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Nostradamus Buch

 
Nostradamus Buch
Kapitel 1

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Aus dem Englischen von Petra Schardt


© 2006 Eric Mellema
Alle Rechte vorbehalten



Kapitel 2



Einige Monate später ging Michel, der inzwischen sechzehn war, nach Avignon, um Astrologie zu studieren. Seine Eltern hatten ihm nur widerwillig die Erlaubnis erteilt, diese ungewöhnliche Wahl seines Studienfaches an der Universität zu treffen. Da Avignon gerade einmal zwanzig Kilometer von Saint Rémy entfernt lag, konnte er seine Eltern und seine Brüder jederzeit besuchen. Dadurch, dass der päpstliche Palast sich in Avignon befand und es seit dem Jahre 1304 dort eine Reihe französischer Päpste gegeben hat, war sie eine sehr bedeutende Stadt. Aufgrund ihrer geringen Überlebenschancen in Rom gingen diese Kirchenführer nach Avignon, um dort zu leben. Seitdem war diese französische Stadt, mitsamt ihrer Umgebung, im päpstlichen Besitz.
Jacques hatte von einem Klienten gehört, dass Madame Plombier, deren Ehemann sechs Monate zuvor an der Pest gestorben war, mit ihren Töchtern nach Avignon zog, um dort mit Verwandten zu leben. Michel durfte bei ihr mitfahren, vorausgesetzt, dass er der Witwe mit ihrem Hausrat half. Für ihn war das kein Problem und sie einigten sich auf einen Termin. Nachdem Madame Plombier die ganze vergangene Woche ihr Haus geputzt und all ihr Hab und Gut verpackt hatte, wartete sie nun auf ihren jungen Reisebegleiter.
Michel klopfte am Tag der Abreise an ihre Türe und begann den alten, klapprigen Wagen nach ihren Anweisungen zu laden. Mit Hilfe der Nachbarn, die unerwartet ihre Ärmel hochkrempelten, war der gesamte Hausrat schnell verstaut. Madame nahm ihren Platz auf dem Kutschbock ein und fuhr zusammen mit ihren beiden Töchtern in die Rue des Remparts, so dass sich ihr Kompagnon sich von seiner Familie verabschieden konnte. Sie warteten ganz besorgt, während die Witwe, die nicht sehr erfahren war, die Pferde zum Stehen brachte. Michel sprang vom Karren runter und umarmte seinen Vater und seine Mutter. Sie sah sehr traurig aus.
"Es scheint, dass Abschiednehmen zu einer Gewohnheit wird", jammerte Reynière, der Tränen über ihr schönes Gesicht liefen.
"Bald werde ich euch besuchen kommen", versprach der Sohn.
"Das möchte ich dir auch geraten haben", mahnte der Vater und umarmte ihn. Nachdem der frischgebackene Student sich auch von seinen Brüdern verabschiedet hatte, war es Zeit zu gehen. Alle winkten sie solange, bis dass Pferd und Wagen aus ihrem Blickfeld entschwunden waren. Unweit von Saint Rémy begann es zu schütten. Es goss wie aus Eimern und es wurde Furcht einflößend dunkel. Glücklicherweise war die Lenkerin auf Regen vorbereitet, und mit Michels Hilfe spannte sie eine Plane über den Karren. Als in ihrer Nähe ein Blitz einschlug, wurde das Pferd unruhig und nur mit größter Mühe gelang es der Witwe, es in Schach zu halten. Ihre Töchter, fünf und sieben Jahre alt, waren tief unter dem Segeltuch eingebettet. Der Pfad war wegen des vielen Regenwassers kaum noch passierbar und es sah ganz nach einem schlechten Omen aus. Auf halber Strecke konnten sie auf beiden Seiten der Straße Angst einflößende Feuer sehen. Es wurden Leichen verbrannt. Die Pest, das größte Unheil in der Menschheitsgeschichte, hat wieder ihren Zoll gefordert und nun wütete diese grausame Seuche durch ganz Europa. Madame wusste wie keine andere, wofür diese Feuer waren. Auch ihr Mann wurde vor nicht allzu langer Zeit vorsichtshalber verbrannt, damit die Seuche sich nicht weiter ausbreitete. Aber sie hielt sich tapfer und fuhr weiter. Plötzlich hörten sie in der Ferne jemand um Hilfe schreien. Sie beschlossen es zu ignorieren und lieber weiterzufahren.
Es regnete noch immer ungewöhnlich heftig und der stark aufkommende Wind machte die Sache nur noch schlimmer. Das Pferd schaffte es kaum noch den Karren weiter vorwärts zu ziehen und rutschte immer wieder im Schlamm aus. Es war ermüdend und jeder Meter vorwärts war ein kleiner Sieg. Allmählich entwickelte sich ein heftiger Sturm, der Zweige und Sträucher über den Weg blies.
"Hölle und Verdammnis", konnte man ab und zu Madame fluchen hören.
Sie mussten viele Male anhalten, damit Michel die Holztrümmer vom Weg schleppen konnte. Nach vielen Stunden garstigen Wetters, erreichten sie erschöpft und durchnässt die päpstliche Region. Nur noch ein letztes Hindernis musste genommen werden - die Überquerung des Rhôneflusses. Gegen einen starken Wind ankämpfend, erreichten sie Avignons berühmte Brücke. Bislang hatten sich Madame Plombier und ihr Reisegefährte sich öfters auf dem Bock abgewechselt, doch als sie nun die Brücke erreichten, wo der Wind gefährlich freies Spiel hatte, zog es die Witwe vor, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Sie wollte gerade die Pferde antreiben, um die Brücke zu überqueren, als Michel plötzlich "Stopp!" schrie. Sofort zog sie hart an den Zügeln und unter dem Wiehern des Pferdes, brachte sie den Karren ruckartig zum Stehen. Wegen dem heftigen Ruck, fing das jüngste Mädchen an zu weinen und ihre Schwester versuchte, sie wieder zu beruhigen.
"Was um Himmelsnamen ist hier los?", fragte ihre Mutter verwundert. De Nostredame sagte kein Wort, sprang vom Wagen und landete im Schlamm. Unerschrocken kämpfte er sich durch den Sturm zur Brücke durch, sein langer Mantel flatterte im Wind. Als er bei der steinernen Verbindung ankam, blieb er einen Moment stehen und richtete seine Augen auf die Straße. Als er spürte wie der angeschwollene Fluss an den Pfeilern vorbeirauschte, lief er wieder zurück.
"Was hast du vor?", rief Madame Plombier.
"Das ganze Zeug muss vom Karren runter", antwortete er kaum hörbar wegen des starken Windes.
"Bist du jetzt total übergeschnappt!?" Michel kletterte auf den Fuhrbock und erklärte es ihr.
"Die Brücke ist kurz vor dem einstürzen!"
"Du Idiot, seit Jahren fahren Wagen darüber", sagte sie gereizt. Der Student sprang im Protest vom Karren hinunter und setzte sich mit verschränkten Armen, in den Schlamm. Nach kurzer Überlegung beschloss sie, ihm besser zu gehorchen.
"In Ordnung, solange du die Arbeit machst", verlangte sie und worauf der junge Mann sofort begann, die Koffer auf die andere Seite zu schleppen. Die Mutter holte zwischenzeitlich ihre beiden Kinder unter dem Segeltuch hervor und eng aneinander gedrückt folgten sie ihrem seltsamen Reisegenossen. Auf der anderen Seite des Flusses, suchte derweil die kleine Familie Schutz neben einem Felsen, während Michel zurück zu Pferd und Karren ging. Nachdem er sich abgeschuftet und den ganzen Haushalt hinübergebracht hatte, band er ein langes Seil an das Pferd und rannte damit zur Brücke. Über ihnen zogen bedrohliche Wolken rasant vorüber und das Pferd weigerte sich, ihm zu gehorchen. Mit ruckartigen Bewegungen spornte Michel das Pferd an. Zögernd stapfte das verängstigte Pferd vorwärts und langsam begann der Wagen sich vorwärts zu bewegen. Sie erreichten die uralte Brücke, die durchaus einen soliden Eindruck machte und keinerlei Schäden aufwies, wo der Student das Pferd mitsamt Wagen hinüberführte. Nach dieser problemlosen Überquerung machte Madame ein saures Gesicht und weigerte sich, mit ihm auch nur ein einziges Wort zu wechseln. Nachdem der Wagen wieder beladen war, ging die Reise weiter.
Endlich näherten sie sich der großen Stadt. Sie trafen kurz vor Sonnenuntergang ein und saßen schon bald bei der Plombier-Familie warm und sicher vor einem knisternden Feuer. Nach einer guten Mahlzeit und einer erholsamen Nachtruhe würden sich ihre Wege trennen.
Der Jugendliche bedankte sich für die Gastfreundschaft, nahm seine Sachen und marschierte in Richtung Universität. Im Zentrum verkündete ein Sprecher der Gemeinde, der theatralische eine Pergamentrolle aufrollte, die letzten Neuigkeiten und Michel schloss sich der herbeigelaufenen Menschenmenge an.
"Die Brücke von Avignon ist eingestürzt", begann er. "Sieben Menschen fanden heute Nacht den Tod. Im Jahre 1226 wurde die Brück schon einmal zerstört. Wie man sieht, ist es vom Herrn nicht erwünscht, dass sie dort steht. Unser Brückenbauer Bénézat wurde in der Vergangenheit zu Unrecht heilig gesprochen." Es war nun schwarz von Menschen und einige von Ihnen behinderten Michels Sicht, aber da er genug gehört hatte, schlenderte er weiter. Es herrschte eine raue Atmosphäre in Avignon, deren Geschichte hoch auf den Felsen beim Fluss begann. Die Stadt, einstmals das Zentrum eines keltischen Stammes, hasste Besucher. Sein Großvater hatte früher schon von der Unbarmherzigkeit der Avignoner erzählt.
"In Paris streiten sie, in Avignon stechen sie mit dem Messer zu", hatte er gesagt. Avignon lag an der bekannten Via Agrippa, einer wichtigen Verbindungsstraße zwischen Köln, Lyon und Arles. Im Parc des Papes setzte Michel sich auf eine der Parkbänke nieder, um etwas Ruhe zu finden. Dort konzentrierte er sich vor seiner Einführung ganz auf die alten Eichen, die vor der Universität standen. Der Studentenneuling hatte in letzter Zeit sehr viele Träume gehabt, die er manchmal gar nicht mehr von seinem wirklichen Leben zu unterscheiden vermochte. Er würde irgendeine Methode finden müssen, um entsprechende Klarheit darüber zu schaffen. Vielleicht würden ihm seine Astrologiestudien ja die nötigen Hilfsmittelchen bieten, die er suchte. Nach seiner Nabelschau ging er weiter, um sich mit seinen Lehrern zu treffen. Im Anschluss dann, befolgte er deren Rat und suchte sich ein Zimmer in der Rue St-Agricol, einer kleinen, nahe gelegenen Straße. Von diesem Tag an, nahm er täglich denselben Weg durch die Innenstadt zu seinem Schulgebäude. Den Rocher des Doms als Ausgangspunkt nehmend, machte er sich ein sehr gutes Straßenbild. Der Rocher des Doms war ein Felsen, der alles überragte und von dem aus sich die Stadt sehr gut erkunden ließ.
Weil er besser über seine Studien nachsinnen konnte, zog Michel es vor, den langen Boulevard entlang zu schlendern. Obschon seine Kommilitonen oft eifersüchtig auf dieses außergewöhnliche Genie waren, verstand er sich mit den meisten Studenten sehr gut. Die ersten paar Monate auf der esoterischen Schule, sammelte er nützliche Kenntnisse. Er lernte unter anderem, dass man im Ganzen sieben verschiedene Körper besaß: Die physischen, vitalen, astralen und mentalen Körper und, auf höherer Ebene, die Kausal-, Buddhi- und Atmakörper. Ihm wurde auch gelehrt, dass diese die sieben Bewusstseinsebenen repräsentierten, und die Planeten und Sterne ebenso darauf aufgebaut wären. Alle diese Körper seien miteinander verbunden und, zumindest in einer schlummernden Form, in jeder Person gegenwärtig. Der sichtbare physische Körper ist von der groben Sorte. Der Vitalkörper hält das Gewebe zusammen und sorgt für die nötige Energie. Der Astralkörper hingegen ist mit den Emotionen verbunden, die sich hauptsächlich in der Traumwelt offenbaren. Der geistige Körper steht für die Gedanken und der kausale Körper entwickelt sich nur, wenn die Gedanken vollständig auf Ursache und Wirkung ergründet wurden. Man spricht von Buddhi wenn man tatsächlich erwacht und Atma steht für den Atem des Lebens, ein Zustand den man nur dann erreicht, wenn man Eins ist mit dem Kosmos und die individuellen Aspekte verschwunden sind. Es war eine aufregende Theorie, der es an praktischen Beispielen mangelte.
Im ersten Jahr ging der emsige Student eines Morgens um fünf Uhr zum Place de l'Horloge, um seine Übungen zu machen. Der Platz war um diese Zeit noch makellos sauber und es war keiner da, der ihn störte. Nachdem er seine Übungen gemacht hatte, spazierte er gutgelaunt durch die Straßen und erreichte gerade die Stadtmauer, als mehrere Kutschen mit Gardisten plötzlich herangefahren kamen. Es fand ein geheimnisvoller Zwischenstopp statt, wobei einige große Männer eilig begannen, die ausgelaugten Pferde mit frischen auszutauschen. Mehr noch, in einem der stehenden Wagen saß ein kleiner, dicker und mit Orden dekorierter Mann, der von zwei kräftig aussehenden Gardisten eingeklemmt war.
Dieser Kerl musste irgendein Verbrechen begangen haben, dachte der Student. Offensichtlich kam dieser Convoy deshalb schon so früh, um ja keine ungewollte Aufmerksamkeit zu erwecken. Das auswechseln der Pferde und die Aufnahme neuer Provision dauerte seine Zeit. Indessen betrachtete Michel unterdessen ganz fasziniert den Gefangenen, der die Ausstrahlung eines Kaisers hatte und an Größenwahn litt.
Plötzlich brach ein Tumult los. Eine Horde Avignoner kam vom Porte St. Lazare herbeigestürmt und stürzte sich auf diese Kutsche, um Rache an dem 'kleinen Korporal aus Korsika' zu nehmen. Die Stadtwache bemühte sich, diesen Aufruhr zu kontrollieren, doch die wütenden Bürger waren einfach nicht zu bremsen und umzingelten das mittlere Fahrzeug. Sie hießen den dekorierten Gefangen alles, nur nichts gutes. Andere Aufständische bewarfen ihn mit Steinen und bedrohten ihm sogar mit ihren Degen. Einige Minuten später sprangen mehrere Leute auf den Wagen, kletterten hinein und rissen ihm seine Auszeichnungen vom Leib. Einem eiligst herbei gerittenen Offizier gelang es, die aufgebrachten Gemüter wieder zu beruhigen, wonach dann die letzten Pferde mit allergrößter Eile eingespannt wurden. Nachdem die Garde ein paar Fanatiker von den Wagenrädern wegzerren konnte, gelang es dem belagerten Wagen mit dem kleinen Korporal zu fliehen. Die anderen Wagen waren in Ruhe gelassen worden und konnten ungehindert ihre Fahrt fortsetzen. Sprachlos ließ der Student dieses schreckliche Ereignis Revue passieren.
"He, du Arschloch, willst du hier Wurzeln schlagen, oder wie!", fluchte plötzlich ein Arbeiter.
"Hast du denn diesen Aufruhr gerade eben nicht gesehen?", fragte Michel.
"Alles was ich sehe, ist ein Fremder - und die mögen wir hier nicht", antwortete er und rollte sein Fass weiter. Das war die alte Avignoner Mentalität. Und die seltsamen Aufstände* waren nichts anderes gewesen, als Halluzinationen.
Im ersten Trimester waren die Lehrer voll des Lobes für den jungen De Nostredame. Das war zwar gut und schön, doch viel lernte der talentierte Student nicht von ihnen. Sein Großvater hatte ihm bereits soviel über Astrologie beigebracht, dass es für die Lehrer unmöglich war, dem noch viel mehr hinzuzufügen. Deshalb erwartete der enttäuschte Michel von ihnen keine großartige Wissenserweiterung. Doch zum Glück gab es eine prachtvolle Bücherei über drei Stockwerke verteilt und die schönste war, die er sich jemals ausmalen konnte. Er liebte es, dort seine Zeit zu verbringen und die alten Schriften zu studieren. Die Lehrer ermutigten das junge Genie, auch verwandte Themengebiete zu studieren. Sie wiesen Monsieur Grimbert, den Bibliothekar und der wegen seiner Krankheit immer zitterte, an, für den Studenten eine Liste entsprechender Bücher zusammenzustellen und diese für ihn zu reservieren. Grimbert hatte die Literatur in einem abgeschiedenen Teil der Bibliothek bereitgelegt, wo der junge Mann ungestört seinen Studien nachgehen konnte. Michel verschlang den Stapel Schriften in geradezu kürzester Zeit. Außer den Arbeiten seines Großvaters war die Bibel das einzige Buch, das er ausführlich studiert hatte und diese Änderung an geistiger Kost war nur allzu willkommen. Es gab eigentlich nur ein Manuskript, das ihn wirklich ansprach - es war die Abhandlung über Alchemie. Es schien wie ein Klischee, aber wer dachte bei Alchemie nicht an ein düsteres Labor, indem ein alter, bärtiger Zauberer seine Mätzchen machte. Da das Buch seinem Vorurteil widersprach, wollte er sich mehr darin vertiefen. In dem fraglichen Manuskript wurde behauptet, dass nach den Kreuzzügen die Alchemie von den Arabern in Spanien eingeführt wurde, woraufhin er die spanische Abteilung tagelang durchforstete. Während seiner Suche stieß er auf einen bemerkenswerten Artikel, geschrieben im zwölften Jahrhundert von einem gewissen Artephius, mit dem Titel: 'Die Kunst der Verlängerung des menschlichen Lebens'. Dieser spanische Artikel war in dem ihm vertrauten Latein geschrieben. Neugierig begann er es zu lesen.
"Ich, Artephius, habe all die Künste in diesem Buch von Hermes gelernt. Während meines langen Lebens habe ich Menschen gesehen, die die Alchemie perfektionieren wollten. Jedoch möchte ich nichts niederschreiben, was die Gesetze für das breite Publikum noch zugänglicher machen würden, denn nur Gott oder ein Meister können sie offenbaren. Daher ist es von Nutzen, das Buch nur dann zu lesen, wenn man über ein breites Wissen verfügt und einen freien Geist besitzt. Einmal war ich wie die anderen auch - eifersüchtig. Ich lebe nun seit ungefähr Tausend Jahren, einzig und allein durch Gottes Gnaden."
Dieser Mann ist so alt wie Methusalem!, dachte Michel aufgeregt. Er war fest entschlossen, diese beiden Bücher zu lesen, aber trotz seiner wochenlangen, unermüdlichen Suche unter den unzähligen Manuskripten, fand er sie nicht.
Wahrscheinlich existiert das von Hermes überhaupt nicht, dachte er und tröstete sich mit der ganzen vorhandenen alchemistischen Literatur. In einem der Werke las er, dass Metall in Gold verwandelt werden kann, nämlich mit einem mystischen Objekt, den so genannten 'Stein der Weisen'. Für Jahrhunderte wurde nach diesem Stein gesucht, aber nie gefunden und im dreizehnten Jahrhundert dann gaben die meisten Alchemisten auf. Ein anderes Manuskript erzählte, dass Alchemie auch eine medizinische Wirkung haben kann. Wenn man Salz, Schwefel und Quecksilber in den richtigen Proportionen dem Körper zuführte, würde dies der Gesundheit zugute kommen. Die griechischen Philosophen Thales und Aristoteles wiederum glaubten, dass Erde, Wasser, Luft und Feuer jene Grundelemente wären, aus denen alles Materie geschaffen werden konnte. Eine andere Abhandlung sprach sogar von einem fünften Element: Das Wesentliche. Für den Augenblick hatte er jedoch genug gelesen, zudem war es auch schon spät und er legte die Bücher zur Seite.
"Danke für Ihre Hilfe, Monsieur Grimbert. Bis morgen dann."
Ein weiterer Tag war nur so dahin geflogen, und der müde Student ging zurück zu seinem schlichten Zimmer in der Rue St. Agricol. Dort kochte er sich einen warmen Brei und sinnierte ergebnislos über das Buch von Hermes nach, woraufhin er es dann mit dem 'Stein des Weisen' versuchte und prompt darüber einschlief. In dieser Nacht wurde sein Verlangen beantwortet. Die suchende Seele wurde von etwas großartigem und mächtigem berührt, was seinen zitternden Körper im Bett aufrecht sitzen ließ.
"Michel de Nostredame, ich bin derjenige den du suchst, Hermes, der Sohn von Zeus und Maia, die Tochter von Atlas, einem der Titanen."
Direkt vor ihm saß ein strahlendes, kräftiges, athletisches Wesen das einen geflügelten Hut trug und in seiner Hand einen Stab mit ineinander verschlungenen Schlangen.
"Ich bin der Führer der drei Welten, geboren in einer Grotte in Arcadiä", sprach Hermes. "Ich bin der schnellste unter allen Göttern und auch der Gott der Diebe. Die Ägypter nennen mich Toth. Die Römer nennen mich Merkur. Ich bin Hermes Tristmegistus aus Genesis. Ich bin die 'Hoffnung der Steine', 'Der Stein der Weisen' und 'Das Smaragdtablett'. Mein materieller Bruder, dein Schicksal ist dir vorbestimmt. Du wirst eine Rolle spielen in dem kosmischen Drama, das sich während des kommenden Jahrtausends auf der Erde ereignen wird. Doch vorläufig, bis dass der Mond voll gewachsen ist, wirst du in eine andere Richtung gehen, um deinem schlummernden Wissen zu ermöglichen, von dem schwarzen Tod geweckt zu werden." Hermes verschwand so schnell wie er gekommen war und ließ eine gewaltige Leere zurück. Michel war dieser mächtigen, übernatürlichen Konfrontation nicht gewachsen, er brach zusammen und erwachte erst wieder am späten Vormittag. Erschöpft stand er auf, nahm schwankend seine Tasche und wollte wieder zurück zu seinen Studien gehen. Aber da es sowieso schon viel zu spät war, um in die Universität zu gehen, blieb er ganz verwirrt auf dem Bett sitzen.
"Was fühle ich mich hundselend", stöhnte er. Unter Kopfschmerzen rekonstruierte er die Botschaft von Hermes, aber er konnte jedoch nicht alles davon in sich aufnehmen.
Unterdessen - angetrieben von höherer Gewalt - sorgte sich sein Vater in Saint Rémy über die wenig praktische Ausbildung seines Sohnes. Auch wenn Astrologie zu einer anerkannten Wissenschaft geworden war, so gab es dennoch wenig, wofür er es verwenden konnte. Er besprach es mit Reynière, die anfänglich hinter Michel gestanden hatte. Doch Jacques ritt immer weiter auf der schlechten Zukunftsperspektive ihres Sohnes herum, so dass auch sie letztendlich einsehen musste, dass die Nachteile die Vorteile überwogen. Sie schrieben einen Brief an ihren Sohn, worin sie ihre Bedenken zum Ausdruck brachten und ihm ein Medizinstudium vorschlugen, da immerhin beide seiner Großväter ebenso Ärzte gewesen waren.
Tags darauf erhielt Michel das Schreiben seiner Eltern und las deren wohlgemeinten Rat, seinen Studienkurs zu ändern. Er war angenehm überrascht und dachte dabei an Hermes, der über eine andere Richtung gesprochen hatte. So, Medizin ist also meine Berufung, war seine Schlussfolgerung. Am folgenden Tag ging er bedacht auf seine Lehrer zu, da er sie in keiner Weise brüskieren wollte. Während des Abschiedsgespräches stellte sich heraus, dass sie für die Argumente seiner Eltern Verständnis hatte und er daraufhin in gutem Einvernehmen sein Studium in Avignon beendete.
Nach einem kurzen Besuch bei seinen Eltern, machte er sich auf zur nächsten Universität, nach Montpellier.
"Willkommen, Monsieur De Nostredame", begrüßte ihn beim Eintreten die Hausmeisterin sehr höflich. "Ich werde Sie gleich in den Vorlesungssaal bringen, denn Sie sind der letzte Ankömmling", sagte die korpulente Dame und stand mit einigen Schwierigkeiten von ihrem Stuhl auf und zeigte ihm den Weg. Sie gingen durch die Haupthalle und bogen am Ende um eine Ecke.
"Die Vorlesung, die von Dr. Hache abgehalten wird, wird augenblicklich beginnen", informierte sie ihn. Die Frau brachte ihn in den hinteren Saal, wo sie ihm einen Platz an einem Tisch zeigte, gleich neben einem jungen Mann mit ganz außergewöhnlich lebendig Augen. Professor Hache, der, ungleich der Haushälterin, sich nicht die Mühe machte, seine Studenten zu begrüßen, begann seine Vorlesung ohne Verzögerung.
"Vor Ewigkeiten versuchten die ersten Doktoren ihre Patienten zu kurieren, indem sie ihnen ein Loch in den Kopf bohrten", erzählte er.
François, Michels Tischgenosse, tippte mit dem Zeigefinger herablassend an seine Stirn.
"Genau daher stammt diese Geste", sagte Hache, der ihn beobachtet hatte, "aber so eine verrückte Idee war es nun allemal nicht, denn auf diese Weise wollten sie den bösen Geistern, von denen sie dachten, sie wären der Grund der Krankheit, ermöglichen, aus dem Körper zu fliehen. Man nannte es auch 'schädellichten' oder 'trepanieren'." Ein Student aus Toulouse streckte seine Hand.
"Fragen werden am Ende meiner Vorlesung beantwortet", sagte der Professor. "Später dann, in altgriechischen Zeiten, ging eine kranke Person zu einem Tempel und opferte ein Tier für Aesculapious, dem Gott der Heilung. Danach trank der Patient nicht nur Heilwasser, sondern badete auch darin und folgte einer strikten Diät." Der gleiche Student erhob wieder seine Hand.
"Was habe ich Ihnen gerade gesagt?", sagte der Lehrer.
"Ich versuche nur, einen bösen Geist aus meinem Arm verschwinden zu lassen", erklärte der Student und glaubte, seine Gestik sei witzig.
"Verlassen Sie den Saal", sagte Hache unerwartet streng. Der Student stand auf und ging enttäuscht hinaus.
"Dumme Witze werden hier nicht toleriert", sagte der Professor und fuhr fort mit seiner Ansprache. "Vierhundert vor Christus legt der griechische Arzt Hippokrates den Grundstein für unsere wissenschaftliche Heilkunde. Er stellte fest, dass Krankheit nicht durch Magie, sondern nur mittels der Natur verursacht wird und nur von ihr auch wieder geheilt werden kann."
Seine Studenten saßen alle in Reih und Glied und keiner von ihnen traute sich, den leisesten Piep von sich zu geben.
"Ungefähr zweihundert nach Christus lehrte uns Galenus, ebenso ein griechischer Arzt, dass der Körper vier Flüssigstoffe besaß: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle, die im Einklang miteinander stehen müssen. Soweit zur Einleitung der Geschichte. Jetzt können Fragen gestellt werden…" Die Studenten zögerten für einen Augenblick.
"Haben Frauen die gleiche Menge an Blut, Schleim und Galle wie Männer?", fragte jemand.
"Darüber sind wir uns nicht ganz sicher, aber wenn diese Flüssigkeiten außer Balance sind, werden beide, Männer und Frauen, krank", antwortete er.
"Meine Mutter spuckt eine Menge Galle, soviel ist sicher", berichtete ein Baske.
"Sie muss krank sein", vermutete Hache.
"Nicht wirklich, sie ist fit wie ein Reh im Wald."
"Wie dem auch sei, ich kann keine Ferndiagnose stellen. Glücklicherweise haben wir uns weit über Galenus hinaus entwickelt und führen nun wissenschaftliche Studien durch, indem wir unter anderem menschliche Körper aufschneiden. Nun, wenn Ihre Mutter in der Nähe ist…" Dem Basken stockte das Blut in seinen Adern, als den ernst klingenden Vorschlag des Lehrers hörte.
"Sie meinen, Sie schneiden auch lebende Menschen auf?", frage er.
"Sicherlich, aber dies geschieht eher selten. Hauptsächlich studieren wir Leichen und machen detaillierte Zeichnungen von ihnen. Aufgrund dieser Studien haben wir unermessliche Einblicke erhalten und viele Menschen können von den heutigen Krankheiten kuriert werden."
"Was für Methoden existieren derzeit, um Krankheiten zu kurieren?", fragte Michel nun.
"Zum Beispiel mit Medikamenten, die zu Flüssigkeit, Puder oder Tabletten verarbeitet werden", antwortete der Dozent. "Leider gibt es eine Menge an Quacksalbern, Kräutlern und Hexen, die sich als Apotheker ausgeben. Eine weitere nützliche Methode ist das aderlassen, wodurch krankes Blut dem Körper entzogen wird - meine Spezialität."
Die Fragestunde kam zu ihrem Ende, worauf die Mittagspause folgte. Danach unterrichtete Hache ununterbrochen bis zum Sonnenuntergang. Am Abend, nach einem billigen Essen in der Mensa, verließen Michel und seine Studienkollegen das Universitätsgebäude und gingen nach Hause.
"Lust darauf, durch die Stadt zu laufen?", rief jemand, der ihn and der Kirche Notre-Dame-des-Tables einholte.
Es war François Rabelais, der Student mit den lebhaften Augen, der in der Klasse neben ihm saß. Michel fand es eine gute Idee und gemeinsam spazierten sie durch die Stadt und wurden sehr schnell Freunde. Es stellte sich heraus, dass François ein meisterhafter Geschichtenerzähler war und sein Herz auf der Zunge trug. Wo auch immer sie hingingen, er nannte alles in so einer unverblümten und ungewöhnlichen Manier beim Namen, dass viele allein schon vom Zuhören rot anliefen. Der Rebell durfte wirklich über alles reden - ketzerische Dinge, peinliche Gefühle, über Körperteile worüber man im Allgemeinen schwieg. Und wenn Michel für dessen Geschmack auf etwas zu ernst reagierte, dann benahm er sich plötzlich wie ein kleines Kind oder wurde überraschend obszön. François hingegen war von Michels enormem Wissen extrem beeindruckt. Der Student aus Saint Rémy schien ein wandelndes Lexikon zu sei. Die beiden ergänzten sich so gut, dass sie sich schon bald ihre Geheimnisse anvertrauten. In einer Kneipe erzähle Michel von seinem jüdischen Hintergrund, seine Ausbildung durch seinen Großvater und über das abgebrochene Studium in Avignon.
"Dann sitzen wir wohl im selben Boot", sagte François.
"Was denn für ein Boot", fragte sein Klassenkamerad ganz verblüfft.
"Nun, die Juden und Katharer werden beide als eine Gefahr für die katholische Religion angesehen. Du bist ein Jude, ich ein Katharer."
"Wie kannst du ein Katharer sein? Katharer waren die letzten Gnostiker."
"Der gnädige Herr wird es nicht wissen", grinste François. "Wir als treue Christen praktizieren unseren Glauben nicht mehr länger in der Öffentlichkeit, sondern im Untergrund. Selbst in Montpellier findet man eine Anzahl von Glaubensanhängern. Mein Vater betreibt weiter oben ein Wirtshaus, wo ab und zu Sitzungen abgehalten werden - natürlich ganz im Geheimen. Wenn du möchtest, dann nehme ich dich einmal mit."
"Klingt interessant. Ich bin neugierig zu erfahren, was ihr so predigt. Gnostiker hatten, aufgrund ihrer gründlichen Forschung der lateinischen Bibel schon immer gut fundierte Argumente."
"Richtig. Und darum hassen uns die katholischen Kirchenführer so sehr", fügte der Katharer hinzu.
"Ist dies der einzige Grund, weshalb euer Glaube verboten ist?"
"Nein. Wir sind Individualisten und unsere Heiligen Bücher werden direkt aus dem Evangelischen gelesen. Das Fundament der Kirche hingegen basiert auf Macht und ihre Botschaft ist die Erbsünde."
"Komm schon, Päpste, Bischöfe und Priester legen oftmals die Bibel ganz nach ihren eigenen Vorstellungen aus. Aber im Grunde genommen glauben wir eh alle an das gleiche", fand Michel. Rabelais zweifelte über dessen Meinung.
"Wir haben unsere eigenen Gesetze und glauben nicht, dass ein einziges Wesen alles Gute und Böse geschaffen hat, so wie es die Katholiken tun. Obendrein sind wir für individuelle Freiheit, Gleichheit der Frauen und sind gegen jegliche Form von Gewalt. Die nicht!"
"Ich ging von der griechischen Bibel aus", stellte Michel klar. "Darin werden derartige Standpunkte nicht widerlegt."
"Hm, das kann gut sein. So gelehrt wie du bin ich nicht."
Nach den Propädeutiken, dem Vorbereitungskurs, an der medizinischen Universität, erreichten die beiden Freunde mühelos die nächste Stufe. Die Klasse war auf dreißig Studenten zusammengeschrumpft und heute würden sie ihr erstes Praktikum haben. Professor Hache stand auf seinem Podest und rieb sich voller Vergnügen seine Hände.
"Meine Herren Studenten, wir beginnen das zweite Jahr immer mit einer praktischen Vorführung des Aderlasses. Dies wird von mir höchstpersönlich vorgeführt, an einer als unheilbar krank erklärten Person. Seid unbesorgt, der schwarze Tod ist nicht im Spiel."
"Was ist der schwarze Tod?", fragte Michel etwas zu scharf.
"Es ist der Beinamen für die Pest, mein Bester. Jetzt unterbrechen Sie mich nicht mehr. Zudem hoffe ich für sie alle, dass sie nicht von ihren Stühlen fallen, denn dies ist eine blutige Angelegenheit. Ich bin daran gewöhnt."
Seine Mitarbeiter trugen eine Frau mit einer schrecklich gelben Gesichtsfarbe herein, die festgebunden auf einem Stuhl saß und zu schwach war, um aufrecht zu sitzen. Die Patientin konnte nicht mehr länger geradeaus schauen und ihre Augen wanderten in alle Richtungen. Darüber hinaus war sie ein Häufchen Elend, die unkontrollierte Geräusche von sich gab. Es war ein erschütternder Fall der für Unruhe im Saal sorgte.
"Ich verstehe sehr gut, dass Sie Mitleid für sie hegen und mich als herzlos ansehen", sagte der Professor, "doch das Experiment ist im Sinne der Wissenschaft und der Zweck heiligt die Mittel. Zudem möchte ich Ihnen versichern, dass diese Frau eine finanzielle Entschädigung erhält." Der brutale Kerl ging näher zu diesem Versuchskaninchen hin und machte dort weiter, wo er aufgehört hatte.
"Es gibt zwei Möglichkeiten des Aderlassens. Die erste ist, einen Schnitt in ein Blutgefäß zu machen", und zeigte dabei auf eine geeignete Stelle am Unterarm der Patientin. "Die zweite ist das platzieren von Blutsaugern."
Daraufhin holte er einige Glasstöpfchen aus seinen Sachen und zeigte verschieden Exemplare.
"Heute werde ich nur die erste zeigen - diese winzigen Kreaturen sind sowieso gesättigt. Bei der ersten Variante muss der Patient einen Stock in der Faust halten und drücken. Hierdurch schwellen die Adern an und das Aderlassen geht flotter voran. Bedauerlicherweise ist diese Frau dafür zu schwach und wir müssen deshalb tiefer schneiden", und holte eine Lanzette aus seiner Instrumententasche hervor.
"Sind da einige Freiwillige, die es mit mir gemeinsam probieren wollen?", fragte er. Niemand traute sich, ja zu sagen, also wählte er jemanden aus.
"Monsieur De Nostredame, wären Sie bitte so freundliche?" Sein Student stand gehorsam auf und ging zu ihm.
"Machen Sie genau hier einen Schnitt längsseits", wies sein Lehrer ihn an, während er ihm das Messerchen mit den Klingen gab.
"Sollte ich nicht zuerst meine Hände waschen?", fragte Michel.
"Hände waschen? Wozu? Wenn Sie Angst haben, es zu tun, dann mache ich es selbst."
"Meister", unterbrach ihn François mutig, "was mein Studienkamerad sagen möchte ist, dass wenn der Mönch, von der dicklichen Sorte, sein Land nicht bearbeitet, dann wird der Bauer das Land nicht hüten. Als Doktor belehrt er die Menschen nicht oder predigt zu ihnen, so, wie der Soldat keine Kranken heilt. Verstehen Sie das?" Hache verstand kein einziges Wort davon.
"Eh, selbstredend", log er und machte selbst forsch einen tiefen Schnitt in den Unterarm. Wie es zu erwarten war, floss wenig Blut heraus, das er gekonnt in einer Glasschüssel sammelte.
Michel ließ ihn einfach machen und kehrte auf seinen Platz zurück. Nach dem Stillen der Wunde diente die Frau noch zur Anschauung der Schlagadern, die grundsätzlich zu vermeiden waren. Danach brachte man sie wieder hinaus. Nach Beendigung des Praktikums schaute der Professor sich um und fragte, ob seine Studenten eine Vorstellung über die Zukunft der Medizin hätten. Michel hob als erster die Hand.
"Ah, der neugierige aber ängstliche Student… nur zu", hänselte Hache.
"Ich sehe die Menschen, wie sie in der Zukunft Körperteile verwenden", offerierte der Student.
"Ich dachte, Sie wären eine ernsthafte Person."
"Gewiss, das bin ich auch."
"Scheinbar doch nicht", bestritt der Lehrer.
"Ich versuche es doch wirklich zu sein", hielt ihm Michel vor.
"Keiner interessiert sich für unbewiesene, unsinnige Geschichten."
"Natürlich kann ich es nicht unterbauen, Meister, aber Sie fragten doch nach Spekulationen, nicht wahr?"
"Jetzt ist aber genug. Verschonen Sie fortan meine Lesungen mit Ihrem Larifari", sprach der beleidigte Lehrer.
Nach der Schule fragte Michel François was er eigentlich damit sagen wollte, als er von dem dicklichen Mönch erzählte.
"Ach, nichts Besonderes. Ich versuchte nur, die Denkfähigkeit von diesem Horrortypen auszutesten", erklärte er unschuldig.
"Puh, was kannst du gemein sein"
"Klar kann ich", lachte Rabelais, ohne einen Hauch von Verlegenheit. Auf dem Nachhauseweg diskutierten sie dann noch über den Nutzen von Hygiene.
Eines Abends waren die beiden Freunde zum Muschelessen im Wirtshaus von François' Vater eingeladen. Das Lokal füllte sich allmählich mit Gleichgesinnten, die sich lebhaft miteinander unterhielten. Etwas später sollten im Hinterzimmer Gebete abgehalten werden, an denen der jüdische Student teilnehmen durfte. Zwischenzeitlich berichtete François, dass er damit beschäftigt war, medizinische Briefe aus dem Italienischen zu übersetzen.
"Sehr ambitiös", sagte Michel.
"Aber das ist nicht alles. Ich bin auch damit beschäftigt, meinen Debütroman zu schreiben: Die schreckliche und beängstigende Tatsache und Tapferkeit des sehr berühmten Pantagruel"
"Ein sehr beeindruckender Titel. Mir scheint der Titel ein bisschen lang", meinte sein Freund.
"Dann nenne ich es vielleicht nur Pantagruel. Aber jetzt zu etwas ganz anderem. Bist du jemand, der sich selbst befriedigt?"
"Wie bitte?"
"Masturbierst du?" De Nostredame schaute sich verstohlen um, ob ja niemand zuhörte.
"Jetzt gehst du aber wirklich zu weit, François. Das geht dich nichts an", sagte er verärgert.
"Hei, ich wollte dich nur auf eine mysteriöse Lektion vorbereiten, die du gleich zu hören bekommst."
"Wovon redest du eigentlich?", fragte Michel ganz konfus.
"Nun, es wird nicht nur gebetet werden, sondern es werden auch Gnosis oder heiliges Wissen überbracht - dieses Mal geht es um Sexualität."
Sie wurden von dem Gestammel dieser bunten Menge, die sich zum Hinterzimmer aufmachte, unterbrochen. Anscheinend war es Zeit für die Zusammenkunft und die beiden jungen Männer folgten in den privaten Raum, wo jeder auf dicken Teppichen Platz nahm. Nach einem kurzen Gebet stand ein Freiwilliger auf, um die Lesung abzuhalten und dafür einen Stapel Papier zum Vorschein brachte.
"Heute Abend spreche ich über die Becher von Hermes", verkündete er.
Heiliger Strohsack, sagte Michel zu sich selbst, der Sohn von Zeus und Maia, der Botschafter der Götter. Der Mann zeigte zur Verdeutlichung eine mystische Abbildung eines menschlichen Körpers. An seinem Kopf waren symbolisch zwei überlaufende Becher gezeichnet und vom Kreuzbein aus krochen ein Paar Schlangen um das Rückgrat, den auf Herzhöhe geöffneten Flügeln entgegen.
"Wie jeder weiß, lehren uns die alten Schriften vorsichtig mit unseren sexuellen Mächten umzugehen. Doch warum wurde uns seit ewigen Zeiten beigebracht, uns keusch zu verhalten? Die Antwort ist eine andere, als jene, die uns die Kirche vorspielt. Gehet hin und vermehret euch, predigt sie. Es ist leicht, von den Nachkommen neue Seelen zu gewinnen. Gierig nach Macht, haben die Kirchenführer das Evangelium verdunkelt und verdreht, um die wirklichen Reden geheim zu halten. Die alten Schriften sagen lediglich 'Lasst keinen Samen verloren gehen'. In anderen Worten, lass ihn nicht verloren gehen, auch nicht während dem Akt der Liebe."
Michel schaute François verwundert an. Also das ist es, was der Kerl gemeint hat.
"Das heilige Ziel von Gnosis ist die Erleuchtung eines jeden Einzelnen", fuhr der Mystiker fort. "Mit anderen Worten: Die Heimkehr der Seele zur göttlichen Quelle. Diese Zeichnung stellt die sexuelle Transmutation des Ens Seminis*. Dieses delikate Wissen wird jedoch nur an mystischen Einführungsschulen gelehrt, wie in Montpellier. Die Pharaonen im alten Ägypten gehörten zu jenen, die darin unterrichtet waren. Die Technik verlangt äußerste Selbstbeherrschung der sexuellen Macht während dem Liebesspiel zwischen Mann und Frau. Speziell für den Mann. Durch das Zurückhalten des Samens während der Verschmelzung beider Seelen kann ein göttlicher Funke entstehen, der mit einer tatsächlichen Entzündung verglichen werden kann. Lateinisch 'Ignatius', wovon das Wort 'Gnosis' abgeleitet wurde. Der Funke entsteht durch die Induktion zwischen den männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen und produziert übernatürliche Kräfte, die den Rücken entlang kriechen. Deshalb die zwei ineinander verschlungenen Schlangen. Durch diese Bahnen fließt die wiedererlangte Energie zur Spitze des so genannten Merkurstabs, wo sich die geistigen Flügel öffnen. Die Energie, oder Kundalini, kann weiter steigen, bis hin zu den Bechern von Hermes, aber auch nur dann, wenn es wahre Liebe ist. Ist sie anwesend, werden die Becher allmählich gefüllt. Wenn sie dann voll sind, laufen sie über und die Energie fließt langsam vorne hinab, hin zum Herzen. Nach siebenmaligem Wiederholen dieser Prozedur ist der Mensch vollends entwickelt." Der Mystische legte seine Zeichnung beiseite. "Nun bitte ich euch alle aufzustehen."
Die Gläubigen standen auf und begannen, die Standartgebete zu rezitieren. François sang mit voller Überzeugung mit. Endlich, nachdem fünfzehn religiöse Mysterien bedacht worden waren, war der Gottesdienst zu ende und jedem wurde Tee serviert. Am Ende des Abends evaluierten die Studenten das Material, in dem nun verlassenen Saal.
"Ich dachte schon, du wärst vor dem Gottesdienst wieder in Obszönität verfallen", entschuldigte sich Michel, "aber ich bin wohl wieder ins Fettnäpfchen getreten."
"Ich wusste, dass du es interessant finden würdest", antwortete François.
"Das war es ganz bestimmt, aber es lässt das Leben wie eine Strafe erscheinen."
"Nun, die Früchte können während Lebzeiten gepflückt werden und wenn du diese Technik richtig anwendest, kannst du spezielle Fähigkeiten erwerben. Die Natur wird dir zuhören."
"Du meinst, ich könnte mit einem Pferd reden?", fragte der Eingeladene frivol.
"Zum Beispiel."
"Meinst du das ernst oder spielst du mit mir?"
"Nein, ernsthaft; das Rote Meer öffnete sich für Moses, nicht wahr?", gab Rabelais zu verstehen.
"Dann sollte also jeder diese Technik so bald wie möglich anwenden."
"Besser nicht, denn kaum jemand ist rein genug und mit schlechten Vorhaben kann man eine Menge Schaden anrichten. Dies sind die Brüder der Dunkelheit. Hüte dich vor ihnen!" Michel ließ es für eine Weile einsinken.
"Gibt es dann noch Kinder, wenn die Praktizierenden diese Technik anwenden?", fragte er dann.
"Sie werden noch immer vom Storch geliefert."
"Oh, großartig, die dummen Sprüche sind wieder da", reagierte Michel mit langem Gesicht und machte Anstalten zu gehen.
"Schon gut, schon gut, ich werde deine Frage ernsthaft beantworten. Die Normalsterblichen bekommen noch genug Kinder um unsere Population aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus werden von den Eingeweihenten regelmäßig Kinder geboren, die sehr entwickelt sind."
"Ich nehme an, dass die Übersteigerung der Lust die Grundlage dafür ist", spekulierte sein Gast.
"Tatsächlich, denn einst aß Eva von der verbotenen Frucht und seither ist der Mensch vom Paradies verstoßen. Und jetzt müssen wir Berge versetzen, um diesen Fehler wieder gut zumachen."
"Verbotene Frucht?"
"Verbotene Frucht ist symbolisch für den männlichen Samen", erklärte François und trank die letzte Tasse Tee. "Aber fummelst du nun an dir herum oder nicht?" Sein Freund schüttelte traurig den Kopf und verließ verwirrt den Saal. Unverbesserlich, dieser Rabelais!

