrten Helden angestimmt, der noch etwas geschwächt von seinem Balkon aus, seinen Bewunderern zuwinkte. Unter der herbeiströmenden Menge befand sich auch der gesamte Stadtrat.
"Bleib nicht solange draußen, Michel. Du fällst gleich um", mahnte Anne ihn besorgt. Er versprach ihr, sich kurz zu fassen.
"Liebe Familie, Freunde und Mitbürger, ich bin wieder auf freien Füßen", begann er und worauf das Volk ihm zujubelte. Sie beruhigten sich wieder und ließen ihn weiterreden.
"Gedanken können niemals eingesperrt werden! In meiner Zelle hatte ich viele Visionen, die ich wie gewohnt veröffentlichen werde. Aus dem Finsteren erscheint das Licht. Leider muss ich es hierbei belassen, da mein Körper noch sehr viel Ruhe benötigt." Der geschwächte Gelehrte schloss daraufhin die Balkontür und ging geradewegs ins Bett.







Kapitel 13


In Donau und Rhein wird zum Trinken kommen,
das große Kamel, es wird es nicht bedauern:
Zittern an der Rhone und noch stärker jene an der Loire,
und nah der Alpen wird der Hahn sie ruinieren.

Heute Nacht wäre eine gute Gelegenheit, um César einen visuellen Rundgang durch die Sternenkonstellationen zu geben, dachte Nostradamus und suchte nach seinem Sohn.
"Hast du César irgendwo gesehen", fragte er Anne, die ihre Füße in einer Schüssel mit warmem Wasser badete.
"Warte, am Nachmittag hatte er noch eine Aufgabe im Stadtarchiv. Aber wo er jetzt ist, das weiß ich nicht. Wieso?"
"Die Sterne werden heute Nacht strahlen und ich möchte ihn darüber einweihen", erklärte er. Der Junge war nirgends auffindbar und so beschloss sein Vater noch etwas in der Mansarde zu arbeiten. Diese Kammer, wo Christophe die meiste Zeit verbrachte, hatte er schon lange Zeit nicht mehr für seine Meditationen verwendet. Sich abzusondern war nicht mehr nötig. Seine übernatürlichen Gaben waren über die Jahre hinweg mit dem regen Familienleben verschmolzen und die dafür benötigte Ruhe war in seinem Herzen verankert. Gerade als er ein Horoskop für einen Kunden fertig stellen wollte, kam sein Sohn herein.
"Wenn das mal nicht mein César ist", sagte er gutgelaunt.
"Schauen wir uns die Himmelskörper an, Papa?", fragte der Teenager, der die Flaschen mit Embryos im Schaukasten betrachtete.
"Du kommst genau zum richtigen Zeitpunkt, mein Junge", begrüßte ihn der Vater und klappte das Buch zu. Er stand auf, öffnete das Dachfenster und deckte das mannshohe Teleskop ab, das darunter stand.
"Du bist beinahe so groß wie dieses Instrument", murmelte er, seinen Sohn in Augenschein nehmend. "Dann lass uns mal sehen… Da, da ist er! Schau, César, gleich über den letzten Sonnenstrahlen: Merkur, der Planet der Intelligenz und geistiger Kapazität, jetzt mehr als achtundzwanzig Zodiakgrade von der Sonne entfernt."
"Ich sehe lediglich einen kleinen rosa Punkt", bemerkte César, der durch das Instrument starrte.
"Klein aber dafür fein, zugegeben, man muss ihn erst lieben lernen. Jungs ziehen immer etwas Spektakuläreres vor", und richtete das Instrument auf den Mond.
"Jetzt schau her."
"Wow, das ist ja fantastisch", war César begeistert.
"Staunen ist der Beginn der Weisheit", zitierte der Vater. Und als es dann später richtig dunkel war, zeigte er seinem Sohn alle entfernten Stellen des Himmels, so wie es Großvater seinerzeit mit ihm gemacht hatte.
Im Juni gab es ein Fest in der Stadt. Bertrand und seine Konsorten hatten endlich den Kanal von Craponne nach Salon gegraben und unter viel Staunen wurde der Bewässerungskanal geöffnet. Nachdem der Ingenieur des Projekts eigenhändig die Schleuse aufdrehte und das Wasser zu strömen begann, wurde nach lautem Applaus ein eigens einstudiertes Musikstück gespielt. Anne wollte anschließend diese festliche Feier noch zu Hause fortsetzen, da ihr Mann wegen seines Rheumas außerstande war, daran teilzunehmen. Seine Brüder Antoine und Julien waren mit ihren Frauen eingeladen und selbstverständlich war auch Bertrand mit von der Partie. Im Garten wurden lange Esstische aufgestellt, da sich die Familie im Laufe der Jahre doch um einiges vergrößert hatte. Die Anzahl der Kinder war überwältigend und es herrschte ein lebhaftes Treiben, denn der im Haus anwesende Nachwuchs rannte wie wild kreuz und quer zwischen den Erwachsenen umher. Für diesen feierlichen Anlass hatte Michel extra ein Fass Champagner von Reims liefern lassen, mit dem die vier Brüder gemeinsam auf das vollendete Projekt anstießen. Im hinteren Teil des Gartens waren die Frauen damit beschäftigt, Hühnchen zu grillen.
"He, lasst uns auch noch was übrig, ihr ehrenwerte Herren", rief Anne, die den Spieß am drehen war. "Ohne uns, sind die sowieso hilflos verloren", flüsterte sie den Damen zu, die inzwischen ihr freies Denken gewohnt waren. Bertrand erzählte den Kindern irgendwelche selbst erfundene Geschichten derart meisterlich, dass sie nicht mehr von ihm wegzubringen waren. Erst als die Hühnchen fertig waren, durfte er sich geschlagen geben. Die Frauen stellten das Geflügel auf den Tisch und servierten es den hungrigen Gästen.
"Nein, danke dir", lehnte Michel als einziger ab.
"Was? Du verschmähst dieses köstlich gebratene Fleisch?", fragte Julien erstaunt. "Das war doch sonst immer dein Lieblingsgericht."
"Früher ja, aber heute ziehe ich die Düfte der Natur vor."
"Jetzt komm schon, Michel. Mach an diesem besonderen Tag mal eine Ausnahme", forderte Bertrand ihn auf.
"Nein, ich muss an meine Gesundheit denken."
"Ein kleines Stückchen wenigstens, der Geselligkeit halber", bettelte Antoine, doch der gelehrte Bruder blieb eisern.
"Nun, dann werde ich uns noch etwas Champagner nachgießen oder ist das etwa auch nicht gut für dich?", fragte Bertrand.
"Also gut, aber dann nur ein halbes Glas", sagte Michel etwas gezwungen, während die Hühnchen mit Gusto verspeist wurden.
"Fantastisch, die Damen! Nichts, was man verschmähen müsste", lobten die Männer. Als nächstes kamen dann die Finanzen an die Reihe.
"Es war ein guter Hinweis, in den Kanal zu investieren", sagte Anne. "Gute Rendite und der Wert der Anteile ist auch gestiegen. Wir möchten noch weitere hundert Kronen extra investieren."
"Großartig, wir werden alles regeln", antwortete der Unternehmer zwischen zwei Bissen.
"Es hatte jetzt gut und gerne neun Jahre gebraucht, bis der Kanal hier war", bemerkte Michel kritisch. "Das sind ungefähr zwei Kilometer pro Jahr. Eine Schnecke könnte schneller graben."
"Bespotte mich nur, Bruder, aber die Verdienste stehen noch immer schwarz auf weiß da", reagierte Bertrand, der sich noch Bohnen nahm.
"Solltet ihr zwei in einen Twist geraten, dann kann ich euch gerne juristischen Beistand leisten… dann bleibt wenigstens alles in der Familie", scherzte Julien, ganz der Advokat, der zu sehr dem Champagner zugesprochen hatte.
"Macht euch das nicht ganz kirre, wenn all die Leute vor ständig vor eurem Haus stehen?", fragte Sabine, Juliens Frau.
"Ja, das ist eben mal der Nachteil vom Berühmtsein", antwortete Michel, als eines der Kleinen gegen den Gartenzaun rannte.
"Jeder X-Beliebige kann einfach so über den Zaun klettern", deutete Bertrand. "Es überrascht mich, dass ihr noch keine Last mit Einbrecher hattet."
"Wir müssen das Haus tatsächlich besser abschirmen und eine Renovierung ist auch schon längst fällig", stimmte sein Bruder ihm zu.
"Da habe ich eine perfekte Idee", sagte Bertrand. "In Avignon steht ein fantastisches Haus leer, das ihr für ein paar Monate mieten könntet. In der Zwischenzeit renoviere ich euer Haus zu einem vernünftigen Preis und du würdest deine Pilger für eine Weile los sein. Was hältst du davon?"
"Hast du denn überhaupt Zeit dafür?", fragte Michel.
"Ach, es kommen stets neue Aufträge. Jedoch den größten, den Kanalbau, der ist abgeschlossen und für meinen übergroßen Bruder nehme ich mir einfach die Zeit. Ich weiß wo ich die besten und schönsten Materialien herbekommen kann… Ein Tipp noch: halte die Vorderfront des Hauses bescheiden, damit die Steuern nicht zu hoch angesetzt werden."
"Ich habe genug von den ganzen Witzen über meine Arbeit", muckte Antoine unerwartet heftig auf.
"Tut mir Leid, Bruderherz, ich übertreib mal wieder. So schlimm ist es nun auch wieder nicht mit den Steuern", beschwichtigte Bertrand. "In den großen Städten wetteifern sie derzeit schon darum, wer das schönste Gebäude hat."
"Ich halte es für eine plausible Darstellung", sagte Michel schließlich. "Wie denkst du darüber, Anne? Sollen wir für eine Weile in Avignon leben?"
"Es steht eh schon in den Sternen geschrieben", antwortete sie beschwipst.
"Zuerst werde ich einen gut durchdachten Plan machen", fuhr Bertrand fort, "und du brauchst erst eine Entscheidung zu treffen, wenn du ihn gesehen hast."
"Michel, erzähl uns etwas über die Zukunft der Menschheit", bat Elise, die etwas verloren daneben saß. Allerdings bekam er keine Gelegenheit dazu, denn André stieß das vor ihm stehende Glas Wein um.
"Auch das gehört zu einem gelungenen Fest", lachte Bertrand.
"Apropos Feste", hakte Julien sofort ein, "nächsten Monat ist Shavuoth, das jüdische Wochenfest. Feiert es noch jemand von euch?"
"Ich nicht", antwortete Michel, der noch mit auftupfen des Weines beschäftigt war. "Ihr vielleicht?" Lediglich der Advokat schien die jüdische Tradition aufrecht zu erhalten, wenn auch nur im Geheimen.
"Bevor ich gehe", sagte Bertrand abschließend, "möchte ich einen Toast auf unseren Vater und unsere Mutter aussprechen, denen wir sehr viel zu verdanken haben", und einstimmig erhoben die Brüder ihre Gläser.

Sobald der Bauplan für gut geheißen wurde, begannen Bertrand und seine Handwerker umgehend mit der Renovierung des Hauses. Die De Nostredames verreisten unterdessen mit der Kutsche nach Avignon, wo sie noch vor Mittag die Brücke von Avignon überquerten. Sie fuhren in jene ungastliche Stadt, in der ihr Vater in seinen jungen Jahren Astrologie studiert hatte. Die Straßen waren ihm noch immer sehr vertraut. Und wie das Schicksal so spielte, befand sich das betreffende Haus am Parc de Papes, neben seiner ehemaligen Universität, die jetzt für andere Zwecke genutzt wurde. Sie stiegen aus und brachten ihre Sachen ins Haus. Das schmucke Gebäude war vollends möbliert und es bedurfte nur wenig, um den Aufenthalt angenehm zu gestalten. Michel, der absichtlich nur wenig Arbeit mitgenommen hatte, besaß nun sehr viel Zeit für Anne und die Kinder. Am drauffolgenden Tag gingen sie hoch hinauf zum alles überragenden Felsen Rocher des Domes, von wo aus er seiner Familie die Stadt zeigte. Danach liefen die acht durch ganz Avignon und besuchten unter anderem die Rue St. Agricol, wo der Vater einst in einem armseligen Kämmerchen gewohnt hatte. Dort befand sich nun ein Geschäft, das Tand und Spielsachen verkaufte. Die Familie genoss die Zeit in dieser kosmopolitischen Stadt, aber leider blieb der Vater nicht von seinen Gelenkschmerzen verschont, die ihn an die Nähe des Hauses fesselten.
Mein Körper scheint mit jedem Jahr an Kraft zu verlieren, grummelte er, als er sich auf die Parkbank setzte, die dem Lauf der Zeit wundervoll Stand gehalten hatte. Er betrachtete die Eichen, die er noch von früher her kannte. Die Bäume hatten nichts von ihrer Kraft eingebüßt.
"Michel, wir gehen in den Spielzeugladen, sind aber bald wieder zurück", verkündete Anne.
"In Ordnung. Ich warte solange." Spielzeugladen?
Während seine Familie unterwegs war, streichelte der Wind seine schmerzhaften Knöchel, und Erinnerungen an seine Jugendzeit stiegen in ihm auf.
Die Zeit rannte wirklich wie Sand durch meine Finger, sinnierte er.
Kurz darauf kamen Anne und die Kinder mit vollen Taschen zurück.
Du liebe Güte, die sehen ja aus wie die Kaufsüchtigen in der Neuen Welt, dachte er wieder aufgemuntert, als sie sofort damit begannen, das ganze Spielzeug mitten auf der Wiese auszupacken. Neugierig stand er auf, musste sich aber sofort wieder setzen und erst seine Schuhe zubinden.
Diese verdammte Gicht; sogar die Schnürsenkel kann ich nicht mehr halten.
"Michel, komm her und sieh dir an, was wir alles gekauft haben", rief seine Frau.
"Ja, ja, ich komm schon", meldete er sich und stand auf. André sprang bereits durch einen rollenden Reif hindurch und César versuchte gleich, ihm diesen kunstvollen Trick nachzumachen.
"Du bist zu groß für diesen Trick", rief Madeleine, die kurz aufsah bevor sie wieder weiter in den Taschen herumwühlte. Vater hatte sich zu seiner Familie gesellt und kramte nun ebenfalls in den Sachen rum. Springseile, ein Ball, Puppen, Murmeln und Filz, zu viel um alles aufzuzählen. Diane stolzierte mit einer dicken Puppe, die wie eine Chinesin aussah, herum.
Wie lange die sich damit wohl beschäftigen werden, dachte Michel, der mit seiner Frau im Gras saß.
"Machst du auch mit, Papa?", fragte Paul. "Wir gehen Fangen spielen."
"Spielt ihr nur. Eure Mutter und ich werden euch dabei beobachten."
"Hei, ich bin doch noch kein altes Weib", protestierte Anne, die aufsprang und dem wegpreschenden Paul hinterher jagte. So zogen die Tage dahin und jeder genoss seine Freiheit. Mit der Zeit jedoch wurden die Burschen rauflustig und die Nachbarn mürrisch. Der Vater ließ sie ihren Weg gehen, nur als sie Metzger spielen wollten und versuchten Dianes Bauch mit einem Küchenmesser aufzuschlitzen, ging er dazwischen.
"Jetzt ist aber genug. Gebt mir das Messer und ab in eure Kammern!", schimpfte er wütend und im Handumdrehen lief der Nachwuchs wieder in der richtigen Spur. Eines Tages wurde der Seher von einigen Leuten auf der Straße erkannt und von ihnen schamlos belagert. Als sie dann auch noch vor diesem Haus auf ihn lauerten, beschloss er, fortan den Rest der Zeit drinnen zu verbringen, wo seine Familie das Carcasonne-Legespiel wieder und wieder spielte, bis dass sie irgendwann einmal genug davon hatten. Jedenfalls hatten die Kinder noch nie zuvor so viel Spaß gehabt. Eines Abends überkam Michel ein Vision von einem steinreichen Westen, der langsam aber sicher untergehen würde. Gleichzeitig kam Pauline, mit einem selbst gebastelten Spitzhut auf dem Kopf und einem schwarzen Band auf dem Rücken, ins Zimmer stolziert.
"Können wir nicht öfters Ferien machen, Papa", fragte sie.
"Wenn du später mal groß bist, dann kannst du reisen soviel du willst", entgegnete er. "Die zukünftigen Europäer machen nichts anderes." Anne hatte langsam genug von der unbegrenzten Freiheit.
"Ich bin es müde", sagte sie eines Tages. "Ich sehne mich nach unserem eigenen Haus - sogar Christophe vermisse ich."
"Nun, ich erwarte jeden Tag eine Nachricht von Bertrand", informierte ihr Mann sie. Als die Kinder am nächsten Tag auf dem Dachboden mit dem Ball spielten, erhielten die Eltern die erlösende Botschaft: ihr Haus war fertig.
Wieder zurück in Salon, schien es, dass Vaters Verehrer endlich abgezogen waren. Es stand niemand mehr da und beobachtete ihr Haus, dem ein neues Aussehen verliehen worden war. Nur Bertrand wartete auf sie, der nun auf die Fassade zeigte.
"Es ist ein Meisterstück!", klopfte er sich selbst auf die Schulter, als sie aus der Kutsche stiegen.
"Aber unser Haus ist nicht mehr so gemütlich", klagten die Kinder. Der Balkon war entfernt worden, um ein leichtes einbrechen zu vermeiden und die unteren Fenster hatten jetzt alle Gitter davor. Die neue, schwere Tür war mit großen Scharnieren und einem Guckloch versehen. Irgendwie ähnelte das Haus einem Gefängnis. Markant waren allerdings die mit echtem Glas besetzten Fenster. Sie waren eine wahre Augenweide und zudem die ersten in der Stadt. Die alten Fensterläden waren zum Schutz des teuren Bleiglases erhalten geblieben.
"Kommt, ich will euch herumführen", schlug Bertrand vor und sie gingen alle hinein. Das Wohnzimmer hatte eine dunkle, rotbraune Holzvertäfelung und das Mauerwerk war in einem eleganten Beige gestrichen. Der Boden war nahtlos schwarz-grau gefliest und von der Decke hing ein ziemlich imposanter Kronleuchter. Auch waren die meisten Möbel neu, wie das geschmackvolle rote Sofa, auf dem André gleich herumklettern wollte.
"Geh da sofort runter", warnte der Vater, "das ist nicht für Kinder zum rumturnen gedacht."
"Die meiste Arbeit wurde jedoch im Gästehaus verrichtet", erklärte Bertrand, während sie durch den Garten gingen. Die Veranda war mit einer neuen Unterkunft überdacht worden, die über eine Außentreppe erreicht werden konnte.
"Nun, du hast wirklich großartige Arbeit geleistet", lobte Anne, nachdem sie alles gesehen hatte. Auch ihr Mann war überaus begeistert davon.
"Verborgene Schönheit", fasste dieser zusammen.