Nach Jahren hartem büffeln bekam Michel die Zustimmung, sich als Arzt niederzulassen. Seine Studien waren zwar noch nicht abgeschlossen, doch war er wild entschlossen, allen Pestopfern dieses Landes beizustehen. In seinem Hinterkopf hatte er stets den Gedanken, dass der schwarze Tod sein schlummerndes Inneres erwecken würde, ganz nach der Botschaft von Hermes. Der neunzehnjährige Arzt erzählte François von seiner Absicht, der dies zwar bedauerte, aber ihm dennoch zustimmte, dass sein Freund für die wirkliche Arbeit bereit war.
"Und wie wirst du dich nennen?", fragte François.
"Nur Doktor De Nostredame."
"Du weißt, dass Wissenschaftler ihre Namen mit einer lateinischen Endung verfeinern, nicht wahr?"
"Ja, aber…", zögerte Michel, der nicht eitel sein wollte.
"Weißt du, es ist wichtig, Eindruck zu machen. Was hältst du von Nostradamus?"
"Klingt großartig", lachte sein Begleiter, der sich für diese Idee begeistern ließ.
Einige Tage später nahmen die beiden Abschied von einender und versprachen sich gegenseitig, in Verbindung zu bleiben.
Michel kehrte zu seinen Eltern zurück, um von Saint Rémy aus sein Wissen in den umliegenden Gebieten anzubieten. Sie waren über die Rückkehr ihres Sohnes sehr glücklich, und spontan bot sein Vater ihm Großvaters Mansarde an.
"Solltest du das nicht vorher mit Julien besprechen?", warnte Reynière ihren Mann.
"Julien studiert dort oben nur, aber Michel wird Geld ins Haus bringen", erwiderte er.
"Du übergehst den Jungen einfach", lehnte sie ab.
"In Ordnung, ich werde ihn fragen wie er darüber denkt."
Wie sich herausstellte, hatte Julien, der in der Mansarde seinen Jurastudien nachging, keine Probleme damit, für seinen ältesten Bruder Platz zu machen und zog mitsamt seinen Büchern zurück in sein vorheriges Zimmer. Die Gegenwart seines älteren Bruders war auch für ihn gut, da er ihm behilflich sein konnte, Texte zu übersetzen. Ende gut, alles gut.
Michel war glücklich, seine Familie wieder zu sehen. Sein letzter Besuch war vor einem Jahr gewesen und nun konnte er die familiären Entwicklungen mit einem erweiterten Horizont beobachten. Seine kleinen Brüder waren aus dem gröbsten herausgewachsen und waren an dem Punkt angelangt, die weite Welt zu entdecken. Bertrand wollte Zimmermann werden. Die meisten Holzarbeiten im Haus stammten von ihm. Er wollte ganz gewiss kein Notar sein, wie sein Vater, der schon eine verformte Stirn vom vielen Denken besäße, witzelte er. Der Vater hatte tatsächlich eine seltsame Stirn. Sie war flach, hoch und stand weit nach vorne. Auffallen waren dagegen seine schönen, schlanken Hände. Darüber hinaus war Jacques, der alles bis ins kleinste Detail bedachte, eher etwas steif. Seine Frau lebte mehr aus der Intuition heraus. Michel bemerkte zum ersten Mal, was für eine attraktive Frau seine Mutter war. Sie hatte eine prächtige Figur, schöne, warme Augen und langes, glänzend braunes Haar das sie für gewöhnlich hochgesteckt trug. Nur war es ein Jammer, dass sie Fremden gegenüber viel zu vertrauenswürdig war, denn schon einige Male wurde in ihrem Beisein Geld entwendet. Der Vater hingegen besaß diesbezüglich eine gesunde Portion Mistrauen. Seine Eltern ergänzten sich hervorragend. Die beiden anderen Brüder, Hector und Antoine wussten noch nicht, was sie einmal machen würden.
"Wisst ihr was, ich werde uns ein paar Matzoh machen", verkündete Reynière forsch-fröhlich in Anbetracht all dieser gewichtigen Zukunftspläne.
"Willst du mir dabei behilflich sein, Michel? Dabei kannst du mir dann erzählen, was du so alles ein Montpellier gemacht hast", worauf der junge Arzt willig mit ihr ging. In der Küche vermengten sie Mehl und etwas Wasser.
"Okay, erzähl mir", forderte sie ihn auf und ihr Sohn begann alles über seine Studentenzeit zu erzählen.
"Hoppla, ich muss im hinteren Garten noch das Feuer schüren", unterbrach sie ihn. "Du machst hier weiter und knetest den Teig. Ich bin gleich wieder zurück." Kurze Zeit später kam sie rußverschmiert wieder zurück und Michel erzählte seine Geschichte weiter, so als ob er nichts bemerkt hätte. Viele College-Geschichten später füllte der Duft von ungesäuertem Brot das ganze Haus. Bei Tisch schnitt Vater das knusprige Matzoh auf und sie feierten damit die Rückkehr ihre erfolgreichen Sohnes.
"Könntest du bei einem kranken Bekannten von mir einen Besuch abstatten", fragte Jacques im Anschluss.
"Ist das denn normalerweise nicht die Aufgabe des städtischen Wundarztes?", fragte Michel.
"Nun, ich habe keinen allzu großes Vertrauen in ihn. Mr. Delblondes Gesundheit verschlechtert sich immer mehr."
"In Ordnung, ich werde nach ihm sehen", versprach sein Sohn.
"Übrigens, die Stadtgemeinde von Arles ist auf der Suche nach einem Arzt", erinnerte sich Reynière eben. "Du solltest hingehen und dich darum bewerben."
"Das werde ich, Mutter. Danke für den Hinweis."
Am nächsten Tag besuchte er Mr. Delblonde, der seit einiger Zeit in der Obhut von Villain war. Dieser Wundarzt kümmerte sich um Wunden, schnitt Schwellungen weg, machte Aderlass, zog Zähne, stellte aus Kräutern Heilmittel zusammen und schnitt das Haar oder rasierte den Bart. Der langfristige Patient Delblonde hatte das Pech gehabt, dass er nicht für eine kostenlose Behandlung in Frage kam. Seine Krankheit zögerte sich dermaßen hinaus, dass er das einzige Familienstück, das er besaß, verkaufen musste - einen Schrank aus Wurzelholz - um seine Rechnungen bezahlen zu können. Als er eintrat wurden seine Vermutungen bestätigt: Villain gehörte der alten Schule an. Delblonde war den Abführmitteln und verschiedenen Fontanellen total erschöpft. In kritischem Zustand lag der Patient in seinem Bett, mit einer Schwester an seiner Seite. Nostradamus stellte sich vor und der alte Mann glaubte, ihn noch von früher her zu kennen. Halb fantasierend begann er über die Vergangenheit zu reden, doch seine Schwester stoppte ihn sofort.
"Wir wollen keine Zeit verlieren, Doktor", sagte sie und erzählte ihm, dass sich der Zustand ihres Bruders immer mehr verschlechterte nachdem sich die Einschnitte in seiner Haut entzündet hatten. Villain hatte auf diesem Wege versucht, überflüssige Säfte abfließen zu lassen. Michel examinierte den Patienten und stellte seine Diagnose.
"Ich glaube nicht, dass die Ursache ernsthaft ist, vielmehr ist es die Behandlung an sich. Wenn Sie Ihren Bruder am Leben erhalten wollen, müssen diese Einschnitte geschlossen werden und Sie müssen diese abführenden Flüssigkeiten vernichten", verlangte er.
Der verzagten Schwester war klar, dass es Zeit für einen Wechsel war und stimmte zu. Michel entfernte umgehend die Eisenröhrchen aus den unzähligen Fontanellen und säuberte die Wunden mit Wasser.
"Außerdem geben Sie ihrem Bruder täglich frisches Obst und Gemüse", legte er ihr nahe als er am gehen war, "und sobald er wieder mehr Kräfte erlangt hat, werde ich wiederkommen."
Im Rathaus waren sie wutentbrannt als sie von dieser "illegalen Behandlung" hörten. Sie befahlen der Polizei, diesen Scharlatan umgehend zu verhaften, doch er zeigte ihnen seine Papiere, die bezeugten, dass er ein anerkannter Arzt war und er über das Recht verfügte jeden Patienten in Frankreich behandeln zu dürfen. Die Mitglieder des Stadtrats waren noch immer wutentbrannt und behaupteten, dass es nur für einen Wundarzt in Saint Rémy Platz gab, doch Nostradamus hielt seine Stellung und es gab nichts, was sie dagegen unternehmen konnten.
Binnen einer Woche kam Mr. Delblonde wieder zu Kräften und der umstrittene Doktor empfahl ihm, mit kurzen Spaziergängen zu beginnen. Der Patient tat was man ihm geraten hatte und zum ersten Mal seit Monaten ging er durch die Stadt. Seine Gesundheit verbesserte sich sprunghaft und jeder in der Stadt war Zeuge seiner überraschenden Genesung. Der städtische Wundarzt, sowie die Mitglieder des Stadtrats, standen zwar wie die Narren da, doch Michels Ruf als Arzt war etabliert. Binnen weniger Tage klopften kranke Menschen an De Nostredames Tür, die der Wunderdoktor mit großem Erfolg behandelte. Nachdem Villain im Laufe der Zeit einige Fehler gemacht hatte, wurde Michel als der neue, offizielle Doktor von Saint Rémy angestellt. Die Vereidigung war nur noch rein Formsache.
Schon kurze Zeit danach gab es in der Camargue einen massiven Ausbruch der Pest. Der Gemeinderat berichtete, dass es in diesem Gebiet bereits Tausende von Opfern gab und der frischgebackene Wundarzt stand vor einer enormen Herausforderung. Die Pestilenz war besonders ansteckend und wenn man ein Familienmitglied hatte das von dieser Seuche befallen war, erwartete einen in der Regel dasselbe Los. Innerhalb von zwei bis sechs Tagen war man tot und begraben. Hunde, Katzen, Hühner und sogar Pferde waren ihre Opfer. Der junge Arzt war unverwüstlich und glaubte dagegen immun zu sein. Glücklicherweise war Saint Rémy vom Ausbruch der Pest noch nicht betroffen. Im Gegensatz zum benachbarten Dorf Sainte Doffe, wo das öffentliche Leben deswegen zu einem abrupten Stillstand gekommen war. Leichen verrotteten in den Straßen oder wurden in aller Eile aufgeworfene Gräber geworfen. Der unerträgliche Gestank von verrottendem Fleisch hing in der Luft und die Menschen verbrannten Stücke von Dufthölzern in der Bemühung ihn zu verscheuchen. Viele Dorfbewohner hatten ihre Familienangehörigen aus ihren Heimen gejagt, im Versuch, das eigenes Leben zu retten. Andere waren an einen anderen Ort geflohen.
Michel besuchte seinen ersten Pestpatienten. In seinem verpesteten Dorf wurde er in eine kleine Lehmhütte zu einem todkranken Kind gebracht. Der kleine Junge spuckte Blut, hatte auf seinem ganzen Körper große schwarze Flecken, hohes Fieber und Beulen so groß wie ein Ei. Um die Luft aufzufrischen, besprenkelte die Mutter gerade den Boden mit Essig. Der tapfere Doktor untersuchte das Kind, doch es gab wirklich nichts, was er hätte noch tun können. Bislang war noch kein Heilmittel gegen diese Seuche gefunden worden. An der Universität waren sie zum Aderlass angewiesen worden, aber Michel wollte mit solchen altmodischen Praktiken nichts zu tun haben. Einzig um der Familie etwas Hoffnung zu geben, legte er ein Stück Teufelsdreck, ein Kraut das beim Exorzismus verwendet wurde, um den Nacken des Jungen. Er notierte die Symptome dieser extrem ansteckenden Krankheit und ging davon, ohne imstande gewesen zu sein, etwas Wesentliches zu tun.
Während den folgenden Tagen besuchte der Arzt verschiedene Pestleidende, die anfänglich Zuflucht im geistigen Frieden mit Gott suchten. Wo immer er auch hinkam, es gab stets einen sorgevollen Priester, der zu Erleichterung des Kranken die Beichte abnahm und ihm einen Platz im Jenseits versprach. Leider kam die medizinische Hilfe immer erst an zweiter Stelle. Ignoranz, so stellte Michel immer öfters fest, war eine Kardinalsünde. Die vielen Aberglauben, den Machtmissbrauch sowie die Ignoranz trieben ihn an, die Ursache für diese Krankheit mit seinem gesunden Menschenverstand zu identifizieren und eine Lösung dafür zu finden. Er unterschied zwischen zwei Typen von Pest - die Beulen- und die Lungenpest. Nachdem er die Symptome dieser Seuche examiniert hatte, konnte er die Wichtigkeit von Hygiene erkennen, die in der jüdischen Religion seit Jahrhunderten traditionell war.
Ein interessanter Fall in Milan bestätigtem ihm seine Ergebnisse. Der Erzbischof hatte angeordnet, die ersten drei Häuser, die von der Pest befallen worden waren, mitsamt seinen Bewohnern zuzumauern. Somit war Milan von einem weiteren Ausbruch geschützt. Aufgrund dieses strikten Vorgehens wurde deutlich, dass die Ansteckung unsichtbar weitergegeben wurde. Nostradamus begann bei neuen Fällen die Quarantäne einzuführen, in welcher es gesunden Bürgen verboten war, mit den Kranken Kontakt zu haben, die jedoch weiterhin mit Essen und Wasser versorgt wurden. Diese Methode begann Früchte zu tragen. Der Forscher kam ebenso auf den Gedanken, dass die Krankheit durch den Wind verbreitet wurde und verteilte deshalb Masken an die Bewohner eines benachbarten Dorfes, das von der Plage noch nicht befallen worden war. Da die Anwohner von der Epidemie verschont blieben, begann Michel, die Existenz von Bakterien zu vermuten. Er fing an jedem anzuraten, einmal die Woche, wenn überhaupt möglich, ein warmes Bad zu nehmen und sich vor jeder Mahlzeit die Hände mit Seife zu waschen. Er regte sie an, regelmäßig ihre Zähne zu putzen, zum Beispiel mit zerkauter Lakritz-Wurzel, den Mund mit Honigwasser oder Weinessig auszuspülen, die Fingernägel zu kürzen und ihre Haare, Schnurrbärte und Bärte zu waschen und schneiden. Jeder musste auch seine Kleidung wechseln und gründlich waschen, vorzugsweise mit heißem oder kochendem Wasser.
Trotz dieser Pioniersarbeit die er leistete, blieb er nur eine rufende Stimme in der Wüste, bis dass Papst Klemens VII von dem unberechenbaren Pestkämpfer hörte und ihn zu sich in seine privaten Quartiere in Avignon bestellte. Der Papst fragte ihn, wie er sich selbst vor einem zukünftigen Ausbruch der Pest schützen solle und Michel riet ihm, sich zumindest in seine Residenz zurückzuziehen. Als einen Monat später die Epidemie die Nachbarschaft des Kirchenführers erreichte, verbrachte er mehrere Wochen in Abgeschiedenheit. Dank dieser Isolation blieb er am Leben und Nostradamus einigen Ruhm einbrachte.
Die Pest wütete in der Zwischenzeit durch alle Teile des Landes und verlangte einen schrecklichen Tribut in ganz Europa. Die überbevölkerten Gebiete waren am schlimmsten betroffen. Armeen von durchtrainierten, kräftigen Soldaten zerfielen nach wenigen Tagen an der Epidemie und lokale Kriege waren bereits verloren, bevor sie begannen. Quacksalber versuchten ihre Vorteile aus dieser Paniksituation zu ziehen, um schnelles Geld zu verdienen. Der junge Doktor arbeitete Tag und Nacht und behandelte Tausende von Menschen.
Nach vier Jahren hatte die Pest endlich ausgewütet und Nostradamus kehrte nach Montpellier zurück, um endliche seine Studien zu beenden. François hatte inzwischen graduiert und, überraschenderweise, Frankreich verlassen. Die Haushälterin erzählte ihm, dass strikte Maßnahmen gegen Reformer, Humanisten und Dissidenten im Land unternommen wurden und es keinen Platz für Wissenschaftler mit einer scharfen Zunge mehr gäbe. Trotz alledem hatte François das Glück, unter dem Vizekönig von Piemont als Arzt in Turin arbeiten zu dürfen.
Michel verbiss sich wieder in seine Studien und stieß aber wegen seiner progressiven Ideen auf eine Menge Unverständnis unter seinen ehemaligen Lehrern. Sein theoretisches und praktisches Wissen war jedoch so beeindruckend, dass die Lehrer ihm ein Jahr später den Doktortitel nicht mehr verweigern konnten. Der unkonventionelle Arzt gab für eine kurze Zeit Vorlesungen an dieser Universität, doch ultimativ verursachten seine Behandlungsmethoden viel zu viel Bestürzung, bis dass der verantwortliche Direktor eingriff und diese Laus im Pelz rügte und Michel daraufhin die Universität verließ. Erprobt und bewährt kehrte Michel nach Saint Rémy nach Hause zurück und entschloss sich, dort seine Praxis fortzuführen.