Nostradamus stürzte sich wieder auf sein Meisterwerk, das sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befand und seit der Hausrenovierung empfing er seine Besucher auf dem neuen roten Sofa. Es war still geworden im Haus, jetzt wo die drei ältesten Kinder in Arles unterrichtet wurden. Michel schlurfte mit einer Tasse Milch in der Hand auf die Veranda und setzte sich in eine dunkle Ecke.
So, jetzt erst einmal etwas Feines trinken und danach werden wir weiter sehen.
Als er ausgetrunken hatte, schloss er die Augen und konzentrierte sich. Wie erwartet, strömten die von oben kommenden Informationen direkt durch seinen Körper.
Vielleicht lasse ich ja langsam etwas nach, aber auf spirituellem Gebiet gehe ich noch immer vorwärts, konstatierte er zufrieden und wurde allmählich eins mit der Zukunft. An seinem Kopf schwirrten Geister vorbei, die die schlimmsten Pläne am aushecken waren. Er bemerkte, dass einer der Ideen die Potenz hatte, sich zu entwickeln und beschloss, diesem Prozess zu folgen. Die Katastrophe würde sich nahe der Heimatstadt von Erasmus ereignen.
Oberhalb des Rheins, in einem kleinen Dorf bei Rotterdam, stoppte spät nachts ein Lieferwagen mit zwei düsteren Gestalten. Die beiden suchten eine Weile die Gegend ab, bis dass sie sich sicher waren, von niemand gesehen zu werden. Sie fuhren vom Weg ab und zwischen Gewächshäusern hindurch. Am Ende der Fahrt, stellten sie ihr Fahrzeug ab und kontrollierten nochmals die Umgebung nach neugierigen Blicken. Es war totenstill und die Dorfbewohner waren alle tief am schlafen. Vorsichtig öffneten sie das Heck des Vehikels und nahmen ein abgedecktes Objekt heraus.
"Jan, vorsichtig", flüsterte Mohammed. Die Männer schleppten den langen Gegenstand über die Bahngleise, hinunter zum Fluss. Auf dem Deich angekommen, blickten sie gespannt auf die andere Seite hinüber, wo einige gigantische Öltanks standen und permanente Feuer brannten.
"Einen besseren Platz gibt es nicht", flüsterte Mohammed, "von hier aus "kann man fast alle Depots sehen."
"Ja, aber lass uns weitergehen. Es ist jetzt kurz nach Fünf und wir sind hinter dem Zeitplan", antwortete Jan, der den Gegenstand in den Büschen versteckte. Sie liefen schnell zum abgeschlossenen Transporter zurück, holten eine Kiste raus und schleppte diese ebenso hinunter zum Fluss.
"Der Moment der Wahrheit ist gekommen", sprach Jan erhaben und entfernte die Hülle von dem langen Objekt. "Ein Geschenk vom saudischen Prinzen!", und bewunderten den Raketenwerfer, hergestellt in Amerika.
"He, Jan, wir machen schon das Richtige, oder?"
"Wir machen das für den wahren Glauben, damit wir auf den Ruinen des dekadenten Westens aufblühen. Durch diesen Fluss soll das Blut der Ungläubigen strömen", dröhnte er. Überzeugt platzierte er den Raketenwerfer auf der Schulter seines Kumpels und holte sogleich die erste Rakete aus der Kiste. Während ein großer Tanker unterdessen vom Meer her den Fluss hinauf fuhr, verschwanden die Öldepots kurzfristig aus ihrer Sichtweite.
"Duck dich, nicht dass uns die Besatzung noch entdeckt!", kommandierte Jan und beide versteckten sich hinter den Büschen. Das Schiff bewegte sich auf einen weiter vorne gelegenen Binnenhafen zu und einen Moment später, kamen die Lagertanks wieder zum Vorschein.
"Ich hoffe, wir haben genug geprobt", sagte Mohammed.
"Hab Vertrauen. Ich schieß die Dinger in Fetzen. Das werden Weltneuigkeiten werden!", und Jan überprüfte nochmals die Einstellungen der schweren Waffe, während der andere Wache stand. Schließlich gab der niederländische Muslim seinem arabischen Glaubensbruder das Zeichen, die erste Granate zu bringen.
"Jetzt ist es soweit, Bruder", sagte Jan, der auf einem Knie aufgestützt, die Waffe auf den größten Brandstoffvorrat Europas richtete. "Beinahe hätte ich vergessen, die Temperatur der Tanks einzugeben…"
"Wir haben zehn Granaten und zehn Prozent davon können fehlschlagen", meinte Mohammed. "Und mit etwas Glück, schlägt der Brand über." Sein Kamerad stellte daraufhin das Visier richtig ein und entdeckte dabei ein paar rostige Rohre im vorderen Geländeteil, auf die er die Granate entsprechend justierte. Das gewünschte Ziel kam in Sicht.
"Michel, wo bist du?", rief Anne, die allerdings keine Antwort bekam. "Oh, da bist du. Ich habe überall nach dir gesucht." Die abrupte Unterbrechung störte den Seher nicht im Geringsten, diese Zeiten waren längst vorbei.
"Was gibt es, Liebes?", fragte er mit geschlossenen Augen.
"André hatte eine kleine Aufgabe in Gougnauds Apfelgarten. Sein Helfer hat sich durch Zutun unseres Sohnes einen Finger gebrochen und kann nun seine Äpfel nicht mehr pflücken. Was sollen wir machen?"
"Ich werde darüber nachdenken", sagte er verträumt.
"Noch was, ich komme gleich bei der Papiermühle vorbei. Muss ich Papier für dich kaufen?"
"Ja, nimm einen Packen Sketchpapier für mich mit." Anne verschwand wieder und ihr Ehemann konzentrierte sich wieder auf den geplanten Anschlag.
"Allah ist groß", schrie Jan und zog am Abzug. Die Rakete schoss von seinen Schultern ab. Gebannt verfolgten die beiden Kämpfer die Flugbahn des Projektils und beobachteten, wie der erste Tank frontal getroffen wurde. Sie jubelten vor Freude und die gigantische Explosion, die darauf folgte, durchbrach die nächtliche Stille. Der haushohe Lagerplatz öffnete sich explosionsartig und das Öl ging in Flammen auf.
"Jetzt müssen wir ganz ruhig bleiben", sagte Jan ernst und sein Kamerad brachte bereits eine neue Ladung an. Konzentriert peilte der Holländer sein nächstes Ziel an und feuerte erneut ab. Wieder ein Volltreffer. Auch der zweite Tank brannte lichterloh und wieder waren sie verrückt vor Freude. Mittlerweile gingen auf der anderen Seite die Alarmsirenen los und die Wachen rannten um ihr Leben.
"Nächste", diktierte Jan und sein Kumpel platzierte die dritte Granate. Wieder ein Treffer.
"Wir haben Beistand von oben", sagte Mohammed.
"Zweifelsohne", stimmte sein Kumpan zu. Die zwei Gläubigen führten ihre Mission fehlerfrei aus und auch der nächste Lagertank explodierte. Das entstandene Flammenmeer erhellte die ganze Umgebung, wo vereinzelte Bäume wie Streichhölzer versengten. Panik war auf dem weitläufigen Industrieareal ausgebrochen und alles was Räder hatte raste davon. Die Hitze war unerträglich.
"Ja, der Brand greift auf die anderen Depots über!", lachte Jan. Plötzlich kam auf ihrer Seite, entlang des Flusses, ein Zug angefahren, der ihre Aktivitäten zu stören drohte.
"Was ist denn jetzt los? Wieso kommt um diese Uhrzeit noch ein Zug?", erschrak Mohammed.
"Und wenn schon, dann sehen sie uns halt. Wir machen unseren Job wie gewohnt weiter. Es sind nur noch vier Granaten übrig."
"Aber vielleicht halten die ja an, um uns zu packen!"
"Du wirst mir doch nicht erzählen wollen, dass du an so was nicht schon früher gedacht hast?!" Aber der Zug näherte sich und Mohammed war von der Angst gepackt und rannte davon.
"Schwächling! Schlappschwanz! Dann setze ich eben den Heiligen Krieg alleine fort", fluchte Jan und bereitete die nächste Granate alleine vor. Der Zug erreichte den wild entschlossenen Terroristen und der Maschinist, ganz verstört wegen der Explosion, beobachtete wie er am Ufer damit beschäftigt war, seine Waffe zu laden. Der Zugführer beschloss, mit vollem Tempo weiterzufahren, um seine Passagiere und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Irritiert, drehte Jan sich um und richtete die Waffe drohend auf den vorbeidonnernden Zug.
"Materealistischen Schweine!", zischte er. Die Passagiere wurden ganz starr vor Angst, als sie ihn dort stehen sahen. Bis auf einen Mann, bekleidet mit einem langen, braunen Gewand, der schien, als sähe er direkt durch ihn hindurch.
Beim Barte des Propheten, wer ist denn dieser gruselige Typ, dachte Jan und drehte sich schnell um. Allmählich löste sich der Zug im Dunkel der Nacht auf. Der Kämpfer ging wieder ans Werk und jagte den nächsten Tank in die Luft. Sechs Lager waren nun verwüstet und das Öl strömte in den Fluss.
Michel öffnete die Augen und rieb sich nachdenklich die Nase.
"Das nennt man wohl Öl aufs Feuer gießen", und machte sich eine Notiz in seinem Notizbuch. Mit Mühe stand er auf und ging in die Küche, wo er sich nochmals Milch warm machte.
Religion ohne Wissenschaft ist Blindheit, bestimmte er, während er seinen Becher füllte und sich an seinen Schreibtisch setzte. Plötzlich kam Christophe herbeigeeilt.
"Ich habe zwei heiße Nachrichten für Sie, Meister!"
"Dann lassen Sie mal hören", seufzte der Gelehrte und ließ sich in den Sessel fallen.
"Zuerst die gute oder die schlechte Nachricht?"
"Sie wählen aus, Christophe."
"Dann beginne ich mit der schlechten. Barbe Regnault aus Paris hat Ihren ersten Teil der Prophezeiungen nachgemacht und veröffentlicht. Er hat Plagiat betrieben und ich rate Ihnen dringend, ihn in Paris vor Gericht zu bringen."
"Ich bin mir sicher, dass niemand Regnault ernst nimmt. Und die gute Nachricht?"
"Die Königin unternimmt eine Reise durch Südfrankreich und sie beabsichtigt, Sie hier zu besuchen."
"Das ist in der Tat eine gute Neuigkeit", lächelte der Meister.
"Mit Ihrer Erlaubnis, wird Ihre Majestät Sie am achtzehnten des nächsten Monats besuchen. Kann ich ihr eine Betätigung schicken?"
"Absolut. Das wird die Krönung meiner Arbeit sein."

Unter lautem Trompetenschall reiste die imposante königliche Prozession den Hügel herauf, auf dem sich Salon de Provence befand. Hunderte von berittenen Gardisten ritten vor der Kutsche her, und eine ähnliche Anzahl ritt hinterher. Die Stadtwache hatte alle Straßen mit Zäunen abgesperrt und Tausende von Menschen hatten sich nun dahinter versammelt. Langsam bewegte sich die Parade durch das Stadttor, um unter viel Gedränge auf dem kleinen Place de la Poissonnerie zum Stillstand zu kommen.
"Michel du hast Besuch", scherzte seine Frau, während die Kinder in Reih und Glied in der Eingangshalle warteten. Christophe und das Hausmädchen strichen nochmals ihre Kleidung glatt.
Heiliger Strohsack, ich hätte nicht gedacht, dass sie mit einer derartig großen Entourage anreist, dachte Michel, der vom Fester aus alles beobachtete. Zusammen mit seiner Frau ging er zur Tür. Katharina de Medici stieg aus ihrer goldenen Kutsche und eine Horde von Höflingen folgten ihr im Schlepptau.
"Hallo Doktor, wenn Sie nicht zu mir kommen, dann komme ich eben zu Ihnen", begrüßte ihn die Königin.
"Majestät, ich fühle mich durch Ihren Besuch sehr geehrt", lachte er und küsste ihre ausgestreckte Hand.
"Dann muss das Ihre Frau sein", vermutete Katharina. Anne nickte und machte einen Hofknicks.
"Dürfen meine Begleiter zu Ihnen hereinkommen?"
"Aber natürlich, Majestät", antwortete er, woraufhin die Königin und ihr ganzes adeliges Gefolge das Haus betraten.
"Psst, Michel, das geht nicht gut", flüsterte Anne. "Die passen hinten und vorne nicht alle ins Gästehaus." Aber ihr Mann machte sich darüber keinerlei Sorgen und setzte sich vor dem Kamin in einen Armsessel, zusammen mit Ihrer Hoheit. Das Gefolge versammelte sich um sie herum.
"Francis, komm setz dich zu uns", bat Katharina. Der junge König, bis dahin vollkommen unbemerkt, befolgte den Wunsch seiner Mutter und setzte sich auf den Stuhl, den ein Diener heranbrachte.
"Sie wissen natürlich alle, dass mein Sohn der offizielle König ist, aber da er erst fünfzehn ist, werde ich das Land wohl noch ein Weilchen weiterregieren müssen." Jeder blickte erwartungsvoll zum König hin, um zu sehen wie seine Reaktion sein würde, aber es kam keine. Stattdessen machten einige der Höflinge dem König Komplimente über sein Erscheinungsbild. Der zierliche Francis war tatsächlich geschmackvoll gekleidet. Er trug ein hohes Barett mit goldenen Fransen und einer blauen Feder und war in einen schwarz-roten Palastmantel mit einem großen, weißen Kragen.
"Ich hatte die Ehre, Eure Majestät vor langer Zeit im Le Louvre kennen lernen zu dürfen", durchbrach Nostradamus den Engpass.
"Eh, das weiß ich noch", stotterte der Jugendliche.
"Wir verbrachten den ganzen Tag damit, durch sämtliche Räume zu wandern", erklärte der Gastgeber. Francis II. war absolut nicht dafür geeignet, das Land zu regieren, was alle Anwesenden wussten, aber niemals aussprechen würden. Seine Mutter dagegen war eine Regentin der Extraklasse. So mussten zum Beispiel alle Hofdamen ein eng geschnürtes Korsett tragen, um mehr Modebewusstsein auszustrahlen, sie selbst jedoch trug ein auffallend loses Kleid.
"Wir möchten Sie zu einem Diner ins Château de l'Empéri einladen, wo wir die kommenden Nächte verbringen werden", verkündete Katharina.
Puh, ein Logistikproblem weniger, dachte Anne um eine Sorge erleichtert.
"Wir nehmen die Einladung von Herzen an, Majestät", antwortete Michel.
"Mein Vater hatte eine hohe Meinung von Ihnen", entfuhr es dem König plötzlich.
"Das ist schön zu hören", erwiderte der Gastgeber angenehme überrascht. Wer weiß, vielleicht ist es sogar wahr.
"Und nicht nur allein sein Vater. Ihre Anweisungen waren bedeutsam. Teils deswegen, wusste ich die Einheit in unserem Lande zu bewahren. Den Streit zwischen den Guises und Colignys war nach dem Tod meines Mannes in aller Wildheit entbrannt. Wir sind Ihnen äußerst Dankbar dafür und wollen Ihnen dies mit einer Zulage und verschiedenen Privilegien zum Ausdruck bringen. Des Weiteren verleihen wir Ihnen zwei Ehrentitel und ernennen Sie hiermit zum königlichen Hofarzt und Berater", und überreichte ihm die Urkunden.
"Ich weiß es sehr zu schätzen, Majestät", und zeigte ihr seine Dankbarkeit mit einer tiefen Verbeugung. Nach diesem Tribut zogen die Königin und ihr Gefolge weiter zum nahe gelegenen Schloss mit seinen zwei Türmen. Die legendäre Prozession verschwand aus dem Straßenbild und es kehrte wieder Ruhe ein.
"Es ist wie im Märchen, mit dir verheiratete zu sein", meinte Anne, als sie mit ihrem Mann wieder alleine war. Danach konnte nichts mehr seinen Tag ruinieren.
Der letzte Abend des königlichen Besuches war angebrochen. Michel und Anne begaben sich zum Château de l'Empéri, um sich feierlich von Katharina de Medici zu verabschieden. Nach einem sensationellen Abendessen mit Begleitmusik machte der anerkannte Astrologe mit ihr noch einen kurzen Spaziergang im Garten.
"Ich freue mich bereits auf unser nächstes Zusammentreffen", enthüllte Katharina.
"Das wird nicht geschehen, Majestät. Dies ist das letzte Mal, dass Sie mich lebend sehen."
"Das stimmt mich sehr betroffen", reagierte sie erschrocken und gerührt nahm sie Abschied von ihrem ganz besonderen Vertrauten. So endete der historische Besuch* in Salon de Provence, wo das Leben wieder zu seiner Normalität zurückkehrte.

Die erste Schule der Stadt wurde eröffnet. Paul, César und Madeleine lernten dort Fertigkeiten, die später einmal nützlich für sie sein würden, wie Buchhaltung, Recht und Grammatik. Manchmal wurden ihnen auch altgriechische oder lateinische Texte vorgelesen, doch für den Durchschnittsschüler war dies ziemlich trocken und langweilig, und der einzige der Interesse daran hatte, war César. Der Student war auch der einzige, der etwas von Poesie und Rezitation hielt. Eines Tages fragte er seinen Vater ob dieser ihm bei seinem Vortrag in Englisch behilflich sein könnte.
"Davon habe ich leider nicht viel Ahnung", antwortete sein Vater, "die Hauptsache aber ist, dass du an das glaubst wovon du sprichst, ansonsten wird es keine Kraft haben. Vielleicht kann Christophe dir ja helfen." Der Jugendliche rannte sofort hinauf zur Mansarde, wo der Sekretär sich um die internationale Korrespondenz kümmerte. Früh an diesem Abend saß Nostradamus in Gedanken versunken auf dem Sofa, als seine Frau vom Einkaufen zurückkam.
"Ich bin zurück."
"Ich bin beschäftigt, mein Sonnenschein", sagte er, sich in einer anderen Sphäre befindend.
"In Ordnung, ich bin ja schon ruhig", und verräumte einige der neuen Sachen im Schrank. Stiekum legte sie für ihn eine Praline auf den Salontisch.
"Ich stelle dir deinen Pastis am besten in die Küche", musste sie noch loswerden.
"Wunderbar", dankte er ihr zwischen Informationsströmen, die er erhielt: 'Okkulte Monomanen verehren die Toten und zeigen ihre Gewalt bei den Spielen. Jerusalem wird wieder für Zwiespalt sorgen.' Hmm, heidnische Sekten und das gelobte Land… aber ich kann mir noch keinen Reim darauf machen, dachte er. Seine Frau stellte unterdessen wieder einmal die Möbel um und verursachte dabei störende Geräusche.
"Anne, ist Christophe schon nach Hause gegangen?"
"Ja, er ist schon weg. Du kannst dich ruhig in sein Arbeitszimmer setzen, wenn du möchtest." Michel stand langsam auf, sah die Praline auf dem Tisch und steckte sie in den Mund.
"Was machst du mit den Armsesseln", fragte er und leckte sich die Lippen.
"Ich stelle sie neben den Schrank."
"Und warum?"
"Ich möchte mal was anderes, nicht immer dasselbe."
"Ich denke vielmehr, dass du mich einfach loshaben willst", sagte er gerade heraus.
"Überhaupt nicht. Ich habe dir sogar was Feines dort drüben hingelegt."
"Ja, genau deshalb. Du hast zuviel Energie. Vielleicht solltest du wieder mit dem Reiten anfangen."
"Nicht daran zu denken! Ich bin zwar beinahe zwanzig Jahre jünger als du, aber ich werde auch älter. Zudem bin ich wegen dem letzten Sturz noch immer in Behandlung, du weißt schon, damals mit Jacqueline." Er wusste, wenn Anne in dieser Weise redete, war sie auf keine anderen Gedanken zu bringen. Der Großmeister zog davon und auf seinem Weg nach oben, musste er öfters ausruhen. Die Bilder strömten weiter durch seine Gedanken: 'Sein Verlangen nach Zerstörung wird zunehmen und seine Anhänger werden sich wie Flöhe über dem Kontinent verteilen", brodelte es in ihm hoch. Der Schmerz in seinem Körper wurde in der letzten Zeit immer ärger. Seine Gelenke waren jetzt regelmäßig entzündet und als er in seinem Arbeitszimmer ankam, musste er sich sofort auf dem Meditationsbett ausruhen.
Meine materielle Hülle kommt gegen meinen Geist nicht mehr an, konstatierte er finster und wurde aus seinem Körper geblasen. Der Schmerz verschwand augenblicklich und er war im siebten Himmel, doch die höheren Welten führten ihn an einen anderen Ort.

Der Außenminister wollte seine Beine etwas strecken und schob seinen Stuhl zurück in die Sitzposition. Im Gang hing der Geruch von gebratenen Eiern und er beschloss, zum Cockpit zu laufen. In der durchsichtigen Kuppel, gleich unterm Cockpit, erfreute sich sein Übersetzer an der Aussicht auf den atlantischen Ozean, der stetig unter dem Flugzeug dahin glitt.
"Sie haben lange geschlafen", sagte Jim, als er seinen Chef bemerkte.
"Ich hatte es auch nötig", gähnte Donald, seine Arme streckend. "Ich möchte in guter Form sein, um die Gespräche zu beginnen."
"Ach, Sie werden bestimmt zu einer Übereinstimmung kommen…"
"Ja, mit den Europäern und den Russen ganz bestimmt, aber mit den Arabern muss ich noch sehen. Können Sie mir noch etwas Saft eingießen?", fragte er die vorbeigehende Stewardess. Jim nahm nochmals einen Kaffee und genoss erneut die Aussicht.
"Man fühlt sich wie ein Vogel, der über das Meer fliegt", sagte er, aber Donalds Gedanken waren ganz woanders.
"Ich glaube, ich kann dort drüben Frankreich sehen", bemerkte der Übersetzer einige Minuten später.
"Frankreich, der immer lästige Bruder der Vereinigten Staaten", brummte der Minister. Das Flugzeug näherte sich der Küste und ließ sich bis knapp über dem Meeresspiegel abfallen.
"Warum fliegen wir so tief?", fragte Jim.
"Wir befinden uns über feindlichem Gebiet und so fehlt ihnen die Zeit, um auf uns zu schießen", erklärte sein Chef.
"Sie meinen die Muslime?"
"Hier ja, denn in diesem Land macht sowieso jeder was er will. Seit dem Aufstieg dieses Chyren Selin wurde die Demokratie weggespült und dem Europäischen Gesetz wird nicht mehr Folge geleistet."
"Wenn die bloß nicht auf uns schießen", sagte Jim, der verängstigt war.
"Keine Sorge. Diese Boeing besitzt regenerierende Teile voll mit Sensoren. Die Mikro-Elektronik stellt sicher, dass praktisch jedes Schussloch binnen weniger Minuten abgedichtet wird. Nur bei einem Raketenangriff bekommen wir echte Probleme."
"Raketenanschlag?"
"Ja, von den Alpen aus werden manchmal Raketen abgefeuert. Da sitzen fanatische Nationalisten."
"Aber das wird doch nicht über der Bretagne geschehen, oder?"
"Nein, aber man kann nie wissen…" Das Flugzeug flog nun über Ile de France und die vormalige Stadt der Lichter kam in Sicht.
"Hei, das ist doch der Eiffelturm, nicht wahr?"
Ja, da haben Sie Recht. Der Haufen Rost steht noch immer, trotz den ganzen Bombardierungen." Das Flugzeug reduzierte die Geschwindigkeit und die sich auf und ab bewegenden Flügel, hergestellt aus biegsamen Stahl, gewährten eine vertikale Landung. Mit einer einstündigen Verspätung landete das Flugzeug in der Pariser Sicherheitszone, die schon seit Jahren auf Grund der rebellierenden Vorstädte versperrt war. Nachdem die Flügel wieder in den Rumpf eingezogen worden waren, rollte das Flugzeug in den Hangar hinein. In einer angekoppelten, schlauchartigen Gangway nahmen die Gäste auf Hängesitzen Platz, und wurden mittels einer Rohrkonstruktion zum richtigen Ausgang des Gebäudes transportiert. Ein Identifikationsscanner sorgte unterdessen dafür, dass das Gepäck zu seinem rechtmäßigen Besitzer geliefert wurde und zusätzlich noch von einem leibhaftigen Beamten kontrolliert wurde. Der amerikanische Minister und seine Kollegen wurden höchstpersönlich vom französischen Staatspräsidenten abgeholt.
"Wie gut, Sie wieder zu sehen, Donald", begrüßte dieser ihn.
"Ganz meinerseits, Louis. Sind die anderen Delegierten schon angekommen?"
"Sie sitzen bereits am Tisch."
"Irgendwelche Neuigkeiten?"
"Nein. Wir werden sowieso erst anfangen, wenn auch Sie dabei sind." Die ranghohen Beamten stiegen in ein gepanzertes Fahrzeug, das unter Eskorte zum Zentrum von Paris fuhr.
"Ist das nicht der Louvre?", fragte Donald, entlang des Weges.
"Ja, das ist er", bestätigte Louis. "Trotz der Tatsache, dass er seine Funktion als Museum verloren hat, wird er noch immer gehegt und gepflegt. Im zwölften Jahrhundert war es ein Fort, das dazu diente, Paris von äußeren Angriffen zu schützen. Wie es scheint, wiederholt sich die Geschichte." Nach Ankunft in dem streng überwachten Regierungsgebäude, wurde die Gruppe zu einem unterirdischen Büro geführt, wo Panoramas von Wasserfällen die Mauern zierten. Die Unterhändler der Europäischen Union, aus Russland und dem Arabischen Staatenbund saßen bereits am Konferenztisch und warteten auf die Nachzügler. Der französische Staatspräsident eröffnete ohne Umschweife das Gipfeltreffen.
"Wir haben uns hier versammelt, um eine Eskalation der stets wachsenden Kluft zwischen islamischen und nicht-islamischen Bevölkerungsgruppen zu verhindern."
"Dann werden Sie zuerst Chyren Selin als einer unserer Anführer anerkennen müssen", unterbrach ihn sofort Al-Atwa, der arabische Diplomat.
"Sie meinen diesen französischen Muslim mit seine drei zänkischen Weibern?", höhnte Ivanov, der Wortführer Russlands. Das Treffen hatte kaum begonnen, und schon hingen sich die Delegierten gegenseitig in den Haaren. Holstein, der Vorsitzende der Europäischen Union, bot einige Unterstützung an.
"Wir wollen Chyren Selin gerne anerkennen, aber erst muss er seinen Gefolgsleuten befehlen, unsere Gesetze zu respektieren, wie zum Beispiel gleiche Rechte für Homosexuelle und Frauen."
"Unser Führer ist gerne bereit, Zugeständnisse zu machen, vorausgesetzt, dass die europäisch-russischen Kriegsflotte aus unserer heiligen Stadt Mekka abgezogen wird", erwiderte Al-Atwa daraufhin.
"Die Flotte ist einzig und alleine dort, infolge einer Unstimmigkeit mit der saudi-arabischen Regierung", erklärte Holstein schon zum x-ten Mal.
"Meine Herren, behalten Sie einen kühlen Kopf. Wir werden schließlich alle davon profitieren", beruhigte Donald die Parteien.
"Für euch Amerikaner zählen sowieso nur die wirtschaftlichen Interessen", kritisierte Holstein, "aber das hilft uns auch nicht, aus diesem Schlamassel raus zu kommen. Europa wurde auseinander gerissen und in großen Teilen herrscht jetzt Anarchie."
"Europa war noch nie imstande, sich um sich selbst zu kümmern", stöhnte Donald.
"Aber die US schon, oder?! Es waren doch sie, die auf dreiste Art in Afghanistan und im Irak eingefallen sind. Seither ist der Weltfriede ganz bestimmt nicht besser geworden", bemerkte Al-Atwa.
"Das war bereits vor zwanzig Jahren. Wir haben seither dazugelernt."
"Und wie?"
"Nun, wir stehen noch immer hinter dem Angriff auf Afghanistan, denn das geschah aus reinem Selbsterhaltungstrieb. Was jedoch den Irak anbelangt, so gebe ich zu, dass den USA ein Einschätzungsfehler unterlaufen ist. Die irakische Bevölkerung war danach nicht besonders glücklich über unsere Anwesenheit." Der Präsident unternahm einen neuen Versuch, einen Durchbruch zu forcieren und sprach erneut zu der arabischen Delegation.
"Chyren Selin ist imstande, mit einer einzigen TV-Ansprache sämtliche islamischen Aufständischen in ganz Europa in Schach zu halten. Er sollte diesen Schritt machen."
"Er wird nichts dergleichen tun, solange die Flotte im Roten Meer stationiert bleibt", wiederholte Al-Atwa.
"Die Flotte ist alleine dazu da, um Druck auszuüben und Bin Laden ausgeliefert zu bekommen", betonte Louis. "Mit dem gesamten arabischen Staatenbund, wollen wir als solches keinen Krieg - unter gar keinen Umständen."
"Ein Anschlag auf uns, ist ein Anschlag auf uns alle. Aber warum die ganze Mühe? Bin Laden ist ein alter Mann ohne jeglichen Einfluss", sagte Al-Atwa.
"Das können Sie uns doch nicht weismachen", unterbrach Ivanov, "es gibt starke Anzeichen dafür, dass er euer informeller Kommandant ist."
"Dann her mit den Beweisen!"
"Gentlemen, bleiben Sie ruhig", zügelte Holstein sie jetzt. "Sollte Chyren es tatsächlich fertig bringen seine Leute dazu zu bringen, unsere Gesetze zu achten, wird die Europäische Union sehr wohl bereit sein, ihre Schiffe abzuziehen. Was jedoch die russischen Schiffe anbelangt, müssen Sie nicht bei uns anklopfen."
"Russland wird sich nicht zurückziehen, solange Saudi-Arabien nicht ihren Verpflichtungen nachkommt. Und mit diesem französischen Idioten mit seinen drei Weibern, wollen wir nichts zu tun haben", entgegnete Ivanov sturköpfig.
"Chyren ist kein Idiot", verteidigte Al-Atwa diesen verärgert. "Er ist der friedfertigste Hüter des Islams. "Die Christen und die Ungläubigen, das sind die Idioten, schlimmer noch - Missetäter. Die Wunden, entstanden durch die Kreuzzüge, Kolonisationen und den Imperialismus, sind noch lange nicht verheilt."
"Das führt doch zu gar nichts", murrte der Russe.
"Dann müssen wir dieses Gespräch eben beenden", drohte Al-Atwa, dessen Delegation bereits aufgestanden war. Plötzlich ging das Licht aus und das Panorama verschwand.
"Ist das jetzt ein Versuch, um uns unter Druck zu setzen", fragten die Araber im Dunkeln.
"Nein, ganz sicher nicht. Der elektrische Strom muss wohl ausgefallen sein", entschuldigte sich der Präsident und drückte den Knopf der Gegensprechanlage, um den Vorfall zu melden. Seltsam, die funktioniert auch nicht, war er überrascht. "Einen Moment, die Herren, dem Übel wird gleich abgeholfen", und tastete sich hinaus zur Halle, um nach Hilfe zu fragen. Auch das noch, die Zugangstür ließ sich nicht öffnen. Elektrisch abgesichert. Vorsichtig tastete er sich wieder zurück.
"Kann mir jemand sein Mobiltelefon leihen?"
"Die funktionieren hier drinnen nicht mehr", bemerkte Donald, der schon die ganze Zeit zu telefonieren versuchte.
Was um drei Himmelsnamen ist hier eigentlich los, fragte sich der französische Präsident, seiner Würde enthoben. Die arabische Delegation wurde langsam unruhig.
"Es ist ziemlich evident, dass ein Spielchen mit uns gespielt wird", schloss Al-Atwa daraus.
"Absolut nicht", entgegnete der Präsident vehement.
"Wahrscheinlich sind's die Amerikaner", mutmaßte ein arabischer Kollege.
"Die Amerikaner sind lediglich Konföderierte, nichts weiter. In diesem Land haben sie nichts zu sagen", garantierte Louis, der seine Platz am Tisch wieder gefunden hatte.
"Wir wollen einzig und allein den Dritten Weltkrieg verhindern", sagte Donald.
"Was der Mensch will, geschieht nicht immer", ging Al-Atwa darauf ein. "Die Entscheidungen Gottes sind unergründlich, ein Zitat von Al-Ghazali, aus dem elften Jahrhundert.
"Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir unserer Probleme lösen können", spottete Holstein.
"Ich wusste es, drei gegen einen!", rief der Ägypter dazwischen. Dann ging das Licht wieder an und das Panorama wurde wieder sichtbar. Aber es floss kein Tropfen Wasser mehr die Berge hinunter.
Welcher Witzbold hat an dem Film herumhantiert, dachte Louis irritiert. Der Wartungschef kam herbei gelaufen und eilte auf ihn zu.
"Es gab einen Stromausfall, aber die Ursache dafür kennen wir noch nicht", erzählte er seinem Chef unter vier Augen. Die Unterhändler betrachteten unterdessen den ausgetrockneten Wasserfall.
"Meine Herren, es scheint, die Störung war nur vorübergehend", verkündete der Präsident, "aber bleiben Sie bitte sitzen. Wir müssen des Weiteren noch über einen Nichtangriffspakt, in Bezug auf Atomwaffen, beraten."
"Die Europäische Union wird das auf jeden Fall unterstützen", sagte Holstein unverzüglich. Ebenso waren die Amerikaner und die Russen dafür, nur die in die Ecke gedrängten Araber waren noch nicht bereit, diese dargereichte Brücke zu überqueren.
"Was bekommen wir im Gegenzug dafür?", fragte Al-Atwa unfügsam.
"Was bekommen wir im Gegenzug dafür?", äffte Ivanov nach. "Keine Atombomben, sondern gewöhnliche Bomben auf Mekka."
"Jetzt ist der Ofen endgültig aus", rief der Araber beleidigt und seine Delegation lief wieder vom Tisch, als das Licht erneut ausfiel.
"Vielleicht ein Eingriff von oben, um uns zusammen zu bringen", meinte der Präsident. "Ein Nuklearkrieg würde das totale Ende der menschlichen Schöpfung bedeuten."
"Nun, dann lasst uns auf das Beste hoffen, und dass der gesunde Menschenverstand überwiegt", sprach Al-Atwa etwas beruhigt. Und nachdem der zweite Stromausfall repariert worden war und das Wasser wieder die Felsen hinunterfloss, wurde eine Absichtserklärung gegen den Gebrauch von Kernwaffen unterzeichnet.





Kapitel 14


Die Götter werden menschliches Aussehen haben,
sie, die die Urheber des großen Streits sein werden.
Bevor man den Himmel unbeschwert sieht, Schwert und Lanze,
was der linken Hand zum größten Kümmernis wird.