Kapitel 3



"Osten oder Westen, zu Hause ist es doch am Besten", sagte Jacques nach der x-ten Rückkehr seines Sohnes, aber Michel reagierte nicht auf diese abgedroschene Bemerkung.
"Du hast dich verändert, mein Junge; du bist so schweigsam."
"Ich werde älter, Vater", erwiderte er knapp.
Michel war seinen Eltern vollends entwachsen und da er ihre Gefühle nicht verletzen wollte, ging er deshalb nicht weiters darauf ein. Seit kurzem gab es wieder Platz im Haus und der Medikus entschied, nochmals in die verlassene Mansarde zu ziehen.
Julien studierte nun Jura in Aix-en-Provence und Bertrand lebte mit seiner Frau in seinem selbstgebauten Haus, am Rande der Stadt. Hector und Antoine wohnten noch gerne daheim und hofften, von ihrem weltlichen Bruder die neusten Geschichten zu hören, doch wie es schien war dieser nicht in der Stimmung zu reden. Michel hatte eine Menge durchgemacht, und seine Gedanken waren zu schwer und zu gewaltig, um Zeit zu vergeuden. Tatsächlich waren sie so schwer und gewaltig, dass er sich davon ganz benebelt fühlte. Der mystische Schleier schützte seine erhabene Gestalt in seiner Entwicklung, was ihn unnahbar machte. Und wenn jemand versuchte, diese Decke von ihm zu nehmen, dann konnten seine Blicke einen töten. Das gelehrte Familienmitglied benötigte dringend Ruhe und ließ die charakterliche Veränderung ganz gelassen auf sich zukommen.
An diesem Tag ging der nie verzagende Doktor ins benachbarte Arles, um dort einige Patienten zu besuchen. Nach einer angenehmen Fahrt durch die sonnige Landschaft hielt die Kutsche in der Nähe des Stadtzentrums vor einem gelben Haus. Nostradamus klopfte an und wartete, doch es kam keine Reaktion. Die Fensterläden standen offen und er warf einen Blick hinein.
"Ich bin's, der Doktor", rief er betont laut, aber es kam kein Lebenszeichen. Er beschloss noch einmal laut an die Eingangstür zu klopfen bevor er durch das Fenster steigen würde, als plötzlich ein dürrer Mann mit rötlichem Haar sich ihm von hinten näherte. Der Mann, dessen Schuhe mit Farbe verschmiert waren, stieß ihn arglos zur Seite und ging ins Haus.
"He, warten Sie mal. Ich komme um einen Patienten zu besuchen, " sagte der Doktor, doch der Mann, dem sein linkes Ohr fehlte, schien taub und stumm zu sein und schlug ihm die Türe zu vor seiner Nase.
So etwas ist mir bisher auch noch nicht passiert, dachte Michel und fühlte sich leicht gedemütigt. Ich werde hier wie ein Fußabstreifer behandelt.
Niedergeschlagen ging der überall angesehene Arzt durch Arles, wohl eine der schönsten Städte Frankreichs. Nostradamus hatte aufgrund des seltsamen Vorfalls etwas Zeit, seinen Durst zu löschen und bestellte sich ein kühles Getränk in einem der vielen Cafés am Place du Forum. Von einem Korbstuhl aus beobachtete er das Treiben in der Straße. Die Provinzstadt war bekannt für kulturelle Manifestationen und wurde von vielen reichen Italienern und Spaniern besucht. Wegen ihrer teuren Kleidung und ihrem unterschiedlichen Aussehen waren die Fremden ziemlich auffallend. Es war ein vergnügliches Schauspiel das für eine Menge Aufsehen sorgte.
Etwas später näherte sich eine italienische Dame aus einer Einkaufstraße und Michel war von ihr augenblicklich angetan. Er schätzte sie auf ungefähr zwanzig, ein paar Jahre jünger als er selbst. Die italienische Frau hatte einen schmalen, schönen Kopf der von einem langen Nacken getragen wurde und funkelnde Augen. Sie bewegte sich äußerst elegant. Der Arzt starrte die bezaubernde Dame, die von hoher Geburt zu sein schien, an und konnte seinen Blick nicht mehr von ihr abwenden. So eine wunderschöne Frau hatte er noch nie gesehen und war sofort von Amors Pfeil getroffen. Für gewöhnlich prahlten die Leute nicht mit ihrer Schönheit, doch die Italiener taten es; die Dame spazierte mit sehr auffallender Kleidung umher. Sie trug ein purpurnes Samtkleid mit Puffärmeln und einem offen stehenden weißen Kragen. Das Kleid, im venezianischen Stil geschneidert, fiel bis auf den Boden und war ab der Taille mittels Reifen ausgestellt. Duzende von Reifen! Ihr schwarzes Haar, das kunstvoll mit Edelsteinen verziert war, trug sie kunstvoll hochgesteckt. Um ihren Hals trug sie eine teuer aussehende Perlenhalskette. Während die atemberaubend schöne Dame auf Michel zuging, zog sie ihr Kleid auf dem Boden nach sich und je länger er sie betrachtete, desto überirdischer fühlte er sich. Als die Italienerin, die sich mit zwei Herren und einer Zofe unterhielt, an ihm vorbei ging, sah sie ihren Bewunderer auf einmal unverhohlen an. Er war verzaubert. Unter ihrem unerwarteten Blick schmolz Nostradamus wie Wachs dahin und fühlte sich so als ob das Leben nun beginnen würde.
"Lieber Himmel", stammelte er wie vom Blitz getroffen. Während er sie weiterhin anstarrte, zitterte er wie ein Blatt im Wind. Plötzlich fühlte er sich kleiner und verletzlicher, mehr als er jemals hätte für möglich gehalten. Nach Jahren von Patientenbesuchen hatte er die Liebe völlig vergessen, doch nun hatte die Sonne wieder begonnen, in die Ritzen seiner Seele zu scheinen. In diesem kurzen Herzschlag, als sich ihrer Blicke trafen, wurde auch sie vom Liebespfeil getroffen und errötete sanft, als sie mit ihren Begleitern ihren Weg fortsetzte. Michels Herz war entflammt und er war entschlossen, dieser Frau den Hof zu machen. Der Verehrer sprang vom Stuhl auf, warf etwas Geld auf den Tisch und rannte der italienischen Frau hinterher. In einiger Entfernung folgte er der kleinen Gruppe und suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, wie er sich ihr nähern könnte. Die Dame fühlte wie er hinter ihr näher kam, traute sich aber nicht, sich nach ihm umzudrehen und eilte schließlich in ein Gästehaus. Der kippelige Arzt geriet daraufhin schier in Panik.
Was soll ich jetzt nur machen, fragte er sich. Zufällig verließ ein Dienstmädchen dieselbe Pension. Er bemerkte sie und rief ihr zu: "Mademoiselle, können Sie mir bitte mitteilen, wann die letzte Gesellschaft geht, denn ich habe etwas mit ihnen zu besprechen."
Das Dienstmädchen begutachtete seine gepflegte Erscheinung und, reagierte genauso, wie er es gehofft hatte und antwortete: "Sind Sie ein Bekannter von den De Vaudemonts?"
"Mehr oder weniger", verdrehte der die Wahrheit. Sie wurde redselig und erzählte ihm, dass die Gesellschaft am kommenden Sonnabend nach Lot-en-Garonne abreisen würde. Nun hatte er die Information die er wollte, dankte ihr und kehrte wie auf Wolken zurück nach Saint Rémy. Dort dachte er über ein Treffen mit der Frau seiner Träume nach. Beim Mittagessen dann, saß dann ein wie ausgewechselter Hausgenosse am Esstisch.
"Du bist ja richtig gut gelaunt" bemerkte sein Vater.
"So gut aussehend habe ich dich zudem noch nie gesehen", fügte seine Mutter hinzu. "Du strahlst ja förmlich." Michel grinste nur ganz verlegen und verlor kein Wort darüber; er wollte sein Herz nicht zu Markte tragen. Reynière ging jedoch ein Licht auf.
"Ich glaube ich weiß was los ist", sagte sie schelmisch und als ihr Sohn am nächsten Tag nach einem Spiegel verlangte, wusste sie es sicher. Er musste verliebt sein!
"Ist es wegen einer Dame, weil du so neben dir bist?" fragte sie.
"Hm, ja", gab er zu.
"Nun, dann gebe ich dir wohl besser ein paar Tipps. Du magst vielleicht ein Studierter sein, doch wenn es um Frauensachen geht, dann ist es besser, wenn du mir zuhörst." Die Mutter hatte sein Geheimnis entdeckt und der fleißige Arzt sah sie an wie ein kleines Kind.
"Frauen mögen es, wenn man ihnen Komplimente macht", erklärte sie ihm. "Ist sie aus der Gegend?"
"Nein, aus Italien."
"Ah, das Land aus dem die Mode kommt. Dann müssen wir etwas für dein Aussehen tun."
Am gleichen Tag noch, kaufte seine Mutter einen modischen Anzug, den sie ihm höchstpersönlich anpasste. Hector und Antoine kamen neugierig näher, um zu sehen was wohl im Wohnzimmer mit deren Bruder passierte.
"Mutter kleidet Michel an?" und kratzten sich erstaunt hinter den Ohren. Reynière packte das neue rote Wams aus und zog es ihrem Sohn über das zugeknöpfte Rüschenhemd. Darüber kam noch ein schwarzer Umhang.
"Das will ich auch haben!" rief Hector enthusiastisch als er den teuren Samtumhang mit den langen, geteilten Ärmeln sah. Etwas später kam der Vater von der Arbeit nachhause und gesellte sich zu ihnen.
"Michel ich habe Post für dich", berichtete er und sah mit Verwunderung zu.
"Ich kann momentan meine Hände nicht gebrauchen, Papa."
"Ich lege sie dir auf deinen Sekretär", bot Jacques an. Seine Frau zupfte unterdessen fortwährend an den diversen Kleidungstücken herum.
"Du bist schlank und dies lässt dich etwas größer erscheinen", sagte sie unter dem Mantel hervor.
"Ich werde dir wohl glauben müssen", antwortete ihr Sohn, der stocksteif stehen blieb. Bald hüpfte er von einem Bein auf das andere, weil seine Mutter versuchte, ihm eine Kniehose mit Reißverschluss anzuziehen. Danach zog sie ihm noch weiße Strümpfe an und steckte seine Füße in breite Schuhe aus Rindsleder.
"Das sind aber schöne Schuhe, nicht wahr", fand Antoine.
"Sicher", stimmte ihm sein Bruder zu und sah dabei nach unten. Zum Schluss setzte ihm Reynière noch ein Barett mit einer Feder auf seinen Kopf. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Distinguiert und modisch zugleich, stimmten sie alle überein, als das verliebte Familienmitglied für sie durch das Wohnzimmer stolzierte.
"Meine liebe Güte, du siehst aus wie ein König", sagte der Vater, der sorgenvoll zurück in Zimmer gekommen war.
Tags darauf machte sich der Arzt, der sich extra einen Tag frei nahm, in seinem neuen Gewand auf nach Arles. Dort angekommen, lungerte er eine knappe Stunde vor der Pension herum, wo zuvor die schöne Dame hineingegangen war. Immer wieder blickte er durch die Fenster des Gebäudes, in der Hoffnung, einen Blick von ihr zu erhaschen, aber sie war nirgends zu sehen. Ein Buckliger, der auf höchst irritierende Weise für Stierkämpfe Reklame machte, kam heran und blieb neben ihm stehen. Der Liebhaber zog sich zurück und setzte sich auf die gleiche Terrasse, wo er zwei Tage zuvor gesessen hatte. Er hatte sich gerade etwas zu trinken bestellt, um sich etwas zu beruhigen, als die Schönheit plötzlich aus dem Nichts erschien und er sie vorbeigehen sah - alleine. Seine Enttäuschung schmolz dahin wie Schnee in der Frühjahrssonne und mutig eilte er ihr nach. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie war so schön, so elegant, so vornehm. Unwiderstehlich!
Die Italienerin wurde ganz aufgeregt, als sie ihn näher kommen sah und wusste für einen Moment nicht, wie sie sich verhalten sollte. Zudem trieb es ihr die Schamesröte ins Gesicht als sie seine moderne Kleidung sah, die bis aufs Detail perfekt war. Das musste unmissverständlich für sie bestimmt sein, und war gleichsam nervös und geschmeichelt.
"Mademoiselle De Vaudemont", stammelte er, "als Arzt muss ich Sie darauf hinweisen, dass ihre Kleid in der Taille viel zu eng geschnürt ist. Das ist schlecht für Ihren Blutkreislauf."
Wie dämlich von mir, dachte er, ich wollte ihr doch ein Kompliment machen und korrigierte sich eiligst.
"Ich meine, es könnte Ihrer Schönheit schaden", aber es kam keinerlei Reaktion. Die Italienerin stand nur verblüfft da und wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ich werde einfach geradeheraus reden, nahm er sich vor.
"Ehrlich gesagt, bin ich zutiefst beeindruckt von Ihnen und ich musste sie einfach wieder sehen", sagte er. Das Eis war gebrochen und sie lächelte wegen seiner Offenheit.
"Praktizieren Sie hier in Arles?" fragte sie, zwar noch immer etwas steif aber dafür in akzentfreiem Französisch.
"Eh, nein, obwohl, doch manchmal, jedoch bin ich aus Saint Rémy und arbeite auch dort." Der verstörte Arzt stellte sich ihr vor und lud sie auf ein Getränk ein, worauf sie zusammen zu der Terrasse gingen, wo sein Getränk noch immer auf ihn wartete. Es war eine wahre Kunst, sie in ihrem Reifenrock zwischen den Tischen hindurch zu manövrieren und sie endlich einmal saßen.
"Sie sehen wahrlich bezaubernd aus", komplimentierte er 'seiner' Yolande, "aber sagen Sie, wie können Sie mit einem zwar wunderschönen aber dennoch schweren Kleid den Tag nur überstehen?"
"Ich trage dieses Kleid nur dann, wenn ich durch die Stadt flaniere. Sowie ich nach Hause komme, ziehe ich es aus", verriet sie und bedankte sich nervös beim Kellner für das servierte Anisgetränk. Zwischenzeitlich bestaunten die umstehenden Menschen ungeniert dieses bezaubernde Paar. Doch den beiden entging vollkommen das öffentliche Aufsehen das sie erregten, denn der Arzt konzentrierte sich ganz auf ihre Unterhaltung.
"Alleine ist es doch nicht zu schaffen, mit so einem Kleid fertig zu werden?"
"Meine Zofe hilft mir dabei", antwortete sie und worauf eine Stille zwischen den beiden entstand. Erneut suchte Michel nach Worten, aber da er fand, bestellte er stattdessen noch ein Getränk.
"Es scheint eine harte Studie zu sein, um Arzt zu werden", bemerkte nun Yolande
"Ach, fünf Jahre Universität."
"Nun, das ist sehr klug. Es gibt sicher nicht viele, die das schaffen können", lobte sie ihn und langsam aber sicher begann etwas zwischen den beiden zu funken.
"Was bringt Sie nach Arles? Es scheint als wären Sie auf der Durchreise, " fragte Michel. Yolande erzählte ihm, dass ihre Familie ein Schloss in Lot-en-Garonne besaß, wohin sie auf dem Wege waren, und dass sie von adeligem Geschlecht war.
"Das Schloss gehört Ihren Eltern?" mutmaßte er. Sie bestätigte dies und während sie langsam auftaute, sprach sie von ihrem Vater, Graf Ferry VI. de Vaudemont und ihrer Mutter, der Königin von Neapel. Ihre Eltern hatten neun Kinder, einschließlich ihr selbst. Die Kühle, die in der Luft gelegen war, machte nun Platz für die Chemie zwischen den beiden. Der Funken war übergesprungen. Es war wahre Liebe, und niemals zuvor war die Zeit so schnell verflogen. Beide im siebten Himmel angelangt, nahmen sie Abschied voneinander und ließen die Öffentlichkeit entflammt zurück. Yolande versprach umgehend zu schreiben, sobald sie in Lot angekommen war.
Zurück in Saint Rémy wollte seine Mutter sofort wissen, wie es ihm ergangen war.
"Positiv", antwortete er kühl.
"Positiv? Ist das alles, was du zu sagen hast? Mann, Du strahlst ja buchstäblich!"
"Na schön", lachte er laut, "aber zuerst muss ich aus diesem Affengewand heraus." Und während er zur Mansarde hinauf rannte, rief er: "Sie wird meine Frau werden!"
Eine Woche später erhielt er den ersten Brief von seiner Angebeteten, worin sie ihre Sehnsucht nach ihm durchblicken ließ. Nach weiteren Briefen war es offensichtlich, dass das Feuer weiter brannte und die beiden für einander bestimmt waren. Im letzten Brief dann, fragte Yolande Michel ob er sie bald in Lot besuchen käme.
Jacques und Reynière waren überglücklich vor Freude, dass ihr ältester Sohn endliche eine Frau gefunden hatte, die obendrein noch aus einer reichen, adeligen Familie stammte.
"Du hast dir einen großen Fisch geangelt, Michel. Ich hoffe, du wirst uns in deinem Testament bedenken", neckte ihn sein Vater, der Notar.
"Fachidiot", entgegnete sein Sohn ungewöhnlich leichtherzig.
"Ich nehme an, dass du in dem schönen Schloss wohnen wirst", vermutete seine Mutter.
"Das ist etwas früheilig, Mutter. Lass uns erst sehen, wie dieser Besuch verläuft." Ihre Eingebung sagte ihr jedoch, dass ihr Sohn dabei war, die Stadt für gut zu verlassen.
Kurze Zeit darauf, reiste Nostradamus zu Yolande und malte sich in seiner Phantasie aus, wie er seine schöne Prinzessin befreien würde. Liebe macht wirklich blind, dachte der Glücksvogel, der die lange Reise via Toulouse in einer Kutsche zurücklegte. Unterwegs überkam ihn ein derartig starkes Verlangen nach Yolande, dass er sich wünschte, es würde immer so weiter brennen. In Ariège passierte die Kutsche den historischen Mount Montségur, wo vor Jahrhunderten die letzten Katarer massenweise ermordet worden waren und er musste dabei an seinen alten Universitätsfreund, François Rabelais denken.
Die Landschaft wurde nun wesentlich grüner und er sah bereits überall Weingärten. Trauben pflücken, so träumte er, zusammen mit ihr einfach nur Trauben pflücken würde ihm schon genügen und berauscht von seiner Liebe zu ihr, betrachtete er die blühenden Weingärten, die bis zum Horizont reichten.
Als die Sonne anfing sich zu senken, hob sich in der Ferne die Silhouette von Schloss Puivert ab - das Schloss das den De Vaudemonts gehörte. Prächtig stand es oben auf dem Hügel und Orion leuchtete symbolisch über ihm. Der Kutscher hatte die Fahrt gut geplant gehabt, denn sie kamen rechtzeitig um sieben Uhr an, so dass er sein Gefährt noch im Halbdunkeln abstellen konnte. Gespannt stieg der Liebhaber aus und sah sich nach irgendeinem Lebenszeichen um. Abrupt wurde das Fallgatter in dem massiven Eingangsturm hochgezogen. Michel atmete tief durch und ging mit seinem Gepäck zum geöffneten Tor. Während er sich umsah, erhaschte er einen Blick auf seine Allerliebste, die hinter einem geöffneten Fenster stand. Nervös schritt er durch das Fallgatter in einen immensen Innenhof, woraufhin das Tor sich hinter ihm wieder schloss, um unliebsame Gäste fern zu halten.
"Guten Abend, Monsieur Nostradamus", begrüßte ihn Graf De Vaudemont, der noch eben seinen Schnauzbart glatt strich. Yolandes Vater bewahrte Distanz und ein Bediensteter eilte heran, um dem Besucher sein Gepäck abzunehmen.
"So, Sie sind also der junge Arzt von dem meine Tochter so enthusiastisch gesprochen hat. Hatten Sie eine angenehme Reise?"
"Ja, mein Herr, doch mein Körper sehnt sich jetzt nach etwas Bewegung", antwortete Michel, der demonstrativ seine Glieder zu streckte.
Yolande kam erfreut herbei. Leider war es ihr nicht möglich, mit dem Geliebten auch nur ein einziges Wort zu wechseln, denn auf Anweisung ihres Vaters wurde er umgehend zu seinem Quartieren geführt.
"Heute Abend, während des Abendessens, wirst du ausreichend Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen", flüsterte er seiner Tochter zu. Es versetzte dem Burgherren einen Stich in der Brust sehen zu müssen, wie sie dem Neuankömmling wie ein hechelndes Reh folgte. Was für ein Getue! Während der Gast noch in einen zwanzig Meter hohen Burgfried geführt wurde, verschwand der Graf mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck in einem seiner Räume.
"Ihr Schlafgemach befindet sich im obersten Stock", murmelte der Bedienstete, der eine Öllampe ansteckte und langsam die Treppen emporstieg. Tausend Stufen höher wurde der müde Reisende in einem Raum mit einem Himmelbett, das unter den wachenden Augen von acht Musikantenskulpturen stand, alleine gelassen. Nach einem kurzen Schläfchen beschloss Michel, seine unmittelbare Umgebung etwas näher zu erkunden. In der Dunkelheit stieg er eine enge, hölzerne Treppe zur Dachterrasse empor, von wo aus er einen großartigen Ausblick auf die Umgebung hatte. Der Vollmond schien hernieder auf das Dörfchen Puivert, das an einem ruhigen See lag. Unten im Hof, erweckte ein brummendes Geräusch seine Aufmerksamkeit und er sah, wie einige designierte Gäste sich dort unterhielten und auf das Abendessen warteten. Michel eilte zurück in sein Zimmer, um sich umzuziehen und schloss sich danach der Gruppe an, die genau in diesem Moment hinein gebeten wurden. In dem großen, kunstvollen Saal stand ein prächtiger Esstisch mit den dazu passenden Stühlen. Es war die Art von Möbeln, die zur Avantgarde gehörten. Ein Bediensteter führte den Arzt zu seinem Platz, gegenüber von Yolande. Jedoch wurde er flankiert von Ferry VI. und der Königin von Neapel, die beabsichtigten, den verehrten Kandidaten ihrer Tochter auf Herz und Nieren zu prüfen. Die Geliebten sahen sich einerseits erwartungsvoll an, waren aber andererseits über das bevorstehende Urteil der Eltern etwas verunsichert. Yolande sah bezaubernd aus. Sie trug ein glänzendes, türkisfarbenes Kleid und ihr Haar hatte sie diesmal zu einem flachen Knoten frisiert. Zurückhaltend schenkte sie ihrem Angebeteten ein liebliches Lächeln, das von ihm zärtlich erwidert wurde. Auf dem fürstlich gedeckten Tisch stand ein Glasservice mit goldenem Rand und dem handgemalten Familienwappen. Ebenso waren sowohl Tischwäsche als auch Besteck damit geschmückt. Überhaupt konnte man die Wappen überall entdecken. Das Personal hatte zwischenzeitlich begonnen, die Vorspeise aufzutragen. Außer dem Grafen und der Gräfin waren ihre fünf Söhne, vier Töchter, drei Angetraute, diverse Enkelkinder und eine handvoll Gäste anwesend. Während des ganzen reichhaltigen Gastmahles, konnten die beiden Turteltauben ihre Augen nicht voneinander lassen und sie begannen zu flirten.
"Wisst ihr, ihr seid nicht die einzigen hier am Tisch", sagte einer Söhne leicht irritiert. Jedenfalls war deutlich zu sehen, dass die beiden sich liebten.
"Es scheint, Sie haben sich in der Provence einen guten Ruf aufgebaut", bemerkte der Graf, während sein herabhängender Schnauzbart knapp an der Suppe vorbei streifte.
"Ich tue mein Bestes, die Kranken zu heilen", sprach der Arzt. "Zudem bin ich gottfroh, dass der letzte Pestausbruch seinen ausgestanden ist, denn darüber habe ich wirklich nur sehr wenig Kontrolle."
"Hier mussten wir glücklicherweise diese schreckliche Seuche noch nicht miterleben", bemerkte die Königin von Neapel.
"Haben Sie denn schon fertig studiert?" fragte der Graf unverhofft.
"Das habe ich dir doch schon erzählt, Vater", verteidigte Yolande ihren Geliebten.
"Ich werden Ihnen mein Diplom nach dem Essen bringen, Durchlaucht", versprach Michel.
"Ja, tun Sie das. Es interessiert mich sehr. Dann erwarte ich Sie also in Bälde in meinen Räumlichkeiten, wo ich zudem einen exzellenten Cognac habe. Sie verstehen natürlich, dass ich für meine Tochter einfach nur das Beste will."
Ferry VI. blieb argwöhnisch und er schämte sich nicht im Geringsten, anhand einer Liste von Fragen zu entscheiden, ob der Arzt als Schwiegersohn in Frage kam. Die Fragen waren alle willkürlicher Natur und wurden von Nostradamus tadellos beantwortet und sich dadurch das Misstrauen langsam legte. Nach dem Dessert verließ der Graf mit seiner Frau für einen kurzen Augenblick den Speisesaal und kehrten nach einer privaten Unterredung alsbald wieder zurück. Es schien, als habe sich das Ehepaar dazu entschlossen, dass der Bewerber als für ihre Tochter als gut genug befunden wurde. Von da an, konnte Michel nichts mehr falsch machen. Nach der Unterhaltung mit Ferry VI. in dessen Räumlichkeiten, fanden die Liebenden endlich Gelegenheit, beisammen zu sein. Schweigend spazierten die beiden zum Tor hinaus und schienen einander so gut zu verstehen, dass Worte überflüssig waren. Heimlich küssten sie sich hinter einem Kastanienbaum und diese Berührung war wie Magie.
Nach einer Woche auf dem Schloss, bat Michel seine Yolande ihn zu heiraten und dem sie überglücklich einwilligte. Da der Kandidat sämtliche Vorraussetzungen erfüllte, erteilte ihr berechnender Vater noch am selben Tag seine Zustimmung. Ein Traum ging in Erfüllung und Nostradamus fühlte sich, als ob er es mit der ganzen Welt aufnehmen könnte. Der von seiner Schwermütigkeit befreite Arzt, benachrichtigte umgehend seine Eltern über die bevorstehende Hochzeit in Puivert. Diese ließen ihn jedoch wissen, dass sie aus altersbedingten Leiden die lange Reise nicht auf sich zu nehmen könnten. Einzig sein Bruder Hector wäre von der Partie. Ihr ältester Sohn bat sie noch, man möge ihm doch seine persönlichen Sachen schicken und versprach, dass er so bald wie möglich mit Yolande nach Saint Rémy kommen würde.
Der lang ersehnte Tag war gekommen und unzählige prominente Leute hatten sich versammelt, um es zu einem großartigen Ereignis werden zu lassen. Es war in der Tat eine fantastische Hochzeitsfeier und als die Frischvermählten endlich alleine waren, konnten sie nicht mehr genug voneinander bekommen.
"Es ist wie ein Märchen, mit dir verheiratet zu sein", säuselte Michel, während sie in seinem Pfostenbett lagen und sich küssten.
"Es ist ein Märchen", erwiderte sie zärtlich und sie verschmolzen ineinander mit dem Höhepunkt als großes Finale. Die acht Skulpturen von den Musikanten hatten sie allerdings vorher weggedreht.
Nach dieser himmlischen Hochzeitsnacht machten sie umgehend Nägel mit Köpfen und beschlossen, sich in Agen niederzulassen. Die Ärzteschaft suchte nach einem promovierten Arzt und erteilte dafür Nostradamus die Zusage. Diese einflussreiche Stadt lag nur unweit von Puivert entfernt, so dass das junge Paar sowohl ihre Unabhängigkeit als auch den weiteren Kontakt zur Familie bewahren konnte. Die Überglücklichen begaben sich auf Haussuche und fanden schon bald direkt beim Stadtplatz der mit einem prächtigen Springbrunnen geschmückt war, eine geeignete Unterkunft. Während sie ihr neues Zuhause einrichteten, genossen sie ihre Freiheit, die Sommertage und ganz besonders einander. In einer schwülen Nacht huschten die Liebenden zum Springbrunnen und tanzten unter den sprühenden Wasserfontänen, dass es eine wahre Freude war. Triefend nass setzten sie sich auf den Rand und lachten vor lauter Spaß.
"Schließ deine Augen", forderte Yolande und steckte etwas in seinen Mund.
"Eine Kirsche!" gab er von sich.
"Ich habe noch etwas anderes für dich."
"Eine andere Frucht?"
"Ja, ich bin schwanger", und verzückt küssten sie sich wieder.

Nostradamus baute sich neben seiner Arbeit eine kleine Parfümmanufaktur auf, in der konzentrierte Öle für medizinische Zwecke erzeugt wurden. Ein Dutzend Angestellte destillierten dort Pflanzen und Kräuter zu ätherischen Ölen und für jedes Leiden wusste er, das richtige Rezept. Die frisch Vermählten fühlten sich inzwischen in Agen schon richtig zu Hause. So befand sich zum Beispiel in der Rue du Soleil ein ganz besonderer Buchladen, indem Michel eines Tages herumstöberte.
"Sie finden was Sie suchen?!", rief der Besitzer, der sich im hinteren Teil befand.
"Ich stöbere nur etwas herum. Ich suche nichts bestimmtes, " antwortete der Besucher. Der Besitzer, der einen langen Bart trug, ging auf ihn zu.
"Sie sind doch der neue Doktor, nicht wahr?"
"Ja, das stimmt."
"Ich bin Abigail. Wie schön, endliche wieder einmal einen belesenen Menschen zu treffen. Es ist hier in diesem Städtchen eher kümmerlich, was das anbelangt."
"Ich kennen die Menschen hier noch nicht so gut", entschuldigte sich Michel.
"Natürlich ist ein Buch um einiges teurer als ein Laib Brot, und kaum jemand kann sich es leisten, eines zu kaufen", vergeistigte er seine Bemerkung, "aber sollten Sie einmal nach medizinischer Fachliteratur suchen, dann kann ich Ihnen bestimmt dienlich sein. Ich hege nämlich gute Kontakte zu Verlegern in London, die auf diesem Gebiet weit voraus sind."
"Vielleicht später einmal, wenn ich mehr Zeit habe", sagte der beschäftigte Arzt. "Ich fürchte, ich muss bereits wieder gehen. Auf Wiedersehen", und er machte sich auf zu seinem nächsten Patienten.
Im Laufe der Zeit war nicht nur eine ansehnliche Kollektion medizinischer Werke erstanden, sondern es wurde auch sein erstes Kind geboren. Es war ein Sohn: Victor. Und während er noch in den Windeln lag, wurde seine Mutter abermals schwanger. Sein Vater hatte sich zwischenzeitlich mit dem Buchhändler, der eines Tages ein mysteriöses Bündel für ihn zur Seite gelegt hatte, angefreundet. Nostradamus war darüber angenehm überrascht als er das Werk sah, auf dem das Wort "Kabbala" in gotischen Buchstaben geschrieben stand. Natürlich hatte er früher schon einmal davon gehört, aber hatte sich nie näher damit befasst. Erstaunlich, dass er es so unverhofft von Abigail bekam.
"Was kostet es?", fragte er und griff nach seiner Geldbörse.
"Das Buch kostet Sie nichts", antwortete Abigail.
"Nun, dann herzlichen Dank dafür."
"Nicht mir müssen Sie dafür danken, sondern einem stillen Bewunderer von Ihnen." Der Doktor zuckte überrascht mit den Schultern und nahm das Geschenk gerne an.
Daheim, wo Victor in seinem kleinen Bettchen tief am schlafen war, hatte sein Vater endlich die Gelegenheit, sich in Ruhe von seinem langen Arbeitstag zu erholen. Yolande schenkte ihm Jasmintee ein und vor dem offenen Kamin genossen sie die Gesellschaft des anderen. Zufrieden betrachtete der erfolgreiche Arzt seine bildschöne Frau, gab ihr einen Kuss und legte seine Hand auf ihren gewölbten Bauch; das ungeborene Kind strampelte schon ein bisschen. Als er mit seinem Tee fertig war, entschloss er sich in seinem neuen Kabbala-Buch zu lesen und nahm es dazu aus dem Regal. 'Die Übertragung der mystischen Erkenntnis', so lautete der Untertitel. Nachdem er es sich auf dem Teppich neben seiner Frau bequem machte, öffnete er das Buch und fand darin eine Karte auf der ein Name und eine Adresse geschrieben stand: Julius Scaliger, 15 Avenue de Lattre, Agen. Dies musste zweifelsohne sein stiller Bewunderer sein.
"Yolande, kennst du einen gewissen Julius Scaliger?"
"Scaliger? Er ist ein bekannter Einwohner der Stadt und der als Schriftsteller für Furore sorgt. Er wird als Humanist überall sehr geschätzt, ", antwortete sie.
"Und warum weiß ich das nicht?"
"Du kannst nicht alles wissen, Liebling. Aber warum fragst du?"
"Er hat mir dieses Buch überlassen. Schau, hier ist seine Karte, " sagte er und gab sie ihr.
"Warum würde er das wohl tun?", fragt Yolande erstaunt.
"Das wird er wohl besser wissen als ich."
"Warte mal, er ist Arzt so wie du", erinnerte sie sich plötzlich, "er ist Leibarzt beim Bischof von Agen. Das muss die Verbindung zu dir sein. Vielleicht kennt er dich ja von der Universität in Montpellier?"
"Nein, ganz bestimmt nicht", antwortete er. "Lass mal sehen, was für eine Art von Buch er mir geschenkt hat", und er begann zu lesen.
"Neben der schriftlichen Tradition von der Bibel ist es zudem die Tradition der Kabbala. Diese mystische Kenntnis basiert auf Genesis und wird hauptsächlich von Lehrer zu Schüler weitergegeben. Der Lebensbaum ist das vorgeschriebene Modell und seine Form ist der Schlüssel zur mystischen Bibellesung. Wir sprechen hier über vier Welten, welche die unterschiedlichen Bewusstseinsstufen in der Schöpfungsgeschichte symbolisieren, und mit Hilfe der Meditation wird diese Erkenntnis vertieft. Die Kabbala ist ursprünglich eine jüdische mystische Tradition, um geheime Botschaften der Bibel ans Licht zu bringen, die gegenwärtig aber auch in der Scholastik verwendet wird. Praktiziert wird die Kabbala von einzelnen Magiern, in esoterischen Schulen." Michel schlug das Buch zu und musste schmerzlich feststellen, dass er auf spiritueller Ebene für Jahre hinterher hinkte. Dieses Buch war ein wahres Geschenk des Himmels. Nachdem Victor versorgt war, gingen die drei zufrieden ins Bett.
"Ich muss diesem Scaliger bald einen Besuch abstatten", meinte Michel, während seinem Sohn die Augen schon langsam zuflogen.
"Lass dir Zeit, Liebster. Scaliger wird nicht davonlaufen; er lebt hier schon seit Jahren, " flüsterte seine Frau.
Einige Tage später, klopfte der Doktor an die Türe Nummer fünfzehn in der Avenue de Lattre. Ein forscher Bediensteter öffnete ihm und gerade als dieser mitteilte, sein Meister sei nicht anwesend, kam ein kleiner, magerer Mann die Treppe herunter. Es war der bischöfliche Leibarzt höchstpersönlich.
"Oh, Doktor, ich habe solche Beschwerden in meinem Hals", ulkte Julius Scaliger, doch Nostradamus begriff nicht seine Art von Humor.
"Ich werde mir das gleich ansehen, aber lassen Sie mich zuerst für dieses wunderbare Buch, das Sie mir gaben, bedanken", erwiderte er ruhig.
"Schon gut. Ehrlich gestanden, es war Abigails Wahl." Die beiden Männer begaben sich in den Salon, dessen Wände voll hingen mit Portraits von Wissenschaftlern und Philosophen.
"Beeindruckend. Kennen Sie diese alle persönlich?", fragte der Besucher.
"Nicht alle, doch das Porträt, das Sie gerade betrachten ist von Erasmus, mit dem ich seit kurzem einen Federkrieg führe. Sie nennen ihn den größten Denker in Europa, doch bin ich der Ansicht, dass es in seinen Gedankengängen einige Lücken gibt", erklärte Julius und setzte sich in einen der Sessel.
"Ich habe schon von ihm gehört", bekannte Michel, der zwischenzeitlich ebenfalls Platz genommen hatte. "Was ist nun der präzise Grund, Ihres Versuchs, mit mir in Kontakt zu treten?"
"Weil Ihr Name mit einer Regelmäßigkeit auftaucht", erklärte sein Gastgeber. "Ein Arzt, der nicht von den kirchlichen Autoritäten angezogen wird ist eher seltsam. Ich halte sehr viel von widerspenstigen Wissenschaftlern und da ich ebenso Medizin studiert habe, erschien es mir als interessant, wenn wir uns kennen lernten."
"Ich fühle mich geehrt", antwortete Michel, der sich das Interieur weiterhin betrachtete.
"Was für ein Zufall, dass Sie sich von allen Plätzen ausgerechnet in Agen niederließen", fuhr Julius fort, "und dann noch mit dieser schönen, edlen Blume, die mein Herz höher schlagen lässt."
"Aha, deshalb das Geschenk!"
"Wer weiß, alles spielt eine Rolle. Sie können sich jedenfalls glücklich schätzen, mit so einer bezaubernden Frau."
"Was ich sehr wohl tue. Und wer ist das?", fragte Michel auf ein Porträt zeigend.
"Das ist Cardano."
"Hm, Cardano. Wenn ich mich nicht täusche, so ist er Mathematiker und Astrologe."
"Aber auch ein Betrüger", sagte Scaliger sarkastisch. In seinem Buch 'De Subtilitate' schreibt er über Dämonen, doch diese Passage ist Wort für Wort von meinen Schriften abgekupfert."
"Plagiat ist eine unschöne Sache", bedeutete sein Gast. "Und welche humanistischen Arbeiten können ihrem Namen zugeschrieben werden?"
"Viele, doch mein wichtigstes Werk ist die Zusammenfassung der ganzen Literatur, die weit über unsere Landesgrenzen hinaus veröffentlicht wurde. Neben Erasmus werde auch ich zu den großen Denkern dieses Jahrhunderts gezählt", rühmte er sich.
"Des ganzen Jahrhunderts?"
"Falsche Bescheidenheit kann ich nicht ausstehen", erklärte sein Gastgeber, und Michel musste über den eigensinnigen Humanisten lächeln. Die beiden Wissenschaftler verstanden sich hervorragend und diskutierten noch eine ganze Weile über die medizinischen Schriften von Aristoteles. Zwischen den beiden hatte es geklickt und sie beschlossen, sich öfters gegenseitig zu besuchen.
Mit den Monaten wuchs das Band ihrer Freundschaft und eines Tages zeigte Julius seine geheime Bibliothek. Geheim deshalb, weil viele der Bücher von der Kirche als eine Gefahr angesehen wurden.
"Schau her, Michel, die revolutionäre Schrift des Kopernikus: Die Sonne als Mittelpunkt des Universums."
"Mystiker und Astrologen sehen die Sonne als einer der Sterne an", kommentierte sein Freund. "Aber ein Wissenschaftler möchte natürlich Beweise sehen und was tun sie mit diesen Träumereien?"
"Träume können sehr nützlich sein", antwortete Julius. "Schreibe sie einmal auf und du wirst sehen, dass sie der persönlichen Entwicklung zugute kommen."

Isabelle wurde geboren. Sie strahlte wie die Sonne und wuchs schnell heran. Das Mädchen schien das Zentrum des Universums zu sein, und Victor war nicht von ihrer Seite zu bringen. Selbst das kinderlose Dienstmädchen liebte es so zu tun, als wäre das hübsche Baby ihr eigenes. Während die Familie blühte und gedieh, begannen sich beängstigende Geschehnisse in der bösen Außenwelt zu ereignen. Agen war bislang von der Plage verschont geblieben, doch das Schicksal schlug nun zu. Nachdem der erste Fall bekannt worden war, kam das öffentliche Leben zu einem plötzlichen Stillstand. Als der Tod um sich griff, wurde jeglicher Kontakt so gut es ging vermieden. Und zu Recht. Denn schon bald gab es noch mehr Opfer. Der fortschrittliche Stadtarzt richtete für die verschiedenen Stadtteile wo bereits hunderte von Hunden und Katzen am verrotten waren, umgehend eine Quarantäne ein. Nostradamus arbeitete unermüdlich und hastete von einem zum anderen Patienten. Der unverwüstliche Doktor erteilte den Behörden die Anweisung, sowohl die menschlichen Leichen als auch die Tierkadaver zwischen Lagen von Kalk zu begraben, um dadurch eine Infektion zu vermeiden. Zudem rief er jeden dazu auf, ihre Abfälle zu verbrennen, damit nichts übrig blieb, das als Futter für Ratten und Flöhe dienen könnte. Daraufhin hing ein permanenter Brandgeruch in der Luft. Die noch lebenden Pestopfer mussten sich, auf sein Geheiß hin, ihre Körper mit einer Paste aus Knoblauch und Aloe einreiben. Der Arzt beharrte weiterhin auf seine Methode der Hygiene und guten Ernährung und woran sich die meisten Bürger auch hielten. Einige misstrauten ihm und suchten nach einem Buhmann für dieses Desaster. Unruhen brachen auf dem Stadtplatz aus, genau dort, wo die Familie De Nostredame wohnte. Der überarbeitete Doktor hörte Geräusche, ging zum Fenster und sah zu seiner Überraschung, dass direkt neben dem Brunnen ein Scheiterhaufen errichtet wurde. In kürzester Zeit hatte sich eine Menschenmenge darum versammelt und zwei Männer wurden herbeigeführt. Die Agenois waren wüten und schrieen aus voller Kehle. Michel begriff, dass die Bewohner Richter spielten. Die Dinge liefen komplett aus der Hand.
"Grundgütiger Gott, die haben Abigail", rief er plötzlich laut. Einer dieser armen Teufel war sein Freund, der Buchhändler. Er wurde mit allerlei Verwünschungen beschimpft, was den Doktor zum kochen brachte. Yolande stellte sich besorgt neben ihren Mann.
"Du wirst hier bleiben, oder?", fragte sie verängstigt, doch ihr Mann hörte nicht auf sie und lief wutentbrannt auf die Straße hinaus. Sein Verstand befahl ihm rechtzeitig, einen kühlen Kopf zu bewahren und in einigermaßen kontrollierter Manier schob er sich durch die Menge.
"Diese verdammten Juden sind an dem ganzen Elend schuld! Verbrennt sie!", riefen einige hasserfüllt. Yolande sah hilflos zu. Wenn das nur gut geht, dachte sie starr vor Angst. Die beiden Juden waren an Pfähle gebunden und jemand versuchte, den Haufen in Brand zu setzen.
"Stopp!", schrie Nostradamus. Die bösartige Bevölkerung verstummte aufgrund seines zwingenden Befehls und sie taumelten auseinander, um dem Arzt Platz zu machen, der immerhin mit einer De Vaudemonts verheiratet war. Kalt befahl er dem letzten dieser Rädelsführer zur Seite zu gehen und, beinahe diabolisch, klomm er auf den Scheiterhaufen. Fest entschlossen riss er die Seile, mit denen die Unglücklichen an die Pfähle gebunden waren, weg. Der Retter in der Not richtete seine Aufmerksamkeit für einen Moment auf seinen alten Freund. Abigail sah ihn voller Vertrauen an und es begann, Licht aus seinen Augen zu leuchten.
"Was passiert jetzt mit mir, fragte sich Michel. Und für einen Moment warf ihn diese intensive Schönheit dieser Augen aus der Bahn. Oh je, nur keine Schwäche zeigen vor diesen Wölfen. Um sich vor einem möglichen Stimmungswandel der Menge zu hüten, drehte er sich entschlossen um und sprach mit fester Stimme zu diesem Volk.
"Die Pest kommt nicht durch die Juden. Wenn das so wäre, müsste es zu erst unumstößlich bewiesen werden. Ihr wurdet alle aus Angst und Wut dazu hingerissen. Geht darum nach Hause, um euch zu besinnen und stört jetzt die öffentliche Ordnung nicht länger." Die erhitzte Menge drehte sich enttäuscht weg und der Platz begann sich zu leeren. Erst als Michel wieder sicher zurück im Haus war, fühlte sich Yolande von ihrer Angst befreit.
"Mach das bloß nie mehr wieder!", rief sie noch immer zitternd.
"Was hätte ich machen sollen? Die zwei dem Pöbel überlassen?!"
"Deine Familie braucht dich lebend!"
"Ich lebe ja noch", reizte er sie, worauf Yolande ihn mokierend mit einem Kissen auf den Kopf schlug. Die Peste fegte inzwischen durch die Stadt und während diesen Tagen, arbeitete der Doktor rund um die Uhr.
Ein paar Wochen später, klopfte das Schicksal auch an die Tür der Familie Nostradamus. Yolande und Viktor wurden krank. Als Michel nach seiner Arbeit spätabends nach Hause kam, wurde er damit konfrontiert. Leichenblass diagnostizierte er, dass es die gefürchtete Seuche war.
"Es ist die verdammte Pest", fluchte er, als er alleine in der Küche war und mit seinen Fäusten gegen die Wand hämmerte. Es war eine bittere Niederlage; der Pestkämpfer war an eigener Front besiegt worden. Äußerst betroffen brachte er die schlechten Nachrichten seiner Frau.
Meine ganze Aufmerksamkeit war auf meine Patienten gerichtet, anstatt auf dich", betrauerte er.
"Michel, fühl dich nicht schuldig. Versprich mir, dass du mit Isabelle weiter leben wirst."
"Ich weiß nicht, ob ich ohne dich leben kann!"
"Es wird für dich eine höhere Kraft von oben kommen, Liebling", versuchte sie ihn zu beruhigen.
Er wusch ihre anschwellenden Wunden, bereitete das beste Essen zu, das er sich vorstellen konnte und hoffte bis zum letzten Augenblick noch auf ein Wunder. Es half alles nichts. Seine Blume welkte schnell dahin und verstarb in seinen Armen. Er sah noch wie das letzte Leuchten aus ihren Augen verschwand und wie ihr Geist den Körper verließ. Am Tag darauf, verschied auch Victor aus dem Leben und während er sich noch von seinen Sohn mit einem Kuss verabschiedete, hörte er seine Tochter ihn rufen. Isabelle saß zur Sicherheit eingesperrt in einer Kammer. Der verzweifelte Arzt überließ seine gesunde Tochter für einen Tag in der Obhut des Hausmädchens und brachte dann die sterblichen Überreste seiner Familie nach Puivert. Es war der Wunsch seiner Frau gewesen, im Familiengrab beigesetzt zu werden. Die De Vaudemonts beobachteten mit Schrecken, wie sich ein Wagen mit Särgen näherte und ein Familienmitglied auf dem Kutschbock saß. Sie begriffen natürlich sofort was geschehen war, doch aus Angst vor der lebensbedrohenden Krankheit ließen sie die Pforte geschlossen.
"Es wird uns umbringen", rief der Graf durch das Fenster, "zudem gibt es hier noch mehr Menschen, die ich ebenso liebe."
"Ich verstehe. Kann mir wenigstens jemand helfen, ein Grab auszuheben - freilich in sicherer Entfernung?" fragte der Schwiegersohn.
"Nein, tut mir leid. Viel Glück", beendete der Graf herzlos die Unterhaltung und schloss die Fensterläden. Verbittert und alleingelassen, beerdigte der Witwer seine Frau und sein Kind im Familiengrab, welches direkt vor dem Tor lag. Dennoch schaute seine angetraute Familie stiekum von dem Schloss aus zu.
Zurück in Agen, kümmerte sich der Doktor um seine Tochter, die ihn zwang, mit dem Leben weiterzumachen. Die erste Lüge über ihn verbreitete sich in der Stadt: Yolande, begraben von ihrem eigenen Vater. An diesem Abend klopfte das Hausmädchen an die Tür. Ein schwer deprimierter Nostradamus öffnete und wollte wissen, was los war.
"Doktor, ich komme um Sie zu warnen. Die De Vaudemonts haben die Bürger gegen Sie aufgehetzt. Sie beschuldigen Sie, dass Sie Ihre Frau haben absichtlich sterben lassen, um sich mit der Mitgift davon zu machen. Es wird auch gemunkelt, dass Sie ein Freund der Juden seien. Ich musste es Ihnen sagen, denn ich weiß, dass Sie ein guter Mensch sind", und rannte davon.
Michel verriegelte augenblicklich die Eingangstür, lief grübelnd durchs Haus und traf entsprechende Vorsichtsmaßnahmen. Oben im Schlafzimmer betrachtete er das sorglose Gesicht von Isabelle, die friedlich am schlafen war. Erst jetzt war er imstande zu weinen und der Wind, der durch das geöffnete Fenster hereinwehte, berührte seine Tränen. Plötzlich wurde die Stille gebrochen und die Hölle brach los. Aufgebrachte Bürger mit Fackeln riefen Hetzparolen und versammelten sich in großer Anzahl vor seinem Haus.
"Mörder", schrieen sie, "du verdienst die Todesstrafe." Michel schaute mit einem Auge hinter den Gardinen hervor und sah die kochende Menge.
"Holen wir ihn uns", hörte er jemanden rufen und wusste, dass er diesmal fliehen musste. Die verschlossen Vordertür knarrte, beim Versuch der Barbaren sie zu öffnen. Eine brennende Fackel wurde ins Haus geschleudert, die ihn nur knapp verfehlte. Geschwind schnappte sich Nostradamus seine aus dem Schlaf gerissene Tochter, band sie auf seinen Rücken und befahl ihr, still zu sein. Hinter ihrem Bettchen öffnete er die Schublade einer Kommode, griff nach einem Stoffbeutel und warf ihn über seine Schulter. Dann lief er mit Isabelle die Dachbodentreppe hinauf. Die Schlafzimmervorhänge hatten wegen brennenden Fackeln Feuer gefangen und Minuten später, brannte das ganze Haus lichterloh. Die Randalierer hatten es schließlich geschafft, die Vordertür einzurennen und machten sich im Erdgeschoss auf die Suche nach dem bösen Magier, trauten sich aber wegen der hohen Flammen nicht, höher hinauf zu steigen.
Zwischenzeitlich kletterte der Vater, mit seinem Kind auf dem Rücken, auf das Dach des hinteren Hausteils und sprang, außer Sichtweite des Abschaums, von dort aus auf das nächste Dach. So war es ihm möglich, über die beieinander stehenden Häuser das brennende Haus hinter sich zu lassen. Glücklicherweise war es eine pechschwarze Nacht und die Aufständischen konnten ihn nicht entdecken. Doch auf halbem Wege rutschte Michel wegen mangelndem Licht aus und fiel beinahe vom Dach. Mühsam erreichte er das letzte Haus, wo er mit Hilfe eines Balkons und einer Kletterpflanze nach unten kletterte.
"Dort drüben ist er!", rief plötzlich eine diese Ratten, der seinen Schatten entdeckt hatte. Der Mob, der noch immer schreiend vor dem brennenden Haus stand, bekam ihn ebenso ins Visier und rannte sofort hinterher. Der gelenkige Arzt sprang auf den Boden und spurtete davon. Er schaffte es, seine Verfolger in dem Labyrinth von Gassen abzuhängen und flüchtete in Windeseile aus der Stadt, weit hinaus in die Hügel und Wälder. Nicht lange danach, hielten seine Verfolger auf dem Stadtplatz einem Pack von Spürhunden einen Strumpf des Arztes unter die Schnauze und direkt seine Spur aufnahmen. Die Jagd ging weiter.
"Warum sind sie so böse?" fragte Isabelle.
"Die halten nichts von uns", antwortete der Vater, der glaubte, entkommen zu sein.
"Wir sind doch lieb?!"
"Ja, aber die denken anders darüber", und dann, zu seinem größten Entsetzen, sah er eine Gruppe Jäger im Tal. Mit steigendem Tempo, bahnte sich der Vater einen Weg durch den Wald. Oben, auf einem Hügel, hörte das Plateau plötzlich auf und ein gähnender Abgrund hinderte sie an der weiteren Flucht. Während er auf der Klippe hin und her raste suchte er frenetisch nach einer Lösung. Das Hundegebell wurde lauter und lauter und ihm musste nun schnellsten etwas einfallen.
Nun gut, dann muss ich eben diesen unpassierbaren, steile Abhang hinuntergehen, beschloss er. Michel platzierte seine Hände auf dem Grat und schwang danach seine Beine über den Rand. Er tastete nach einem Platz für seine Füße wo er sie aufstützen kann, während seine Hände abzurutschen drohten. Seine Beine fanden Halt und mit enormer Anstrengung gelang es ihm, den fast unmöglichen Abstieg zu nehmen. Erschrocken blickte Isabelle hinter seinem Rücken die Schlucht hinunter.
Ihre Verfolger waren ihnen schon dicht auf den Fersen und erreichten bald dieselbe Kluft. Da entdeckten sie Nostradamus, wie er unterhalb von ihnen die letzten zwanzig Meter der Steilklippe überwand und dann im Schutz der Bäume und Sträucher verschwand. Der Mond verschwand hinter den Wolken und sie konnten ihn mit ihren Augen nicht mehr länger verfolgen. Die Verschwörer wagten es nicht, denselben Weg hinunter zu nehmen, da es mit den Hunden einfach nicht zu schaffen war. Einige der Verschwörer, die dieses Gebiet wie ihre Westentasche kannten, wiesen auf einige nahe gelegenen Passagen hin. Die Gruppe teilte sich auf und setzte die Verfolgung fort.
Ein paar Kilometer weiter, musste Michel sich zwischen einem ansteigenden und bergab führenden Pfad entscheiden. Durch die hohen Bäume hindurch konnte er nur schwerlich erkennen wohin jeder einzelne Pfad führte und so entschied er sich auf gut Glück für jenen, der nach unten führte. Die ausgewählte Route führte bald zu einer begehbare Spalte, die zwei Hochplateaus voneinander trennte. Eine Gruppe der Verfolger, die einen anderen Weg genommen hatte, entdeckte ebenfalls diesen Pfad und die Hunde waren erneut zu hören. Er hatte schon eine beachtliche Distanz zurückgelegt und Michels Kräfte fingen an nachzulassen und er konnte nicht mehr länger durchhalten. Der Mond kam wieder zum Vorschein und erleuchtete eine handbreite Öffnung zwischen den Felsen. Mit dem heißen Atem der Bürger in seinem Nacken, beschloss der Doktor dennoch, sich in einer Höhle zu verbergen. Wer weiß, mit etwas Glück…? Doch der Ausgestoßene wurde aufs Neue entdeckt.
"Da gehen sie!", rief einer von denen.
Unter dem Steingewölbe durchsuchte Michel ganz verzweifelt seinen Schulterbeutel. Er zog eine Kerze heraus und zündete Sie mit einem Feuerstein an. Licht war hier unentbehrlich, und mit seiner kostbaren Last auf dem Rücken, schritt er durch die Höhle, die zu einem unterirdischen Tunnelgeflecht führte.
"Verdammt noch mal, die Flamme geht aus", fluchte er, "ich bin zu schnell gelaufen." Er bekam die Kerze wieder an und setzte seinen Weg fort. Hinter ihm ertönte plötzlich ein Geschrei.
Grundgütiger, die sind schon da, jetzt ist es wohl aus mit uns, dachte er sich. Die Verfolger drangen in die Höhle ein und das Gebell der Hunde klang nun Angst einflößend verzerrt. Die Tiere wurden desorientiert und einige hatten sogar Schwierigkeiten, die Spur zu verfolgen. Die Hasser ließen sich allerdings davon nicht ablenken und teilten sich wieder auf. Es gab nur eine begrenzte Anzahl von Gängen, wusste einer von ihnen. Aufgeteilt in verschiedene Gruppen, verfolgten sie ihren Weg.
Nostradamus hörte sie näher kommen und versuchte, so wenig Geräusche wie nur möglich zu machen. Irgendwann entdeckte er einen Tunnel mit Grundwasser, der seine einzige Chance war, die Hunde abzuschütteln. Hier würden sie seine Spur endgültig verlieren. Der Vater fühlte, ob seine Tochter noch immer fest auf seinen Rücken gebunden war und begann dann, den Tunnel zu durchwaten. Obschon sie erst zwei Jahre alt war, verstand Isabelle den Ernst der Lage und verhielt sich mucksmäuschenstill. Der Wasserspiegel begann allmählich besorgniserregend anzusteigen und seine Mitbürger waren ihm bereits auf den Fersen. Der Vater befürchtete das Schlimmste und floh verzweifelt weiter. Das Grundwasser reichte ihm nun bis zur Taille und seine Tochter zitterte vor Kälte. Es ist aus und vorbei, wehklagte er in Gedanken; nur noch ein paar Minuten, dann muss ich Isabelle von meinem Rücken nehmen. Das Wasser stand schon an ihren Lippen.
Vielleicht sollte ich einfach aufgeben, überlegte er noch. Vielleicht lassen sie ja mein Mädchen am Leben. Aber wer würde sie dann großziehen? Niemand will ein Kind von einem Magier, dessen Familie an der Pest gestorben war. Und schon gar nicht nach derartigen Anschuldigungen meiner Schwiegereltern. Verzweifelt watete er weiter. Auf einmal verlor er den Boden unter seinen Füssen und war gezwungen zu schwimmen. Michel schickte ein Stoßgebet zum Himmel, während die erloschene Kerze auf den Grund sank.
Möge der Herr mit uns sein… Aber geben diese Bastarde denn niemals auf?
Er schwamm einem ungewissen schwarzen Loch entgegen und schlug dabei mit dem Kopf gegen die Decke. Wunder über Wunder, sie waren beide noch am atmen und die Wände begannen, langsam weiter zu werden. Es entstand mehr Bewegungsfreiheit und mit großen Bewegungen schwamm er weiter in diesem unterirdischen See.
Niemand der uns verfolgt, stellte er mit den Armen rudernd fest. Irgendwann spürte er wieder Grund unter seinen Füßen und mit einiger Schwierigkeit stapfte er einen rutschigen Hang hinauf.
"Ich glaube wir schaffen es, Isabelle", flüsterte er hoffnungsvoll. Bis auf die Knochen durchnässt, erreichten sie das Ufer, wo er noch lange seine Ohren gespitzt hielt. Es schien, als ob die Bösewichter die Verfolgung endlich aufgegeben haben. Jedenfalls war noch immer nichts zu hören. Nach einer kurzen Verschnaufpause holte er eine neue Kerze aus der Tasche und zündete den feuchten Docht an. Eine riesige Grotte mit unzähligen Höhlen und Gängen wurde vom Kerzenschein beleuchtet und Michel beeilte sich, einen Weg zu finden. Der Kalkfelsen war durch jahrhundertlange Niederschläge ausgewaschen und hatte sich in ein Labyrinth verwandelt.
Diese Höhle könnte gut und gerne Millionen von Jahren alt sein, dachte er und entdeckt zu seiner Verwunderung Wände, bemalt mit fabelhaften Zeichnungen von lebendig aussehenden Tieren.
"Wir sind hier nicht die Ersten, Isabelle", und traute seinen Augen nicht.
Trabende Pferde und stramme Hirsche gezeichnet in Schwarz, Rot und Gelb schienen regelrecht einem von den Wänden entgegen zu springen. Die rätselhaften Bilder waren voller Aktivität und Bewegung. Neben einem runden Gewölbe, schaute ein purpurnes Fohlen mit schwarzer Mähne ihn eindringlich an und eine weiße Kuh sprang verspielt über die Gewölbedecke. Etwas weiter, in einer Galerie von springenden und fallenden Figuren, war eine vom Pfeil getroffene, trächtige Stute zu sehen. Es erinnerte ihn unheimlich an Yolande und er musste sich schnell wegdrehen.
"Prähistorische Zeichnungen!", murmelte er, am Ende seines Lateins angekommen, und suchte nun nach einem geeigneten Platz zum Übernachten.
"Hatschie", nieste Isabelle unerwartet und echote durch die Höhle.
Hoffentlich hat das niemand gehört, dachte der Vater erschrocken, nahm seine Tochter von seinem Rücken herunter und legte sie in eine Vertiefung im Boden. Unsere Kleidung muss von alleine trocknen, beschloss er und betastete seine Jacke. Er löschte die Kerze und sie schliefen erschöpft ein. Kurze Zeit später erwachte Michel und spürte, wie die Steine unter ihm gegen seine Rippen drückten. Isabelle schlief noch.
"Leider ist es kein Alptraum", seufzte er. Er tastete nach der letzten Kerze und zündete sie an. Er entdeckte eine Felswand an der Wasser hinunter rann und fing es mit einem Becher auf. Sein kleines Mädchen erwachte kurze Zeit später und er gab ihr etwas davon zu trinken. In der Tasche fand er auch noch etwas Brot und getrocknetes Fleisch, mit dem sie den Hunger vorübergehend stillen konnten. Ihre Kleidung war etwas trockener geworden; es war Zeit, nach einem Weg ins Freie zu suchen. Er band sein Kind wieder auf seinen Rücken und machte sich auf die Suche nach Licht. Nach einer Stunde hatten sie noch immer keinen Ausgang gefunden und die letzte Kerze wurde alarmierend klein. Sie irrten umher, als plötzlich die Flamme sich nach einer Seite neigte. In hoffnungsvoller Erwartung lief der Vater dem Windhauch entgegen und entdeckte schließlich einen Sonnenstrahl, der durch eine Öffnung in der Deckenwand herein schien. Er konnte die blaue Luft wahrnehmen. Es war eine Offenbarung, nach dieser lange währenden Dunkelheit. Ich kann mich hier an nichts hochziehen, ging es ihm durch den Kopf, als er die steilen Wände begutachtete.
"Jetzt mal langsam…", und holte ein Messer aus seiner Tasche, mit dem er Hand- und Fußstützen herausschnitzen wollte. Die Kalksteinwände waren weich genug dafür und es glückte ihm recht gut. Als die Arbeit getan war, hisste er sich, mit Isabelle an seinem Hals hängend, vorsichtig an den ausgeschnitzten Stützen hinauf. Nach einer übermenschlichen Anstrengung erreichte er die Öffnung und streckte, flach an die Wand gedrückt, seine Hand nach draußen. Die Sonne schien darauf.
Der Stern, der alles sichtbar macht, dachte er demütig. Nachdem er die Öffnung vergrößert hatte, kroch er hinaus auf eine mit Gras bewachsene Ebene, wo er die Umgebung wie ein Adler sogleich erkundete. Es war kein Mensch zu sehen, und er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
"Isabelle, wir haben es geschafft, das Leid ist vorüber", und er nahm seine Tochter von seinem Rücken. Das Mädchen stand endlich wieder auf ihren eigenen Beinchen und streunte in der Landschaft umher, wo weit und breit kein Haus zu sehen war.
"Wir müssen uns etwas sauber machen, Kleines", sagte der Vater, der vermutete, dass es weiter oben, zwischen den Hügeln, ein Flüsschen geben könnte. Er setzte Isabelle auf seine Schultern und nach einem kurzen Spaziergang erreichten sie ein Tal, durch das ein Bächlein floss. Das Wasser sah sauber aus und sie nahmen einen Schluck davon. Anschließen zogen sie ihre Schuhe aus, und planschten mit ihren nackten Füßen in dem klaren Wasser herum. Nach dieser Erfrischung, gab Michel seiner Tochter ein Stück Brot aus der Tasche, in der sich zudem noch ein kleines Vermögen befand. Über dreihundert Francs - die Mitgift der De Vaudemonts. Damit sollten wir die nächsten paar Jahre gut um die Runden kommen, schätzte er und überlegte sich seine nächsten Schritte. Zurück nach Agen kam erst gar nicht in Frage. Sie würden erst einmal die Gegend zu Fuß verlassen und dann hoffentlich mit einer Kutsche weiter nach St. Rémy fahren. Das war der Plan.
In einiger Entferndung entdeckten sie Pflaumenbäume und rannten freudig auf sie zu. Die bis zum Boden herabhängenden Zweige ermöglichten es ihnen, die reifen Früchte mühelos abzupflücken. Nachdem sie ihre Bäuche gefüllt hatten, konnten sie, sich von der Kräfte verzehrenden Hetzjagd erholen. Isabelle juchzte sogar schon wieder vor Freude, als ein Schmetterling vor ihren Augen vorbei flatterte. Wahrlich, das Leben geht wie gewohnt weiter, konstatierte der Vater wehmütig. Vielleicht wird sie mein Leben tatsächlich lebenswert machen…
An diesem Tag marschierten sie über Hügel und Täler und bei Sonnenuntergang entdeckten sie ein kleines, zerfallenes Steinhaus, das verborgen in einem Waldstück lag. Der Stall schien verlassen zu sein und so suchten sie sich dort ein sicheres Plätzchen. Hier würden sie die Nacht sicher verbringen können. Die Asche eines längst erloschenen Feuers ließen ihn vermuten, dass sie von Jägern stammte. Nachdem sie etwas getrocknetes Fleisch und noch mehr Pflaumen gegessen hatten, war es Zeit zu schlafen. Der Vater schmiegte sich an seine Tochter hin, um sie vor dem Wind, der durch die Ruine wehte, zu schützen.
Mitten in der Nacht wurde der Wind noch heftiger und pfiff durch sämtliche Ritzen. Nostradamus, der davon aufwachte, prüfte sofort, ob sein kleines Mädchen noch neben ihm lag und schlief danach sofort wieder ein.
Spät am Morgen wurde er von einer Elster geweckt, die er auf dem Dach singen hörte. Seine Tochter hingegen hatte noch keinen Ton von sich gegeben.
"Isabelle", flüsterte er und berührte sie dabei.
Warum war sie so still? Mit einer beklemmenden Vorahnung beugte er sich über sie.
"Um Gotteswillen, nein!", schrie er als er mit größtem Entsetzen die schwarzen Flecken auf dem zarten Kindergesichtchen sah. Seine Schreie weckten Isabelle, worauf sie ihre Augen öffnete und zu verstehen gab, dass sie sich nicht wohl fühlte. Diese Konfrontation mit der Pest überstieg seine Kräfte. Irgendetwas zerbrach in diesem Augenblick in ihm und wie benommen hielt er seine Tochter fest. Tags darauf starb sie und mit ihr starb auch seine Motivation, am Leben zu bleiben. Er saß nur da und starrte in die Luft, während es in seinem Kopf zu spuken begann.

"Lasst die beiden zusammen; der eine kann ohne den anderen sowieso nicht existieren", ordnete der französische Offizier an. Das unzertrennliche Paar, Bruno und Yves, schleppten mit großer Mühe die schwere Kanone auf ihrer Lafette durch den Schlamm an die Front. Der viele Regen verwandelte den staubigen Boden in braunen Matsch und ihre blauen Uniformen wurden bei dieser Arbeit völlig verdreckt.
"Zieh nach links, du Esel!", bellte Bruno seinen Kompagnon an.
"Ich dachte, dass die Arbeit sich mit deiner schieren Geisteskraft von alleine erledigen würde", stöhnte Yves. Schließlich und endlich hatten sie es geschafft, die Kanone am richtigen Fleck zu platzieren. Und während Bruno damit beschäftig war das Schießpulver hineinzustopfen, schob Yves die Kanonenkugel vorne in den Lauf. Der Trick dabei war, das Projektil direkt vor dem Feind einschlagen zu lassen, so, dass sie die Linien in Mannshöhe durchbrachen. Die gesamte Artillerie wurde in Stellung gebracht und Marschall Ney stand parat, um das Signal zum Angriff zu geben.
"Feuer!" befahl er. Die französischen Kanonen donnerten und die alliierten Brigaden erlitten beachtliche Verluste. Während vier ihrer Divisionen zum Mont Saint Jean marschierten, beobachteten die Artilleristen den Verlauf der Schlacht von Waterloo*. Zwei feindliche Kavallerie-Brigaden ritten unerwartet in die marschierenden französischen Soldaten, die sich dann Hals über Kopf zurückziehen mussten. Nun hieß es alle Mann zupacken, denn die Kanonen mussten so schnell wie möglich wieder geladen werden.
"Mach schon, Yves, wirf die Kugel rein!" Der gesamte Vorrat an Munition war zwar im Handumdrehen aufgebraucht worden, aber dafür hatten die Engländer ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Als Trompeten den Angriff verkündeten, galoppierten die französischen Reiter durch den Morast, um den Alliierten den finalen Schlag zu verpassen. Urplötzlich preschten Tausende von Preußen aus dem Wald heraus, um den anderen zur Hilfe zu kommen und dabei stampften die Männer sie in Grund und Boden. Um ihre Leben zu retten, krochen Bruno und Yves unter ihre eherne Kanone und legten inmitten dieses Wirrwarrs ihre Gewehre an.
"Ich wünschte, wir wären noch immer in der Provence", sagte Yves verträumt, als einige ihrer Offiziere, noch mit dem Säbel in der Hand, vor ihren Augen krepierten. Bruno bekam nicht mehr die Chance, darauf zu antworte, denn er wurde zur selben Zeit von einer feindlichen Kanonenkugel getroffen. Seine Arme und Beine wurden durch die Luft geschleudert, nur der Kopf blieb neben seinem Kumpel liegen.

Aufgeschreckt sprang Nostradamus in die Wirklichkeit zurück. Nach all diesen grausamen Traumbildern, sah er den zum Teil verfaulten Körper seiner Tochter neben ihm liegen, um den bereits die Fliegen schwirrten.
"Verschwindet!" kreischte er wie ein Verrückter und fuchtelte mit seinen Armen, um sie zu vertreiben. Der wirr gewordene Vater stand auf, nahm die Überreste seiner Tochter und begrub sie auf dem offenen Feld.
"Ruhe in Frieden, mein kleines Mädchen", sagte er, etwas zur Ruhe gekommen. "Leider wurde dir nur ein kurzes Leben beschieden - es musste wohl so sein. Jetzt muss ich Abschied von dir nehmen und dich alleine lassen. Das Leben geht weiter."
Nachdem er ein aus Zweigen gemachtes Kreuz auf das kleine Grab gesteckt hatte, nahm er seinen Beutel und ging los. Nach ein paar Schritten drehte er sich nochmals um und blickte zum letzten Mal auf das Grab. Von da an wanderte der verstoßene Arzt ziellos umher.









Kapitel 4


PAU, NAY, LORON wird mehr Feuer als Blut sein,
Lob schwimmen, Großes rinnt zu den Erhebungen ,
den Pferdeknechten wird der Eintritt verweigert,
Pampon, Durance wird sie eingeschlossen halten.