Paul, César und Madeleine kamen spät von der Schule nach Hause und jeder machte es sich auf seinem Lieblingsplatz im Wohnzimmer bequem in dem Augenblick, als ihr Vater vorbeischlich.
"Warum läufst du beschwerlich, Papa?", fragten sie. Er zögerte für einen Moment und wusste nicht, was er sagen sollte.
"Euer Vater ist alt und krank", sagte er dann. Ungläubig hörten sie ihm zu.
"Du bist doch unverwüstlich!", protestierte César, aber die heranwachsenden Kinder besahen ihn sich näher und mussten tatsächlich feststellen, dass ein gebrechlicher, alter Mann vor ihnen stand.
"Zum Tisch!", rief Anne plötzlich. Sie gingen alle in die Küche, wo bereits ein Topf mit dampfender Zwiebelsuppe, mit etwas Brot und Butter, auf sie wartete. Christophe gesellte sich dazu.
"Warmes Essen am Abend?", fragte er überrascht.
"Ja, ich dachte ich dreh zur Abwechslung den Spieß mal um", erwiderte Anne. Ihr Mann nahm als Erster ein Stück Brot aus dem Korb und beschmierte es mühevoll mit Butter. Die Kinder sahen ihn noch immer an und folgten seinen steifen Bewegungen.
"Was ist los?", fragte Anne, während sie in der Schublade nach Besteck kramte.
"Papa benimmt sich wie ein kranker Mann", reagierte César.
"Euer Vater ist dreiundsechzig Jahre alt. Und das macht ihn zum ältesten Mann der Stadt", erklärte sie.
"Wie kann ein Doktor nur krank sein? Der weiß doch jeden zu heilen", fragte André.
"Wissenschaftler haben nicht für alles eine Lösung, Sohn", antwortete Vater. "Allerdings wird der Mensch in der fernen Zukunft eine Technik entwickeln, die das Leben der Menschen drastisch verlängert.
"Diane, nimm die Spielsachen vom Tisch", unterbrach Anne.
"Wie alt kann dann der Mensch werden, Papa?", fragte Madeleine.
"Vielleicht so alt wie Methusalem."
"Nun, ich würde es hassen, müsste ich dem Schulmeister noch weitere 100 Jahre zuhören", murmelte Paul.
"Oder vierhundert Jahre mit dem selben Rhinozeros verheiratet sein", fügte Pauline hinzu.
"Wie ich sehe, kann ich von euch Kindern noch was lernen. Aber eines ist gewissen, wir werden das nicht mehr miterleben." Christophe saß am Tisch und löffelte schweigend seine Suppe. Wie gewohnt, beteiligte er sich nicht am regen Tischgespräch.
"Ich wünschte ich wäre ein Pferd und galoppierte ungestüm durch den Wald", fantasierte Pauline.
"Oder fliegen wie ein Vogel", sagte daraufhin César.
"Es wird alles einmal geschehen, Kinder, denn eines Tages wird der Mensch mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft, über Land und Wasser reisen können.
"Durch die Luft? Werden sie dann Federn an die Arme kleben, oder so ähnlich?", fragte Paul.
"Ich glaube ihr habt in der Schule die Mythosgeschichte über Ikarus gelesen. Nun, so wird es nicht vorkommen. Denkt an eine Kutsche mit eisernen Flügeln, in denen das Pferd versteckt ist."
"Sind die Flügel dann am Pferd befestigt?", fragte César.
"Was für eine schwierige Frage. Nein, es wird eine Maschine sein, die durch die Luft gehen wird, aber wie, das weiß ich auch nicht so genau. Der Mensch wird sich auf jeden Fall das Leben immer komplizierter machen. Wie dem auch sei, in meinen Träumen fliege ich jedenfalls ohne Flügel."
"Ja, mag sein, aber in der Traumwelt gibt es keine Schwerkraft", argumentierte Paul.
"Nun, da gibt es sehr wohl eine Schwerkraft. Je reiner man ist, desto leichter wird man. Und wenn man ganz rein ist, kann man sich überall umsehen. Entfernung, Zeit, Höhe oder Weite, es spielt dann alles keine Rolle mehr."
"Oh, dann sitzen die Bösen wohl deshalb immer in der Unterwelt", begriff César sofort, "sie sinken ab."
"Exakt, manchmal sogar bis zum Mittelpunkt der Erde. So kommt jeder während seines Schlafes in seinen eigenen Kreisen zurecht und sucht tagsüber notgedrungen seines Gleichen wieder auf. Ein Teufelskreis. Es sei denn, man überwindet sein eigenes Ego. Also musst du in der Hölle deine Anker lösen. Ein guter Mensch zu werden, darum geht es hier. Ein schlechter Mensch zu werden geht überaus schnell. Ihr kennt doch alle die Geschichte vom gefallenen Erzengel Luzifer, oder? Der fiel binnen einer Sekunde tief hinab."
"So eine Flugmaschine scheint mir doch wesentlich spannender zu sein", sagte Paul. Michel mochte diesen eigenwilligen Charakterzug seines ältesten Sohnes.
"Bei Gelegenheit werde ich mich darin vertiefen, Paul", gelobte er daraufhin. Die ernste Atmosphäre war verschwunden und das Essen verlief positiv bis zum Ende.
"Ich gehe noch für eine Stunde nach oben arbeiten", sagte die stille Nummer neun zu seinem Chef, der es sich gerade in einen Sessel neben dem Kamin bequem machte. Die Kinder waren bis auf Diane, die sich beim Fenster ein Bilderbuch anschaute, alle draußen beim Spielen. Anne gab dem Hausmädchen in der Küche Anweisungen und als sie fertig war, setzte sie sich neben ihren Mann.
"Diane, würdest du uns für einen Moment alleine lassen?", bat sie und das Mädchen ging daraufhin hinaus in den Garten.
"Die Kinder waren so besorgt über dich, ist etwas geschehen?" Michel schwieg uns sah seine Frau eindringlich an.
"Ich werde den nächsten Lenz nicht mehr erleben", antwortete er dann. Anne begriff, dass es ihm ernst war und eine dicke Träne rannte über ihre Wangen.
"Komm, komm, bis dahin haben wir noch Zeit…"
"Ich weiß nicht, ob ich ohne dich weiterleben kann", schluchzte sie.
"Wenn die Zeit kommt, wirst du damit umgehen können", tröstete er sie, als sie sich für eine Weile liebevoll festhielten. Nach diesem ergreifenden Moment beschloss er, wieder an die Arbeit zu gehen und begab sich nach oben in die Mansarde.
"So, Christophe, mit welchen dringenden Angelegenheiten sind Sie denn derart beschäftigt?", fragte er, während er sich von der Treppensteigerei verschnaufen musste.
"Ihr Herausgeber in London bittet mich, Ihren letzten Almanach ins Englische zu übersetzen. Sein eigener Übersetzer macht daraus ein heilloses Durcheinander." Auf einmal begann Nostradamus sich heftig zu schütteln.
"Was ist los, Meister?"
"Nichts, nichts, lassen Sie mich nur, der Dritte Weltkrieg steht kurz vor seinem Ausbruch", und krampfhaft lief er hinüber zum Fenster. "Sie machen Ihre Arbeit außerordentlich gut, Christophe", lobte er diesen, während er sich das Abendlicht betrachtete, "aber wie lange werden Sie noch brauchen?"
"Ich bin so gut wie fertig", antwortete der Sekretär, der die letzten Federstriche machte.
Noch nichts in der Luft zu sehen, dachte der Gelehrte.
"Soll ich diese langhalsigen Flaschen noch eben verräumen?", fragte Christophe beim weggehen.
"Pardon, ich habe Sie nicht gehört. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders."
"Ob ich diese Kolben noch verräumen soll. Sie haben sie seit Jahren nicht mehr angerührt."
"Ja, ja, in Ordnung", antwortete Nostradamus, der weiterhin aus dem Fenster starrte.
"Einen schönen Abend noch und bis morgen dann, Meister." Mit ein paar Flaschen unter dem Arm zog der Sekretär davon.
Dann war der Himmel blitzartig übersät mit monströsen Erfindungen und die Luft wurde ganz schwarz. Vor Michels Augen wurde ein grauenvoller Krieg geführt. Es herrschte eine nie da gewesene Gewalt. Es regnete Milch, Stahl, Feuer und Pest. Viele Völker fanden dabei ihren Tod. Diese exorbitante Gewalt verursachte sogar Erdbewegungen und Änderungen der Flussläufe. Der Welthandel stürzte ein. Die Menschen litten Hunger und Durst. Der Antichrist war keine Person, viel mehr war es eine automatisierte, kalte Welt, die nun an ihrem Ende angelangt. Mit einem Blick konnte der Seher durch sämtliche Zeitalter sehen und alles sah so entsetzlich kahl aus. Wo immer er auch hinblickte, alles wurde vor seinen Augen enthüllt. Dutzende von Jahren später, würde das Leben auf Erden wieder hergestellt, um in eine neue Weltordnung zu gelangen. Wassermann würde ein Millennium des Friedens anrechen lassen, worin die Mensche ihre Aufmerksamkeit dem Himmel und Weltraum zuwenden würden. Auf Grund neuer Erkenntnisse im Zusammenhang mit unserem Planeten und dem Universum, würden die Schriften neu interpretiert werden. Religion und Wissenschaft würden endlich miteinander verschmelzen. Eine globale Schirmherrschaft sollte danach gegründet werden, die von da an die Menschen noch enger zusammenschweißen würde. Dennoch wurde der Erde viel Schaden zugefügt und ein unumkehrbarer Prozess wurde in Gang gesetzt. Der Planet sollte für Jahrhunderte von Überflutungen geplagt werden und danach, ebenso lange von extremer Trockenheit.
Nachdem die Sonne inzwischen untergegangen war, zündete Michel eine Kerze an und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er öffnete sein Notizbuch und notierte darin seine ganzen Offenbarungen. Plötzlich fing die Flamme an zu flackern und er wusste, dass etwas oder jemand ins Zimmer gekommen war. Er drehte sich um und sah seine Frau, wie sie in der Tür stand.
"Möchtest du mit mir Liebe machen", fragte sie zärtlich. Diese himmlische Versuchung ließ sein Herz wieder erweichen. Ohne eine Antwort zu geben, blies er die Kerze aus und zusammen gingen sie hinunter ins Schlafzimmer. Nach dieser Verzauberung im Bett, präsentierte sich bereits die nächste Vision von alleine.
Es wurde an der Tür geklingelt und Ping machte sich fertig und rannte nach draußen.
"Guten Morgen, Miss Lee, steigen Sie doch ein", forderte der Lehrer, der eine gelbe Brille trug, sie auf. Sie lief um das Flugauto herum, das geräuschlos über dem Boden schwebte und ging gefährlich nahe an den Flügeln entlang, die sich so rapide auf und ab bewegten, dass das bloße Auge es nicht wahrnehmen konnte.
"Passen Sie auf, sie könnten sich daran verletzen!", warnte der Lehrer, der auf der anderen Seite Platz nahm.
"Aufregend", sagte sie, als sie den Sicherheitsgurt anlegte.
"Fliegen ist eigentlich relativ einfach; beinahe jeder kann das. Ist das Ihre erste Flugstunde?"
"Ja, Mr. Norton, und ich habe nicht die leiseste Vorstellung darüber, was mich da erwartet", und sah sich im Inneren um.
"Nenn mich Unix", bot er ihr an, während er noch etwas notierte. "Nun, du hast Glück, Ping. Du bekommst Unterricht in einem brandneuen Flugauto und dazu noch das leichteste Modell, der gerade mal vierhundertdreizehn Kilo wiegt, außer dem Wassertank."
"Es ist doch stabil genug, oder", fragte sie.
"Natürlich. Es entspricht sämtlichen Vorschriften." Die durchsichtige Kapsel schloss sich automatisch. "Wir müssen erst aus New Water raus, da seit kurzem Anfänger nicht mehr in der Stadt üben dürfen." Mit Hilfe der zusätzlichen Steuerung bugsierte er das Vehikel aus der Innenstadt hinaus und zog es hoch hinauf, in den schwülen Himmel. "Wir gehen zum Beringplateau, dort kannst du dann soviel Fehler machen wie du möchtest."
"So dumm bin ich nun auch wieder nicht", meinte sie etwas schnippisch.
"Standardspruch", entschuldigte er sich und flogen zu dem ausgestreckten Übungsareal. Auf einmal brachte er die Maschine über dem Salzplateau zum totalen Stillstand.
"Ich stell jetzt die Steuerung auf dich um, Ping. Willst du telepathische oder verbale Anweisungen?"
"Lieber verbal, bitte."
"Gut. Das Wichtigste ist der Steuerknüppel. Das Steuer kann rauf und runter, rein und raus oder links und rechts bewegt werden."
"Das weiß ich alles."
"Ich fange immer Vorne an. Danach kommen die Fußpedale dran. Mit dem rechten Pedal gibst du Gas und der linke ist für einen waagrechten Abstieg. Wenn du nichts machst, dann bleibt die Maschine einfach an der gleichen Stelle in der Luft hängen. Übernimm du jetzt mal das Steuer, ich kümmere mich unterdessen um die Pedale." Ping bewegte das Steuer nach vorne und die Maschine kippte sofort mit der Nase nach unten.
"Siehst du", sagte er, "wir bleiben auf dem gleichen Fleck stehen und das kommt daher, weil ich kein Gas gebe. Nun werde ich das ganz vorsichtig tun", und das Flugauto bewegte sich langsam nach unten. "Jetzt zieh das Steuer zurück, ansonsten werden wir noch verunglücken." Sie tat, was man ihr sagte und die Maschine richtete die Nase wieder nach oben und fand die richtige Höhe.
"Dreh jetzt zuerst nach links und dann nach rechts", ordnete er an. Sie versuchte es und machte ein paar scharfe Kurven. "Jetzt gib noch etwas Gas", woraufhin seine Schülerin die Maschine ruckartig über das Plateau fliegen ließ.
"Sieh mal, dort in der Ferne, da läuft doch jemand umher", sagte sie überrascht und tippte mit dem Finger ans Glas, um es ihm zu zeigen.
"Wer hier wohl herumläuft?", wunderte sich Unix. "Er muss sich verirrt haben. Du fliegst besser hinüber", und sie schaffte es, das Flugauto in die richtige Richtung zu lenken, wenn auch etwas ungeschickt.
"Du lernst sehr schnell. Am Ende des Unterrichtstages, wirst du fliegen können", lobte er sie. Unterdessen näherten sie sich diesem Sterblichen mit seinem langen, braunen Gewand, der mutterseelenallein über die ausgedörrte Ebene wanderte.
"Seinem Gang nach zu beurteilen, ist er ein Langlebender", schätzte Ping.
"Da könntest du Recht haben, denn ein intelligentes Wesen würde in dieser Einöde nicht herumlaufen. Lass mich mal wieder das Steuer von dir übernehmen." Er schaffte es, das geräuschlose Flugauto präzise neben dem leidenden Sonderling aufzusetzen und öffnete das Dach.
"Kann ich Ihnen vielleicht helfen?" Der Einzelgänger fuhr vor Schreck schier aus der Hose und ergriff sinnlos die Flucht.
"Das muss in der Tat ein Langlebender sein. Mit so einer Reaktion!", lachte Unix.
"Vielleicht kommt er aus der Schmelzfabrik beim Südpol", vermutete Ping.
"Das kann fast nicht sein, denn dann müsste er Tausende von Kilometern zurückgelegt haben. Traurig, dass ihre Vorfahren die Gene haben anpassen lassen. Sie wollten früher so sehr länger leben, dass sie darüber hinaus die Nachteile vollkommen übersahen, was erst bei den nachkommenden Kindern deutlich wurde. Heutzutage sind sie nur noch zum Eis schmelzen zu gebrauchen."
"Selbst dann sind sie einem noch im Wege", machte sich Ping darüber lustig, "außer der da…"
"Ich werde die Behörden von Dutch Harbor verständigen", und setzte den Unterricht fort, nachdem er mit ihnen Kontakt aufgenommen hatte. Nach ein paar weiteren Flugübungen hatte die Schülerin den Bogen raus und es wurde Zeit für eine neue Herausforderung.
"Wir werden jetzt nach Luftströmungen suchen. Die gängigen Flugrouten heben wir uns für spätere Übungen auf", und wies sie an, eine Rechtskurve zu machen.
"Auf zum stillen Ozean, oder was davon noch übrig ist", scherzte er und brauste mit einer Geschwindigkeit von fünfhundert Stundenkilometer südwärts. Etwas später erschien die Küste.
"Beim Kaiser-Archipel gibt es noch ein freies Gebiet mit viel Luftströmung", informierte er sie.
"Soll ich dahin fliegen?"
"Wenn du kannst. Aber schau dich immer wieder um, Ping, und verlass dich nicht allzu sehr auf das Radar."
"Bis jetzt habe ich noch kein Radar gesehen", konterte sie und er daraufhin heftig schlucken musste.
"Auch alle Messinstrumente überprüfen", wies er sie an.
"Es brennt eine rote Lampe", sagte sie prompt.
"Das Ding wird aber auch immer sehr schnell leer", murrte er. "Das Lämpchen bedeutet, dass wir tanken müssen. Geh mal runter bis zu einem Meter über dem Meeresspiegel."
"Dazu muss ich doch erst das Gaspedal loslassen, oder?"
"Korrekt", bestätigte er. Ping nahm ihren Fuß vom Gaspedal und drückte das andere hinunter, um sich abfallen zu lassen, woraufhin das Flugauto sofort nach unten schoss. Als das Meer immer näher kam, ließ sie aus Angst das Pedal abrupt los und kam mit einem kräftigen Ruck sofort zum stehen.
"Keine Sorge, es hat einen automatischen Geschwindigkeitsregler", versicherte er ihr. "Und zudem ist die Maschine wasserdicht." Unix lenkte dann eigenhändig das Flugauto hinab auf die Wasseroberfläche. "Jetzt auf den purpurnen Knopf drücken und der Sauger macht den Rest. Wusstest du schon, dass ab Januar nur noch hundert Liter Meerwasser pro Tag tanken darfst?"
"Nein, wusste ich nicht", antwortete sie. "Ich fühle mich irgendwie schuldig, dass ich jetzt auch an der Verdunstung der Meere beitragen werde."
"Wem sagst du das. Es will halt jeder sein eigenes Auto haben und nur Polareis zu schmelzen, reicht da allerdings nicht aus, um die Meere auf Pegel zu halten. Wir müssen sparsamer damit umgehen. Was kann man auch erwarten, mit beinahe eine Milliarde Flugzeuge in der Luft, die jahrelang Wasser verbrennen. Die Dürre hält weiters an. Regen würde dieser Tage als ein Geschenk des Himmels gesehen."
"Ich habe noch nie Regen gesehen", bedauerte Ping, als die Instrumente mit einem Signal bekannt gaben, dass der Wassertank wieder voll sei. "Na ja, einen winzigen Tropfen…"
"Jammerschade für dich, es ist einfach wunderbar. Dreh jetzt rechts weg, Richtung Inseln", und das Flugauto begann, wieder Tempo zu bekommen. "Wir rauben den Planeten komplett aus", fuhr Unix fort. "Der Mensch dachte, dass er mit der Wasserverbrennung die Lösung für das Brennstoffproblem gefunden hätte, aber dafür trocknen wir jetzt buchstäblich aus."
"Es gibt da einen Plan, im größeren Stil Luftfeuchtigkeit zu kondensieren."
"Das wird nicht funktionieren. Bevor wir die kleine Insel dort drüben erreichen, möchte ich, dass du auf Zweitausend Fuß aufsteigst, bei einem Kurs von 315. Der Wind weht nämlich mit rund zwanzig Knoten von Nordosten her und mit dem musst du immer rechnen." Ping übersetzte diesen Fachjargon, zog den Steuerknüppel nach hinten und gab Gas. Es schien das Richtige gewesen zu sein und er erteilte ihr noch weitere Aufgaben, um die Insel zu umfliegen.
"Du hast alles zu meiner besten Zufriedenheit gemacht. Lass uns jetzt wieder Kurs nach Norden fliegen und erhöh die Tourenzahl auf 1800." Sie kehrten zum Behring Plateau zurück. Die Zeit war wie im Flug vergangen und die Sonne verschwand in dieser nasskalten Atmosphäre.
"Hast du schon gehört, dass das Sonnenschiff von Mabus kommende Woche nach M'charek ablegt?", fragte er, als sie wieder über Land fuhren.
"Klar doch. Ich verfolge jede Minute davon. Hundert Männer und Frauen werden mitgehen und es wird über dreißig Jahre dauern, bis sie dort ankommen", sagte Ping, während sie die Instrumente im Auge behielt.
"Im Volksmund wird dieser bewohnbare Planet bereits 'Der kleine Prinz' genannt, weil sein Umfang gerade mal halb so groß ist wie der von der Erde", fuhr er fort.
"Weniger als die Hälfte."
"Ja, etwas kleiner. Vielleicht ist die Besiedlung von M'charek die Lösung für unser Dürreproblem. Auf unserem Erdball hat sich's ausgewohnt. Pessimisten sagen voraus, dass wir hier vielleicht noch ein halbes Jahrhundert leben können, bevor die Menschheit in einer sengenden Hitze untergeht. Sie sagen aber auch…"
"Ich bin nicht mehr bei der Sache, Unix, ich pack es nicht mehr", unterbrach sie ihn und er daraufhin das Steuer wieder übernahm.
"Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Abstecher zur Komandorski-Anhöhe machen?", schlug er vor. "Das Sonnenschiff ist dort oben festgemacht und wir kommen sowieso in diese Richtung."
"Prima", stimmte Ping zu, die sich dann wenigstens erholen konnte. Er erhöhte das Tempo und schon kurz darauf erreichten sie jene berühmte Anhöhe auf der Ochotsk-Ebene, wo ein super-langer Lift zwischen Erde und Weltraum gebaut worden war, dessen Kabel, das sie für eine Weile umflogen, durch zentrifugale Kraft senkrecht stehen blieb.
"Von hier aus, werden sie nächsten Monat das Universum betreten. Wie gerne würde ich mit dem Sonnenschiff, mit seinen großen Segeln, mitreisen."
"Lass mich aber da mal ganz schön auf der Erde bleiben."
"Du weißt nicht, was du sagst. Die ganze Welt ist verstrahlt und wachsen tut auch fast nichts mehr."
"Ich liebe diese Erde halt noch immer."
Frauen sind immer so sentimental, dachte er und flogen noch eine Runde um den Lift, der bis außerhalb der Erdatmosphäre reichte, bevor sie wieder nach New Water zurückkehrten.
"Ich sehe den Langlebenden noch immer herumwandern", bemerkte Ping, als sie den südlichen Punkt dieser Salzebene überflogen.
"Ich werde es nochmals durchgeben", sagte er und sie flogen entlang des Ringwegs.
"Nun, es ist doch schwieriger als ich dachte", gab sie zu, als sie zuhause abgeliefert wurde.
"Du machst das wirklich gut", lobte Unix sie nochmals. "Aber es gibt noch mehr Faktoren, die eine Rolle spielen, zum Beispiel der Verkehr. Das schwierigste jedoch ist noch immer. die theoretische Prüfung zu bestehen."
"Ich denke, ich werde diese Brücke überqueren, wenn es soweit ist. Bis nächste Woche dann", und schlug die Haustür hinter sich zu.
Es war früh am Morgen und Annes blanker Rücken lugte neckisch unter der Decke hervor. Michel blickte von seiner Seite hinüber zu ihrer starken Schulterpartie, auf der ihre noch immer goldbraunen Locken zerzaust ausgebreitet lagen. Sie schlief noch und obwohl es ein verführerischer Anblick war, fehlte ihm die nötige Ruhe, um länger im Bett liegen zu bleiben. Er deckte ihren Rücken zu und stand auf. Das Wetter war wieder kalt und mies und beim hinuntersteigen der Treppe krachten seine Gelenke, wie die eines verschlissenen Karrens. Unten in der Wohnkammer machte er sofort den Herd an, um die Feuchtigkeit aus dem Haus zu treiben. Als er sich mit seinen krummen Fingern die Augen ausrieb, hörte er einen dumpfen Knall. Das Geräusch kam von der Gartenseite her und der alte Wissenschaftler war neugierig, was die Ursache dafür war. Er lief über die Veranda auf den Hof hinaus und hinter dem Wohnzimmer entdeckte er einen Spatz am Boden liegen.
"Armer Schlucker, du dachtest wohl, du könntest durch das Fenster fliegen, nicht wahr, aber da ist leider ein Glas eingebaut. Der Mensch bringt einfach alles durcheinander." Er betrachtete den Spatz für eine Weile, der sich scheinbar nicht von alleine aufrappeln konnte. Er ging dann hinein, goss Wasser in eine Schale und gab etwas Salbei dazu. Zurück im Hof, nahm er das Tierchen vorsichtig in die Hand. Behutsam öffnete er das Schnäbelchen und träufelte mittels eines Ästchens etwas von dem Elixier hinein. Gleich darauf kam der Vogel wieder zu sich und erschrak über die großen Menschenhände und fing an, sich zu sträuben.
"Hoho, ich bin der Doktor", flüsterte Michel und setzte den Spatz in eine Ecke, wo er sich ausruhen konnte. Als er sich bückte, bekam er einen derartigen Gichtanfall, dass enorme Schmerzen blitzartig durch seine sämtlichen Gelenke schossen. Es war unerträglich. Er musste auf allen Vieren zurück ins Haus kriechen. Anne war inzwischen aufgewacht und lief nichts ahnend die Treppe hinunter, wo sie dann ihren zusammengekrümmten Mann auf dem Sofa sitzen sah. Er litt sehr und sie rannte zu ihm hin.
"Wo hast du Schmerzen?", fragte sie besorgt.
Überall", stöhnte er, "aber ganz besonders im linken Knie." Behutsam zog sie ihm die Pantoffeln und die Socken aus, aber schon die leiseste Berührung auf seinem schmerzgeplagten Bein ließ ihn zusammenzucken.
"Es hat keinen Sinn, es anzusehen", jammerte er.
"Ich muss es mir aber einmal anschauen", und rollte sein Hosenbein hoch. Um das deformierte Kniegelenk entdeckte sie lilafarbene, angeschwollene Hautpartien.
Das sieht nicht gut aus, dachte sie und fühlte seinen Puls; sein Herzschlag war extrem hoch. Sie rannte daraufhin in die Küche, wo sie schnell etwas Alkohol mit schmerzstillenden Kräutern vermengte.
"Drink aus!", befahl sie, als sie wieder zurück war. Michel trank das Glas leer und bemerkte, wie ihm das Getränk wohl tat. Der Anfall schwächte ab. "Ich werde gleich mit den Kindern Lavendel pflücken gehen und damit reibe ich dir dann deinen ganzen Körper damit ein." Er nickte zwar, starrte aber mit verzerrtem Gesicht vor sich hin. Die Kinder waren mittlerweile auch schon aus dem Bett gekrochen; César und Madeleine mussten ihre Mutter begleiten und ihr beim Pflücken helfen. Mit einem Weidenkorb machten sie sich auf in die Felder, um das Kraut zu pflücken, das eine heilsame Wirkung gegen Rheuma hatte. Sie mussten eine Weile suchen, da dieses Kraut mit seinen graugrünen Blättern während dieser Jahreszeit nur an Steilhängen vorkam. Sobald der Korb voll war, liefen sie eilig nach Hause zurück. Unterdessen war Christophe angekommen und gemeinsam schleppten sie den Gelehrten in den dritten Stock hinauf. Anne wollte ihren Mann auf dem Bett ausziehen, aber der getreue Diener blieb ruhig stehen.
"Gehen Sie jetzt, Christophe", bat sie ihn und er daraufhin widerwillig verschwand. Der geschwächte Gelehrte lag entblößt auf seinem Bauch und seine Frau setzte sich breitbeinig auf ihn drauf. Daraufhin begann sie, ihn mit dem beruhigenden Kraut von Kopf bis Fuß einzureiben. Als sie mit ihren Händen allmählich seinen Körper abrieb, spürte sie Gichtbeulen unter seiner Haut, von denen er bisher nie etwas erwähnt hatte. Die Gewächse fühlten sich schrecklich an. Nach der Massage deckte sie ihn sorgfältig zu.
"Du wirst dich etwas müde fühlen", sagte sie zum Schluss. Er dankte ihr, sie aber verstand sein Gemurmel nicht und überließ ihn seinem Schicksal.
In den darauf folgenden Tagen wiederholte sie die Behandlung zweimal täglich und das ganze Haus roch inzwischen nach Lavendel. Sein Gesundheitszustand verbesserte sich allmählich und Wochen nach dem furchtbaren Anfall war er wieder imstande, sich sehr langsam durchs Haus zu bewegen und unterhielt sich dabei auch kurz mit den Kindern. Einen Monat lang ging es gut. Als jedoch der Winter kam, sackte er zusammen und nur mit allergrößter Mühe konnte er die Tage überstehen. Geschwind bestellte er einen Notar, der in seinem Arbeitszimmer heimlich ein Testament schrieb.
Dasselbe Verhalten wie bei meinem Vater, dachte er wehmütig, nachdem der beeidigte Mann, mit seinem letzten Wunsch auf Papier geschrieben, gegangen war. Nostradamus hatte sich nun ganz in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und arbeitete dort an seinem Meisterwerk 'Die Prophezeiungen', bis er wirklich nicht mehr länger konnte.
Noch ein Vers und dann wird es gewesen sein, dachte er. Als er mit der zehnten Zenturie fertig war, wurde ihm plötzlich unwohl und er taumelte rückwärts. Da lag er, lang ausgestreckt auf dem Boden, und starrte mit klarem Verstand hinauf zur Decke. Sein irdisches Leben ging zu Ende und unter seinem Fernrohr machte er seinen letzten Atemzug.