An der Vordertür der Herberge, irgendwo hoch in den Pyrenäen, wurde spät nachts unerwartet angeklopft. Der Besitzer öffnete widerwillig und war schockiert beim Anblick der grausigen Gestalt vor seiner Tür. Der unheimliche Besucher trug ein verschmutztes, schwarzes Cape mit einer Kapuze und einen verwilderten Bart. Sein Blick war böse, und sein Gesicht glich gegerbtem Leder.
"Eh, wir haben geschlossen", sagte der Wirt erschrocken.
"Warum ist dann die Türe offen", entgegnete der Fremde, der ihm einen Franken gab und widerspenstig hineinging. "Ich möchte einige Tage hier bleiben", fuhr der Reisende fort. Ein Widerspruch war sinnlos.
"Ich glaube, dass noch eine Kammer frei ist, " stammelte der Vermieter, "doch darf ich fragen, wie Sie heißen?"
"Sie können mich Discute nennen", antwortete er und woraufhin ihm dann der Eigentümer seine Kammer zeigte.
"Ich würde gerne noch etwas essen und trinken, bevor ich schlafen gehe", ließ sein Gast ihn wissen, und drückte wieder einen Franc in seine Hand.
Er geht recht großzügig mit seinem Geld um, dachte der Gastgeber geldgierig und stellte flugs einen Krug Bier auf den Tisch, bevor er in die Küche eilte, um ihm ein Essen zu kochen. Kurze Zeit darauf servierte er dem seltsamen Kerl einen heißen Brei. Der sich unbehaglich fühlende Vermieter wollte zwar lieber ins Bett gehen, blieb aber zur Sicherheit noch bei seinem Gast.
"Monsieur Discute, haben sie den prächtigen Himmel gesehen? Sogar hier in den Bergen kann man nur sehr selten so viele Sterne am Firmament beobachten."
"Nein, das ist mir entgangen", antwortete sein Gast und aß gleichmütig weiter.
"Man kann sogar den Planeten Mars sehen", fuhr der Besitzer fort.
"Mit dem bloßen Auge?"
"Wie sonst?"
"Mit einem Schauglas!", erklärte der Fremde, der sich seinen Mund abwischte und einen Schluck Bier trank.
"Noch nie davon gehört", stammelte der Besitzer.
"Ich hatte einmal eines", behauptete sein Gast, der seinen Teller leer hatte und nun Anstalten machte, schlafen zu gehen.
"Nun denn, gute Nacht, und vergebt mir, dass ich Ihnen zuvor den Zutritt verwehrt habe", sagte der Wirt, der ihn endlich alleine lassen konnte.
Der Besucher betrat seine Kammer und hängte seinen Umhang an einen Haken. Danach ging er mit schwerem Schritt ans Fenster, öffnete die Fensterläden und sah hinauf zu dem ungewöhnlich klaren Nachthimmel. Mars war tatsächlich mit dem bloßen Auge erkennbar.
Menschen kommen und gehen, doch Sterne und Planeten bleiben allzeit bestehen, dachte er, während er zur funkelnden Spica hinaufschaute. Es ist lange her, Opa, dass wir zusammen den Himmel betrachteten.
Michel nahm seine Börse aus dem Halter, verstaute es sicher unter seinem Kopfkissen und legte sich in das muffige Bett.
Morgen werde ich in die Berge gehen, dachte er und starrte zum Fenster hinaus. Eine Weile später kam der wachsende Mond in Sicht und der wandernde Arzt betrachtete den Planeten, der für mütterliche Gefühle und Unsicherheit stand. Der Mond wurde immer größer und es hatte den Anschein, als ob er das Zentrum der Aufmerksamkeit sein wollte. Michel fiel langsam in Trance. Allmählich wurde es überall weiß um ihn herum und wo immer er auch hinsah, der Mond war da. Plötzlich wurde ihm klar, dass er sich nicht mehr länger im Bett befand, sondern im Raum schwebte. Er drehte sich um und suchte nach der vertrauten Erde, doch diese war weit weg. Wegen der großen Leere um ihn herum, geriet er in Panik, fiel jedoch mit einem Plumps wieder auf sein Bett. Gebadet in Angstschweiß begriff er, dass er eine außerkörperliche Erfahrung durchgemacht hatte; eine unangenehme obendrein. Ich werde wohl noch eine Weile auf dieser Erde bleiben müssen, dachte er.
Als er am nächste Morgen in die klare Luft hinausging, hatte er zu seiner Verblüffung eine unglaubliche Erkenntnis, dass es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Auf einen Schlag war die ganze Welt offen und nackt; die dünne Bergluft war nun geschwängert mit Vorstellungen, aus denen sich die materielle Welt zusammensetzte. Die Ideen wurden wieder aus dem zum Stillstand gekommenen Staub geboren, und in beiden Sphären war die Zeit ein räumliches Phänomen geworden. Es war eine wundersam gegenseitige Schöpfung. Darüber hinaus hatten zahlreiche Ursachen und Folgen sich ihm derart offenbart, dass er wegen der vielen Impulse wie einen Betrunkener über den Bergpfad schwankte. Es schien, dass sein kausaler Körper zweckgerecht geworden war.
Bevor der Mond voll ist, wird dein schlummerndes Wissen erwachen, aber vorher wird die Pest dich zur Selbsterkenntnis bringen, erinnerte er sich an die Worte von Hermes.
Aber das bedeutet ja, dass meine Familie für mich geopfert wurde, schoss es ihm durch den Kopf. Ist es das, was sie mit der nackten Wahrheit meinen: Wahrheit, die für einen Menschen nicht erträglich ist? Diese schreckliche Erkenntnis ließ ihn vor Schmerzen krümmen.
"Hat Gott denn gar kein Mitleid", jammerte er. Und wenn meine Familie nur eine Schachfigur in diesem Spiel war, was bin dann ich? Dann sind wir ja alle nur Marionetten in einem großen Spiel. Es waren einschneidende Einsichten und einen Augenblick lang, hegte er einen enormen Groll gegen den allmächtigen Schöpfer.
Aber wer bin ich schon, um Ihn zu hassen, kam er schnell zur Einsicht. Ich bin lediglich ein unwichtiges Glied in der Kette und ließ damit seinen Hass wieder verfliegen.
Ich werde meine Rolle spielen und die Spreu vom Weizen trennen lassen, nahm er sich hoch und heilig vor und entschlossen erklomm der wiedergeborene Seher den Berggipfel.
Der flüchtige Strom an Informationen, der sich ständig in der Natur veränderten, war für seinen sechsten Sinn einfach überwältigend und noch kaum in den Griff zu bekommen. Er ließ ihm einfach seinen Lauf, drehte sich auf einem Felsen um und betrachtete die herrliche Landschaft, die sich nördlich der Stadt Pau erstreckte, schnappte aber erneut einen Informationsfetzen auf: Pau, Nay, Loron - mehr Feuer als Blut. Pampon und Durance halten das Ausmaß gefangen. Das Rätsel wurde leider von neuen Symbolen und Bildern unterbrochen, die ihn wanken ließen.
Ich muss nur lernen wieder zu gehen, stellte er verwundert fest.
Tags darauf verließ Nostradamus die Pyrenäen und reiste in die Stadt Pau, um im dortigen Gemeindehaus nach den Namen Pampon und Durance zu fragen. Ein Gemeindebeamter empfing ihn in seinem Arbeitszimmer, wo der verwahrloste Arzt ihm vorsorglich seinen Doktortitel zeigte.
"Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen bei Ihrer Suche nicht helfen", sagte der Beamte. "Vielleicht hat ja der Bürgermeister von diesen Namen gehört. Warten Sie einen Augenblick dort drüben."
Michel setzte sich in der Empfangshalle, wo jemand dabei war, eine Tonbüste zu machen. Aus der Entfernung verfolgte er den kreativen Prozess, doch bald schon schlurfte er zu dem Künstler hinüber, um mit ihm einen Plausch zu machen.
"Was wird es werden?", fragte er.
"Die Heilige Jungfrau Maria", antwortete der Mann leidenschaftslos.
"Und worin wird es gegossen?"
"Bronze."
Michel setzte sich wieder auf die Wartebank und nach einer Weile begann er, sich über die pflichtbewusste Ausführung der Marienstatue zu ärgern. Schließlich stand er rastlos auf und ging nochmals hinüber.
"Es scheint eher der Teufel zu werden, als die Heilige Jungfrau Maria", nörgelte er. Der Arbeiter reagierte wie ein getretener Hund.
"Ich werde Ihren Kommentar melden müssen", bellte er. Doch die Zänkerei ließ Michel kalt.
Endlich zeigte sich der Bürgermeister und bat den unbekannten Gelehrten in seine Amtsstube.
"Pampon und Durance", sagte er tief nachdenkend, "der Letztere ist der des gleichnamigen Flusses. Jedoch muss ich da in den Archiven nachsehen. Kommen Sie nächste Woche wieder. Da werde ich wahrscheinlich mehr Informationen für Sie haben."
In dieser Woche wurde er in der Stadthalle plötzlich an seinem Kragen gepackt, weil ihn die kirchlichen Autoritäten der Gotteslästerung beschuldigten. Nostradamus musste vor Gericht erscheinen. Im Gerichtssaal gab er zu, dass er diese kritisierende Bemerkung gegenüber dem Arbeiter machte, er verteidigte sich jedoch mit der Tatsache, dass er etwas über seine Unwissenheit gesagt hatte und nicht über die Jungfrau Maria selbst.
"Haben Sie einen Zeugen?", fragte der Richter.
"Nein, leider nicht."
"Dann ist Ihre Aussage nicht überzeugend. Hiermit verurteile ich Sie zu einer Woche Aufenthalt im Gefängnis von Nay. Und damit kommen Sie noch gut weg."
Michel wurde in Handschellen abgeführt. Wie sich herausstellte, befand sich das Untersuchungsgefängnis mitten im Umbau, was zur Folge hatte, dass der verurteilte Mann deshalb ins Gefängnis nach Loron überstellt wurde.
"Ich habe noch nie zuvor einen Wissenschaftler hinter Schloss und Riegel gebracht", sagte der Wärter.
"Sie geben mir besser etwas Wasser und Brot, bevor ich ausbreche", entgegnete Michel lakonisch. Der Wärter musste lachten.
"In drei Tagen wird Pampon hier sein, um mich zu entlassen. Ich werde Ihren Humor vermissen."
"Humor ist gerade nicht meine Stärke, doch darf ich erfahren wie Sie heißen?"
"Durance!"
Nach seiner Entlassung wanderte der verbannte Gelehrte irgendwo in Charente mutterseelenallein in einem Wald umher und sinnierte über die Symbolik der Botschaften, die ihm immer von oben zufallen.
Was wäre, wenn ich die Information mit Astrologie kombiniere, dachte er. Dann sollte ich imstande sein, das Datum der Vorhersagen innerhalb ein oder zwei Tagen akkurat vorauszusagen. Gerade als er dabei war, seine ausgebeulten Hosen hochzuziehen, erzählte ihm eine Birke, dass eine ihrer Artgenossen dabei war, umzufallen. Wachsam setzte er einen Fuß vor den anderen, als ein Kastanienbaum umstürzte und direkt vor ihm auf den Weg krachte.
Vereitelung, stellte der Sonderling idiotisch fest. Nachdem er dieses Hindernis genommen hatte, dachte er über die Vorhersage, die eingetroffen war, nach, argumentierte mit sich selbst über seine Reinheit und verglich sie mit vorangegangenen Fällen.
Kurzfristige Prophezeiungen weisen gröbere Energien auf, entdeckte er. Doch um die vage Symbolik zu ergründen, benötige ich mehr Wissen über die Bedeutsamkeit. Welch ein Jammer, dass ich die luziden Träume meiner Jugend nicht festgehalten habe. Künftig würde er jede Vorhersage in einem Tagebuch aufschreiben und von Zeit zu Zeit Verbindungen herstellen.
Nach einigem Herumwandern vernahm er von einem Handelsreisenden, dass das Kloster in der Küstenstadt Fécamp in der Normandie komfortable Gästehäuser hatte. Die Mönche dort waren anscheinend sehr barmherzig; ein geeigneter Ort, um sich für eine Weile zurückzuziehen. Er beschloss, diesen Empfehlungen zu folgen und trat in das Kloster ein, das sich unterhalb der Kreidefelsen lag. Hier herrschte der Benediktinerorden, der den Regeln der geistigen Führer schon seit dem vierten Jahrhundert n. Chr. folgten. Demonstrativ warf Nostradamus seinen Kleidersack auf den Boden und Bruder Mabillon ging auf ihn zu und fragte, wie er ihm zu Diensten sein könne.
"Ich würde gerne eine Weile hier bleiben", gab der Besucher an, während eine Gruppe von Mönchen in schwarzen Kutten äußerst langsam an ihm vorbei ging.
"Das ist möglich. Wir erwarten jedoch, dass sich unsere Gäste strikt an unsere Regeln halten. In anderen Worten: Gemeinsam mit uns schlafen, essen und arbeiten."
"Das ist gut so, denn ich benötige dringend eine Regelmäßigkeit", antwortete Michel unverblümt.
"Glaub ja nicht, dass es leicht sein wird", bemerkte der Mönch. "Es wird von jedem erwartet, von sieben Uhr morgens bis halb acht Uhr abends hart zu arbeiten. Danach hat noch jeder der Vorlesung beizuwohnen. Und zu jeder vollen Stunde wird ein kurzes Gebet gesprochen. Und das ganze sieben Tage die Woche. Ach ja, das Frühstück gibt es um sechs Uhr früh."
"Ausgezeichnet!"
"Es gibt einige Leerläufe im Tagesablauf, die eigenständig überbrückt werden können", fuhr der Mönch fort.
Nachdem Benoit Mabillon ihm eine Kammer zugewiesen hatte, sangen sie gemeinsam die Mittagsmesse. Spät am Abend gab es noch eine Stunde Freizeit und Michel lernte die andere Seite von Mabillon kennen. Benoit entpuppte sich als ein lustiger Mönch mit rebellischen Tendenzen.
"Unser Führer Benediktus mied allen weltlichen Reichtum und sämtliche Verlockungen", plauderte er. "Wir natürlich auch, aber du solltest wirklich einmal mein Kräutergebräu probieren, zu der eine gute Portion Alkohol hinzugefügt wurde."
"Ich kann warten…"
Als sie kurze Zeit später sein Quartier erreichten, schenkte ihm der vergnügte Benediktiner etwas von seinem hausgemachten Gebräu ein.
"Nicht schlecht", befand sein Gast, nachdem er es hinuntergekippt hatte.
"Das denke ich auch. Ich habe siebenundzwanzig verschiedene Kräuter aus aller Welt darin verarbeitet", sagte Benoit stolz.
"Es ist ein kräftiger Aufguss und ich will gern von Ihnen lernen. Vielleicht kann ich später diese Kräuterkenntnisse zur Bekämpfung von Krankheiten verwenden."
"Kein Problem. Am Morgen nach der Vesper kannst du einen Blick in meine Kräuterküche werfen. Wir beten für die ganze Welt und nicht nur für uns selbst. So soll auch in gleicher Weise unser Wissen geteilt werden."
Allmählich lehrte Benoit seinem Freund Kräuter zu erkennen und zu verarbeiten, und dieser wiederum half, ihm beim Ergründen der alten Schreibweisen.
"Sieh, hier ist eine Schrift über Astrologie, dein Gebiet", sagte Benoit als sie gemeinsam eine Bücherkollektion durchstöberten.
Der Kontakt zu dem warmherzigen Mönch war gerade im richtigen Augenblick entstanden. Nach einer erbärmlichen Zeit in seinem Leben, baute der Arzt wieder auf. Er nahm sich vor, sich bis nach dem Winter an die starren Klosterregeln zu halten.
Während einer freien Mittagsstunde saß er hoch oben auf den Klippen und starrte auf den Horizont des Atlantiks. Die englische Küste war nicht weit weg. Er wusste, dass dort irgendwo die faszinierende Stadt London sein würde. Man konnte außer Wellen, die stetig in die Richtung der Straße von Dover drifteten, nichts sehen. Kreischende Möwen erhielten seine gesamte Aufmerksamkeit. Sie flogen auf die Fischerboote zu, die ihre Netze eingezogen hatten. Plötzlich wehte dem Betrachter eine Vision aus England zu. Ein trauriges Ereignis würde über die Insel kommen. Aber was? Er wusste es noch nicht. In einer von Benoit ausgeliehenen Schrift überprüfte er dazu die astrologischen Tabellen.
Der heutige Stand der Sterne und Planeten wird sich nicht bis 1666 wiederholen, berechnete er, während der Wind die Seiten flattern ließ. Mit der Feder in der Hand, reflektierte er nochmals die kommende, jedoch noch immer unklare, Katastrophe.
Ich werde mir noch die richtigen Messinstrumente anschaffen müssen, denn die Zeitberechnungen haben einfach eine zu große Spanne. Danach schrieb er die Konzepte und Berechnungen in verschlüsseltem Code. Wenn das unverschlüsselt in die Hände der vermaledeiten Glaubensrichter fällt, bin ich der Dumme. Soviel habe ich bereits gelernt. In dieser Nacht ging er zufrieden ins Bett.
Rechtzeitig vor Beginn des Lobens wurde er unsanft aus dem Schlaf gerissen. Zumindest dachte er das.
"Feuer!", schrie jemand und dicke Rauchwolken zogen durch seinen Raum.
Michel, der vor lauter Schreck aus dem Bett gefallen war sah zu, dass er wegkam und rannte die Treppe hinunter. Das Erdgeschoss stand bereits in Flammen und es schien schier unmöglich, das Feuer zu löschen.
"Isabelle, wo bist du?", rief er verstört, doch dann dämmerte es ihm, dass seine Tochter ja nicht mehr am Leben war.
Im Erdgeschoss war durch den dichten Qualm ein zerborstener, steinerner Ofen zu sehen. Er war weiß vor Hitze. Überall lagen zerplatze Mehlsäcke herum.
Dies ist kein Kloster, sondern eine Bäckerei, realisierte er. Ich träume! Riesige Flammen schlugen plötzlich in seine Richtung und unterbrachen seinen lichten Gedankengang. Noch während er davonrannte, nahm er sein automatisches Verhalten wahr und wunderte sich, ob der Traumkörper ebenso verbrennen könnte. Mutig kehrte er um und hielt seine Hand ins Feuer.
"Au!", schrie er unter Schmerzen und floh hinaus ins Freie. "Das muss doch ein Traum sein", sprach er zu sich.
Nostradamus beobachtete aus sicherer Entfernung, wie das gewaltige Flammenmeer auf die benachbarten Gebäude übersprang. Er fragte sich, in welcher Stadt er da wohl gelandet war. Gegenüber der Bäckerei konnte er eine imposante Brücke erkennen, die er von Zeichnungen her zu kennen glaubte. Es war die Tower Bridge in London.
"Steh nicht so nichtsnutzig herum! Hilf lieber!", rief plötzlich ein Engländer.
Ich verstehe ihn mühelos, dachte Michel überrascht. Ich vermute, dass in Träumen die Sprache des Herzens gesprochen wird.
Doch der französische Beobachter hatte keinerlei Absicht zu helfen. Er war ein Zeitreisender, kein Londoner. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus und griff auf die am Ufer eng aneinander stehenden, hölzernen Häuser über, in denen leicht brennbare Dinge gelagert wurden. Feuerwehrleute eilten herbei, doch das bereits zerstörte Wasserrad an der Brücke hatte die Wasserzufuhr unterbrochen. Der Brand konnte nicht besiegt werden. Der nicht ablassende Wind trieb das Feuer nur noch tiefer in die Stadt hinein; die am Ufer sich befindlichen Stadtteile wurden überflutet. Der kontinentale Träumer wanderte hinter dem Flammenmeer zum Stadtzentrum, wo auch die feinen Viertel bedroht waren. Feuerwehrmänner fingen aufgrund des Wassermangels damit an, eng beieinander stehende Häuser abzureißen, um ein überspringen der Flammen zu verhindern. Schließlich war mehr als die Hälfte der Stadt den Flammen zum Opfer gefallen und sogar die prachtvolle Saint Pauls-Kathedrale musste dran glauben. Irgendwann legte sich der Wind allmählich und der größte Brand seit Menschengedenken ging langsam aus. Das alte Zentrum in London* war abgebrannt.
Ein Jahr später in Strassburg. Es regnete seit Tagen Katzen und Hunde, als der noch immer umherwandernde Nostradamus in ein Wirtshaus eintrat, in dem Volkslieder gespielt wurden. Arbeiter schwenkten Bierkrüge zur Musik und sangen aus voller Kehle: "Das Herz gut angewärmt, die Augen tief im Bier, an der Theke zum 'Schwarzen Aar' mit meinem Freund Roro und meinem Freund, dem Sepp, wir trinken auf unsere zwanzig Jahr."
Der düstere Witwer konnte sich ein Lächeln beim Anblick der vielen fröhlichen, wenn auch betrunkenen, Gesichtern nicht unterdrücken. Die Musiker spielten auf unterschiedlichen Instrumenten. Zu hören waren ein Portativ, eine Flöte sowie eine Posaune. Beim darauf folgenden Kampflied kam auch noch ein Tamburin zum Einsatz.
"Freunde, lasst uns trinken", polterte jemand. Michel setzte sich an einen Tisch, an dem ordentlich getrunken wurde, und bestellte sich solidarisch einen Krug Bier. Ein neues Lied wurde angekündigt - 'Die durstigen Klänge'. Nach etwa einer Stunde änderte sich die Stimmung der Musik. Eine Geige brachte mit ihren berauschenden Klängen das Publikum allmählich ins schwärmen. Frauen des leichten Gewerbes betraten die Szene und verführten die männlichen Gäste. Mit verklärtem Blick sahen sie dabei zu, obschon Michel leidenschaftslos daneben saß. Es interessierte ihn kaum. Auf der anderen Seite des Lokals entdeckte er einen distinguierten Herrn, den er zu kennen glaubte. Der Grauhaarige, der ein Barett trug, war mit seinem Begleiter, einem jungen Edelmann, in ein Gespräch vertieft. Da ihre Gesichter in dem spärlichen Licht leider nur undeutlich zu erkennen waren, ging er neugierig auf sie zu. Als er näher kam, war er sich noch immer nicht sicher wer der alte Mann war, bis dass dieser ihn plötzlich ansah. Dann wusste er es sofort.
"Wünsche Sie etwas von mir?", fragte der Mann. Unter seinem Barett lugten gekämmte Locken hervor.
"Ich glaube, Sie sind Erasmus!", antwortete Michel. Der niederländische Gelehrte war angenehm überrascht.
"Wie schön, erkannt zu werden. Und wer sind Sie?"
"Ich bin Doktor Nostradamus." Wie komisch dachte er, der große Denker hatte eine kleine Piepsstimme.
Erasmus sah in nachdenklich an, doch konnte er sich nicht an ihn erinnern.
"Dies ist der Marquis De Florenville", stellte er seinen Begleiter vor.
"Setzen Sie sich, bitte", forderte der Marquis ihn auf. Nostradamus dankte und setzte sich.
"Ah, jetzt weiß ich es", rief Erasmus laut. Ich glaube, während einer meiner Reisen nach Italien, von Ihnen gehört zu haben. Sind Sie nicht der Arzt, der dem vorigen Papst das Leben rettete, indem Sie ihm anwiesen, sein Haus während dem Pestausbruch nicht zu verlassen?"
"Ja, das bin ich. Und ich durfte Ihr Porträt im Haus von Julius Scalinger bewundern."
"Oh, Scalinger", seufzte Erasmus. "Ich muss noch immer seinen Brief beantworten." Die Unterhaltung zwischen den beiden Gelehrten kam gerade zugange, als zwei Freudendamen zu ihnen an den Tisch kamen. Ihr Blick fiel auf den mürrischen Nostradamus und sie versuchten, ihn zu verführen. Die losen Frauen setzten sich rücksichtslos auf seine Knie und strichen ihm durch seinen Bart. Verwundert beobachteten die Zuschauer dieses augenfällige Zusammentreffen. Michels Tischgenossen waren ebenso neugierig darauf, wie dieser wohl reagieren würde.
"Sie scheinen anziehend zu sein", witzelte De Florenville, doch der einstmalige Pestbestreiter blickte starr geradeaus. Die Frauen küssten nun seine Stirn und drückten ihre Brüste provokant in sein Gesicht. Lediglich der Klang der Geige war noch zu hören, während alle gespannt auf ihren Stühlen saßen. Der geübte Asket hatte jedoch nicht die Absicht, sich der Fleischeslust hinzugeben und flüsterte ihnen in ihre Ohren. Danach rannten sie schreiend davon. Alle waren sprachlos und eine peinliche Stille lag über der zuvor ausgelassenen Gesellschaft. Der Wirt schaffte Abhilfe, indem er den Musikanten anschaffte zu spielen und somit die gesellige Stimmung wieder hergestellt worden war.
"Was, um Himmels Willen, haben Sie den Damen zugeflüstert?", fragten Erasmus und De Florenville neugierig.
"Dass Sie innerhalb einer Woche an einer berufsbedingten Krankheit sterben würden", antwortete der Tischgenosse trocken. Erasmus schüttelte sich vor Lachen.
"Nichts ist so pikant, als solche Dinge mit einem derart ernsten Gesichtsausdruck zu behandeln und keiner bemerkt, dass es ein Scherz war."
"Es war kein Scherz", erklärte Michel. Der Marquis reagierte schockiert und fand seine Bemerkung niveaulos.
"Als Arzt können Sie doch nicht so daherreden. Was Sie soeben sagten, war keine Diagnose, sondern ein Fluch."
"Es sind keine Verwünschungen, sondern Vorhersagen die eintreffen werden. Ich sage nur die Wahrheit", entgegnete der Seher.
"Für wahr, die christliche Doktrin verbietet solche Praktiken", schnappte De Florenville.
"Dann verweise ich auf die folgende Passage in der Bibel hin, Monsieur de Marquis! Bei Joel steht geschrieben, dass Gott gelobt, dass Menschen die Gabe der Prophezeiung und Vision empfangen. Bei Amos steht, dass Gott seine Entscheidungen den Propheten offenbart. Im Deuteronomium steht, dass Gott sämtliche Formen der praktizierender Okkulte verurteilt, mit Ausnahme der Astrologie. Im Hebräerbrief wird besagt, dass alles nackt und offen ist. Soll ich fortfahren, Monsieur de Marquis?" Der eingebildete Schnösel war still.
"Seit meiner Jugend sind mir Visionen offenbart worden. Deshalb habe ich auch Astrologie studiert", betonte Michel. Der Marquis hoffte ob dieser Prahlerei auf einige Kritik von seinem gelehrten Freund Erasmus, doch dieser blieb ungerührt.
"Ich kann darüber nichts sagen", teilte dieser mit. "Ich habe nicht die Gabe, die Zukunft vorauszusagen und kann deshalb nur über meine eigene Erfahrung sprechen." De Florenville starrte mit einem sauren Gesichtsausdruck nur gerade aus.
"Endlich jemand, der daran glaubt", murmelte der Arzt.
"Frauen haben deshalb eine Schwäche für den geistlichen Stand", sagte Erasmus, "weil sie bei zivilisierten Menschen gewöhnlich ein offenes Ohr finden und ihr Herz über ihre Ehemänner ausschütten können."
"Nun, ich werde den Frauen nicht jeden Gefallen tun, verstehen Sie", denunzierte Michel, "all das Geschwätz!"
"Die Damen unterschätzten sie. Sie sind zwar die Ausnahme der Regel, doch der Teufel ist längst nicht der böseste. Wo sind die Damen eigentlich?", fragte Erasmus. Die abtrünnigen Dirnen waren zurück und amüsierten sich wieder, allerdings kamen sie nicht mehr in die Nähe des säumigen Tisches.
"Die Narren sind glücklicher als die Weisen", fuhr der Humanist fort. "Denn ihr Glück kostet kaum etwas. Es bedarf nur einer einfachen Bemerkung, um sie glücklich zu machen, worauf sie dann ihr Glück mit unzähligen anderen teilen." Das Gesprächsthema wechselte sich. Der Rotterdamer Denker war bereits siebzig Jahre alt, ein beispielloses Alter, zumal das Durchschnittsalter bei fünfunddreißig lag. Er erzählte auch über seine Durchreise nach Basel.
"Sie sind also nur in Strassburg, um eine Verschnaufpause zu machen", mutmaßte Michel.
"Zum Teil", antwortete Erasmus. "Ich werde morgen Abend in der Stadthalle für mein gesamtes humanistisches Werk geehrt. Daher kenne ich auch Monsieur De Florenville, aus dem Kreis des humanistischen Gelehrten Jacob Wimpfeling, mit dem ich einige Gespräche geführt habe.
"Durch Wimpfelfing wurde Strassburg zu einem wichtigen Zentrum für die Buchkunst geworden", informierte De Florenville, der sich wieder am Gespräch beteiligte.
"Gewiss, und so haben wir uns auch kennen gelernt", stimmte Erasmus zu. "Seitdem stehen wir miteinander in Kontakt und wann immer ich in der Stadt bin, nimmt sich Monsieur De Florenville Zeit für mich." Die drei Tischgenossen unterhielten sich noch bis spät in den Abend hinein. Nachdem der Wirt sie auf die baldige Sperrstunde hingewiesen hatte, tranken die drei Männer ihren letzten Schluck Bier aus. Draußen, unter trockenem Himmel, nahem sie Abschied voneinander. Der steinalte Holländer gab noch zu verstehen, dass er den hellseherischen Arzt gerne wieder treffen würde.
"Die Chance ist sehr gering", sagte Michel, der voraussah, dass Erasmus diesen Sommer sterben würde. Er verstand den Fingerzeig, und mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, verabschiedeten sich die beiden voneinander mit einem herzlichen Händedruck. Überraschenderweise lud jedoch De Florenville seinen neuen Bekannten ein, einige Tage bei ihm im Schloss zu verbringen. Da Nostradamus gegenüber niemandem eine Verpflichtung hatte, nahm er die Einladung gerne an. Schließlich war er auf Erden, um das Leben zu erfahren.
Bereits eine Woche später, reiste Nostradamus würdevoll in einer Kutsche zum Château De Florenville in der Lorraine, eine Region in der Nähe von Strassburg. Erst nach langem suchen, fand der Kutscher das Ziel. Das Schloss lag versteckt in einem dunklen Wald. Am Pförtnerhaus, das sich am Eingang zum Anwesen befand, meldete er seine Ankunft. Ohne Fragen zu stellen, öffnete der Pförtner das hohe Tor und ließ den erwarteten Gelehrten auf den Vorhof fahren. Kurz darauf, kam das Schloss zwischen Bäumen zum Vorschein. Es befand sich auf einer Insel, die von Gräben umringt war. Die Kutsche überquerte eine Zugbrücke und kam vor den Treppen, die zum Schloss führten, zum Stillstand. De Florenville kam unverzüglich angelaufen.
"Ah, Doktor Nostradamus, wie schön, dass Sie gekommen sind", heuchelte er ihm vor. Offensichtlich nahm der Marquis es ihm noch immer übel, dass er ihn im Beisein von Erasmus so gedemütigt hatte.
"Sollen wir erst einen kleinen Spaziergang durch den Schlossgarten machen?", schlug er vor. Sein Gast, der sich nur allzu gerne die Beine vertreten wollte, stimmte dem zu. De Florenville, der alles tat, um den Anschein zu erwecken, es sei alles in bester Ordnung, führte ihn zu einem Labyrinth aus Buchenhecken.
"Sie wohnen hier sehr schön", sagte Michel. Noch während der Marquis ihm dankte, kam ihm ein hinterlistiger Plan in den Sinn; seine Gedanken wurden vom Wind getragen.
Ich werde den vermeintlichen Hellseher richtig aufs Korn nehmen, dachte er arglistig. In der Gegenwart meiner Gäste, werde ich ihn bloßstellen.
Die Männer spazierten durch das Labyrinth, in dessen Mitte eine kleine Statue von Marco Polo errichtet war und als Zielpunkt diente. Danach gingen Sie durch ein Drehkreuz und kamen in einen Garten, indem verschiedenartige Obstbäume wuchsen. Im Anschluss daran zeigte ihm De Florenville einen Garten, in dem allerlei exotische Pflanzen wuchsen. Daneben befand sich auch ein Pferch mit zwei Ferkeln. Ein schwarzes und ein weißes.
"Doktor Nostradamus", sprach der Gastgeber auf einmal sehr gewichtig, "Sie sind nach eigenen Worten ein Hellseher. Dann können Sie doch bestimmt vorhersagen, welches der beiden Schweine heute Abend serviert werden wird? Sie haben mein Wort dafür, dass ich dem Koch nichts darüber verraten werde." Es roch nach Täuschung und Arglist. Michel jedoch antwortete ohne zu zögern: "Wir werden heute beim Abendessen das schwarze essen, denn das weiße wird von einem Wolf gefressen werden."
Zurück beim Schloss, brach De Florenville sein Wort und ging schnurstracks zu seinem Koch und trug diesem auf, das weiße Schwein für das Abendessen zu schlachten. Dieser schlachtete das gewünschte Schwein und spießte es auf. Während er in der Küche beschäftigt war, rief er nach seinem Küchenjungen: "Grenouille, willst du mir ein paar Kräuter aus dem Garten holen?" Doch da Grenouille nicht antwortete, lief er hinaus, um selbst welche zu pflücken. Genau in diesem Moment, schlich sich ein wachsamer Wolf in die Küche und schnappte sich das weiße Schwein. Als der Koch bei seiner Rückkehr die Katastrophe entdeckte, wurde er vor lauten Schrecken ganz blass und beschloss, seinem Herrn nichts darüber zu sagen. Kurzerhand schlachtete er das schwarze Ferkel und schaffte es gerade noch rechtzeitig, es für das Mahl zuzubereiten. Die prominenten Gäste plauderten unterdessen im Salon angeregt miteinander.
"Haben Sie Wimpelfings Werke schon gelesen?", fragte ein Edelmann.
"Nein, ich habe mich vornehmlich mit wissenschaftlichen Publikationen befasst", antwortete Michel.
"Sie sollten es tun…"
"Nun, ich werde mir Ihren Rat zu Herz nehmen", antwortete er galant. Der Marquis begrüßte seine Gäste und forderte Sie auf, am Tisch Platz zu nehmen. Während des ersten Gangs wurde über alles Mögliche gesprochen, bis dass der Schlossherr um Aufmerksamkeit bat und das Wort ergriff.
"Um diesem Abend die nötige Tiefsinnigkeit zu verleihen, möchte ich meinen Freund Erasmus zitieren: 'Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit'. Obwohl ich seine Ansicht sehr wertschätze, möchte ich dennoch gerne eine amüsante Randbemerkung hinzufügen. Überlassen wir also für heute Abend das Träumen den Narren, denn in Kürze folgt ein köstliches Gericht, das einem der Mund wässrig wird. Das wird dem wahren Glück sicherlich sehr nahe kommen. Apropos Träume. Ich möchte euch darauf aufmerksam machen, dass sich heute Abend ein Prophet in unserer Mitte befindet."
Die Gäste sahen erstaunt in die Runde und wunderten sich darüber, wen er wohl damit meinte. Michel saß ganz entspannt da, denn er wusste bereits, dass De Florenville etwas ausgeheckt hatte, um ihn zum Narren zu machen.
"Es ist Monsieur Nostradamus", verkündete er. Die Edelleute die wegen seines argwöhnischen Tonfalls voller Spannung waren, schauten den Arzt fragwürdig an.
"Übrigens, heute Nachmittag hatte mein Gast eine Vorhersage über unseren Hauptgang gemacht. Nun, ich für meine Person glaube nicht an solchen Hokuspokus, aber wir werden ja alle miterleben, ob er Recht hat. Nochmals die entscheidende Frage: Wird heute für unser Abendessen ein weißes oder schwarzes Schwein serviert?"
"Das schwarze Schwein wird auf den Tisch kommen", blieb dieser standhaft. Danach gab der Marquis dem Koch das Zeichen, die abgedeckte Schüssel auf den Tisch zu stellen und im richtigen Augenblick den Deckel zu heben. Zu seinem Entsetzen, kam das schwarze Schwein zum Vorschein.
"Ist es kein dunkel gebratenes, weißes Schwein?", fragte er ganz verzweifelt. Der aufrichtige Koch beichtete seinen Fehler und erzählte ihm, dass es in der Tat das schwarze Schwein war, denn das weiße wäre in der Küche vom Wolf gepackt worden. Die Gesellschaft belachte daraufhin den Marquis, der sich selbst einen Strick gedreht hatte. Für den restlichen Abend würdigte er seinen unfassbaren Gast, der von jedem gelobt wurde, mit keinem Blick mehr. Der populäre Arzt entspannte anschließend noch für einige Wochen auf dem Landgut und ließ sich den Reichtum wohl gefallen, solange, bis dass der Hausherr es nicht mehr länger mit ihm aushielt und ihm befahl, endlich zu verschwinden. Tags darauf, ließ der Gelehrte das Luftschloss hinter sich.
Nach all dem Luxus und der Extravaganz war es an der Zeit für eine Läuterung und Nostradamus beschloss, in die Berge zu gehen. Also machte er sich auf in die Alpen mit ihrer klaren Bergluft. Die großartige Natur der Schweizerischen Eidgenossenschaft war ein derartiges Erlebnis, dass mehr und mehr Platz in seinem Herzen entstand. Ebenso erweiterten sich seine Einsichten. Diese Bewusstseinserweiterung kostete ihm täglich viel Müh und Not, denn Freud und Leid liegen nun einmal sehr nahe beieinander.
"Warum muss der Mensch eigentlich immer zuerst leiden, um danach wieder genießen zu können?", fragte sich Michel laut, während er ganz alleine einen Bergsee überquerte. Das Meer hüllte sich jedoch in Schweigen, als er das Boot stetig vorwärts ruderte.
Nun, ich glaube es zu wissen. Wir haben unsere Talente in unserer Jugend vergeudet und nun müssen wir kämpfen, um diese Qualität zurückzuerobern, machte er sich weis.
Götter der Berge, dann erklärt mir doch, warum ein Kind mit allem noch eins ist, nur um danach aus dem Paradies verstoßen zu werden? Auch die Berge schwiegen und alles was er hatte war sein Ego, das ihm den Sinn des Lebens erklärte. Etwas neidisch betrachtete er die Pflanzen und Tiere, die dem Schöpfer besser dienen konnten, indem sie einfach blieben wie sie waren. Er tröstete sich allerdings mit dem Gedanken, dass eine Eigenschaft nur dann eine ist, wenn diese selbst erschaffen wurde und er sehnte sich sehr danach, eines Tages einmal die nackte Wahrheit mittels eigener Kraft sehen zu können. Allmählich bekam sein Leben wieder einen Sinn und mit jeder Besteigung eines Berges besang er es. Jeder Berggipfel belohnte ihn mit einem klaren Verstand und einer atemberaubenden Fernsicht. Dann, in einem geeigneten Moment, überquerte er im Wallis die Rhone.
"Jetzt wird mir klar, wohin ich geführt werde", relativierte er seine spirituelle Suche. "Nach Italien!" In angenehmer Einsamkeit setzte er seine Reise fort ins Land der allmächtigen Kirche.
Einige Wochen später, in der Nähe von Perugia, stieß er auf einem Bergpass auf eine Gruppe Mönche. An ihrer armseligen Erscheinung konnte er erkennen, dass es Franziskaner waren. Die Mönche mit ihren grauen Kutten waren Anhänger des Heiligen Franziskus von Assisi der Armut predigte, um Näher zu Gott zu kommen. Als sie sich näherten, trat der Franzose beiseite, um sie vorbeizulassen und neigte respektvoll seinen Kopf. Aus dem Augenwinkel heraus, erhaschte er einen Blick auf einen der Franziskaner und ließ einen Schrei der Bewunderung los. Er kniete nieder und legte seinen Kopf auf die Füße des überraschten Mönchs. Michel war über seine eigene Hingabe überrascht und begriff, dass er seinem Superior begegnet war.
"Schon gut, ich bin nichts besonderes", reagierte der junge Mönch. Der Seher jedoch sah es kristallklar vor seinen Augen und sagte: "Ich kann nicht anders, als mich vor Eurer Heiligkeit zu verbeugen. Einst ward Ihr ein armer Schweinehirt, nun ein einfacher Mönch, doch eines Tages wird Euer Name in goldenen Lettern am höchsten Punkt des Sankt Petersdom in Rom glänzen. Ihr seid der zukünftig Papst Sixtus V." Überrascht schaute der Mönch seine Brüder fragend an, doch keiner wusste, was man davon halten sollte.
"Es führen viele Wege nach Rom, mein lieber Freund. Möge der Herr uns allen beistehen", sprach er, bevor die Franziskaner ihren Weg fortsetzten.
Nach seiner langen Selbstkasteiung suchte der Reisende Zuflucht im weltlichen Venedig und dachte, dass ihm auch eine Veränderung seiner Ernährung gut täte. Die Stadt hatte längst sein Goldenes Zeitalter hinter sich und verlor immer mehr von dem einstmals gewonnenen Terrain. Nichtsdestotrotz war er neugierig darauf, den größten Hafen der westlichen Welt zu sehen. Immerhin war es die Stadt, wo die ruhmreichen Männer Marco Polo und Kolumbus aufgewachsen waren. Der Letztere hatte gerade Amerika entdeckt.
Ein kleines Fischerboot brachte Michel zu einem gigantischen Hafen, wo Duzende von Schiffen angelegt hatten oder vor Anker lagen. Deren Schiffslasten von exotischer Seide, duftenden Gewürzen und fremdländischem Schmuck waren für Jahre unterwegs gewesen. Er sprang mit seinem Gepäck an Land, ging vorbei an aufgestapelten Ballen und Kisten mit chinesischer und arabischer Aufschrift.
"Hier ist ja einiges los", freute er sich. Venedig war in dickem Nebel eingehüllt und die unzähligen Paläste, Kirchen und Kanäle waren kaum erkennbar. Schon bald fand Michel eine günstige Bleibe, wo er seine Sachen ließ. Er beschloss, noch einen Rundgang durch die Stadt zu machen und stieg die abgenutzte Treppe des Wohnhauses hinunter.
"Mein Herr, Sie haben Ihren Schlüssel vergessen", rief der Vermieter ihm hinterher.
"Ich brauche keinen Schlüssel", erwiderte der Gelehrte in gutem Italienisch, "denn ich habe Vertrauen. Können Sie mir aber sagen, wie ich an eine Gondel komme?" Der Italiener meinte, dass sein Neffe ihn herumgondeln könnte. Kurz darauf saß Michel in einer Gondel und fuhr durch die vielen Kanäle, die mit ebenso vielen Brücken verbunden waren.
"Auf der Durchreise?", fragte der Neffe.
"Ja und nein, aber ich denke, dass ich eine Weile bleiben werde", antwortete der Franzose.
"Dann müssen Sie sehr privilegiert sein. Nicht viele Menschen haben dafür das nötige Geld, die Zeit und Unabhängigkeit."
"Sie haben Recht, aber Dekadenz ist in Sicht…" Als sie unter der Seufzerbrücke durchfuhren, begann der Gondoliere zu klagen.
"Meine Träume werden noch immer nicht wahr. Letzte Nacht hatte ich schon wieder einen Alptraum…" Doch sein Fahrgast hatte keine Lust, sein Gejammer anzuhören und richtete seine Aufmerksamkeit stattdessen auf den regen Wasserverkehr.
"Das ist der Hauptkanal, der Kanal Grande", erzählte ihm sein Stadtführer, der sich wieder seiner Aufgabe besann, "und dort drüben ist die Rialtobrücke." Nach einiger Zeit hatte Michel die schönsten Plätze gesehen und ließ sich am Dogenpalast absetzen.
"Bald findet wider der Karneval statt; vielleicht möchten Sie ja hingehen", meinte der Gondoliere schließlich.
"Nicht, dass es mich nicht interessieren würde", antwortete der verschlossene Ausländer als er eine Münze in den Beutel warf und dann hinter dem Palast verschwand, von wo aus die Dogen die Stadt regierten.
Musik erklang in den Straßen, die Nostradamus dazu verleitete, seine Bücher ruhen zu lassen. Ich muss auf andere Gedanken kommen, dachte er und verließ seine Dachwohnung, um das Treiben aus der Nähe zu beobachten. Scharen von Venezianern, gekleidet in fantasievollen Gewändern, ließen sich vom Trubel auf der Straße treiben. Ihre Gesichter waren mit dekorativen Masken bedeckt, die Charakterfiguren darstellten - vornehmlich eine Parodie des Universalgelehrten, des vornehmen Kaufmanns, des Harlekins und der gewitzten Magd.
"Und morgen wirst du wieder jammern, du hättest einen Alptraum gehabt, denn dies verschafft dir sicherlich keinen klaren Verstand", brummelte der Seher vor sich hin. Auf der Piazza San Marco war das traumähnliche Spektakel in vollem Gange. Der Platz war gepackt voll mit Feiernden und Musik erfüllte die Luft. Um dem Gedränge zu entkommen, schlenderte Michel an der Uferpromenade entlang und kam, nachdem er einer hohen Säule mit einem Löwen ausgewichen war, auf eine etwas ruhigere Piazzetta, wo er eine ungewöhnliche Frau entdeckte. Um ihren Hals trug sie einen Davidstern und war von kleinen Kindern umringt, die um einen Schmetterling aus farbigem Glas herumspielten. Es war der gnostische Schmetterling. Interessiert ging er auf sie zu.
"Was für ein bezaubernder Schmetterling!", rief er, aber es war zu laut, um sich verständlich zu machen. Die Frau sah ihn näher kommen und ohne ein Wort zu sagen, reichte sie ihm eine Maske in Form eines Teufels. Damit wollte sie ihm wohl andeuten, dass er sich der feiernden Bevölkerung anpassen sollte und setzte bereitwillig die Maske auf. Gerade als er sie fragen wollte, ob die Maske ihm gut stände, war die intrigante Frau mitsamt den Kindern wie durch Zauberei verschwunden. Er sah sich nach allen Richtungen um, doch die vielen Festbesucher versperrten ihm die Sicht. Er war überrascht, sie bei der uralten Bibliothek wieder zu finden. Sie winkte ihm, näher zu kommen. Sprachlos bahnte er sich einen Weg durch die Menge, doch als er bei der Bibliothek ankam, war sie schon wieder verschwunden und er fühlte sich blamiert. Erneut sah er Sie mit den Kindern. Sie tanzten durch das Porte della Carta, das Papiertor, und er bahnte sich einen Weg zum zentralen Gebäude mit seinen Spitzbögen. Als er jedoch im Innenhof ankam, sah er lediglich die Standbilder von Mars und Neptun. Hastig schaute er sich um. Sie rannte die Treppe der Riesen hinauf und ihm war klar, sie spielte ein Spielchen mit ihm.
"Ist das eine Art Karnevalsritual?", rief er ihr nach, doch seine Worte gingen im Lärm unter. Er entschloss sich, diesem Geheimnis zu folgen und wurde die Treppe hinauf und in Gässchen hineingelockt, wo er in eine etwas ruhigere Gegend gelangte. Die geheimnisvolle Frau tanzte jetzt mit den Kindern auf einer hölzernen Treppe und verschwand in ein altes Haus, das wegen der untergehenden Sonne lange Schatten warf. Schnell stieg Michel die gleiche Treppe hinauf und ging ins Haus hinein. Er kam zu einem überwucherten Innenhof, aber es war weder von der Frau noch von den Kindern etwas zu sehen.
"Ist da jemand?", rief er, doch es war nichts zu hören. Hinter dem Hof entdeckte er eine Tür, die seine Aufmerksamkeit erregte. Er öffnete sie und betrat ein neues Gässchen, das zu einem anderen Gericht führte, welches mehrere Türen besaß. Verwundert fragte er sich, wo er wohl hingeführt würde. Am ersten Eingang stand das Wort Shalom; er öffnete die Türe. In dem Raum stand ein Tisch, auf dem ein siebenarmiger Leuchter stand. Die Menorah kannte er noch gut aus seiner Jugend.
"Ist jemand zuhause?", rief er, aber es war nichts zu hören. Die Frau und die Kinder hatten sich in Luft aufgelöst. Plötzlich vernahm er laute Trompeten aus der Stadt und arglos ging er nach draußen, um nachzusehen was los war. In der Gasse, in der er gerade noch gegangen war, war nichts zu sehen. Der helle Klang der Trompete war erneut zu hören. Es schien, als käme er von der Piazza San Marco und er entschied, ihm nachzugehen. Auf dem Weg dorthin bemerkte er, dass alle Straßen überraschenderweise leer waren. Bis auf ein paar kostümierte Stadtleute, die aus Lauter Angst davonliefen, schien die Stadt wie ausgestorben zu sein. Er stoppte einen von ihnen und fragte, warum sie alle flüchteten.
"Der Karneval wurde per Dekret verboten", kam es zögerlich von dem Mann.
"Durch die Dogen?"
"Die gibt's nicht mehr". Der Venezianer machte sich aus dem Staub. Der Gelehrte stiefelte weiter und als er den Markusplatz erreichte, fand er nur noch die Spuren des Karnevals. Erschrocken sah er sich um. Selbst die Säule mit dem Löwen war verschwunden. Stattdessen stand dort eine neue Statue, ein steigendes Pferd mit einer heldenhaften Figur. Sein Name war Napoléon Bonaparte.
"Ergrreift diesen Mann mit der Maske!", schrie plötzlich jemand. Michel drehte sich um und sah eine Gruppe französischer Soldaten auf ihn zukommen. Instinktiv sprang ihr Landsmann in die Luft und schaffte es gerade noch, den Gardisten durch fliegen zu entkommen. Innerhalb kürzester Zeit wimmelte es nur so von Soldaten die alle auf den vermeintlichen Festbesucher zeigten, der über den Dächern schwebte.
"Das hält er nicht lange durch", meinte ein Offizier und ließ verschiedene Straßen in diesem Gebiet sperren. Nostradamus sah die wachsende Bedrohung und versuchte ans Meer zu fliehen, aber plötzlich konnte er der Schwerkraft nicht mehr standhalten und sank zu Boden. Eine Kompanie Soldaten rannte zur Werft, um den Gesetzesbrecher am Kragen zu packen. Es war eine prekäre Situation und Michel fiel mit zusammengebissenen Zähnen hinunter. Er wusste noch nicht, wie er seinen Sturz zu einem Gleitflug machen könnte, als er auch schon ins Hafenwasser plumpste. Die Militaristen versuchten den Rebellen zu ergreifen, doch der tauchte tief unter Wasser und versteckte sich zwischen den angelegten Booten.
Am nächsten Morgen dachte der Reisende im grünen Park von San Zanipolo über den Zustand seiner wirren Träume nach. Diesmal hatte er die Realität total aus den Augen verloren und er wusste noch nicht einmal, von welchem Tag an. Die Stadt hatte ihn verdummt. An Napoléon erinnerte er sich noch.
Allerdings werden noch einige Jahrhunderte vergehen ehe dieser Kaiser tatsächlich an die Macht kommt, schätzte er und machte eine Notiz in sein Tagebuch.
Erstaunlich, wie alle und jeder darauf warteten, eine Chance zu erhalten, um sich zu verwirklichen. Und diese intrigante Frau? Wollte sie mir Einsicht verschaffen oder mich vor der französischen Gefahr beschützen? Jedenfalls war die Gefahr vorüber.
Nostradamus war schon oft im Schlaf geflogen, allerdings niemals zuvor in die Zukunft. Schade, dass er noch über so viel Ego verfügte. In den entscheidenden Momenten jedoch, vergeigte er es andauernd und fiel dann wieder runter.
"Morgen beginnt der Karneval, Monsieur", bemerkte plötzlich ein Gärtner. Der Gelehrte nickte ihm freundlich zu.
Stell dir vor, die Anhänger Napoleons hätten mich tatsächlich gefangen genommen, sinnierte er, während abgesägte Äste vor seine Füße fielen. Was wäre wohl passiert? Wenn ich in Zukunft ohne Schaden davon kommen möchte, muss ich fortan bewusster mit meinen Träumen umgehen, denn je höher ich steige, desto tiefer werde ich fallen. Der Gärtner, der hinter ihm oben im Baum saß und die Äste stutzte, warnte ihn vor einem großen herabfallenden Ast.
Wann ist eigentlich die Realität in einen Traum übergegangen, überlegte er weiter und kam zu dem Entschluss, von nun an jeden Tag in die Luft zu gehen, um sich der Schwerkraft zu vergewissern. In den höheren Welten gibt es kaum Schwerkraft, wusste er. Je höher, desto weniger. Der Gelehrte stand auf, klopfte sich die Blätter ab und verließ den Park. Bis jetzt waren Standorte die Auslöser für seine Prophezeiungen gewesen, doch hielt er es durchaus für möglich, eines Tages die ganze Welt von einem einzigen Ort aus zu besuchen.
Nach einigen Monaten Aufenthalt in Venedig, überkam Michel das Verlangen nach Veränderung; er wollte wieder reisen. Er hatte sich bei einer Reederei eingebucht und würde mit dem erstbesten Schiff, das den Haven verließ, ausfahren. Drei Tage später packte er seine Sachen und ging zu einem neu angekommenen Dreimaster, der bei den Schiffswerften angelegt hatte. Das holländische Handelsschiff, unter dem Ruder von Kapitän Pelsaert, wurde gewöhnlich für den Handel eingesetzt, doch da es diesmal wenig Ladung gab, waren zahlende Mitfahrer durchaus willkommen. Michel drängte sich zwischen einer Gruppe von Zimmerleuten hindurch, bis zu einem Schoner, wo ein Matrose auf der Gangway Wache stand. Die "Voorzienigheid" sah schnittig aus, im Vergleich zu den grotesken, plumpen Schiffen aus dem vorigen Jahrhundert. Bei den Portugiesen und Spaniern war ein regelrechtes Fieber ausgebrochen, die Welt zu erkunden, was den Schiffsbau mit Riesenschritten auf den Vormarsch brachte.
"Ahoi, Passagier Nostradamus", begrüßte er den wachhabenden Matrosen. Der Seemann sah ihn mürrisch an, überprüfte eine lange Namensliste und sprach ihn dann auf Niederländisch an. Michel gab ihm zu verstehen, dass er ihn nicht verstand, woraufhin das Besatzungsmitglied antwortete: "Kein Nostradamus." Michel bat um die Liste.
"Hier, das bin ich", sagte er, zeigte auf seinen Namen und betonte jeden Buchstaben. Der Holländer zog seine Nase hoch und deutete mit den Fingern, dass er Geld wolle.
"Blijckende penning, ping ping." Der Franzose bezahlte im Voraus sein Reisegeld und ging über die Gangway auf das Segelschiff.
"Pedanter Schatzmeister", höhnte er, sprang an Bord und gesellte sich zu einer Gruppe Mitreisenden, die beim großen Mast stand und auf Anweisungen wartete.
"Reisen Sie auch geschäftlich nach Malta", fragte ein aufdringlicher Kerl, woraufhin der Gelehrte missmutig seinen Kopf schüttelte. Der Venezier verstand, dass bei dieser Figur nichts zu erreichen war und fing an, auf eine alleine dastehende Dame einzureden.
"Schönes Schiff, nicht wahr, die Dame. Der Bau dauerte drei Monate."
"So lange?", fragte sie. Das Kerlchen erklärte ihr daraufhin ausführlich das Abhobeln von Holz, bis dass Kapitän Pelsaert um Aufmerksamkeit bat. Auf Italienisch begrüßte er die Passagiere und erzählte ihnen, dass sie vorher Delfter Porzellan abgeladen hatten und nun Gewürze nach Sizilien brächten. Das Schiff kam aus Amsterdam, einer Stadt die immer populärer wurde. Diese Käsköpfe handelten mit Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, chinesischem Tee, Kaffee, Zucker und natürlich mit Käse. Der Kapitän wurde während seiner kleinen Ansprache von einem Besatzungsmitglied gerufen und ging davon. Überhaupt, woher kam auf einmal dieser faulige Gestank?
Die Flut war rechtzeitig zum Auslaufen hereingekommen. Die Seile wurden losgemacht und woraufhin Ruderbote den Schoner behutsam aus dem Hafen hinauslotsten. Draußen, an der Mündung, wurde als erstes das Focksegel gesetzt und das Schiff konnte mit Hilfe einer leichten Brise hinaus aufs Meer segeln.
Nostradamus brachte seine Sachen in seine Kajüte und vernahm abermals einen üblen Geruch. Einer der Schiffsbesatzung erklärte ihm, dass auf dem Schiff früher Sklaven transportiert worden waren. Der Gestank von Fäulnis war unter Deck nicht auszuhalten und so begab sich Michel schnell wieder an die frische Meeresluft, wo die Passagiere sentimental Abschied vom entschwindenden Venedig nahmen.
Ich richte mein Leben lieber in die Zukunft, dachte er selbstgefällig und schlenderte über den Gang, der sich über die gesamte Schifflänge zog, bis hin zur Vorderseite. Am Vordersteven genoss er in vollen Zügen den weiten Blick, während der Bug das Meerwasser sacht zum schäumen brachte.
Es fühlte sich an, als ob man ein Vogel wäre und über das Meer flöge, bildete er sich ein. Nachdem er sich etwas ausgeruht hatte, kehrte er zum Achterdeck zurück. Er sah Pelsaert auf dem Vorderdeck stehen, wo der Steuermann soeben das Ruder von ihm übernahm. Eine gute Gelegenheit, um mit dem Kapitän bekannt zu werden, fand Michel und schritt auf ihn zu.
"Kommen Sie um zu sehen, wie wir das Schiff auf Kurs halten?", fragte Palsaert.
"Ja. Bald werden wir an einer Insel mit Sirenen vorbeisegeln, und ich bin gespannt, ob sie ihren Verlockungen widerstehen können."
"Wohl Homers Odyssee gelesen?", mutmaßte der Kapitän.
"Ja, aber nur in Griechisch."
"Seht, seht, wir haben einen Gelehrten an Bord. Ich kann auch lesen, aber ich habe keine Zeit dafür. Karten lesen - das mache ich regelmäßig. Haben Sie Lust, in meine Kajüte zu kommen, und sich meine Kartensammlung zu betrachten?" Michel nahm die Einladung dankend an. Plaudernd gingen sie zum größten Quartier an Bord. Pelsaert stank fürchterlich aus dem Mund und seine ganze Unterkunft war von diesem Geruch durchdrungen. Der Arzt war drauf und dran, ihm zu empfehlen, den Mund mit Alkohol auszuspülen, hielt sich aber zurück. Vielleicht beim nächsten Mal, dachte er.
Der Kapitän breitete eine Karte vom Adriatischen Meer vor sich aus.
"Sehen Sie, so werden wir um den Stiefel von Italien herumsegeln", und zeichnete für ihn die Route nach. "Genau hier müssen wir nach Piraten Ausschau halten."
"Was für eine schöne Karte", bemerkte sein Gast.
"Von dem flämischen Kartographen Gerardus Mercator. Ich habe noch weitere von ihm", und holte stolz verschiedene See- und Landkarten aus einer Kiste hervor. "Das sind die besten, die es derzeit gibt", fuhr er fort. "Die wurden nämlich nach einer neuen Projektionsmethode entwickelt. In den alten Karten befinden sich eine Menge Fehler und man sagt, dass Kolumbus deshalb, auf seiner Suche nach einer Alternativroute nach Indien, den falschen Weg genommen hatte."
"Handlich, diese Karten", bestätigte Michel, "doch die Position des Schiffes kann anhand der Sterne noch besser gemessen werden." Pelsaert lächelte zuversichtlich: "Absolut. Ohne den Jakobsstab wären wir verloren", und holte aus einer Schublade ein typisches Instrument heraus, mit dem die Sterne gemessen werden konnten.
"Sehen Sie, zusätzlich zu dem Neigungswinkel gibt es auch die Gradzahlen der Breitengrade", erklärte er.
"Das Gerät muss sicherlich auf den Polarstern gerichtet werden?", vermutete sein Gast.
"So, Sie verstehen also auch etwas von Sternen", sagte Pelsaert, der den Jakobsstab wieder verräumte.
"Ein wenig. Ich hatte mich jahrelang in die Astrologie vertieft."
"Und was halten Sie hiervon", fragte der Kapitän, der einen Bartmannkrug auf den Tisch stellte. Das Gesicht musste wohl ihn darstellen, doch war das Gleichnis nicht besonders gut.
"Hm, ich bin nicht gerade verrückt danach", antwortete Michel ehrlich. Pelsaert reagierte darauf etwas launisch und ließ den anderen wissen, dass er wieder an die Arbeit müsse, aber versuchte vorher noch, seinen Gast mit Silbermünzen zu imponieren. Die Silberstücke waren in der Tat sehr schön. Der Gelehrte bedankte sich für den interessanten Besuch und blieb danach noch eine Weile auf dem Deck im Wind stehen. Als es Dunkel wurde und das Schiff sanft hin und her schaukelte, ging jeder in seine Koje.
Während der Nacht wurden die Wellen größer und der Schoner schlingerte heftig. Michel konnte nicht einschlafen. Mit der Zeit wurde der Alleskönner Seekrank und gab sich selbst die Schuld dafür. Nach vier Tagen hatten sie endlich den Stiefel von Italien umrundet, wo dann Sizilien in Sichtweite kam.
Vielleicht werde ich hier an Land gehen, überlegte sich Michel. Ich werde sowieso nie seetauglich werden. An diesem Abend bekamen die Passagiere in der Kombüse eine seltsame Mahlzeit serviert und Eintopf genannt wurde.
"Gut gegen Seeungeheuer", meinte der Smutje und gab jedem eine gehörige Portion davon.
"Gibt's die denn?", fragte ein gewisser Giuseppe ängstlich.
"Aber sicher. Vor einem Monat noch, mussten wir sogar vor den Kraken fliehen. Es war ein derart gigantisches Seeungeheuer, das sogar ein Schiff zum kentern bringen konnte."
"Und Eintopf hilft?"
"Seeungeheuer halten nicht viel von Eintopf", erklärte der Koch und Giuseppe daraufhin seinen Teller in Nullkommanichts leer aß.
"Unsinn", kam es von einem katholischen Priester, der auf dem Weg nach Malta war, um dort zu predigen. "Haben Sie denn das Monster, das anscheinend Eintopf nicht ausstehen kann, denn selbst gesehen?"
"Nun ja, nein, ich war ja in der Kombüse", verteidigte sich der Koch. "Alles aus Angst und Unwissenheit heraus entstandene, übertriebene Geschichten", entgegnete der Priester, was die Tischgenossen aufatmen ließ.
"Ein Krake, ist das nicht so eine Art riesiger Tintenfisch mit enorm langen Tentakeln", resümierte Nostradamus.
"Ja, genau, seht ihr, ich habe Recht, unser Gelehrter sagt es ja selbst", reagierte der Koch beglückt.
"Ich denke, ich werde morgen nicht nach Malta weiterreisen", verkündete Michel prompt und brachte den Atem der Mitreisenden zum Stocken.
"Die Chance, von Piraten geentert zu werden, ist bei weitem größer", stichelte der Koch aufs Neue.
"Jetzt aber genug, mit diesen gruseligen Geschichten", maßregelte ihn der Priester, "schließlich ist eine Dame anwesend".
Lange nach dem Essen, spät nachts, fuhr das Schiff in die Bucht von Syrakus, um dort vor Anker zu gehen. Michel lag mit hohem Fieber unter dem Segel und fragte sich, was wohl los war mit ihm. Bin ich seekrank oder kommt das von dem Eintopf, überlegte er. Diese holländische Mahlzeit lag ihm wirklich wie ein Stein im Magen. Ein Mitreisender in derselben Kabine hörte ihn und rief nach dem Schiffsarzt. Dieser kam schlaftrunken angeschlappt, um den Kranken zu untersuchen. Der Kapitän, der gleichfalls nicht schlafen konnte, kam ebenso dazu und sein verfaulter Atem strich über das Gesicht des Patienten.
"Drei mal täglich mit Mundwasser spülen", phantasierte Michel plötzlich.
"Er spricht wirres Zeug", konstatierte der Schiffsarzt besorgt. "Er muss so schnell wie möglich an Land, damit er besser behandelt werden kann."
Früh morgens wurde der kranke Gelehrte mit einer Jolle an Land abgesetzt und nach Syrakus gebracht. Die Voorzienigheid hatte wieder die Fahrt nach Malta aufgenommen.
Nach Tagen im Krankenbett wusste sich der sizilianische Arzt noch immer keinen Rat mit dem französischen Patienten, den es heftig schüttelte. Am Besten einen Aderlass machen, um die bösen Säfte abfließen zu lassen, dachte dieser.
"Nein!", protestierte Nostradamus lauthals, als er am Arm gepackt wurde.
Der sizilianische Arzt war zu Tode erschrocken und brach die Behandlung ab. Trotz einigen lichten Momenten, schaffte es Michel nicht, seine Gedanken zu sammeln. Es kostete ihm sehr viel Mühe und er kippte immer wieder weg. Das hohe Fieber hielt an und der örtliche Arzt entschied sich doch noch für einen Aderlass, bis dass er von einem Araber auf die Schulter geklopft wurde.
"Ich will, dass dieser Mann bei mir zu Hause zu Kräften kommt. Hier ist es zu eng für ihn. Ich übernehme auch die volle Verantwortung für ihn."
"Oh, Signore Al-Ghazali!", zuckte der Arzt zusammen. Der Kranke wurde daraufhin in ein großes Haus am Meer gebracht, wo eine gutmütige Frau ihn mit großer Zuwendung pflegte. Die Aufmerksamkeit, die Meeresluft und die Stille taten ihm übermäßig gut und das Fieber fing an, endlich zu sinken. Ein paar Tage später, war er wieder auf seinen Beinen und sein mysteriöser Wohltäter kam ihn besuchen.
"Ich sehe, Sie machen Fortschritte", sagte der Mann mit den dunklen Augen.
"Ja, absolut. Doch wer ist die Person, die mir so selbstlos geholfen hat?"
"Ich bin Abu Hamid Al-Ghazali*, aber es war meine Frau, die sie gepflegt hat. Ich habe lediglich aufgetragen, Sie hierher zu bringen."
"Sie haben mir das Leben gerettet", dankte ihm Michel. Sein Retter schwieg geschmeichelt, während die tosende Brandung angenehm im Hintergrund zu hören war.
"Ursprünglich sind wir beide keine Sizilianer", sagte Abu dann darauf.
"Das scheint mir auch so. Ich stamme aus Frankreich. Und Sie?"
"Bagdad, Persien", antwortete der ganz in Wolle gekleidete Araber.
"Wie kamen Sie auf diese Insel?"
"Meine Frau und ich haben uns hier niedergelassen, weil hier ein freier Geist herrscht. Aber ich muss Sie leider schon wieder verlassen, da es an der Zeit ist für unsere Gebete. Wir werden uns allerdings bald schon wieder sehen." Der Muselmann verließ das Zimmer und der Patient richtete seine Aufmerksamkeit auf das Meer und folgte dem Spiel der Wellen. Am darauf folgenden Tag war er bereits kräftig genug, um das Mittagsmahl mit Al-Ghazali und seiner Frau einzunehmen.
"Das Schöne an Sizilien ist, dass hier die arabische und christliche Kultur aufeinander treffen", bemerkte Abu beiläufig. Sein Gast nickte zustimmend, während die bescheidene Fatima einige Schüsseln auf den Tisch stellte.
"Haben Sie noch Sehnsucht nach der Provence?", fuhr der Muselmann fort.
"Nicht wirklich. Ich bin schon seit vielen Jahre weg von dort und reise nun einfach umher."
"Ich glaube, Sie folgen dem Weg Ihres Herzens…"
"Sie haben mich schnell durchschaut", entgegnete Michel verblüfft. "Und womit beschäftigen Sie sich so?"
"Ich bemühe mich, nach den Ansichten des Sufismus zu leben, eine mystische Gruppierung innerhalb des Islams. Obendrein veröffentliche ich auch Bücher in meiner Muttersprache."
"Schade, dass ich kein Arabisch spreche, sonst hätte ich mich gerne darin vertieft. Vielleicht können Sie mir ja etwas über Ihre Bücher erzählen." Während Abu noch darüber nachdachte, gesellte sich seine Frau mit einer heißen Pfanne hinzu.
"'Das Elixier der Glückseligkeit', so lautet der Titel von meinem letzten Werk", gab er als Beispiel an.
"Oh, ich dachte der Islam sei auf Unterwerfung gegründet", bemerkte Michel.
"Nein, ganz und gar nicht. Viele Muslime mögen vielleicht dieser Ansicht sein, doch der Koran und die strikten Regeln der Sharia sind lediglich Äußerlichkeiten. Allahs wahre Botschaft ist die der Liebe."
"Diese Botschaft hat mich also zum richtigen Zeitpunkt vor einem prekären Schicksal gerettet."
"Sie müssen gesegnet sein, mein Bester."
"Davon war in den letzten Jahren nicht viel zu merken gewesen", grummelte sein Gast.
"Ach, das Leben ist nun mal nicht immer so wie es scheint, und die Prüfungen sind hart. Vielleicht erscheint ja bald eine Frau in Ihrem Leben, die Ihnen den Weg etwas angenehmer macht." Unterdessen hatte Fatima die Suppe serviert und das arabische Ehepaar begann, in aller Stille zu essen. Durch ihre friedliche Anwesenheit gab es danach kein Verlangen mehr zu sprechen, und so aß ihr Gast ebenso schweigend mit ihnen mit.
Nach einer Woche fühlte er sich wieder wohl in seiner Haut; es war Zeit, weiterzureisen.
"Fliegt der Adler wieder weiter?", fragte Abu, als der genesene Arzt ihn sehen wollte. Der letztere lächelte.
"Wie kann ich Ihnen je danken?"
"Leben Sie, das genügt", antwortete der Muselmann aufrichtig. Michel umarmte ihn und bot ihm noch Geld an, doch Abu weigerte sich, es anzunehmen. Der Franzose bedankte sich noch herzlich bei dessen Frau und zog danach alleine weiter.
Der südliche Teil von Sizilien bestand aus malerischen Ebenen, wenn man aber nach Norden schaute, so konnte man den Ätna, den größten Vulkan Europas, sehen, wie er sich bedrohlich von der Landschaft abhob.
Nostradamus hörte in der Stadt Syrakus, dass das Gebiet rund um den Vulkan wieder von zahlreichen Erdbeben erschüttert worden war. Schon seit einem Jahr, war über der schneebedeckten Spitze des Vulkans eine dicke Rauchwolke zu sehen. Sein Interesse am Berg war geweckt worden und nun reifte in ihm der Plan, ihn zu besteigen. Um begeisterungsfähig zu bleiben, hatte er all die Jahre auf Messers Schneide leben müssen.
Für dieses riskante Unterfangen, testete er ausführlich seine körperliche Verfassung. Alles schien noch ordentlich zu funktionieren, stellte er bei seiner letzten Kniebeuge fest und kaufte sich anschließend einen alten Offiziershut, zum Schutz vor der brennenden Sonne. Während seinem Fußmarsch zum Vulkan, verbrachte er die Nächte auf gastfreundlichen Bauernhöfen. Nachdem er über viele Ebenen gewandert war, begann das Land bedenklich anzusteigen. Die Reise wurde immer mühsamer und der Ätna zunehmend größer. Am Fuße des Vulkans, war die Erde sehr fruchtbar geworden. Die Sizilianer bauten dort Zitrusfrüchte, Oliven, Trauben, Feigen, Weizen und Gerste an. Offenbar nahm und gab der Vulkan leben. Michel besuchte den letzten Bauernhof und erkundigte sich dort nach dem Zustand des Vulkans.
"Sie müssen vom Hafer gestochen worden sein, um den Berg aus schierem Spaß an der Freude zu besteigen", meinte der Bauer mit gerunzelter Stirn.
"Ich brauche die Gefahr."
"Nun, es ist Ihr Leben", entgegnete der Bauer und zeigte ihm daraufhin die besten Klettersteige.
Tags darauf, ließ der Sonderling die Zivilisation hinter sich. Schon bald kam er zu einigen Tannenbäumen, die zwischen den riesigen Felsen herauswuchsen. Er orientierte sich, aß eine Orange und setzte seine Wanderung durch den Wald fort, der sich allmählich zu einer öden Felslandschaft veränderte. Die Landschaft wurde nun bedeutend steiler und der Abenteurer musste anhalten, um Atem zu schöpfen. In der Ferne konnte er den Hafen von Syrakus ausmachen. Die Schiffe, die er dort erkennen konnte, ähnelten Zahnstochern.
So klein und zerbrechlich... Sie erinnert mich an Menschen, philosophierte er und wollte seine Tasche wieder auf seinen Rücken werfen.
"Wie bin ich einsam", jammerte er plötzlich. "Ich vermisse meine Familie und sogar mein eigenes Land." Durch das plötzliche Heimweh ließ er seinen Kopf hängen. Jetzt nur nicht sentimental werden, ging es ihm durch den Kopf, als er an einer steilen Bergwand hing. Entschlossen setzte er seine Kletterpartie fort. Zu seiner Linken war ein Loch mit Lava zu sehen, aus dem Wasserdampf empor stieg.
Feuer, Wasser, Luft und Erde. Vielleicht bin ich ja deshalb hier, um die Bausteine des Lebens zu erfahren.
Der Ätna schien wenigstens sicher zu sein. Den Erzählungen des letzten Bauern zufolge, hatte es seit Monaten keine neuen Ausbrüche mehr gegeben. Trotzdem verbreitete der Vulkan reichlich Gewölk, das im ganzen Umkreis zu sehen war.
"Du bleibst aber ganz schön ruhig, nicht wahr?" Michel kletterte weiter, bis dass ihm schier das Herz stockte, als der Vulkan mit einem lauten Knall eine Wolke aus Asche spuckte. Der vulkanische Staub spie lediglich aus den Seiten heraus und schien daher kein zentraler Ausbruch des Kegels zu sein.
Nichts passiert; falscher Alarm!
Nach dem ganzen Aufruhr erreichte er die verschneite Gegend, wo außer einem vereinzelten Dornenbusch nichts mehr wuchs. Der Einzelgänger schaute dort in die Tiefe hinunter und sah Flüsse von flüssigem Magma aus verschiedenen Richtungen strömen.
Das sieht ja zum Fürchten aus. Bin ich etwa zu unbesonnen, fragte er sich. Das Wetter macht jedenfalls mit und es müsste doch zu schaffen sein, dachte er sich. Schließlich erreichte er die Spitze und der gewaltige Krater kam in sein Blickfeld. Als er zum Rand hingeklettert war, überfiel ihn eine eisige Angst. Er verlor sein Gleichgewicht und stolperte beinahe in Abgrund. Gerade noch rechtzeitig fand er Halt mit dem Fuß und krallte sich an der Oberfläche fest. Dabei fiel ihm sein Offiziershut vom Kopf und flatterte in die Tiefe hinab.
"Das war aber knapp!", murmelte er erleichtert, während sein Hut hunderte von Metern weiter unten auf dem Boden des Kraters landete.
Warum überkam mich eigentlich so plötzlich eine derartige Angst? Gänsehaut lief ihm den Rücken hinunter. Ist es Höhenangst, kommt es von der dünnen Luft oder von dem Schwefeldampf? Er wusste es nicht.
Wieder einigermaßen vom Schock erholt, ging er vorsichtig weiter und schaffte es, die außergewöhnliche Schönheit dieser Natur zu genießen. Nachdem er einige Zeit auf dem Gipfel zugebracht hatte, wurde es dem Kletterer kalt und er machte sich an den Abstieg. Wieder sicher am Fuße des Vulkans angekommen, entschloss er sich, den Weg nach Norden einzuschlagen. Die Wahl, die er getroffen hatte, würde ein harter Kampf werden, denn der schwere Weg führte über zackige Bergketten. Nach Wochen erreichte er endlich völlig abgekämpft die Hafenstadt Palermo, wo er für eine Weile seine Seele baumeln ließ.
Mein Herz erwärmt sich nicht gerade durch diese ganze Rumreiserei, dachte er missmutig. Und als er zufällig einen Gottesdienst in einer normannischen Kathedrale besuchte, war es für ihn klar: Er wollte zurück nach Frankreich.
Michel fand ein portugiesisches Schiff, das ihn nach Marseille bringen sollte. Nach drei Tagen auf See tauchten die dominanten Kalkfelsen der französischen Hafenstadt auf, die noch immer von ihren beiden imposanten Festungen Saint Jean und Saint Nicolas beschützt wurde. Langsam lief das Schiff im Hafen ein, wo ein Teil des Docks wegen einer ungewöhnlich hohen Flut unter Wasser stand.
Dies kann zu Problemen mit der Rhône führen, überlegte der Wissenschaftler, der von der Reling aus zuschaute. Nach seiner Landung fand er ein Zimmer auf der Canebière, einem zentral gelegenen Bezirk in Marseille. Daraufhin beschloss er, seine Rückkehr ins Vaterland in einem der zahlreichen Fischrestaurants gebührend zu feiern. Bald werde ich wieder meine Familie aufsuchen, freute er sich, während er auf einer der noch trocken gebliebenen Terrasse am Kai Platz nahm. Ein Ober nahm die Bestellung auf.
"Guten Tag, was darf ich Ihnen bringen?"
"Haben Sie Seezunge auf der Karte?"
"Kein Problem. Wie Sie sehen können, schwimmen die sogar schon in die Restaurantküche hinein", scherzte der Ober.
"Nun, dann bringen Sie mir eine in Butter gebratenen Seezunge. Ich bin nämlich am Verhungern."
"Etwas zu trinken?"
"Ich nehme ein kleines Bier", entschied der einzige Gast in Feierlaune.
"Täusche ich mich, oder sind Sie der einstmalig berühmte Arzt? Eh, "Notre… oder Nostr…."
"Nostradamus! Wie schön, dass ich noch erkannt werde. Ich war lange Zeit im Ausland und bin erst heute wieder zurückgekehrt."
"Dann kommen Sie ja wie gerufen", sagte der Kellner plötzlich sehr ernst.
Erzählen Sie."
"Nun, wir hatten die schwersten Überschwemmungen in unserer ganzen Geschichte. Das ganze Rhône-Delta wurde von wochenlangem Regen in den Alpen überschwemmt und das überschüssige Flusswasser kann wegen dem hohen Meeresstand nicht abfließen. Nicht genug. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ein Pestfall gemeldet wurde."
Oha, das kann eine verheerende Kombination geben, begriff Michel, der täglich an seine Familie in Saint Rémy dachte, wo die Rhône ebenfalls entlang floss.
"Es sind bereits viele Menschen ertrunken", holte der Ober aus. "Die Überlebenden haben wegen dem Wasser ihre ganze Habe verloren, und jetzt ist beinahe jeder obdachlos. Die Straßen wurden fortgespült und das tote Vieh treibt auf den Flüssen entlang."
"Ist Saint Rèmy auch davon betroffen?"
"Zweifellos. Die ganze Camargue wurde überflutet. Zudem ist das ganze Gebiet nur sehr schwer zugänglich, wenn überhaupt."
"Aber das bedeutet ja, dass die Menschen keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser haben…"
"Kann ich nicht sagen, aber ich weiß nur, dass ab sofort die Landesregierung sich darum kümmert und händeringend Leute mit medizinischer Erfahrung suchen. Die brauchen dringend einen Arzt Ihres Kalibers."
"Nun, dann werde ich wohl besser meine Ärmel hochkrempeln", sagte Michel. "Geben Sie mir statt der Seezunge lieber ein einfaches Gericht, denn ich bin nicht mehr in der Stimmung zu feiern."
Etwas später meldete er sich bei der örtlichen Behörde, die ihm augenblicklich zwei Assistenten zuwies. Nachdem der Wasserpegel sich zu senken begann, machten sich die drei auf ihren Pferden ins Katastrophengebiet, um die Situation aus der Nähe zu betrachten und erste Hilfe zu leisten.
"Männer, nur um euer Gedächtnis aufzufrischen, hier ist nochmals mein Plan wie wir vorgehen werden", gab Nostradamus ihnen zu verstehen. "Das einzige, das wir für die Menschen tun können ist, ihnen klar zu machen, dass das normale Wasser nicht mehr zum Trinken geeignet ist, noch nicht einmal mehr zum Waschen. Sicheres Wasser ist entweder abgekochtes Wasser oder in sauberen Fässern aufgefangenes Regenwasser. Wenn wir zurückkommen, werden wir Rosenblätterpillen machen und diese dann an so viele Opfer wie möglich verteilen." Die beiden Helfer hatten aufmerksam zugehört.
Noch vor dem Mittag erreichten sie die Rhône, wo sie schon einige Leichen im Wasser dahin treiben sahen und die Pferde fingen an, sich bockig zu benehmen. Sie stiegen abvon den Tieren und banden sie an einem Baum fest.
"Lasst uns mal sehen, woran diese armen Seelen gestorben sind", sagte der Chef der Truppe und gemeinsam gingen sie hinunter zum Ufer, wo sie einen Körper, der am Ufer entlang trieb, mit einem Stock anstießen.
"Versuch ihn umzudrehen, vielleicht kann ich dann mehr erkennen", verlangte der Leiter. Nach einigem Geschubse gelang es den Helfern, den Körper umzudrehen, woraufhin ein Gesicht mit grauenhaften Furunkeln zum Vorschein kam.
"Der schwarze Tod!", schauderte es sie.
"Kommt, wir gehen wieder weiter. Die Pferde werden sich schon noch daran gewöhnen", sprach der Arzt düster.
Das erste überschwemmte Dorf, das sie mit viel Mühe erreichten schien zur gleichen Zeit von der Pest getroffen worden zu sein. Die Straßen waren wie leergefegt und auf den Plätzen trieben die toten Körper von Menschen und Tier umher. Das Unheil begann sich abzuzeichnen und Nostradamus befürchtete, dass dies die schlimmste Katastrophe sein würde, die er in seinem Leben je mitgemacht hatte. Es schmerzte, diese gebeutelten Dorfbewohner ansehen zu müssen, aber nachdem sie diese in Kenntnis gesetzt hatten und nichts mehr für sie tun konnten, setzten sie ihren Weg fort.
Zwischen dem großen und kleinen Rhônefluss war es voll von Tümpeln des Todes und die Pferde weigerten sich immer wieder, weiterzugehen. In jedem weiteren Dorf schien der Zustand derselbe zu sein. Der Sensenmann hatte überall sein Werk vollbracht und die einzige Wahl die einem blieb, war entweder die Pest oder das Ertrinken. Im Dorf Ulain herrschte die Angst und einige der Überlebenden waren so verzweifelt, dass sie sich an den drei Reitern festklammerten. Michel, der nur mit größter Mühe seinen Gaul unter Kontrolle halten konnte, befahl ihnen, sie loszulassen.
"Warum kommt ihr denn überhaupt hierher?", riefen sie voller Verzweiflung
"Um euch Anweisungen für den Gebrauch von Wasser geben!", antwortete der Arzt.
"Kommt ihr alleine nur, um Worte zu bringen?"
"Ja. Aber wenn ihr meinen Rat befolgt, habt ihr eine große Chance, am Leben zu bleiben."
"Verschwindet woanders hin", schimpften die Dorfbewohner und warfen mit Steinen und Stöcken nach ihnen. Daraufhin sah das berittene Trio zu, dass es schleunigst wegkam.
Nach den Dutzenden von Dörfern die sie durchritten hatten, erreichten sie die Flussgabelung der Petit Rhône mit dessen großen Bruder. Michel kannte diese Gegend wie seine Westentasche und wusste, dass sie schon bald in Saint Rèmy, seiner Geburtsstadt, einreiten würden. Es schien, dass auch dort die Bevölkerung stark geschrumpft war.
Werde ich noch ein einziges Familienmitglied lebend antreffen, fragte er sich bedrückt und, seine Mannen hinter sich lassend, ritt er schnell in die Rue des Remparts, wo das Haus seiner Eltern verlassen dastand. Er stieg dennoch ab, in der Hoffnung ein Lebenszeichen vorzufinden. Allerdings fand er niemanden vor und beschloss zum Rathaus zu gehen, um dort Informationen einzuholen. Der einzige anwesende Beamte wusste zu berichten, dass sein Bruder am Stadtrand ein vom Einsturz gefährdetes Haus am renovieren war. Nostradamus sprang sofort auf sein Pferd und galoppierte dorthin. Einen Augenblick später, entdeckte er Bertrand mit einem Holzpfahl in seinen Armen.
"Michel, du lebst noch", rief sein Bruder, der den Reiter sofort wieder erkannte, und warf den Pfahl auf den Boden. Sie flogen sich in die Arme und ließen ihren Tränen freien Lauf.
"Vater und Mutter?", fragte Michel hastig.
"Die leben schon eine ganze Weile nicht mehr", weinte Bertrand.
"Und wie sieht es mit meinen anderen Brüdern aus?"
"Hector ist ertrunken und von Julien habe ich noch nichts gehört. Er lebt anscheinend in der höher gelegenen Region der Aix-en-Provence. Antoine, der ja auf der Gemeinde in Arles arbeitet, ist sicherlich noch am Leben. Im Großen und Ganzen, haben wir die Flut recht gut überstanden. Aber sag, warum hast du so lange nichts von dir hören lassen?"
"Ach, es war zuviel passiert, um alles auf einmal erzählen zu können. Doch kurz gesagt, bin ich nach dem Tod meiner Familie für ein halbes Jahr verrückt gewesen", antwortete Michel.
"Damals mussten wir diese Schreckensbotschaft von der Stadt Agen entgegennehmen."
"Ich fühle mich noch immer schuldig: Die Familie des Pestkämpfers, dahingerafft durch die Pest", sagte er, mit den Gedanken in einer anderen Zeit. "So, du reparierst also verfallene Häuser?"
"Ja, und wie du sehen kannst, gibt es eine Menge zu tun."
"Nun, dann lass uns besser wieder an die Arbeit gehen, denn auch ich muss noch ein paar Berge versetzen. Aber ich werde dich bald wieder besuchen kommen", und jeder seines Weges.
Als das schlimmste der Flut und der Pest vorüber war, ließ sich Nostradamus im Städtchen Salon de Provence nieder, wo die Leute ihn sofort mit offenen Armen begrüßten. Er nahm sich vor, dort für immer wohnen zu bleiben. Bereits nach einem Jahr, hatte er sich am Place de la Poissonnerie eine neue Praxis aufgebaut. Außerdem stellte er wieder ätherische Öle und Hausmittelchen her und veröffentlichte nebenher noch Heftchen über Kosmetik und Körperpflege. Es war der Beginn einer vermögenden Zeit. Das einzige was noch fehlte, war eine Frau.