Kapitel 15


Mabus wird früher sterben,
dann kommt eine schreckliche Vernichtung von Mensch und Tier,
plötzlich wird man die Rache spüren,
hundert Hände, Durst, Hunger, wenn der Komet einschlägt.

Eine trostlose Ebene in einer brütendheißen Luft, erstreckte sich vor ihm.
Ist das jetzt der Himmel, wo meine Seele in Frieden ruhen soll, fragte sich Nostradamus sich allen Ernstes. Es sah jedenfalls ganz und gar nicht nach dem gelobten Paradies aus und er versuchte herauszufinden, wo er sich befand. Eine Sache war jedoch sicher: sein Geist hatte ihn noch nicht verlassen, denn er besaß noch immer seinen Erkundungsdrang. Es war glühendheiß. Die Sonne, die größer war als je zuvor, schien grell auf ihn herab. In der Ferne konnte er das Meer sehen und die unzähligen Muscheln im Sand sagten ihm, dass hier früher einmal Salzwasser brandete. Das Meer war zum Süden hin kilometerweit ausgetrocknet.
So wie hier, sieht zukünftig die Camargue aus, mutmaßte er. Knapp über der Himmelslinie entdeckte er ein Zeichen von Leben. Es schien größer zu werden. Langsam drang es zu ihm durch, dass es eine Maschine war, die da auf ihn zusteuerte. Kurz darauf hielt ein Flugauto direkt vor seiner Nase. Das durchsichtige Dach glitt zurück und ein Mann mit einer großen gelben Brille und ein Chinesenmädchen kamen zum Vorschein.
"Können wir Ihnen helfen?", fragte der Mann in freundlichem Ton. Der Seher bekam jedoch nicht die Möglichkeit zu antworten, da in diesem Moment ein großer Komet durch die Erdatmosphäre drang. Die drei Sterblichen richteten ihre ganze Aufmerksamkeit diesem flammenden Koloss, der mit Schwindel erregender Geschwindigkeit auf die Erde zuraste. Die ausgemergelte Erde hatte irgendwie den Kometen angezogen und es schien, als ob ihr Artgenosse wie gerufen zur Hilfe kam. Alle drei wussten, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde und sahen sich entgeistert an. Michel schätzte, dass der Gesteinsbrocken ungefähr tausend Kilometer entfernt von ihrem Standort, einschlagen würde. Wenn das einträfe, wäre der Aufschlag derartig heftig, dass der ganze Planet aus sämtlichen Fugen krachte. Es würde sich anfühlen, wie ein Anschlag auf den eigenen Körper.
Die Sintflut kam näher, das realisierten sie alle. Der katastrophale Einschlag auf Mutter Erde ließ sie erkennen, wem der Mensch in der Tat sein Leben zu verdanken hatte. Aber es war zu spät für Demut und Reue. Die Götter hatten beschlossen, den Weizen von der Spreu zu trennen und alles blank zu mahlen. Die beiden Schicksalsgenossen in dem Flugauto schauten sprachlos vor sich hin und warteten auf das, was noch kommen würde. Die rotierende Erde, die bis dahin automatisch ihre Runden gedreht hatte, reduzierte die Geschwindigkeit und ließ ihnen den Atem stocken.
"Mein Gott, das schmelzen des Polareises kann zu Ungleichgewicht führen", murmelte Michel. Seine ausgesprochenen Worte wurden direkt umgesetzt: die Erdachse begann zu kippen und der Planet geriet in die freie Umlaufbahn. Wegen des veränderten Kräftespiels auf den Himmelskörper folgten binnen kürzester Zeit überall Erdbeben und Vulkanausbrüche.
Das Flugauto schwebte noch immer beständig über dem Boden, aber die Insassen hielten angsterfüllt die Umgebung im Auge. Unter Nostradamus (Weltuntergang) seinen Füssen begann es nun gefährlich zu vibrieren und das Meer begann furchteinflößend zu grollen. Eine Flutwelle kam mit einer derart rasanten Geschwindigkeit auf sie zu, dass die beiden Piloten mit ihrer Maschine pfeilschnell die Flucht ergriffen. Der Prophet konnte aus eigener Kraft der Mauer aus Wasser entweichen, indem er sich hoch hinauf in die Luft katapultierte. Der Himmel verdunkelte sich. Sonne, Mond und Sterne verschwanden hinter einer Wand aus Staub, Wasser und Feuer. Es war höchste Zeit, an einen sicheren Ort zu fliehen.
Bald habe ich keine Energie mehr und stürze ins Meer, sorgte sich Michel. Meine Seele ist alles was ich noch habe. Was sag ich, ich vergesse meine Erinnerungen zu erwähnen.
Seine Segnungen zählend, flog er in hohem Tempo zu den nördlich gelegenen Bergen, um sich dort zu verschanzen. Unterwegs wurde ihm bewusst, welche abscheuliche Katastrophe sich gerade auf der Erde abspielte. Abnormale Stürme rasten über Land und Meer, und Flugzeuge fielen wie Herbstblätter vom Himmel. Städte und Dörfer endeten in Schutt und Asche, und Schiffe wurden von turmhohen Wellen verschlungen. Eine verzweifelte Angst verbreitete sich unter den Völkern der Erde und viele Menschen starben allein aus Furcht. Nichts und niemand waren gegen diese Naturgewalt gefeit, die sich immer mehr verschlimmerte. Kein Platz wurde verschont. Gewaltige Erdbrocken sprengten auseinander oder kollidierten miteinander. Dicke Lagen von geschmolzenem Stein formten hier und da wieder neue Berge und Schluchten. Die Kräfte des Himmels blieben in Bewegung und der überfällige Regen, der jahrelang ausgeblieben war, setzte ein. Im Nu wurden die letzten, noch trockenen Länder von dem Himmelswasser überschwemmt. Eine handvoll Raumschiffe versuchten mittels Laser aus der Erdatmosphäre zu gelangen.
"Warum bist du so gnadenlos, Gott?", fragte Michel, der aus großer Höhe zusah und daraufhin von einem Blitz getroffen wurde. Im Schockzustand taumelte er kilometerweit in die Tiefe und landete in einem Tal, das noch unberührt zu sein schien.
Ich habe an Ihm gezweifelt, begriff er erschüttert, und wie eine Schlange, der zur Strafe auf seinem Bauch kriechen musste, flüchtete er in die Berge. Das Meerwasser stieg unaufhaltsam weiter und überflutete die Täler. Um den Kopf über Wasser zu halten, musste Michel sich auf einen Berg retten. Für kurze Zeit schien er dort sicher zu sein, bis das Tal aufsprengte und glutrote Magma aus den Löchern und Spalten heraus spie. Die Konfrontation zwischen der Lava und dem Wasser sorgten für ein ohrenbetäubendes Zischenden und Hissen. Giftgase und glühendheißer Dampf stiegen auf und bedrohten den fliehenden Geist, der immer weiter hinauf musste. Es schien hoffnungslos zu sein, doch mit der Courage eines Verrückten kletterte er die Steile Felswand hinauf. Wieder folgten Explosionen, die diesmal heftigen Windstöße verursachten und er sich mit aller Kraft an der Felswand festklammern musste. Mit einem funken Hoffnung kletterte er weiter. Einige Zeit später, brachte eine Explosion Berge gegenseitig zum einstürzen. Doch wie durch ein Wunder blieb sein Pfad verschont. Er sah für sich keine Zukunft mehr und er fragte sich, wo sein Schiff wohl stranden würde. Geschlagen erreichte er die Bergspitze, wo er das Ende der Zeit am Horizont beobachtete. Die Sintflut war nun auf ihrem Höhepunkt angelangt und es schien, dass es keinen Unterschied mehr gab zwischen Himmel und Erde. Bergketten verschwanden im Abgrunde und wütende Meere brausten durch die Luft. Wolkenmassen wurden durch Löcher hindurch aufgesaugt, um kurz darauf wieder ausgespuckt zu werden.
Warum bleibt dieser Berg als einziger in dieser wirbelnden Masse verschont, wunderte sich Michel. Bin ich bereits Eins geworden? Und für einen kurzen Augenblick glaubte er, das Gleichnis von Gott zu sein.
Oh, mentale Entfremdung, auch das noch, begriff er, nachdem er sein Innerstes untersucht hatte. Der Wahn war kaum bestritten, als auch gleich etwas Ekeliges von hinten heran kroch. Es durchdrang jede einzelne Faser seine Körpers und Tausend Schauer liefen ihm über den Rücken.
"Nun, genießt du die Aussicht?", sprach eine samtige Stimme mit eisernem Herzen plötzlich zu ihm. Die Bergspitze versteinerte und die Luft wurde dünn. Mit zittrigen Knien drehte er sich um und sah jemand hinter sich stehen: es war Luzifer, der gefallene Erzengel.
"Du warst mein bester Schüler, bis jetzt", fuhr er fort. "Viele Weisen auf Erden denken, dass sie mich durchschaut haben, aber Leichtsinnigkeit ist dir unbekannt." Der Oberteufel hatte eine rabenschwarze Ausstrahlung und zog damit das letzte bisschen Energie aus dem geschwächten Propheten. Zehn Hörner stachen aus seinem Kopf hervor. Urplötzlich kam ein weiteres hervorgeschossen, für das die anderen Platz machten. Mit seinen großen, bronzefarbenen Klauen und stählernen Zähnen, könnte er seine Schlachtopfer mühelos damit zermalmen. Alles was dann noch übrig bliebe, würde unter seinen Klauen zertrampelt. Seine übergroßen Flügel gaben zudem zu verstehen, dass eine Flucht unmöglich war.
"Du hast mir besondere Dienste erwiesen", köderte er wieder. "Du bist der größte Sünder aller Zeiten." Eine enorme Glut des Stolzes strahlte aus seinen Augen, während zwei Krähen angeflogen kamen, und auf seinen Schultern landeten. Seine Worte drangen noch nicht ganz durch zu dem Sterblichen, denn Michel stellte fest, dass sein eigenes Herz sich wie ein Eisklumpen anfühlte.
"Mit deinen Vorhersagen hast du katastrophale Flüche ausgesprochen", erklärte der Teufel, dem aus seinem Mund ein Stück einer Hopfenpflanze herauswuchs.
"Wer, ich?", stotterte Michel, mit Stummheit geschlagen.
"Ja, du. Auch diese Sintflut hast du in Gang gesetzt. Ich hatte von Anfang an große Pläne mit dir; dein Talent lässt sich nicht verleugnen. Zugegeben, ich musste dir ab und zu einen kleinen Schubs verpassen", und biss die sprießende Pflanze ab und kaute darauf herum.
"Was? Was erzählst du da?"
"Und als Belohnung, darfst du endlich deinen wahren Meister treffen", sagte Satan, seine Frage ausweichend und zeigte auf sich selbst. "Jetzt mach ich dir einen Vorschlag: Du betest mich an, und dafür erhältst du mein ganzes weltliches Wissen."
"Das führt mich auf den falschen Weg…"
"Was? Ist dir mein Vorschlag etwa nicht gut genug?", kreischte Luzifer, dessen Stimme durch die ganze Gegend hallte. "Gut", und machte einen Schritt nach vorne. Sein vermeintlicher Lehrling sah inzwischen voller Panik um sich und überdachte einen Versuch, davon zu fliegen.
"Das hat keinen Sinn", zischte Luzifer, der mühelos dessen Gedanken lesen konnte. "Ich übertreffe meinen Gegnerspieler immer. Seine Kraft ist mein Zündstoff", und der verzweifelte Geist ließ seinen Plan fallen. "Ich bin übermächtig. Ich neckte dich auf dem Ätna und war plötzlich auf dem Umschlag deines Buches oder entfachte eine hübsche kleine Flamme in deinem Wohnzimmer. Ich war immer und überall bei dir und weiß besser als du selbst, wie es in dir aussieht. Du willst dein liebstes retten - deine Seele. Aber sei doch mal realistisch: niemand wird dir helfen. Außerdem hast du kaum noch Kraft, um wegzufliegen. Schau dich um… du hast keine andere Wahl!" Michel überlegte noch, sich in seinem irdischen Körper zu verstecken.
"Hahaha, vergiss es wieder; dein Leichnam ist längst zerfallen. Es ist nichts mehr da, um sich darin zu verkriechen." Jeder Gedanke wurde sofort aufgeschnappt und in Stille betete der Sterbliche zu Gott.
"Ach, Gott. Gott findet alles gut - egal, ob du lebst oder stirbst. Ich hingegen, ich bringe Licht. Deine Reputation und deine hellseherischen Fähigkeiten hast du mir zu verdanken. Wenn ich deine vorherige Familie nicht wegen der Pest hätte sterben lassen, dann wärst du nur ein kleiner Doktor geblieben." Michel wusste nicht, was er da hörte und überlegte ernsthaft, sich zur Schlachtbank führen zu lassen.
"Das einzige was ich von dir will, ist eine Zusammenarbeit", ließ der Lichtträger wissen. "Jedes Bisschen hilft und zusammen sind wir stark. Sei doch nicht so sentimental. Das Leben geht weiter. Deine Frau hatte doch schon immer ein Auge auf Claude de Tende geworfen… du weißt schon, den Gouverneur. Und deine Nachkommen sind nur allzu froh darüber, nicht mehr unter deiner Fuchtel zu sein."
"Im Namen Jesu Christus!", flehte Nostradamus.
"Willst du den jetzt auch noch herholen? Du bist aber auch so was von begriffsstutzig! Jesus wird dir nicht helfen, der läuft irgendwo im Kreis herum und jagt seinen eigenen Schwanz." Der Seher fiel voller Elend auf seine Knie und brachte seine Prophezeiungen zurück in sein Gedächtnis. Habe ich diese Katastrophen wirklich alle selbst verursacht?
"Ja, aber das ist schon in Ordnung so. Ich kann es aber auch wieder rückgängig machen, unter der Bedingung, dass du dich mir unterwirfst."
"Ich verabscheue dich!"
"Gut, dann will ich es dir noch etwas schmackhafter machen. Wie wäre es, wenn du zusätzlich zum Erhalt meiner Einsichten auch noch zurück zu deiner Frau gehen könntest, in einem völlig unversehrten Körper?" Michel war bis auf die Knochen gereizt und die Versuchung war so groß, dass er ihr beinahe erlag, aber er erinnerte sich glücklicherweise an das Wichtigste.
"Du wieder mit deiner Seele. Sei nicht so kleingeistig und denk einmal weiter", sagte Luzifer bekümmert, der erneut einen Schritt näher heran kam. Sein Opfer nahm sich etwas zusammen und sah des Teufels Gesicht immer näher kommen. Es war so entsetzlich, dass er davor zurückschrak.
"Hab ich mich dann doch in dir getäuscht?", entfuhr es Luzifer im Zorn. "Ist das der Dank dafür? Ich habe dir sogar noch Hermes geschickt, um deine inneren Augiasstall auszumisten. Du bist wirklich so ein simples Seelchen, das in seiner Gedankenwelt bleibt, die ich besser meinen einfachen Helfern hätte überlassen sollen!"
"Du besitzt lediglich auf Erden eine Macht. Die Menschheit hingegen wird dich obsiegen", bot sein Lehrling ihm plötzlich die Stirn.
"Du meinst wohl diese handvoll Idioten, die versuchen in den Weltall zu fliegen? Kleiner Schönheitsfehler, keiner ist Vollkommen. Die sind zum Sterben verdammt oder auf ewig im Weltall herumzuirren. Hier bricht nämlich eine neue Eiszeit an. Du fängst an, mich zu langweilen, Nos." Der Fürst der Finsternis stand jetzt direkt vor ihm und sah ihn mit Verachtung an. Dann entflammte das heilige Feuer in Michels Herzen. Seine Ängste waren verschwunden und hocherhobenen Hauptes sprach er: "Wenn es jemanden gibt, der stets dem Bösen gegenüberstand, dann bin es wohl ich. Aber ich bin nicht das Böse. Nie und nimmer werde ich meine Seele an dich verkaufen."
Plötzlich flogen die beiden Krähen von Luzifers Schultern und blitzschnell schossen sie auf den Abtrünnigen zu, und stießen ihn in den Abgrund.
"Dann schmor doch ewig in der Hölle", rief der Teufel Michel nach, der in den glühenden Lavastrom hinabstürzte.

Frankreich war in tiefer Trauer nach dem Ableben des illustren Staatsgenossen und die Flaggen waren auf Halbmast gesetzt. Die Prominenten strömten von nah und fern in Salon de Provence herbei, um dem Seher die letzte Ehre zu erweisen. Unter dem Schutz der Familie, wurden seine leiblichen Überreste in der Kirche von Cordeliers beigesetzt. Während ein Priester predigte, wurde der Sarg unter den Augen der Trauernden in die offene Gruft gestellt. Anne stand mit ihren großen Kindern ganz vorne, um zu sehen, ob auch alles gut ablief. Ihre betagten Schwäger hatten sich hinter sie gestellt. Die Gruft war auf das Geheiß von Nostradamus direkt senkrecht in die Mauer eingelassen, damit seine Feinde sich nicht auf seinen Kopf stellen konnten. Die Gruft wurde nach der Segnung von den Hinterbliebenen verschlossen und Anne berührte noch einmal den steinernen Deckel, dort, wo das Porträt ihres Mannes auf Augenhöhe eingraviert war. Die Abbildung zeigte ihn in seinem neunundvierzigsten Lebensjahr. Ebenso war sein Familienwappen darauf eingemeißelt. Traurig kniete sie vor das Grabmal und las ihren eigenen Text auf dem marmornen Gedenkstein, den sie hatte darunter anbringen lassen. Die Worte waren in Lateinischer Sprache eingemeißelt: "Michaelis Nostradami Ummortaliu". Danach nahmen alle wieder Platz auf den Kirchenbänken und der Gouverneur der Provence sprach die Abschlussworte.
"Liebe Familie und Freunde", sprach Claude, mit einem Kloß im Hals. "Die Welt hat in diesen Tagen einen besonderen Menschen verloren. Einen Menschen, der zu Beginn seiner Laufbahn als Arzt Tausende von Mitbürgern vor der Pest zu retten wusste und uns danach erlaubte, mit seinen unübertroffenen Prophezeiungen einen kleinen Blick in unsere Zukunft zu werfen. Trotz seiner Eigensinnigkeit war Michel de Nostredame ein gottesfürchtiger Mensch. Er ließ sich durch nichts und niemanden einschüchtern. Im Gegenteil, er wandelte voller Vertrauen auf Gottes Pfaden und trotzte dabei so mancher Gefahr. Abgesehen von seinem unnachahmbaren Talent und seiner Ausdauer war er auch ein liebevoller Vater", und alle Augen richteten sich auf die sechs Kinder, die sich die ganze Zeit mucksmäuschenstill verhielten. Claude fuhr fort: "Auch ich musste einst meinen verblichenen Freund, widerwillig und wegen höherer Macht, gefangen nehmen. Aber als er dann wieder frei kam, hegte er absolut keinen Groll gegen mich. Ich sehe zu ihm auf - und wer tut das nicht." Der Gouverneur drehte sich danach zu seinem beigesetzten Freund. "Michel, wenn es jemanden gab, der das gerechte Vorbild gegeben hat, von dem was der Herr von uns verlangt, dann warst du es. Möge deine Seele nun in Frieden ruhen." Nach seiner schönen Ansprache, brach die Witwe in Tränen aus und Claude lief zu ihr hin, um sie zu trösten und kondolierte dabei den Kindern und den Brüdern des Verstorbenen. Im Anschluss folgten alle seinem Vorbild. Als die hohen Würdenträger, Freunde und andere wichtigen Gäste ihr Beileid ausgesprochen hatten, verließen sie die Kirche. Claude und Anne tauschten noch einige Gedanken aus.
"Ich bin zu unsanft zu ihm gewesen", schniefte sie, "er hatte eine bessere Frau verdient."
"Du bist zu hart zu dir selbst. Du warst die Freude und das Glück seines Lebens", beruhigte Claude sie, der sich bemühte, seinen stützenden Arm um sie zu legen. Die angetraute Familie hatte inzwischen ebenso die Kirche verlassen und die Kinder standen nun etwas verloren da.
"Ich muss jetzt gehen", sagte Anne, "diese sechs da, die brauchen mich. So wie ich sie brauche."
"Wenn du jemand zum Zuhören brauchst, dann komm ruhig zu mir", bot Claude an.
"Das ist lieb von dir, aber ich werde es schon schaffen", und sie alle verließen die Kirche von Cordeliers, die auf unbestimmte Zeit geschlossen blieb.
Während den folgenden Tagen erhielt Anne hunderte von Beileidsbezeugungen aus dem ganzen Land, darunter auch die schriftliche Bezeugung der Königin. Mit der Hilfe von Christophe würde sie jedem einen Antwortbrief zurückschicken. Unterdessen hatte auch der Notar Kontakt mit der Witwe aufgenommen und ließ sie wissen, dass ihr verstorbener Mann unlängst ein Testament hatte machen lassen. Im Beisein der Kinder überreichte er es ihr. Michel hatte seiner Frau einen enormen Betrag von Dreitausend und Vierhundertvierundvierzig Kronen hinterlassen und zudem bekam jedes Kind noch eine eigene Zulage. In der Nachlassenschaft befand sich auch ein Brief, der speziell an seinen Sohn César gerichtet war. Der inzwischen sechzehnjährige nahm das Schreiben geehrt an und setzte sich damit anschließend auf die Veranda. Im Schaukelstuhl seines Vaters las er den emotional geladenen Brief.
"An meinen Sohn César.
Möge das Leben und das Glück stets mit dir sein. Dein spätes Kommen hat viel von meiner nächtlichen Zeit gefordert, um dieses Schreiben zu schreiben, das ich dir als Erinnerung nach meinem Übergang in die andere Welt hinterlassen möchte. Es sind Einsichten über den allgemeinen Nutzen und den Fortlauf der Menschheit, worüber mich höhere Mächte in Kenntnis gesetzt hatten. Sie sind in den Die Prophezeiungen festgehalten.
Ich fühle, ich muss dir diesen Brief schreiben, auch wenn dein delikater Verstand, auf Grund deines zarten Alters, seinen Inhalt noch nicht verstehen wird. Außer dass all meine Vorhersagen, gemäß den Sternen, eintreffen werden, so werden hingegen die Abenteuer des Menschen überdies ungewiss sein, denn alles wird bis zum letzten Moment von Gott selbst regiert und gelenkt.
Astrologie kann das Schicksal der Menschen nicht mit Sicherheit bestimmen. Nur diejenigen, mit göttlicher Inspiration, können das Wesentliche offenbaren. Ich habe diese Inspiration erfahren dürfen und viele meiner Vorhersagen waren in Teilen meines Landes eingetroffen. Meine Botschaften können dennoch in die falschen Hände von zukünftigen Führern gelangen, die diese Prophezeiungen missbrauchen oder verwerfen würden, wodurch nur das Gegenteil geschähe. Dies würde die Entwicklung der ganzen Menschheit beeinträchtigen und aus diesem Grund habe ich die Vorsehungen in unnachahmlichen Vierzeilern versteckt. Deshalb lautet auch ein altes Sprichwort: Beobachtet und werft nicht die Perlen vor die Säue. Ich habe deshalb düstere und verworrene Aphorismen gebraucht, um dem kleingeistigen Verstand, weder in der Gegenwart noch in der Zukunft, nicht zu schaden. Manchmal hätte ich lieber geschwiegen. Doch kann ich nicht anders, als meine Kenntnisse weiterzugeben. Es wäre ein Zeichen der Unachtsamkeit meinerseits, denn die verborgenen Botschaften werden dem Lauf der Menschheit dienen, indem sie ihnen ihren Platz weisen. Nur Eingeweihte werden die Verse zu deuten wissen. Es ist dem Durchschnittsmensch noch immer nicht gegeben, die Zeiten und Augenblicke zu erkennen. Um die gewöhnlichen Menschen zu leiten und zu schützen, wird der Schöpfer immer wieder seinen reinen Wissenden die Geheimnisse der Zukunft und der Vergangenheit enthüllen. Enthüllungen der göttlichen Werke, die vollkommen sind. Das Vermögen zur Hellseherei empfängt man durch die zarte Seele des Feuers, die zu Zeiten der Nachtruhe berührt werden kann. Die daraus fließenden Einsichten dürfen nicht verwechselt werden mit der natürlichen Kenntnis der Lebewesen. Diese übernatürlichen Einsichten stammen aus der ätherischen Quelle und liegen verborgen unter dem Himmelsgewölbe.
Mein Sohn, ich bete, dass du deinen Verstand niemals den Träumen und Belanglosigkeiten hingeben wirst, die die höheren Körper austrocknen lässt und die Seele letztendlich verloren geht.
Ich habe mein Arbeitszimmer leer zurückgelassen. Ich habe meine Schriften voller geheimer Wissbegierden Vulcanus geopfert, um ihre gefährliche Macht nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Als ich die Bücher verbrannte, wurde die Luft ungewohnt klar und das zeigte mir, dass es ein guter Entschluss war. Gott hat mich bevorzugt und ich hoffe, dass ich meinen Einsatz dir im Geiste übermitteln konnte.
Dein Vater ist nun weit weg. Doch bin ich mit meinen Sinnen nicht weiter vom Himmel entfernt, als mit den Füßen von der Erde. Lobe mich aber nicht in den Himmel, denn ich bin ein Sünder, mehr als jeder andere. Aber mit Blick auf deinen jungen Verstand, hält es mich davon ab, mich weiter darin zu vertiefen. Was ich dir hinterlasse, das sind Die Prophezeiungen. Die Vordeutungen darin haben Bezug auf das Gewölbe, durch die der Mond entlang zieht. So habe ich entdeckt, dass es vor der Verbrennung der Erde derartige Sintfluten und Überschwemmungen geben wird, dass jeder Meter Boden unter Wasser stehen wird. Die Menschheit, so wie wir sie kennen, wird aufhören zu existieren. Aber lass dich nicht von diesem Untergangszenario abschrecken. Es wird noch Jahrhunderte dauern, ehe es soweit ist und vor dieser Zeit hoffe ich, dir noch persönlich die Verse erklären zu können. Möge Gott dir Wohlstand zukommen lassen."

Salon de Provence entwickelte sich zu einer populären Pilgerstätte. Menschenmassen besuchten alljährlich die Gruft des legendären Sehers und jeden Tag war in der Kirche von Cordeliers ein Summen zu hören. Nur nachts kehrte Ruhe ein und es herrschte Stille, bis dass zweihundertfünfundzwanzig Jahre später zwei abergläubische Soldaten dieses Ritual ernsthaft zerstören sollten.
Eines Nachts, zu Zeiten der Französischen Revolution, hingen Bruno und Yves, die in der Nähe stationiert waren, am Stadtbrunnen herum. Das unzertrennliche Duo suchte etwas Abwechslung und so unterhielten sie sich und tranken munter drauf los.
"So eine prächtige gusseiserne Kanone, getragen von einer Lafette… ach, davon träume ich", prahlte Yves.
"Brutale Kraft", meinte Bruno. "Ich finde Zauberei viel spannender."
"Und je größer der Lauf, desto besser", himmelte sein Kumpel weiter.
"Du brauchst keine blöde Kanone, Mann, wenn du ein paar Zaubertricks auf Lager hast!"
"Hast du so was wie übernatürliche Kräfte", fragte Yves, der die Flasche Wein weiterreichte.
"Nee, aber hast du 'ne Kanone?", parierte Bruno, der sich für klüger hielt. Sein Freund zuckte mit den Schultern und nahm nochmals einen Schluck. "Wusstest du", fuhr Bruno lautstark fort, "dass in Paris die Bastille, mitsamt seinen acht Türmen und eineinhalb Meter dicken Mauern, dem Erdboden gleich gemacht wurde und das ohne eine einzige Kanone?"
"Hoppla, das wusste ich nicht", antwortete sein Kompagnon leicht betrunken und während sie sich weiter unterhielten, wurde in einem der benachbarten Häuser ein Fenster geöffnet.
"He, geht's vielleicht was leiser?!", rief ein Salonnier, der zu schlafen versuchte.
"Pass auf, sonst verwandle ich dich noch in einen Frosch", beleidigte Bruno ihn. Murrend klappte der Stadtbewohner wieder die Fensterläden zu.
"Warst du jemals in Paris?", fragte Yves extra laut.
"War ich irgendwann einmal irgendwo ohne dich? Wir kommen schon noch nach Paris." Die beiden Soldaten langweilten sich ungemein und suchten nach einer Ablenkung.
"Yves, das Grab von Nostradamus ist hier in der Nähe. Hättest du Lust mit mir dahin zu gehen?" Dieser stimmte zu und gemeinsam schlenderten sie zur Kirche von Cordeliers.
"Was willst du dort überhaupt? Es ist mitten in der Nacht", fragte Yves entlang des Weges.
"Ich werde Wein aus dem Schädel des Propheten trinken."
"Warum das denn?"
"Es macht die Runde, dass man dann magische Kräfte erhält."
"Spannend, aber du musst erst mal da rein kommen", grinste Yves.
"Kumpel, überlass das ruhig mir", und sie gingen um die Kirche herum zur Hintertür.
"Bin gleich zurück", flüsterte Bruno listig. Yves wartete an der Tür, bis sein Freund mit einer Eisenstange zurückkam. Der brach die Tür mühelos auf und beide schlichen in die Kirche hinein. Im vorderen Teil der Kirche entdeckten die beiden Soldaten die senkrecht stehende Gruft des Sehers, und Bruno sah nach, wie dieses Ding geöffnet werden konnte. In kürzester Zeit schafften sie es, den Steindeckel zu entfernen und zwischen alten Brettern sahen sie das Skelett von Nostradamus. Gewalttätig rissen sie ihm den Schädel runter, wobei ein goldenes Amulett unbeachtet auf den Boden der Kiste fiel. Während Bruno seinen Wein aus dem Schädel trank, fing Yves an, mit den Knochen zu jonglieren. Plötzlich wurde der Planer dieses makabren Spiels von unsichtbaren Händen an der Gurgel gepackt und mit aller Kraft versuchte er, sich von ihnen zu befreien. Yves dachte zuerst noch, dass sein Freund herumalberte, erst als dieser ernsthaft um Hilfe schrie und purpurrot anlief, bekam er es mit der Todesangst zu tun und rannte davon. Vor der Sakristei stürzte eine Heiligenstatue von ihrem Sockel und landete direkt vor seinen Füßen und brachte ihn zum straucheln. Der Bürgermeister hatte den nächtlichen Krach in der Kirche gehört und rief die Stadtwachen, um die Einbrecher zu stellen. Die beiden Grabschänder wurden ohne großen Widerstand bei ihrer blasphemischen Tat ertappt, bei der Bruno beinahe erstickt wäre und noch immer nach Luft schnappte und Yves bewusstlos auf dem Boden lag.
"Werft die Soldaten in die Zelle!", ordnete der wütende Bürgermeister an. "Wir werden sie später für die Front* hernehmen, um die Kugeln der Feinde abzufangen." Anschließend ging er hinüber zu dem geschändeten Grab und entdeckte dort das goldene Medaillon zwischen den Knochenresten in der Gruft. Als er die Inschrift auf dem uralten Medaillon las, viel im vor lauter Überraschung das Unterkinn runter: das Datum des laufenden Jahres - 1791 - war darauf vermerkt. Hastig legte er dieses Kleinod zurück in die Kiste die später, mitsamt den Knochen, wieder verschlossen wurde. Der entrüstete Bürgermeister gab seinen Männern zu verstehen, die Gruft sofort in die Kirche von Saint Laurent zu überführen, wo sie besser bewacht werden konnte. Danach verlor er nie mehr ein Wort darüber. Zu niemandem.






Kapitel 16


Wer das gefundene Monument räumen wird,
und es nicht sofort wieder verschließen wird,
Böses wird ihm passieren, und wird nicht beweisen können,
ob es besser wäre, bretonischer oder normannischer König zu sein.