Kapitel 5


Alleine nachts bei geheimen Studien,
ruhend auf einem Messingstativ
die Flamme aus dem Nichts den Erfolg entflammt,
wo Leichtsinnigkeit aus dem Bösen stammt.

Eine Herde weißer Pferde stob davon, und ein Schwarm aufgeschreckte rosa Flamingos schwang sich in die Lüfte, nur um etwas weiter weg wieder zu landen. Der Doktor galoppierte auf seiner Stute durch die Camargue, einem weiten Naturgebiet, wo er in seiner Freizeit Kraft und Ruhe fand. Es war eine wahre Freude über dieses schöne Land zu reiten, einem Paradies für Wasservögel voller Seen und Lagunen.
Er ließ die feuchte Heide hinter sich und steuerte sein Pferd in Richtung Dünen. Ein schwarzer Stelzvogel ergriff aufgescheucht die Flucht. Oben auf einer Düne, hielt er inne und starrte für eine Weile auf den Horizont des Meeres. Die Camargue war wie eine Insel, geteilt durch das Mittelmeer und den Flussarmen der Rhône. Die uralten Ablagerungen des Flusswassers, sowie die Kräfte der Gezeiten, hatten der Landschaft ihren besonderen Charakter verliehen. Es veränderte sich ständig und wann immer er hierher kam, gab es etwas Neues zu entdecken. Der einzige Stempel, der die Menschheit dieser wasserreichen Gegend aufdrucken konnte, waren die geraden Spuren aus römischer Vergangenheit.
Er führte sein Pferd hin zum breiten Sandstrand und ließ sich dort die vielen Impressionen seiner Patienten vom Meereswind wegwehen. In der Ferne erspähte er das dunkle Profil eines Stieres, der hinter einem Hügel verschwand. Er spornte gerade seine Stute an, in der Hoffnung weitere Stiere zu entdecken, als er hinter sich ein Pferd anpreschen hörte. Er drehte sich um, und sah eine Frau auf einem pechschwarzen Hengst. Die stolze Reiterin, die ein rotes Kopftuch trug, galoppierte grußlos an ihm vorbei und verschwand in den Dünen. Es sah ganz danach aus, als ob sie etwas verfolgen würde.
Das muss ich mir doch einmal genauer ansehen, dachte er sich und spornte sein Pferd an, um ihr nachzujagen. Neugierig geworden, beobachtete er von der Anhöhe einer Düne aus, was diese kühne Frau machte. Es sah ganz danach aus, als ob sie einer Herde wilder Pferde hinterher jagte und dabei eine Menge Sand aufwirbelte. Davon aufgeschreckt, sprengten Möwen, Kormorane, Greifvögel und anderes ornithologisches Getier unisono auseinander.
Sie treibt Wildpferde zusammen, stellte er verwundert fest. Ich werde ihr wohl besser zur Hand gehen, dachte er und ritt den Hügel hinunter, wo er sein Pferd zum Galopp anspornte. Einige Flamingos, noch mit Plankton in ihren Schnäbeln, erschraken heftig wegen dem unerwarteten Besucher und hielten augenblicklich inne, ihre Jungen zu füttern.
"Entschuldigen, Sie", nickte er gutgelaunt. Erst nach einer nassen Fläche, dessen Untergrund allmählich trockener wurde, konnte er sein Pferd auf Hochtouren bringen.
Zwischenzeitlich rief dieses Mannsweib nach den Wildpferden und preschte wie besessen hinter ihnen her. Eine Formation von gelblich-weißen Reihern flog hoch über ihr durch die blaue Luft, in sicherer Distanz zu diesem lauten Spektakel.
Noch während er sie einholte, schätzte er die Richtung ein, welche die ungestümen Pferde, die von ihr in Schach gehalten wurden, wohl einschlagen würden. Eine Anzahl der Tiere drohte nach rechts auszubrechen und er schnitt ihnen den Weg ab. Auch wenn sie ihn aus ihren Augenwinkeln heraus beobachtete, fuhr sie ohne ein Wort der Anerkennung mit ihrer Arbeit fort. So ein anmaßendes Weib ist mir bis jetzt auch noch nicht begegnet, kicherte er vor sich hin. Trotz ihrem maskulinen Äußeren besaß sie einen wohlgeformten Körper und voller Selbstvertrauen kanterte sie mit ihrem Hengst herum. Allerdings, welche Art von Frau würde um alles in der Welt Hosen tragen?
Obwohl er kein geübter Reiter war und des Öfteren ins Straucheln kam, gab Michel sein Bestes, um die Tiere zusammen zu halten. Sie ignorierte ihn noch immer. Einige der Vierbeiner versuchten nun in bewaldete Gebiete zu fliehen, aber bevor ihnen dieser Ausbruch gelang, wurden sie von den beiden wieder zurück getrieben. Noch ehe er die Pferde auf einer holprigen Fläche erobern konnte, musste er dieses Katz- und Mausspiel aufgeben, denn seine Stute stolperte plötzlich und ging mit einem Schlag zu Boden. Da er sich bei dem Sturz verletzt hatte, kam das widerwärtige Dragonerweib eilig herbei geritten um nachzusehen, wie schlimm der Schaden war. Die Tierherde sprengte derweil wild auseinander.
"Es tut mir leid, dass ich es für Sie vermasselt habe", entschuldigte er sich.
"Sie sagen es", knurrte sie während sie abstieg und keinerlei Anstalten machte, ihren Ärger darüber zu verbergen.
"Sind alle Knochen noch ganz?", fragte sie nun etwas milder gestimmt.
"Ich denke schon", und tastete seinen Körper ab. "Wohin müssen sie denn die Pferde treiben?"
"Nirgendwohin."
"Nirgends?! Wozu haben wir uns dann so abgeschuftet?"
"Wir? Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu helfen."
Das saß!
"Michel de Nostredame", stellte er sich vor, "und mit wem habe ich das "Vergnügen?"
"Anne Ponsart Gemelle. Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf", und packte ihn fest an der Hand.
"Sie sind eine starke Frau", schmeichelte er ihr, während sie ihm wieder auf die Beine half.
"Ja. Manchmal haben die Männer sogar Angst vor mir."
"Ehrlich gesagt habe ich noch nie eine derart robuste Frau kennen gelernt. Sie treiben die Pferde aus reiner Lust an der Freude?"
"Ja, ich liebe es einfach, hier meine Zeit zu verbringen."
"Außergewöhnlich für eine Dame, egal welchem Stande sie angehört. Ich komme aus Salon de Provence und arbeite dort als Arzt. Und Sie, woher kommen Sie?"
"Istres, an der Lagune von Berre. Ich muss gestehen, dass ich schon von Ihnen gehört habe."
"Bitte, nennen Sie mich doch Michel. Sollen wir ein Stück zusammen reiten?"
"Einverstanden", und sie bestiegen wieder ihre Pferde. Während die beiden durch eine grüne Landschaft trabten, begann Anne aufzutauen und erzählte über diese ungezügelte Natur.
"Hier, in den Wäldern, gibt es sogar manchmal Bären."
"Bären? Ich habe hier noch nie Bären gesehen", und beäugte stiekum ihre Figur. Außer ihren breiten Schultern, wie er nun bemerkte, war ihre Figur an und für sich sehr weiblich. Sie besaß ein schönes, ebenmäßiges Gesicht und unter ihrem Kopftuch versteckte sich dichtes, goldbraunes Haar.
Als sie die Salinen überquerten, zeigte sie ihm die verschiedenen Wasservogelarten, über die sie nun ganz entspannt plauderte. Sie genossen beide die Gesellschaft des anderen und er wollte mehr von ihr wissen.
"Und wie steht es mit der Liebe?", fragte er sie beherzt, was doch etwas zu direkt für ihren Geschmack war.
"Hier wird viel Salz gewonnen", antwortete sie stattdessen, die Frage umgehend. Er bohrte weiter.
"Eine junge, gesunde Frau wie Sie, hat doch bestimmt einen Mann?"
"Ich bin Witwe", gab sie ihm gereizt zu verstehen und woraufhin er für eine ganze Weile schwieg. Am Strand angekommen, ritten sie am Ufer entlang zurück nach Istres.
"Sind Sie schon lange verwitwet?", fragte er etwas später sehr vorsichtig.
"Fast drei Jahre."
Das ist gut, dachte er, und als sie vor ihrem Haus ankamen, beschloss er spontan, sie zum Essen einzuladen. Die Einladung schien ihr zu gefallen und sie willigte ein.

Seine Haushälterin hatte im Haus noch schnell Ordnung gemacht, während Michel in der Küche die letzten Vorbereitungen traf. Als alles für den Nachmittag vorbereitet war, legte er seine beste Kleidung an und wartete gespannt auf seinen Damenbesuch. Endlich klopfte es an und nervös öffnete er ihr.
"Guten Tag, Madame Ponsart Gemelle."
"Ich dachte wir würden uns duzen", entgegnete sie widerspenstig und blieb linkisch in der Tür stehen. Die kernige Isterserin steckte noch immer in derselben Reiterkleidung.
Elegant sieht anders aus, dachte er und fühlte sich ein wenig unbehaglich.
"Ich glaube, ich bin etwas übertrieben angezogen. Aber komm doch herein." Als Anne an ihm vorbei ins Wohnzimmer ging, konnte er ihren Duft wahrnehmen. Sie roch zumindest appetitlich und ihre Kleidung war frisch gewaschen.
"Nun, Michel, ich hoffe, dass deine Kochkünste einigermaßen akzeptabel sind."
"Wenn du mir nicht vertraust, dann kannst du dich gleich in der Küche mit nützlich machen… deine Arbeitskleidung hast du ja noch an", zischte er. Anne sah überrascht ihren Gastgeber an, der wusste, wie er sie in ihre Schranken verweisen konnte.
"Ich ziehe mir schnell etwas Bequemeres an. Du kannst ja schon mal schauen, was ich bis jetzt hergerichtet habe", fuhr er fort und verschwand nach oben.
Sie ging in die Küche und sah sich dort um. Auf einer Anrichte lagen verschiedenes geschnittenes Gemüse, Käse, Fisch, Eier und viereckige Teigstückchen. In einem Regal darüber befanden sich dutzende von Kräutertöpfchen. In einem Schrank entdeckte sie einen Behälter mit getrockneten Pilzen. Daneben standen mit Marmelade gefüllte Gläser und dem Etikett zufolge, war jede aus einer anderen Frucht gemacht worden. Herdplatten aus Gusseisen waren bereits glühend heiß und einsatzbereit.
Junge, Junge, der macht sich ja wirklich viel Mühe, stellte sie fest. Ich glaube, ich habe ihn ganz schön unterschätzt. Michel kam in bequemer Kleidung und mit einem Stapel Papier in der Hand, zurück in die Küche.
"Schau, meine Rezeptesammlung 'La Traite - Das Kochbuch' unerlässlich für alle, die mehr über exquisite Kochanleitungen in Erfahrung bringen wollen."
"Du hast ein Kochbuch geschrieben?"
"Ja, aber bislang wurde es noch nicht veröffentlicht. Jetzt werden aber erstmal die Ärmel hochgekrempelt. Siehst du die Blätterteigstückchen da drüben? Bestreiche sie erst mit einem verquirlten Ei und streue anschließend etwas Sesamsamen darauf. In der Zwischenzeit fette ich das Backblech ein." Und während sie gemeinsam kochten, sprachen sie über ihre Leben.
"Vermisst du noch immer deine verstorbene Frau?", fragte sie etwas später.
"Manchmal, denn sie wird immer in meinem Herzen bleiben. Den Frischkäse vorsichtig umrühren und dann die fein gehackten Kapern untermengen."
"Sind das die Kapern?"
"Eine große Küchenfee bist du gerade nicht, oder?"
Zwischenzeitlich hatte er den Blätterteig goldbraun gebacken und goss nun die Käsesauce und das Gemüse darüber. Sein Besuch beobachtete ihn ganz fasziniert, wie er kleine Stückchen geräucherten Lachs darauf legte und das Ganze mit viereckigen, knusprig gebackenen Blätterteigplatten abdeckte.
"Fertig. Setzen wir uns."
"Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt", bemerkte sie mit großen Augen.
"Übernatürlich", grinste er, als sie mit den Tellern ins Esszimmer gingen, wo er beiden ein Glas Rotwein einschenkte.
"Es schmeckt wirklich ausgezeichnete", lobte sie ihn. "Es tut mir leid, dass ich dich falsch eingeschätzt hatte."
"Dankeschön. Du bist eine gute Reiterin. Du hast ein schönes Pferd; du musst wohlhabend sein."
"Mein Mann besaß eine Salzfabrik."
"Aha, daher die Bemerkung über das Salz, als wir durch die Camargue ritten. Es muss ein erfolgreiches Unternehmen gewesen sein."
"Sicher. Es wurde auch in alle möglichen Länder exportiert. Wie du weißt, ist die Camargue Europas größtes Salzgewinnungsgebiet. Leider ist mein verstorbener Mann in seiner eigenen Saline tödlich verunglückt und war danach gezwungen, das Ganze zu verkaufen."
"Traurig.", meinte er.
"Was ist das für ein Hocker?", fragte Anne und zeigte auf das fremdartige Objekt, das sie in einer Ecke des Raumes stehen sah. Er stand auf und holte das Messingstativ.
"Es ist ein okkultes Instrument, das ich zum Meditieren verwende."
"Du bist ein lustiger Kerl", lachte sie. Plötzlich entfachte eine Flamme aus dem Nichts heraus und verschwand wieder genauso plötzlich wie sie aufgeflackert war.
"Verdammt!", rief er aus.
"Was war das?", fragte sie erschrocken.
"Ich weiß es nicht. Es schien wie Zauberei…" und ließen das soeben Erlebte eine Weile auf sich einwirken und aßen danach weiter.
"Kommst du? Dann können wir die Dauphinäs-Kartoffeln zubereiten", bat er sie nach der Vorspeise und begaben sich anschließend in die Küche. Eine halbe Stunde später stand das Hauptgericht dampfend heiß auf dem Tisch.
"Hast du oft für deinen Mann gekocht", fragte er, während er mit Muskat das Gericht würzte.
"Nein, nicht wirklich. Ich denke, dass ich dafür viel zu lasch bin. Aber wer weiß, es kann ja noch kommen."
"Wenn du möchtest, dann kann ich dir irgendwann gerne auf die Sprünge helfen", bot er ihr an.
Als sie mit dem Kartoffelgericht fertig waren, hatte der Küchenchef noch ein köstliches Dessert in petto: halbierte Pfirsiche mit Schlagsahne und Mandelblättchen.
"Solltest du versucht haben, mich zu beeindrucken, dann ist dir das wirklich gelungen", lobte Anne ihn als sie vom Dessert probiert hatte.
Nach dem Essen räumten sie den Tisch ab und zusammen erledigten sie geschwind den Abwasch.
"Hübsch, diese Marmeladegläschen", meinte sie, während sie die abgetrockneten Trinkgläser wegräumte.
"Das ist Konfitüre. In Marmelade befinden sich kleine Stückchen der Schale, nicht so in Konfitüre", erklärte er.
"Oh, das habe ich nicht gewusst. Wie machst du das eigentlich?"
"Die Früchte waschen, abtrocknen, Zucker hinzufügen und köcheln lassen."
"So einfach ist das?" Michel nickte.
"Nun, es scheint an der Zeit, meine weibliche Seite zu entwickeln", nahm Anne sich vor.
"Du bist gut, so wie du bist", und ließen die saubere Küche hinter sich.
"Es war ein herrlicher Nachmittag gewesen, aber ich befürchte, dass es jetzt an der Zeit für mich ist, nach Hause zu gehen", sagte sie schließlich.
"Du kannst hier schlafen. Es ist ein langer Weg zurück und in einer Stunde wird es bereits dunkel." Anne dankte ihm freundlich und meinte, dass ihr reinrassiges Pferd es in einer halben Stunde schaffen würde. An der Tür küsste sie ihn unerwartet auf den Mund und noch bevor er sich fangen konnte, war sie auch schon verschwunden. Lächelnd ging er zurück ins Wohnzimmer und warf einen Blick auf die Stelle, an der die mysteriöse Flamme erschienen war und genoss dabei für einige Zeit die vergangene Zweisamkeit mit ihr. Irgendwann schlappte er ins Schlafzimmer und kroch unter die Bettdecke.

Es zeichnete sich ein schmaler, hoher Berg mit einer Steilkante am Gipfel ab, der an einen geöffneten Kelch erinnerte. Auf der Kante stand eine Burg in Form eines Schiffes, das bereit war, loszusegeln. Etwas unterhalb kletterte jemand den steilen Pfad zur Burg hinauf, der wie eine Verbindung zwischen Himmel und Erde zu sein schien. Er näherte sich einer Anzahl Soldaten, die am Eingang der Festung Wache hielten.
"Nostradamus, endlich bist du angekommen", rief ein junger Mann mit einem Strahlenkranz, der sich zu den Soldaten gesellte. Der Träumer wusste nicht, was er erwidern sollte und der Mann konnte die Verzweiflung von seinem Gesicht ablesen.
"Du befindest dich in einem höheren Bewusstseinsstadium. Du hast die richtige Frau getroffen", machte er deutlich.
"Und wie das?", fragte Michel.
"Du bist von ihr geweckt worden!" Der Besucher ließ es eine Weile auf sich einwirken.
"Aber woher kennen Sie mich?", fragte er dann?
"Wir haben dich nun für eine Weile auf Erden beobachtet", antwortete der Mann, dessen Name Tristan war. "Ist dein Geist einmal in diese höheren Regionen vorgedrungen, wirst du von selbst Mitglied bei der Bruderschaft des Lichts. Hosanna in der Höhe. Aber genug geredet, komm mit. Wir sind gerade dabei, das Manisola-Fest vorzubereiten und ich will dir zeigen, was wir uns ausgedacht haben." Sie betraten das Schloss, das eine Unzahl an Gängen und Sälen besaß, die allesamt nach dem Stand der Sonne gebaut worden waren. Sie passierten eine große Gruppe transparenten Menschen, die mit dem kommenden Fest zutiefst beschäftigt waren.
"Schau, der Druidensaal, geschmückt mit Blumen", sagte Tristan, der die Menge absuchte. "Ich möchte dich gerne all meinen Freunden vorstellen, aber ich kann sie momentan nicht entdecken."
"Sind diese Leute so wie ich erwacht?", fragte Michel.
"Nein, sie sind Diener. Es gibt nur sehr wenige wie du und ich", und er hielt einen von ihnen an. "Wo ist Isola?"
"Ich weiß es nicht", gab der Passant zurück.
"Wenn du sie siehst, dann sag ihr, dass wir einen besonderen Gast haben. Ah ja, sie benötigen deine Hilfe beim Bankett." Dann gingen die beiden zum Hauptsaal wo Getränke, Leckereien und Blumen auf einer großen, runden Tafel gestellt wurden. Die Priester sorgten dafür, dass alles reibungslos verlief.
"Es erinnert mich an die letzte Hochburg der Katharer auf Montségur", bemerkte Michel.
"Das ist es auch", stimmte Tristan zu.
"Aber das hieße ja, dass bald jeder der hier herumläuft von den kirchlichen Armeen getötet würde", schloss der Besucher daraus.
"Nein, hör zu, du bist nicht im zwölften Jahrhundert gelandet. Zeit existiert hier nicht und unsere rituellen Feste und Einweihungen gehen ewig weiter. Wirklich, es ist sicher hier. Ah, da ist Isola." Eine engelsgleiche Frau, mit langen blonden Haaren und blauen Augen erschien inmitten der Aktivitäten. Sie hatte eine himmlische Erscheinung, ein Sinnbild von Reinheit.
"Isola, ich möchte dir Nostradamus vorstellen."
"Wie wundervoll, wieder einem puren Geist zu begegnen", sagte sie. Nach der Begrüßung wurde der Neuankömmling weiter herumgeführt, wobei sie unter anderem auch die Okzitanische Halle besuchten, die über ein erstaunliches Bodenmosaik verfügte. In der Mitte war ein Abbild der Maria Magdalena, zusammen mit einer Taube auf einer Mondsichel, unter der sich eine gewundene Schlange, mit einem Apfel im Maul, befand. Während Michel all das in sich aufnahm, trugen Gläubige Schalen gefüllt mit Himbeeren, Brombeeren, Waldbeeren und anderen köstlichen Früchten an ihnen vorbei. Im Anschluss daran gingen sie gemeinsam nach draußen und während sie auf die Eröffnung der Festivitäten warteten, betrachteten sie die Ausläufer der Pyrenäen.
"Ich habe soeben Menschen aus allen Erdteilen gesehen", bemerkte Michel. "Gehören die alle zur Gemeinschaft der Katharer?"
"Es ist mehr eine gnostische Gemeinschaft", erklärte Tristan "welche die katholischen, protestantischen, jüdischen, islamischen und anderen Gläubige willkommen heißt. Auch zur Einsicht gekommene Heiden werden hier herzlich empfangen."
"Es sieht so aus, als gäbe es keine Probleme…"
"Hier nicht, aber unsere Freiheit und unsere spirituelle Überzeugung werden oft als Bedrohung angesehen was auch der Grund dafür war, weshalb die letzten, sich in der Öffentlichkeit befindlichen Gnostiker, en masse ermordet wurden. Lediglich die leibliche Hülle des Körpers wurden zurückgelassen."
"Warum sind sie nicht geflohen?", fragte Michel weiter.
"Unsere Vorfahren haben vor langem ein heiliges Gelübde abgelegt, um sich nach einer Eroberung des Berges von den kirchlichen Armeen töten zu lassen, wohl wissend, dass ihre befreiten Seelen in eine höhere Welt aufsteigen würden, in der Gott sich in der reinsten Form manifestierte."
Ich würde das Leben wählen."
"Wir sind nun mal nicht alle aus demselben Holz geschnitzt. Diese Selbstaufopferung war dazu bestimmt, diesen ewigen Ort zu schaffen. Ein Ort, wo wir im Verborgenen unser heiliges Werk fortsetzen können. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen", erklärte Tristan.
"Ist Selbstaufopferung nicht etwas zuviel verlangt?"
"Es war eine freiwillige Entscheidung. So habe ich auch mir selbst geschworen, mich nicht von irdischen Dingen knechten zu lassen. Komm nun, ich sehe, dass die Festivitäten gleich beginnen werden." Sie gingen zurück in die Haupthalle, wo bereits hunderte von Eingeweihten und Anhängern warteten.
"Siehst du den Mann dort drüben?", fragte Tristan. "Das ist Parzival, ein ganz besonderes Wesen. Ich werde dich ihm vorstellen." Sie begaben sich hinüber zu dem Mann, mit dem heroischen Aussehen.
"Das erste Mal auf der Gralsburg?", fragte Parzival.
"Ja, und es ist eine Offenbarung für mich", bekannte Michel.
"Anfangs verließ ich diese Burg genauso unwissend wie ich gekommen war", warnte er.
"Ich nehme an, dass Sie zwischenzeitlich Ihren Weg gefunden haben."
"Sicher. Jedoch musste ich erst noch ein Leben voller Entbehrungen erleiden."
"Sie kommen aus der Ritterzeit", stellte der Neuling fest. "Während dieser Zeit war jeder auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Hat schon jemand diesen Becher gefunden?"
"Viele haben ihn gefunden. Der Gral steht nämlich als Symbol für den Raum, worin Gott die Baustoffe für die Schöpfung mit Sonnenstrahlen vermischt hat. Die suchende Seele muss sich ihren Weg durch die vielen Widersprüche kämpfen, um das ewige Leben zu erreichen."
"Ich meinte, hat es je einen greifbaren Gral gegeben?"
"Warten Sie ab", sagte Parzival mit einem Lächeln. Dann ersuchte einer der hohen Priester an der runden Tafel um Aufmerksamkeit und ergriff das Wort.
"Wir feiern Manisola zu Ehren von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, und seiner Frau, Maria Magdalena, die Priesterin der Göttin Isis. Mit diesem Fest gedenken wir an das letzte Abendmahl, als Jesus aus dem Becher das heilige Wasser des Lebens getrunken hat. Nach seiner Kreuzigung wurde sein heiliges Blut von Josef von Arimathäa im selben Becher aufgefangen. Der Diener reichte ihn weiter an Maria Magdalena, die ihn mit auf ihre Reise nahm. Und da sie bereits das Kind von Jesus unter ihrem Herzen trug, reiste sie aus Sicherheitsgründen nach Frankreich. Schließlich gebar Sie das Kind hier auf Montségur. Demzufolge sind wir Kathater die Nachkommen von Jesus Christus. Wir sind die Hüter des Erben der Essener-Sekte, aus der heraus Jesus und Maria Magdalene entstanden. Demzufolge gründeten Sie geheime Schulen und wo immer sie hinkamen entstanden plötzlich auch heilende Quellen. Seit Jahrhunderten feiern wir nun schon die Manisola, doch dieses Mal ist es ein ganz besonderes Jahr. Eine Seele ist aus eigener Kraft zu uns gekommen, und aus diesem denkwürdigen Ereignis heraus, haben wir den Gral hervorgeholt. Wir haben einen Trank vorbereitet, das ihm Zugang zum Allerhöchsten ermöglichen wird." Ein Diener reichte ihm den gefüllten Gral.
"Nostradamus, würden Sie bitte nach vorne kommen", forderte er ihn auf. Der Neuling ging verwundert zum runden Tisch.
"Sie sind unser Leuchtturm auf Erden und wir wünschen Ihnen alle Kraft und Weisheit, um Ihre Mission zu erfüllen", fuhr der Priester fort und reichte ihm den Becher. Michel trank einen Schluck aus dem geheiligten Becher und eine leuchtende Kraft nahm Besitz von ihm.
"Lang lebe Nostradamus!", jubelten alle im Saal.
"Nun lasst uns ein Fest der Freude feiern", beendete der Priester seine Rede. Harfenspieler begannen himmlische Musik zu spielen und die Festbesucher verteilten sich in den geschmückten Sälen, wo sie von den aufgetischten Köstlichkeiten naschten. Einige Anwesende zogen eher die Stille vor und begaben sich auf die diversen Terrassen. Auch das Wetter, das mitspielte, trug dazu bei, dass alle ihren Spaß hatten.
Es war bereits spät abends, als plötzlich von den Wachen Alarm geschlagen wurde. Die Burg wurde durch einen Überraschungsangriff gestürmt und die wachhabenden Soldaten wurden von einem Pfeilhagel getroffen. Panik war entstanden und wegen fehlender Anweisung, rannten die Gläubigen in alle Richtungen. Einige stolperten dabei über kniende Priester, die sich ihrem Schicksal ergeben wollten. Etliche Hohenpriester, mit einer Horde von Bewachern in ihrem Gefolge, rannten hin zu Parzival und Tristan.
"Wir wollen, dass Sie den Glauben weitergeben. Schnell, beeilt euch, es gibt einen Fluchtweg!"
"Aber wir haben gelobt, für immer hier zu bleiben", weigerten sie sich. Die Hohenpriester betonten jedoch die Notwendigkeit, ihren Glauben zu retten, da das gemeinschaftliche Interesse im Vordergrund stand und wegen dem hohen Druck und den chaotischen Zuständen gaben Parzival und Tristan schließlich doch nach. Michel hatte derweil alles in Augenschein genommen, bis dass sie auch ihn zur Flucht aufforderten.
"Bitte kommen Sie mit. Sie sind von großer Bedeutung. Sie müssen der Menschheit noch einen Spiegel vorhalten, damit diese erkennt, was auf sie zukommen wird und dass deren Augen geöffnet werden und somit das Licht siegen wird." Er konnte nicht anders, als zuzustimmen. Der Kopf des Wachtrupps bekam den Auftrag, den Hütern des Glaubens den Weg zu weisen und, wenn notwendig, hinter ihnen die Barrikaden aufzustocken.
"Geht wohl und haltet unser Gedankengut am Leben." Die Hohenpriester verabschiedeten sie und sahen sie mit traurigen Augen an.
"Kommt, es gilt keine Zeit mehr zu verlieren", mahnte der Wächter und führte sie in einen abgelegenen Bereich. Zur selben Zeit erschütterte ein enormer Knall die Grundmauern der Burg. Die feindlichen Armeen schafften es in die Eingangshalle vorzudringen, wo katharische Soldaten in aller Eile den Mittelsaal verriegeln mussten. Die zurückgebliebenen Anhänger wurden in den bereits eroberten Räumen bis auf den letzten Mann niedergemetzelt. In der Zwischenzeit wurden die drei Auserwählten zu einem Gang gebracht, der mit außergewöhnlich schöner Zedernholzarbeit gefertigt war. Dort hielt die Wache inne und betrachtete eingehend die Holztäfelung, die aus verschiedenen Rauten bestand. Er fing an, die Verbindungslinien mit seinen Fingern sorgfältig abzutasten. An einer bestimmten Stelle drückte er die Raute nach innen, worauf hin sich ein Geheimfach öffnete.
"Schnell, geht hinein", befahl er der Gruppe. Tristan, Parzival und Michel betraten eilig den geheimen Fluchtweg. Die Wache folgte ihnen auf den Fersen. Danach schloss der letzte mittels der geheimen hölzernen Raute hinter sich wieder ab und zündete ein Licht an, in dessen Schein ein schmaler Durchgang erkennbar wurde.
"Geht weiter, wir haben nicht viel Zeit", mahnte er die Gruppe, sich zu beeilen. "Am Ende links", flüsterte er etwas später. Der nächste Gang stellte sich als Sackgasse heraus, in der eine mannshohe Kugel mit einem Loch darin sichtbar wurde. Die Kämpfe in und vor der Burg, waren bis hierher zu hören und Tristan erwog für einen Moment, zurückzubleiben.
"Kriecht hinein!", befahl die Wache, der ihn zweifeln sah. Gehorsam krochen sie alle drei in die Rettungsvorrichtung, ohne zu wissen, was danach passieren würde. Die aus Zweigen und Tierhäuten gemachte Kapsel war präzise für drei Erwachsen entworfen worden und jeder suchte sich seinen Platz.
"Es gibt Haltegriffe und Fußstützen, an denen ihr euch festhalten könnt", erklärte der Wächter. Kaum hatten sie sich angepasst, als er auch schon die Kapsel in Bewegung setzte. Die Kugel begann, aus eigener Kraft weiterzurollen und der unterirdische Tunnel wurde bald zu einer vertikalen Rampe. Das Vehikel endete in einem freien Fall und seine Insassen stürzten in wenigen Sekunden hunderte von Metern hinab, bis dass der Ball ruckartig wieder aufschlug und sich erschreckend schnell zu drehen begann.
Nostradamus verlor sein Bewusstsein und erlangte es nicht wieder. In der Grauzone flog die Zeit dahin - und das war alles. Oder stand die Zeit still - und es gab nichts? Am Ende des Tunnels sah er dann ein Licht in unwahrscheinlich vielen Formen und mindestens ebenso vielen Farben.
"Ich bin bei dir", hörte er jemanden sagen. Hilflos öffnete er seine Augen, und sah zu seiner großen Überraschung, direkt über seiner Nase und kopfüber, das Gesicht von Anne. "Ich habe dich stundenlang festgehalten", fuhr sie besorgt fort, "du warst eiskalt und ich dachte schon, du seiest tot."
Michel kniff sich in die Finger, um sich zu vergewissern. Ja, er war auf die Erde zurückgekehrt.
"Wie bist du…", aber er wusste, dass er zu schwach war, um einen Sinn zu machen. Sie verstand ihn auch so und erklärte es ihm.
"Zuhause wurde ich plötzlich mitten in der Nacht wach und irgendetwas sagte mir, dass du meine Hilfe dringend benötigst. Ich habe sofort mein Pferd aus dem Stall geholt und bin zu dir geritten. Als ich in deine Schlafkammer rannte und dich bewegungslos am Boden liegen sah, hatte ich Angst, zu spät gekommen zu sein. Aber Gott sei Dank lebtest du noch. Danach habe ich es geschafft, dich wieder ins Bett zu bringen und deinen Körper zu erwärmen, bis dass du wieder eine normale Temperatur hattest.
Oh, liebe Anne, danke…", doch sie unterbrach ihn, indem sie ihre Finger auf seine Lippen legte.
"Nichts zu danken", und sie gab ihm einen Kuss.
Sie ist in der Tat die richtige Frau, dachte er tief gerührt und Tränen der Freude füllten seine Augen. Als er sie zärtlich berührte, begann endlich der stählerne Ring um sein Herz zu schmelzen. Die Schmerzen der all vergangenen Jahre waren wie im Handumdrehen weggewischt und seine Seele geriet ins schwärmen.
"Willst du mich heiraten?", fragte er strahlend. Anne lächelte von Ohr zu Ohr und sagte sofort "Ja".
Die Liebe zwischen Mann und Frau, die schönste Liebe die es gibt, durchströmte ihn und sie schliefen in den Armen des anderen ein.
Michel wurde spät morgens wach und stellte fest, dass er alleine im Bett lag. Würde sie wohl noch da sein, fragte er sich nervös. Er sprang aus dem Bett, band sich ein Tuch um seine Mitte und rannte die Treppe hinunter.
"Anne, bist du noch da?"
"Ja, ich bin hier!" Er ging in die Küche und sah zu seiner Überraschung, sämtliche Schubladen offen und Krüge herumstehen.
"Ich musste etwas essen", erklärte sie, mit einer Schüssel in der Hand. "Du kannst übrigens das Wickeltuch ruhig weglassen. Ich habe schon öfters einen nackten Mann gesehen", sagte sie und aß weiter. Er blickte geradeaus.
"Wie ich sehe, hast du auch meinen Trüffel gegessen", sagte er endlich.
"Du meinst das schwarze Ding, das schon etwas muffig roch?"
"Ja. Das schwarze Ding ist Gold wert und fast unmöglich zu bekommen."
"Oh, tut mir leid. Das wusste ich nicht."
"Macht nichts, ich werde wieder einen finden."
War das wirklich die richtige Frau? Eine Frau mit Fressattacken, dachte er sarkastisch.
"Hast du was gesagt?"
"Nein, nichts", und begutachtete den restlichen Schaden.