Henrik Larson schlenderte gemütlich unter einem wolkenlosen Himmel durch seinen Weinberg. Die zierlichen Ranken hingen voll mit Traubendolden, von denen er eine vorsichtig pflückte. Er biss vorsichtig in die blaue Frucht und prüfte sie eingehend und kam zu dem Entschluss, dass sie die perfekte Reife besaßen. Der süß-saure Saft war genau richtig für die Herstellung des tiefroten Getränkes. Die Ernte konnte eingeholt werden.
Morgen werde ich ein paar Pflücker zusammentrommeln, nahm er sich vor und ging zufrieden ins Tal hinunter, um dort nach seinen Reben zu sehen, die sich nahe des Flusses befanden. Das strömende Flusswasser glitzerte freudig in den letzten Sonnenstrahlen und er genoss die wundervolle Aussicht. Über dem südlichen Horizont zeichneten sich die stattlichen Pyrenäen ab, deren mächtige Präsens bis zu ihm hin spürbar war. Und diese kraftvolle Energie reflektierte sich im Weinberg.
Ich geh jetzt besser nach Hause, dachte er beim Blick auf seine Uhr, und stapfte den Berg hinauf, hinter dem das Cave Lagneaux lag. Trotz seiner schwedischen Herkunft war er innerhalb weniger Jahr zu einem beliebten Mann in seinem Dorf geworden. Sein offenes Gesicht war eine Einladung für jedermann. Der philosophische Larson war in Limoux gelandet, wo er während einer Reise der Läuterung nicht sich, sondern seine französische Frau fand. Er heiratete sie und sie ließen sich in der von der Sonne durchtränkten Gegend von Aude nieder, mit seinen pittoresken Dörfern und engen Straßen. Sie hatten ein altes Bauernhaus gefunden, in dem noch eine Weinpresse stand, welches sie liebevoll renovierten und modernisierten. Im Laufe der Jahre erhielt das Haus sämtlichen Komfort. Innerhalb des ummauerten Gartens hatte Henrik unlängste noch ein Schwimmbad für seine Kinder gebaut. Bei seiner Ankunft auf dem Cave Lagneaux inhalierte er tief die letzten Düfte der Natur.
Das Leben kann so schön sein, dachte er beim Hineingehen.
"Brigitte, morgen möchte ich mit der Lese beginnen", rief er und sah sich im Erdgeschoss nach seiner Frau um. Er konnte sie nirgends finden und gerade als er oben nach ihr suchen wollte, kam eine blonde Frau die Treppe herunter. Auf halbem Wege rannten sie ineinander.
"Hallo, Engel, was bist du wieder schön", grüßte er sie. Es schien, als hätten die beiden sich seit Jahren nicht mehr gesehen und sie berührten sich sehr liebevoll. Jeden Tag eine neue Frau, dachte er.
"Brigitte, morgen möchte ich die Ernte einfahren."
"Okay, ich werde einige Leute anrufen", sagte sie. "Was glaubst du, wie viel Pflücker wirst du brauchen?"
"Na ja, fünf oder sechs müssten genügen", und sie gingen ins Wohnzimmer, um das Tagesgeschäft durchzugehen.
"Dein Vater hat angerufen. Er wird sich heute Abend nochmals melden", erzählte sie ihm, als sie nach dem Adressbuch griff.
"Ich rufe ihn gleich an", antwortete er.
"Hallo Paps!", rief David, der mit einer Katze auf dem Arm aus der Waschküche herausgestürmt kam.
"Hat Mau sich wieder versteckt gehabt?", fragte der Vater. Das Kind nickte und lief ohne die Katze hinauf zu seinem Zimmer. Die Herduhr fing an zu bimmeln und das Ehepaar ging in die Küche, wo Brigitte ein neues Rezept am ausprobieren war.
"Deine Staffelei hast du seit Monaten nicht mehr angerührt", sagte sie, während sie die heiße Schüssel aus dem Ofen holte, "soll ich sie verräumen, oder wirst du noch was Schönes malen?"
"Räum 's weg. Irgendwie habe ich keine Verlangen mehr danach. In einem Gemälde ist alles so gefangen - kein Leben mehr darin. Nein, ich betrachte mir lieber die Natur… oder dich!" Sie lächelte, angesichts seiner fortwährenden Komplimente.
"Ich finde noch immer, dass das Bild mit den Sonnenblumen einfach brillant ist", bekannte sie und stach mit einer Gabel in die Gemüsequiche, um zu prüfen ob sie schon fertig war.
"Es ist wirklich ein schönes Bild. Ach ja, ich wollte doch noch meinen Vater anrufen. Wo ist das Handy?"
"Im Spiegelschrank, Schatz", antwortete sie ihm und er daraufhin ins Wohnzimmer ging.
"Du rufst noch wegen den Arbeitern an, oder?", rief er ihr hinterher. Er fand das Telefon und hatte auch gleich seinen Vater in Stockholm am Apparat.
"Hallo Pa. Ich habe gehört, du hast angerufen."
"Ja, stimmt. Deine Mutter hatte plötzlich so ein komisches Gefühl wegen euch und bat mich, dich anzurufen. Die Gewalt in Europa nimmt ja immer mehr zu."
"Hier, auf dem Land, ist es ziemlich sicher", versicherte ihm sein Sohn.
"Wollen wir's hoffen. Auf jeden Fall macht es uns glücklich, dass es dir endlich gut geht. Eine zeitlang schienst du der ewige Märtyrer zu sein. Mit Brigitte und den Kindern auch alles in Ordnung?"
"Klar. Fred krabbelt überall ganz neugierig herum. Er kann schon beinahe laufen. Morgen werden wir die Traubenernte einholen."
"Schöne und dankbare Aufgabe, Sohn. Leider ist Schweden kein Weinland, und um einfach mal spontan vorbeizukommen sind wir zu alt. Doch nächstes Jahr, so Gott will, werden wir einen Besuch bei euch planen. Aber machen wir's besser kurz, einverstanden?" Die beiden verabschiedeten sich und Henrik schaltete das Handy ab, das einzige Kommunikationsmittel im Haus auf. Er war mit seiner Frau übereingekommen, dass die Kinder bis zu ihrem siebten Lebensjahr mit sowenig Elend und Versuchungen wie nur möglich konfrontiert werden sollten. Aus diesem Grund gab es weder einen Computer noch einen Fernseher im Haus.
"Wir können essen!", rief Brigitte, die Fred wieder in seinen Laufstall zurückbrachte. David und Lisa kamen die Treppe herunter. Das Mädchen hüpfte mit einer Packung Buntstifte zur Essecke hin und malte noch schnell ein Bild, während ihr Bruder ihren Handlungen folgte.
"Das sieht nach gar nichts aus", ärgerte er sie und zog ihr provozierend das Papier weg.
"Du Trottel!", schrie Lisa.
"Hei, Schimpfworte werden hier nicht gebraucht", warnte sie ihr Vater, der nicht mitbekam, was vor sich gegangen war, da er gerade Gläser aus dem Küchenschrank geholt hatte.
"Ja, aber David ärgert mich die ganze Zeit und ist gemein zu mir", klagte seine Tochter.
"Und du bist gemein zu ihm. So bleibst du immer im gleichen Kreis stecken. Wenn du dich ordentlich verhältst, dann wird er dich in Ruhe lassen, weil es dann keinen Grund mehr zum ärgern gibt." Lisa hörte sich zwar diese erteilte Lektion fürs Leben an, war aber trotzdem noch immer sauer auf ihren Bruder.
"Irgendwann kommt der noch unter ein Auto", sagte sie ganz leise, doch ihr Vater hatte es dennoch gehört.
"Das sind gefährliche Gedanken, Lisa. Keine derartigen Vorhersagen mehr machen. Überhaupt keine Vorhersagen machen, denn sonst sprichst du noch einen Fluch aus! Jungs haben eben manchmal so ein Benehmen, aus dem sie dann irgendwann einmal hinauswachsen. Aber ich werde David im Auge behalten", und sah dabei seinen Sohn eindringlich an. Auch wenn es im Großen und Ganzen liebe Kinder waren, konnten sie manchmal richtige kleine Quälgeister sein, dachte er. Nachdem die Gemüsequiche verputzt worden war und die Kinder im Bett lagen, blätterte Henrik im Wohnzimmer durch ein dickes Buch und machte sich nebenher Notizen.
"Was machst du da?", fragte Brigitte, nachdem sie den Abwasch erledigt hatte.
"Nächste Woche halte ich einen Vortrag über Swedenborg im Kulturzentrum", erklärte er ihr und nahm seine Brille ab.
"Über ein bestimmtes Thema?"
"Die eheliche Liebe."
"Wenn das nur nicht allzu schlüpfrig wird, dort mit unseren ganzen Bekannten. Ich nehme doch stark an, dass du unser Liebesleben da außen vor lässt?"
"Du kennst mich doch", versicherte er ihr. Daraufhin schnappte sie sich eine Zeitschrift und setzte sich auf die Bank neben ihren Mann. Einige Minuten später schüttelte sie traurig ihren Kopf.
"Es gab einen Anschlag auf das Rathaus in Pau", ließ sie ihn wissen.
"Irgendwelche Verletzte?"
"Drei Tote, der Bürgermeister ist ebenso umgekommen." Seit einigen Jahren verhärtete sich das Klima auch auf dem Land und sie realisierten, wie verletzbar ihre eigene Existenz war. Aber außer vorsichtig zu sein, vertrauten sie doch vor allem der Vorhersehung. Nachdem Brigitte einige Telefonate geführt hatte, beschlossen sie ins Bett zu gehen. Die Mutter holte Fred, der noch bei seinen Eltern schlief, aus dem Laufstall und gemeinsam gingen sie nach oben.
Bei Tagesanbruch wanderten die Traubenpflücker zu jenem Weinberg, der nach Süden hin ausgerichtet war. Über den Tälern der Katharer Regionen schwebte ein zauberhafter, mystischer Nebel. Im Weinberg angekommen, gab Henrik jedem Pflücker einen Eimer und ein Schere, um die Trauben abzuschneiden. Die Gruppe bestand aus drei Männern aus Limoux, einem streunenden Basken und zwei herumreisenden Mädchen aus Dänemark. Der Holzkarren, in den die Eimer ausgekippt werden mussten, stand bereits auf seinem Platz.
"Okay, dann mal alle an die Arbeit", spornte ihr Arbeitgeber sie an und woraufhin jeder in seine zugeteilte Reihe marschierte. "Ach ja, beim Karren steht für euch was zu trinken bereit", rief er ihnen nach.
Etwas später wurden schon die ersten Eimer geleert und einen Schluck Wasser getrunken. Gegen neun Uhr kam dann die Frau des Chefs mit einem Picknickkorb angelaufen und reichte jedem ein Stück Baguette, dazu gab es köstlichen Käse aus der Region. Auch wenn es noch früh war, tranken die Franzosen bereits ein Glas Wein dazu. Die Däninnen zogen das einfache Quellwasser vor. Nach dieser kurzen Verschnaufpause wurde weiter gepflückt. Die Sonne wurde heller und der Nebel löste sich langsam auf. Die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut machte die Arbeit angenehm und regte zum Singen und Plaudern an.
"Ihr werdet wahrscheinlich die ersten zwei Tage Rückenschmerzen haben", warnte Henrik die beiden Damen vor, die bislang noch keine derartige Arbeit gemacht hatten und es nicht sonderlich ernst nahmen.
Um halb zwölf brannte die Sonne so stark, dass jeder schweißgebadet war. Glücklicherweise war Essenszeit und zusammen gingen sie zurück zum Cave Lagneaux, wo bereits ein aufgetischtes Essen auf sie wartete. Die Pflücker zogen an der Tür ihre schmutzigen Schuhe aus und setzten sich an den Esstisch.
"Wer von euch kann uns den ganzen Monat hindurch helfen?", fragte Henrik bei Tisch. "Es gibt noch eine Menge zu tun. Die Trauben, zum Beispiel, müssen sortiert, gewaschen und gepresst werden. Die vier Männer sagten zu, doch die beiden Däninnen würden nicht mehr von der Partie sein, da sie weiterziehen wollten. Die Truppe begann zu essen und am Tisch wurde munter drauf los geplappert.
"Dein Mann hat durch deine Kochkunst ganz schön zugelegt. Ich kann mich noch erinnern, dass du zu Beginn ein richtiger Schmalspurindianer warst", bemerkte Jules, einer der Dorfbewohner.
"Das kannst du laut sagen. Endlich wird was aus ihm und da darf die französische Küche ruhig Schuld dran sein", strahlte Brigitte.
"Ach was, ich mach eine Reinkarnation", witzelte ihr Mann.
"Wer will noch etwas zu trinken?", fragte Brigitte, die aufstand, um noch eine Schüssel mit gebackenen Auberginen zu holen.
"Haben Sie auch Traubensaft?", fragten die Mädchen aus dem hohen Norden.
"Ja natürlich - und sogar selbst gepresst", und begab sich in die Küche.
"Larson keltert den klarsten Wein in der ganzen Umgebung", informierte Jules die Gesellschaft. "Es sind absolut keine künstlichen Pestizide in seinem Wein."
"Vielen Dank, Jules, für das Kompliment. Unser Wein ist tatsächlich Natur pur", bestätigte er. Brigitte war inzwischen mit dem Saft zurückgekommen und schenkte den beiden Mädchen ein.
"Passt auf, dass ihr nicht zuviel davon trinkt", warnte Henrik. "Wie ich gesehen habe, habt ihr heute schon ordentlich Trauben gefuttert. Die haben eine unglaublich abführende Wirkung." Auf einmal brüllte Fred los, der ganz für sich im Laufstall saß und überhaupt keine Aufmerksamkeit bekam.
"Was für Traubenarten haben Sie angepflanzt", fragte einer der Männer.
"Pinot Noir, also Schwarzburgunder, und Chardonnay", gab er hustend Auskunft, woraufhin Jules, der ihm am nächsten saß, ordentlich auf den Rücken klopfte. Etwas später kam dann die Reifung des Weines zur Sprache und Henrik erzählte über den jahrhunderte alten Keller, der sich unter dem ganzen Haus erstreckte und den er vom Wohnzimmer aus erreichen konnte.
"Nach dem Essen werde ich ihn euch zeigen. Dort stehen auch noch originale Fässer", versprach er enthusiastisch. Aber nach dem Essen wurde leider nichts aus seinem Versprechen, denn jeder machte sich auf in den Garten, um etwas zu entspannen. Dort saßen sie gemeinsam unter einem alten, großen Apfelbaum und naschten noch etwas Schokolade. Nachdem sie gut ausgeruht waren, ging es wieder an die Arbeit. Viele Sonnenstunden und geleerte Eimer später, neigte sich der Arbeitstag seinem Ende und die Arbeiter nahmen noch eine herrlich erfrischende Dusche auf dem Gut. Nach der Lohnauszahlung machten sie sich auf den Weg nach Hause.
An diesem Abend hatte Brigitte sämtliche Fenster geöffnet. Es war kein Lüftchen zu spüren.
"Wie eigenartig ruhig und schwül es doch ist", sagte ihr Mann. "Es scheint die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm zu sein." Müde, aber glücklich, setzte er sich im Wohnzimmer neben seine schöne Frau, wo die Kinder Lego spielten.
Was für ein großer Schatz sie sind, dachte ihr Vater, der sie liebevoll beobachtete. Ich habe sie zum Fressen gern und schloss sie für einen Moment in seinem Herzen ein. Er fühlte sich überwältigt vor Glück. Im selben Augenblick, begann das Familienwappen aus dem sechzehnten Jahrhundert draußen an der Tür hin und her zu pendeln und das ominöse Quietschen holte ihn aus seinen Tagträumen zurück. Eine tief verborgene Einsicht brodelte in ihm hoch und ließ seine Haare zu Berge stehen.
Meine Güte, ich habe etwas Schreckliches herbeigerufen, erkannte er plötzlich. Ich verehre meine Kinder, als wären sie Gottheiten.
Auf einmal wehte ein eigenartiger Wind durch das Haus. Es war der Atem des Teufels.
"Schließt alle Fensterläden", rief Henrik mit Nachdruck.
"Dieser Wind ist Furcht einflößend", sagte Brigitte erschrocken und lief rasch zu den Fenstern. Innerhalb einer Minute entwickelte sich der Wind zu einem Sturm. Während seine Frau unten die Fenster verriegelte, rannte Henrik zu denen im zweiten Stock. Der Wind heulte durch das Schlafzimmer und die Gardinen flatterten durch die Luft. Wieder unten angelangt, half er seiner Frau mit den Schiebtüren hinter dem Haus. Ein ausgewachsener Orkan jagte durch die Region und draußen begann es zu spuken.
"Die Dachluke ist noch offen!", schoss es Brigitte durch den Kopf und ihr Mann spurtete nochmals nach oben. Danach drängten sie sich im Wohnzimmer ängstlich aneinander, während die Fensterläden heftig schepperten.
"Jemand oder etwas will unsere Kinder töten", sagte Henrik blitzartig.
"Was meinst du damit?", stotterte seine Frau. David hörte seinen Vater sprechen und sah ihn intensiv mit seinen hellblauen Augen an.
"Es wird noch viel schlimmer", prophezeite Henrik. "Nimm die Kinder mit in den Keller und vernagle sämtliche Türen und Fenster. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich muss jetzt gehen."
"Sag mir endlich was hier los ist!", forderte Brigitte voller Panik.
"Frag mich nicht warum", antwortete er, "ich kann es dir nicht erklären…Ich lass mich von etwas Höherem leiten." Er spurtete zur Vordertür, drehte sich um und warf einen letzten Blick auf seine Frau und Kinder.
Wir werden uns wahrscheinlich nie mehr wieder sehen, dachte er, mit gebrochenem Herzen. Er schlug die Tür hinter sich zu. In dieser Vorhölle kämpfte Larson sich durch den Sturm zu den Hügeln hinauf und musste sich immer wieder an Bäumen und Sträuchern festklammern. Seine Weinreben wurden aus dem Boden gerissen und wirbelten durch die Luft. Oben auf dem Hügel angekommen, sah er, wie der Fluss sich in eine bösartige Wassermasse verwandelte und sich gespensterhaft auf dem Land ausweitete. Er zögerte etwas, aber beschloss dann, soweit wie möglich vom Haus wegzurennen. Vielleicht würde dadurch das Böse von seiner Familie abgewendet. Er rannte mit aller Kraft durch das Hügelland und es schien, als ob die dunklen Wolken ihn verfolgten. Einige Kilometer weiter, hielt er hinter einen mächtigen Baum, um Luft zu holen und machte sich dabei Sorgen um seine Frau und die Kinder. Im selben Augenblick riss eine erbarmungslose Windhose das Dach ihres Bauernhauses weg und der gesamte Hausrat flog durch die Luft. Pfannen, Kleidungsstücke, Bücher, Tische, Bügelbrett, Betten - alles flog durch die Luft, so als sei alles schwerelos. Sogar die zugenagelten Fensterläden mussten dran glauben. Im Wohnzimmer tanzten die Stühle über den Boden. Der Spiegelschrank explodierte und unzählige Glassplitter rieselten im Inneren hinunter. Henrik, der weiter oben stand, war sich dieser zunehmend besorgniserregenden Katastrophe nicht bewusst.
Ich lasse mich nicht von der Angst beherrschen, mahnte er sich selbst und trieb sich an, weiter zu rennen. Ein kräftiger Windstoß riss ihn zu Boden und er sich dabei an Ästen und Steinen verletzte. Er schaffte es wieder aufzustehen, wurde aber sofort wieder umgerissen. Im Angesicht des Todes musste er wieder an all das denken, was ihm lieb und teuer war.
Ob meine Familie wohl noch am Leben ist, fragte er sich, als plötzlich das Kreuz der Einsicht auf seiner Stirn brannte.
Das Böse vernichtet das, woran du denkst, sagte ihm eine Stimme von innen raus. Bei dieser Feststellung stockte Henrik das Blut in seinen Adern und er versuchte schnell seine Gedanken zu ändern. Nicht denken, nicht denken, sagte er sich immer wieder. Der böse Wettergott spürte seinen Widerstand und brauste sofort wieder auf. Henrik wurde hochgehoben und wüst gegen einen Baumstamm geschleudert. Sein Brustkasten krachte gefährlich und er schrie vor Schmerzen. Mit Mühe bezwang er seine Gedankenbilder, die nichts anderes als eine Flucht vor der Realität waren.
Ich werde mich dem Teufel gegenüberstellen müssen. Es gibt nichts anderes, beschloss er. Es war sein letzter Strohhalm und Wahrhaftigkeit war dabei seine Waffe. Und diese Waffe benutzte er, um seine Gedanken an jemanden oder etwas zu durchbrechen. Als Reaktion brach die Hölle in ihrer ganzen Heftigkeit aus.
Henrik versuchte erneut, sich an einem Ast festzuhalten, wurde aber wie eine Feder weggeblasen. Letztendlich ließ er sich wie ein Schaf zur Schlachtbank führen, ohne dabei sein Vertrauen an das Gute zu verlieren. Er war sogar dazu bereit, sich auspeitschen zu lassen, woraufhin die teuflische Naturgewalt nur noch schlimmer wurde. Seine Akzeptanz des Gegebenen, sorgte langsam für eine Kehrtwende und wieder etwas beruhigt, wurde er sich einer Erscheinung bewusst. Eine vage Gestalt kam hoch über ihm zum Vorschein und machte einen grandiosen Lärm. Die Wolken am Himmel fingen an, sich um ihn zu drehen und bezwangen diesen wahnsinnigen Teufel, der sich langsam aufzulösen schien. Nach einem letzten Aufbäumen gab sich das Böse geschlagen und löste sich in nichts auf. Der Tornado konzentrierte sich danach auf den handlungsunfähigen Weinbauer, der nicht anders konnte, als sich zu ergeben. Der Wirbelwind schien gutmütig zu sein, denn seine Kraft durchströmte ihn von Kopf bis Fuß. Als der letzte Rest des Windes aus seinem Körper abgezogen war, klang der Sturm ab und die Natur kam endlich wieder zur Ruhe.
Henrik setzte sich sprachlos auf und überprüfte seine Wunden. Dann nahm er eine sterbende Erscheinung wahr. Der Geist trug ein Gewand, das bis zu seinen Füßen hing und um seine Brust trug er ein goldenes Band. Sein langer Bart war weiß wie Schnee und seine Augen flammten wie Feuer. In seiner linken Hand hielt er einen Stab mit sieben Sternen und sein Gesicht strahlte wie die Mittagssonne. Erstaunt setzte Henrik sich auf und betrachtete dieses Wunder. Der Geist streckte freundschaftlich seine Hand aus und zog ihn hoch.
"Ich bin Michaelis Nostradamus. Ich musste jahrhundertlang im Fegefeuer auf einen unbefleckten und reinen Menschen warten, der mich daraus befreien konnte. Das siebte Tal ist durchwandert und meine Seele kann nun endlich ruhen. Du warst der letzte Schlüssel und als Dank dafür, soll mein Licht in dir für alle Zeiten weiter scheinen." Seine Stimme klang wie ein mächtiger Wasserfall.
"Meine Prophezeiungen sind von diesem Augenblick an zerstört", fuhr er fort. "Der Geist ist wieder in der Flasche. Schließlich habe auch ich nur meine Rolle gespielt. Ich war tot, doch nun lebe ich für immer und ewig." Die Erscheinung begann sich aufzulösen.
"Deine Familie ist noch am Leben, es fehlt ihnen nichts, aber ich muss nun gehen, um Abschied von meinem Menschenherz zu nehmen."
Sehr gerührt hob Henrik seine Arme und breitete sie weit aus und antwortete: "Die Erde wird dich für alle Zeiten in Erinnerung behalten, Michel."
Nostradamus nickte zustimmend und nahm seinen letzten Atemzug in dieser stillen Luft und sagte abschließend: "Zeit ist nichts, das Verlangen nach Liebe ist alles", und langsam verschwand seine Seele in den Wolken. Der Winzer beobachtete, wie die Luft sich wieder aufklarte.
Am Firmament war ein neuer Stern zu sehen.










Verwendete Vierzeiler aus Die Prophezeiungen

C.8.1
PAU, NAY, LORON wird mehr Feuer als Blut sein,
Lob schwimmen, Großes rinnt zu den Erhebungen,
den Pferdeknechten wird der Eintritt verweigert,
Pampon, Durance wird sie eingeschlossen halten.

C.1.1
Alleine nachts bei geheimen Studien,
ruhend auf einem Messingstativ
die Flamme aus dem Nichts den Erfolg entflammt,
wo Leichtsinnigkeit aus dem Bösen stammt.

C.9.90
Ein Kapitän des großen Deutschland
Wird kommen, sich durch vorgetäuschte Hilfe zu ergeben
Dem König der Könige, Gehilfe von Pannoniern,
dass sein Aufstand große Ströme von Blut auslösen wird.

C.2.70
Der Pfeil des Himmels wird sich ausdehnen,
Tod während des Sprechens, große Hinrichtung.
Der Stein im Baum, den großen Leuten anvertraut,
wilde menschliche Monster, Zeit der Reinigung.

C.1.63
Die vergangenen Gräuel dezimieren die Erde.
Lange Zeit Friede auf der entvölkerten Welt.
Sicheres Reisen durch Himmel, Erde, Meer und Wellen.
Dann entstehen von neuem die Kriege.

C.2.57
Vor dem Konflikt fällt die große Mauer,
der Große wird sterben, stirbt zu unerwartet, Wehklagen
Unvollendetes Schiff: der größte Teil schwimmt
Nahe dem Flusse, vom Blut färbt sich die Erde.

C.2.89
Eines Tages werden die beiden großen Meister zu Freunden,
ihre enorme Macht wird man wachsen sehen:
Die neue Erde wird in ihrer höchsten Entfaltung stehen,
von den Blutrünstigen, die Zahl berichtet.

C.1.35
Der junge Löwe überwindet den Alten,
auf dem Kampfplatz durch einzigartiges Duell,
im goldenen Gitter bersten seine Augen.
Zwei Wunden, eine, zum Sterben eines schrecklichen Todes.

C.6.97
Fünf und vierzig Grad wird der Himmel brennen,
Feuer nahe der großen neuen Stadt.
Sogleich schießt eine große, ausschlagende Flamme hervor,
so dass die Nordländer sich beugen werden

C.8.77
Der Antichrist, recht bald drei vernichten,
der Krieg wird siebenundzwanzig Blutjahre dauern,
die Ketzer getötet, Gefangene ins Exil geschickt,
Blut, menschliche Körper, Wasser rot gefärbt, Erde voll Hagel.

C.2.46 (Nostradamus 2012)
Nach dem großen menschlichen Zwist, folgt noch Schlimmeres.
Der große Beweger erneuert die Jahrhunderte.
Regen, Blut, Milch, Hunger, Feuer und Seuchen,
Am Himmel Feuer zu sehen, sprühen lange Funken.

C.10.72
Jahr 1999, siebenter Monat
Vom Himmel kommt ein großer Schreckenskönig,
wiedererweckt der große König von Angoulmois
Vor, nach Mars, Regieren zu guter Zeit.

C.5.68
In Donau und Rhein wird zum Trinken kommen,
das große Kamel, es wird es nicht bedauern:
Zittern an der Rhone und noch stärker jene an der Loire,
und nah der Alpen wird Hahn sie ruinieren.

C.1.91
Die Götter werden menschliches Aussehen haben,
sie, die die Urheber des großen Streits sein werden.
Bevor man den Himmel unbeschwert sieht, Schwert und Lanze,
was der linken Hand zum größten Kümmernis wird.

C.2.62
Mabus wird früher sterben,
dann kommt eine schreckliche Vernichtung von Mensch und Tier,
plötzlich wird man die Rache spüren,
hundert Hände, Durst, Hunger, wenn der Komet einschlägt.

C.9.7
Wer das gefundene Monument räumen wird,
und es nicht sofort wieder verschließen wird,
Böses wird ihm passieren, und wird nicht beweisen können,
ob es besser wäre, bretonischer oder normannischer König zu sein.

Alle originalen Verse auf www.nostredame.info



Nostradamus Roman Intro



(2012 Nostradamus Weltuntergang)
www.nostredame.info