Kapitel 6


Ein Kapitän des großen Deutschland
Wird kommen, sich durch vorgetäuschte Hilfe zu ergeben
Dem König der Könige, Gehilfe von Pannoniern,
dass sein Aufstand große Ströme von Blut auslösen wird.

Nach einer bescheidenen Hochzeitsfeier, zog Anne von Istres nach Salon-de-Provence zu Michel, der in einem lecken Haus mit viel verblasstem Ruhm lebte. Sie nahm sich vor, den vernachlässigten Haushalt wieder auf Vordermann zu bringen. Auch ihr Hengst Salé fand Unterschlupf in den Ställen eines befreundeten Nachbarn. Nachdem sie ihren persönlichen Dingen, gleich am ersten Tag ihres Zusammenseins, einen Platz im Haus zugewiesen hatte, sprang sie plötzlich ohne jegliche Vorwarnung lustvoll auf ihren Mann.
"Hei, ich bin ein zartgliedriger Gelehrter, kein Metzgerjunge", sagte er, während sie ihn zwischen ihren Beinen eingeklemmt hielt.
"Mein verstorbener Mann hatte keine Probleme damit", antwortete sie etwas baff.
"Ich bin nicht dein verstorbener Mann. Komm her…", und sie entledigten sich gegenseitig ihrer Kleidung.
Nach und nach gewöhnten sich die beiden aneinander und Anne wurde schwanger. Zum ersten Mal. Ihr Leben begann, unproblematisch zu verlaufen und als Anne, einige Monate später die Kosmetik ihres Mannes verkaufen wollte, wurde Paul geboren. Jetzt war den ganzen Tag lang die feminine Seite der jungen, robusten Mutter gefordert, was ihr sichtlich gut tat, denn sie wurde wesentlich sanfter. Nach sieben mageren Jahren waren nun ganz deutlich die fetten angebrochen und mit jedem Venusjahr sollte sich ein weiterer Nachkomme dazugesellen.
An einem Tag, nach der Geburt seines dritten Kindes, saß Nostradamus auf der Veranda hinter seinem Haus und genoss den Frühling. Überall blühte und grünte es und die Bäume waren voll von zwitschernden Vögeln. An den angrenzenden Gärten mit den summenden Bienen, schritt ein Bauernmädchen vorüber. Er konnte an ihrem Korb erkennen, dass sie zum Holzsammeln in den nahe gelegenen Wald ging.
"Guten Tag, junge Maid", rief er ihr zu. Da das Mädchen ihn gut kannte, erwiderte sie höflich seinen Gruß.
Unterdessen war Anne mit einigen Handwerkern auf dem Dachboden, um das Studierzimmer zu renovieren. Sie hatte es geschafft, ihren Mann zu überreden, sich nur mit Angelegenheiten zu beschäftigen, die ihm am Herzen lagen. Nämlich das Vorhersehen der Zukunft, in Kombination mit Astrologie. Ihr finanzieller Reichtum ermöglichte es ihm, dies sorgenfrei tun zu können. Die Behandlung von Patienten, als Broterwerb, hatte er auf ihr Drängen hin aufgegeben.
Michel beugte sich über seine okkulten Bücher und ließ die Sonne wohlig auf seinen Rücken scheinen. Er arbeitete an einigen Vorhersehungen, die im folgenden Jahr eintreffen würden. Poing! Eine Erbse prallte mit hoher Geschwindigkeit auf seine Stirn und fiel anschließend auf das Papier, das er gerade beschrieb.
"Jetzt reicht es aber, Paul", warnte er seinen Sohn, der mit seinem selbst gebauten Katapult spielte.
Neben der fruchtbaren Ehe, trugen nun auch seine Anstrengungen die ersten Früchte. Unlängst wurde er vom Gemeinderat gebeten, eine lateinische Inschrift für den öffentlichen Brunnen beim Château de l'Empéri zu machen. Zudem wurde sein Kochbuch La traité des fardemens et confitures schließlich vom Volant Verlag in Lyon veröffentlicht.
An diesem Morgen konzentrierte er sich auf seinen ersten Almanach. Mit allgemeinen, in Versen geschriebenen Prophezeiungen, die in Beziehung zu Europa sanden, sollte es ein Werk aus zwölf Vierzeilern geben.
Am Nachmittag kam Antoine, der die verheerenden Fluten überlebt hatte, auf einen Besuch vorbei. In letzter Zeit hatte Antoine in seiner Heimatstadt Saint Rémy, das nur unweit von Salon gelegen war, als Steuereintreiber gearbeitet.
"Michel", rief Anne vom Fenster herunter, "kommst du mal schauen?" Der Ehemann hastete hinein, doch im Wohnzimmer musste er sich vorsehen, nicht über seinen Nachwuchs zu stolpern. César lag auf dem Boden und wurde von seinem Bruder und seiner Schwester im Würgegriff gehalten. Gleichzeitig wurde der Junge schier tot gekitzelt. Der Vater überwand das Hindernis und stieg in die oberste Etage, wo er seine eigens angefertigten Bücherregale begutachtete, in denen nun die roten, grünen, gelben und blauen Flaschen sicher aufbewahrt wurden. Damit der Gelehrte auch stets die nötige frische Luft bekommen würde, stand sein neuer, luxuriöser Schreibtisch direkt unter der vergrößerten Fensterluke. Dort standen auch die speziell angeschafften Kisten, die für seine geometrischen Materialien bestimmt waren, so wie das in Marseille gekaufte Fernrohr, das ebenso und ganz akkurat unter der Dachluke platziert worden war.
"Aha, so auf den ersten Blick gibt es nichts zu tadeln. Meine Messbecher haben glücklicherweise auch alle überlebt", bemerkte Michel und begann, das Zimmer zu inspizieren. "Ich habe noch ein paar Anmerkungen", sagte er zu seiner Frau und erklärte den Handwerkern exakt, welche Änderungen sie vorzunehmen hatten.
Die Kirchenglocken schlugen gerade zwölf, als sie Antoine rufen hörten. Er war wieder einmal überpünktlich, um mit ihnen gemeinsam das Mittagessen zu teilen. Seit der Überschwemmung hatten die Brüder wieder regelmäßigen Kontakt miteinander. Anne eilte nach unten, um noch schnell den Tisch auf der Veranda zu decken, bevor das Dienstmädchen die Schüsseln auftragen würde.
"Setz dich, Antoine", forderte er seinen Bruder auf, während er noch einen Stuhl holte. Madeleine und César mussten neben ihrem Onkel sitzen und Mutter verteilte die Schweinswürstchen.
"Die sind aber nicht koscher", bemerkte Antoine.
"Ich bin's ja auch nicht", meinte sein ältester Bruder gewitzt.
"Paul, essen!", rief Anne schon zum dritten Mal. Paul wollte nicht kommen und lugte von einem Baum aus auf den Eindringling herab und hielt ein wachsames Augen auf den Finanzmann. Bei Würstchen und Gemüse, erzählten sich die beiden Brüder die lokalen Neuigkeiten.
"Ist mit Bertrand wieder alles in Ordnung?", fragte Michel.
"Bestens sogar. Er hat jetzt seine eigene Baufirma gegründet."
"Großartig. Nur jammerschade, dass Anne den Dachboden hat ausbauen lassen, sonst hätte er das tun können." Antoine wollte loslachen, hielt sich aber zurück.
"Welche Frau beschäftigt sich schon mit Renovierungsarbeiten?", fragte er seinen Bruder.
"Ich habe dich schon verstanden", kam es unerwartet von Anne, "soll ich dir jetzt gleich eine kleben oder erst später?"
"Verzeih, Anne, ich habe es nicht böse gemeint."
"Wir ergänzen uns einfach hervorragend", bekannte Michel. "Sie ist der Mann, ich die Frau."
"Ihr seid wirklich ein seltsames Paar", murmelte Antoine, der sich etwas verloren vorkam.
"Mein Mann spricht ganz für sich selbst, denn ich fühle mich hundertprozentig als Frau. Madeleine, reiß nicht so!", schrie sie plötzlich.
Nach dem ungeschickten Streich der Tochter, musste selbst Michel lachen.
"Du hast Recht, Antoine. Du solltest mit meiner Frau keinen Krach bekommen. Ich werde sie noch etwas polieren müssen."
"Jetzt einmal langsam, Monsieur Dauerstudent", protestierte sie, "schließlich ermögliche ich es dir, Furore zu sorgen. So, wer poliert hier nun wen?", sprach sie und verließ zornig den Tisch.
"Die Zähmung dieses Pferdchens wird dir noch einige Mühe kosten", prophezeite Antoine, der schon wieder am gehen war.
Nachdem er seinen Bruder zur Tür begleitet hatte, setzte Michel sich in seinen Arbeitsstuhl und nahm sein Schreibbuch wieder zur Hand. Wie am Morgen, kam das gleiche Mädchen am späten Nachmittag wieder nach Hause gelaufen; jedoch diesmal war ihr Korb voll mit Brennholz.
Komisch, sie scheint irgendwie reifer geworden zu sein, dachte er.
"Hallo, junge Dame", rief er ihr zu. Sie winkte ihm zu und kicherte über das Wort "Dame", zumal er sie am Morgen noch "junges Mädchen" genannt hatte.
Es war frisch geworden und so beschloss er, noch mal einen Blick in das renovierte Studierzimmer zu werfen, aber drinnen stieß er auf sein Frau. Sie war noch immer wütend, über seine Bemerkung vom Mittag. Seine Entschuldigungen halfen alle nichts, und an diesem Tag flogen die Töpfe und Pfannen durchs Haus - wohlgemerkt von Annes Seite aus.
Eines Nachts entdeckte der Wissenschaftler, mit seinem neuen Fernrohr, eine Gruppe von Sternschnuppen. In astrologischen Kreisen war es längst bekannt, dass Brocken aus Stein oder Eisen manchmal in die Erdatmosphäre eindrangen und dabei teilweise verglühten und diese Erkenntnisse war bislang als solches von der Gesellschaft akzeptiert worden. Michel hatte einmal gelesen, dass in einer fernen, mythischen Vergangenheit Meteoriten mit einem Durchmesser von mehreren Kilometern enorme Krater in die Erde geschlagen hätten und das Klima dadurch einschneidend verändert worden wäre. Er nahm sich vor, diese Frage betreffend einen Brief an den Gouverneur der Provinz zu schreiben, denn dieser war bekannt für seine Aufgeschlossenheit und sein Interesse gegenüber der Wissenschaft. Der Gouverneur würde sicherlich eine Abhandlung eines geachteten Astrologen lesen, vermutete er. Immerhin, Erkenntnisse müssen schließlich geteilt werden. In seinem Hinterkopf entstand allerdings die Idee, dass der Landvogt ihm wahrscheinlich eher weiterhelfen könnte und war mit seiner Vermutung richtig gelegen. Der Gouverneur schrieb ihm ein Antwortschreiben zurück, indem er sich für seine wissenschaftlichen Kenntnisse bedankte. Zudem ließ er auch wissen, dass er von seinem unlängst in Lyon veröffentlichten Almanach, mit den Vorhersagungen für das kommende Jahr 1555, sehr beeindruckt war. Er musste wohl die Prophezeiungen in den höchsten Kreisen gerühmt haben, denn das Werk fand in ganz Frankreich reißenden Absatz. Die Türe für den Erfolg stand nun offen und Michel entschied sich, jedes Jahr einen neuen Almanach herauszubringen. Er bedachte aber auch eine großartigere Aufgabe, nämlich das Herausfinden der Zukunft für die Menschheit in die kommenden Jahrtausende. Diese Arbeit würde passenderweise den Titel Die Prophezeiungen tragen. Zufrieden mit dem Lauf der Dinge ging er hinunter ins Wohnzimmer, wo er seine Frau trotzig auf dem Esstisch stehend vorfand. Verblüfft schaute er sich um, um zu sehen, was los war. Madeleine saß auf einer Kiste, Paul hing von der Decke und César ging auf seinen Knien.
"Ist das eine Verschwörung?", fragte er.
"Nein, wir spielen ein Spiel. Komm, mach auch mit", rief Anne freudig.
"Wie denn?"
"Füße vom Boden."
"Ich lasse meine Füße lieber auf dem Boden."
"Was bist du aber auch immer so ernst", seufzte sie. Ihr Ehemann reagierte verletzt und ging zurück in sein Arbeitszimmer, wo es immer etwas zu tun gab und wenn es nur das ordnen von Dingen war. Dort angekommen betrachtete er melancholisch sein Fernrohr und musste an seinen Großvater Jean denken, der ihn so gut verstanden hatte, bis dass Anne in sein Zimmer kam und ihn aus seinen Gedanken riss.
"Mein lieber Mann, ich liebe dich, auch wenn wir uns immer wieder verkrachen, liebe ich dich. Und diese Liebe für dich wird sich niemals ändern. Aber versuch doch auch einmal mir zu erklären, was da alles in deinem Kopf vor sich geht", forderte sie ihn auf und setzte sich.
"Vielleicht glaubst du es ja nicht, aber ich habe eine Mission", begann er zögernd. "Meine Aufgabe im Leben ist es, der Menschheit zu zeigen, welche Katastrophen auf sie zukommen werden, sollten sie nicht zur Einsicht kommen. Glaube mir, dieser Weg lastet schwer auf mir."
"Gut, möge es sein wie es ist, das wird wohl die Kluft zwischen uns erklären", antwortete sie verständnisvoll. "Ich wusste nicht, dass deine Arbeit so schwierig ist und du deshalb nicht mit den Kindern spielen kannst."
"Ständig erhalte ich böse Bilder", fuhr er fort.
"Das ist zwar schrecklich, aber ist diese Mission denn wirklich wichtiger als deine Familie?", und traf damit genau auf seinen Gefühlsnerv. Verlegen starrte er sie an.
"Vielleicht. Wenn meine Arbeit getan ist, hoffe ich darauf, mit Gott wieder Eins zu sein", gestand er.
"Das wollen wir alle einmal." Sie streichelte seine Wange und ließ ihn allein.
Nostradamus beendete schon bald den ersten Teil von Die Prophezeiungen, indem er seine seit Jahren gesammelten Träume und Visionen aus seinen Tagebüchern verwendete. Sorgfältig hatte er die belangreichsten Vorhersagen ausgewählt und hatte sie mit Hilfe der Astrologie datiert, klassifiziert und interpretiert. Jedes Kapitel bezeichnete er als ein Centurie. Nicht um ein Jahrhundert damit zu deuten, sondern weil jedes Kapitel hundert Vierzeiler enthielt. Die vierzeiligen Verse waren wegen ihrem obskuren Stil - und der Vermischung von Französisch, Provenzalisch, Griechisch und Latein - für jeden anderen freilich unlesbar. Er betrachtete es als eine Notwendigkeit, seine Botschaften in dieser Art und Weise zu verschlüsseln, da die Inquisition die Fäden immer mehr in der Hand hielt. Außerdem wollte er unter gar keinen Umständen wegen Gotteslästerung oder Zauberpraktiken verurteilt werden, solange er noch eine Familie hatte.
Vorsorglich werde ich auch noch die Reihenfolge der Vierzeiler verändern, bedachte er und breitete die beschriebenen Seiten auf seinem Tisch aus. Meine Geheimnisse dürfen nur von Eingeweihten erst dann entschlüsselt oder enträtselt werden nachdem diese Vorhersagen eingetroffen waren, und er mischte sie alle durcheinander. Nachdem er eine willkürliche Reihenfolge geschaffen hatte, legte er sein Werk beiseite. Nach einer Weile intensiver Nabelschau, fuhr er seufzend mit den Händen durch sein Haar. Auch wenn er noch so oft über seine Initiation in die höheren Welten mit Tristan und Parzival nachdachte und nur allzu gerne wissen wollte, ob sie den Fall von Montségur überlebt hatten, wurde es ihm nicht heller vor seinen Augen. Es kamm auch keinerlei Reaktion von seitens der Quelle und seine luziden Träume halfen ihm genauso wenig weiter.
Dann, ein paar Wochen später jedoch, standen die Planeten in einer derart einzigartigen Konstellation, dass sie vielleicht diesmal eine Lösung bieten würden. Im Dachzimmer holte der inspirierte Mystiker den kupfernen Hocker mit der geheimnisvollen Kraft hervor. Der metrisch konstruierte Hocker stand in einem bestimmten Winkel in Verbindung mit den Himmelskörpern. Nachdem er die richtige Position ermittelt hatte, stellte er einen Becher Wasser daneben auf den Boden. Im Schneidersitz daneben sitzend, befeuchtete er die Füße und den Sitz des Stativs und legte danach seinen Kopf darauf. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich ganz auf die gefallenen Engel, die ihr Versprechen, nicht zu fliehen, gebrochen hatten. Und siehe da, die Zeit schien reif zu sein und schlagartig verließ er seinen Körper.
Er schwebte in einem Wohnraum herum, von dessen Decke ein glanzvoller Kronleuchter hing, der nicht aus seiner Zeit stammen konnte. Die Kerzen dieser magischen Lampe waren nicht wie gewohnt aus Wachs, sondern es waren kleine Glaskugeln, die von ganz alleine flackerten. In diesem Raum mit den hohen Decken standen zudem Plüschsofas, Mahagonitischchen und noch mehr geniale Lampen sowie ein riesiger Spiegel mit vergoldetem Rahmen. Orchestermusik und Chorgesänge waren zu hören, doch seltsamerweise gab es nirgends Musiker zu entdecken. Das Geräusch schien aus einem Kasten zu kommen, auf dem sich eine runde, schwarze Platte wie von alleine drehte. In einer Ecke des Raumes stand eine lebensgroße Marmorstatue, die mit artistischer Perfektion gemacht worden war und einen muskulösen Halbgott darstellte, der triumphierend und stolz ein Schwert empor hielt.
Der Künstler musste vom Sieg besessen gewesen sein; die Statue trieft geradezu von Pathos, dachte Michel. Ein Mann in Uniform und kurz rasierten Haaren betrat das Zimmer und ging zu dem Kasten mit dem Trichter. Das bombastische Musikstück wurde wiederholt und während der Mann in Gemütsbewegungen schwelgte, rief er nach jemandem in Deutsch.
"Magda, wo bist du?" Er hörte nichts und rief nochmals etwas lauter, worauf eine Antwort kam.
"Ich bin hier", erklang eine Stimme und einen Augenblick später kam seine Frau ins Zimmer gelaufen.
"Das ist bereits das sechste Mal, dass du Wagners Parzival spielst", klagte sie, woraufhin ihr Mann eilig die Platte absetzte. Unterdessen hat der Eindringling erkannt, dass die Verherrlichung der Ritterzeit der Grund für sein Kommen war, und dass es auch dieses Mal keine Sprachbarrieren gab.
"Helga hat Bauchschmerzen", fuhr Magda fort, "aber warum hast du mich gerufen?"
"Ich habe in den kommenden Wochen sehr viel um die Ohren und werde daher auch kaum Zeit für die Kinder haben. Ich würde es auch sehr begrüßen, wenn du mir bei meiner Rede für die ausländische Presse hälftest", sprach Joseph und holte einen Ordner.
"Gut, Schatz. Wusstest du, dass vor vierhundert Jahren jemand vorausgesagt hat, dass wir im Jahre 1939 wegen Polen mit Frankreich und England im Krieg sein würden?"
"Du hast also auch Kritzingers Buch 'Mysterien von Sonne und Seele' gelesen, mit Interpretationen des Originals?", mutmaßte er.
Sie bestätigte es.
"Nun, einige Mitglieder aus der Partei haben mich darauf hingewiesen, aber ich hatte noch keine Zeit, es zu lesen." Seine Frau holte das berüchtigte Buch von 1922 und suchte darin nach einer spezifischen Passage.
"Schau, dieser Vierzeiler scheint zugleich Ursache als auch Zeitpunkt des Krieges vorherzusagen. Du kannst es anhand des französischen Originals, das darunter steht, überprüfen", sagte sie.
"Französisch?! Wir stehen kurz davor, Frankreich anzugreifen! Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich mich mit dieser Sprache beschäftige?" Joseph ließ sich dennoch dazu überreden, wenigstens die deutsche Version zu lesen und das Paar beugte sich über das Buch, während der Verfasser sie dabei beobachtete.
Es muss aus meiner Feder stammen, folgerte der Letztere überrascht. Unglaublich, dass ich meinen eigenen Versen in der Zukunft begegne. Einer Zukunft, deren Inhalt ich noch nicht einmal kenne, und sah sprachlos zu.
"Hier ist noch ein auffallender Vierzeiler, den du sicher für deine Rede im Reichstag* verwenden könntest", schlug Magda vor, und ihr Ehemann ihn dann laut vorlas: "Irgendwo in Europa soll ein Kind armer Leute geboren werden und Unzählige werden von seinen Ansprachen verleitet werden. Er wird es zu einem großen Deutschland umformen."
"Der Führer wird es großartig finden", sagte sie.
"Ich werde darüber nachdenken, meine Liebste. Vielleicht sollte ich Kritzinger als Quelle angeben. Der Führer und das deutsche Volk sitzen schließlich nicht da zu warten auf Prophezeiungen eines Franzosen aus dem Mittelalter."
"Aus der Renaissance", korrigierte sie ihn.
"Ach, sei doch nicht immer so korrekt. Eine Botschaft muss nicht unbedingt wahr sein. Nun, sie sollte einfach sein und laut und oft genug verkündet werden. Wahrheit ist, was ich zur Wahrheit mache, Magda, aber ich danke dir für diesen interessanten Beitrag. Wer weiß, vielleicht hat es potentiellen propagandistischen Wert.* Jetzt hör dir aber bitte meine Reaktion wegen der Reichskristallnacht für die Pressekonferenz an", und setzte an, aber durch ein Klingeln gestört wurde. Joseph nahm ein Horn von einem Gestell herunter, hörte eine Weile zu und hängte es wieder auf.
"Magda, die Gouvernante fragt, ob du Helmut und Hilde holen kommst", woraufhin seine Frau umgehend das Zimmer verließ und ihr Mann vor den großen Spiegel trat und seine Ansprache für die Journalisten einstudierte.
"All die Geschichten, die Sie über so genannte Plünderungen und Zerstörungen jüdischen Eigentums gehört haben, sind schmutzige Lügen. Den Juden ist kein Haar gekrümmt worden", begann er. Dabei betonte er jedes wichtige Wort mit einer großen Geste, solange, bis er das Gefühl hatte, dass die Aussage die gewünschte Wirkung erzeugte. Er durchquerte kurz den Raum, um sich danach vor dem Spiegel über sich selbst zu vergewissern.
"Die große und absolute Wahrheit ist, dass die Partei und der Führer Recht haben. Sie haben immer Recht." Plötzlich wandte er sich von der Wand ab und fragte irgendjemand: "Oder etwa nicht?" Michel suchte in dem Raum nach einer anderen Person, auf die sich der Redner zu konzentrieren schien, doch sah er niemanden.
"Oder etwa nicht?", wiederholte der Deutsche in einem schärferen Ton.
Mit wem spricht er eigentlich?
"Hören Sie, ich kann Sie sehr gut sehen", sagte Joseph, der jetzt auffallend geradewegs nach oben sah.
Potzblitz, der Mann hat mich entdeckt!
Für einen Moment schien alles zu erstarren.
"Ich sehe oft Dinge, die andere nicht sehen", fuhr er fort, "jedoch spreche ich nicht in der Partei darüber, weil die mich sonst als verrückt erklären würden. Was hast du hier zu suchen, Geist? Willst du mir helfen oder mich behindern?" Michel war fassungslos und wusste nicht, wie er reagieren sollte.
Dieser Mann muss in hohem Maße begabt sein, dachte er. Er kann Geister sehen und fürchtet sich weder vor Tod noch Teufel.
Joseph begann, seine Ansprache vor seinem Ein-Mann-Publikum zu halten.
"Wir Nationalsozialisten werden nur für unsere Wähler handeln. Wir gehen in den Reichstag, um uns im Zeughaus der Demokratie uns mit Waffen zu versehen, die durch diese verwerfliche Staatsform selbst geschaffen wurden. Wir kommen nicht als Freunde oder Neutrale, sondern als Feinde. Und, wie hört sich das an?", fragte er zwingend. Es folgte eine weitere Pause und Michel fühlte sich vor den Kopf gestoßen.
"Verzeigung, ich kann Ihnen nicht folgen", sagte er endlich.
"Ach, ein unterentwickelter, kleiner Geist. Lass mich dir etwas beibringen. Ich weiß zwar nicht woher du kommst, doch du bist im Dritten Reich gelandet. Das Reich, das von meinem Führer Hitler, halb Plebejer, halb Gott, geführt wird. Der neue Christus, oder zumindest ein Johannes der Täufer. Er hat alles, um König zu sein, der Volkstribun und zukünftige Diktator. Meine Liebe zu ihm ist enorm und ich will nicht fälschlicherweise bescheiden sein, aber ich spiele eine der bedeutendsten Rollen in diesem mächtigsten Reich der Erde. Ich bin der brillante Propagandareichsminister Doktor Joseph Goebbels, Doktor der Philosophie und Germanistik. Ist dir das eigentlich bewusst, bei welcher wichtigen Persönlichkeit du hier gelandet bist?"
"Ich begreife einigermaßen, was Sie sagen wollen", antwortete Michel, der die Energie Goebbels nicht zu ignorieren wusste.
"Was ich tue", fuhr dieser fort, "ist, dem Volk eine Idee zu verkaufen, auf so eindringliche und allumfassende Weise, dass es das Gedankengut gänzlich akzeptiert und nicht mehr vergessen werden kann. Alles, um meinen Führer zu erfreuen. Normal springe ich mit meiner Wortwahl lebendiger um, aber Sie sind ja nur ein Gespenst. Offensichtlich werden Sie meine Ansprachen nicht in der weiten Welt verkünden, also nütze ich die Möglichkeit, meinem Herzen Luft zu machen."
"Gibt es viele Menschen, die in den Bann des Machthabers gezogen sind, über den Sie mit so viel Liebe sprechen", fragte Michel während er um den Kronleuchter herumflog.
"Ha, du bist eindeutig kein Zeitgeist. Ja, Millionen von Menschen hängen an seinen Lippen. Auch meine Frau verehrt ihn. Sie wollte sogar seine Frau sein, doch das glückte ihr nicht. Stattdessen heiratete sie mich, den Mann, der ganz nah beim Führer steht."
"Dieser Hister muss eine sehr beeindruckende Person sein", nahm sein Besucher an.
"Hitler! Ja, das ist er auch. Was unser Führer sucht, ist die Reinheit und Idealisierung der arischen Rasse. So ermutigt er die ideale deutsche Modellfamilie: weiß und blond. Ein Kind für den Führer. Meine sieben Kinder - Helga, Hilde, Harald, Helmut, Holde, Hedda und Heide - haben alle blonde Haare und blaue Augen und eignen sich perfekt für unsere Propaganda. Sehen Sie, hier ist ein Bild des Führers" und zeigte ein Portrait von einem Mann mit einem kleinen Schnurrbart. Die pedantische Art des Ministers langweilte Michel allmählich. Der Berufsredner versuchte Michel für sich zu gewinnen, sogar aus dieser Höhe.
"Wie muss ich mir die Reinheit und Idealisierung der arischen Rasse vorstellen?", fragte der Seher, der darauf brannte, ihm eine Lektion zu erteilen.
"Verflixt, unser Hausgeist kann denken. Welch ein Spaß! Nun denn, im Leben gibt es Privilegierte und Minderwertige. Das was Zigeuner zu Zigeunern, Homosexuelle zu Homosexuellen und Geisteskranke zu Geisteskranken macht, ist im Blut oder in den Genen festgelegt. Können Sie mir soweit folgen?"
"Sicher", log er.
"Nun gut. Die Verschiedenheit der Menschen hat eine biologische Ursache. Nun haben wir herausgefunden, dass sich die Minderwertigen schneller vervielfachen als die Hochwertigen. Daher ist es notwendig, die minderwertigen Arten zu isolieren, zu sterilisieren oder, besser noch, ganz auszuschalten. Ansonsten wird dieses unausgeglichene Wachstum zweifelsohne zum Untergang unserer Kultur führen." Dieser Goebbels war einer der Brüder des Schattens, begriff Michel nun und wollte definitiv nicht von so einer Gestalt schikaniert werden.
"Hat denn diese Kristallnacht auch etwas damit zu tun?", fragte er.
"Schande, Sie haben mich vorhin belauscht, zudem sind Sie klüger als ich dachte", sagte Goebbels. "Die Kristallnacht ist ein Schritt in die Richtung der vollständigen Vernichtung der Juden. Unsere Parteileute haben erst kürzlich diese geizigen Untermenschen zum Narren gehalten, indem sie ihnen ihre sämtlichen Habseligkeiten wie Synagogen, Geschäfte und Firmen zerstörten."
"Ich habe Sie sagen gehört, dass diesen Menschen kein Haar gekrümmt wurde."
"Ist das eine Kritik? Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich die Wahrheit so verdrehe, dass sie passend wird. Geschicklichkeit und der richtig gewählte Zeitpunkt sind sehr wichtig, um unser Ziel zu erreichen und eine Lüge kann dann ganz angebracht sein. Der Führer und ich wollen dem deutschen Volke das geben, wonach es verlangt: ein großes, saubres, arisches Reich. Und es gibt nichts, was die Massen mehr hassen, als eine Sache von zwei Seiten zu betrachten." Goebbels drehte und wand sich wie eine Schlange, um da wieder raus zu kommen.
"Haben Sie denn keine Angst, dass die Menschen ihre schmutzigen Tricks mit der Wahrheit durchschauen werden?", fragte Michel, der nun begriff, welchem Scheusal er gegenüberstand.
"Nein, überhaupt nicht, jedoch als reine Vorsichtsmaßnahme hat die Partei bereits zwanzig Tausend Bücher von berühmten Schriftstellern, Philosophen und Wissenschaftlern öffentlich verbrennen lassen. Bücher, die dem moralischen Verfall Anstoß gaben. Bücher mit undeutschem Gedankengut. Was wir beabsichtigen, wird ein wahrer Segen unsere Mitmenschen und deren Nachkommen sein. Endlich befreit von Homosexuellen, Zigeunern, asoziale Menschen, Schizophrenen und Schwachsinnigen. Wir haben bereits Dreihundertfünfzig- bis Vierhundertfünfzigtausend Menschen sterilisieren lassen." Der Reichsminister ereiferte sich weiter. "Und um das immense Judenproblem zu lösen, errichten wir spezielle Vernichtungslager, in denen unsere Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit bekommen, an dieser unreinen Sippe medizinische Versuche zur Verbesserung der arischen Rasse durchzuführen."
Mit diesem Mann lässt sich nicht diskutieren, dachte Michel etwas ratlos geworden.
"Sie sollten nach ihren eigen Maßstäben sterilisiert werden; Sie sind ja verrückt", explodierte Michel urplötzlich.
"Ich kann daraus entnehmen, dass Sie mit mir nicht einer Meinung sind. Schade. Das ist also Ihr wahres Gesicht. Aber nicht alles was wahr ist, ist gut für die Partei", fuhr Joseph unbeteiligt fort. "Sollte dies mit der tatsächlichen Wahrheit übereinstimmen, umso besser, ansonsten muss sie eben angepasst werden." Michel brannte langsam aus; der deutsche Speichellecker raubte ihm seine ganze Energie.
"Was würden Sie von einem neuen Werbeplakat für Seife halten", begann der Minister erneut. "Wäre es besser, die hohe Qualität einer konkurrierenden Marke hervorzuheben? Nein, da würden sogar Sie den Kopf schütteln. Betrachten Sie einmal mein Argument als die gleiche Art von politischer Werbung." Unterdessen suchte sein Besucher nach einem Ausweg. Seine Energievorräte waren dermaßen verbraucht, dass er so schnell wie möglich abhauen musste. Er konnte dem Propagandisten, der über seine Kräfte ging, nicht mehr länger zuhören.
"Wenn die Wahrheit nicht dienlich ist, muss sie eben angepasst werden", wiederholte Goebbels und schaltete mit einem einzigen Knopf alle Lichter im Raum auf einmal aus. Michel war von dem plötzlichen Wechsel von Tag zu Nacht so überrascht, dass er nach unten taumelte. Er versuchte vergebens, sich an dem Kronleuchter festzuhalten, stürzte ab und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden.
Mein Gott, ich bin beim Teufel selbst gelandet, und etwas benommen versuchte er wieder aufzustehen.
"Das wirkt beinahe immer, um so kleine Geister wie Sie zu stören", lachte Goebbels und schaltete wieder alle Lichter an. Nostradamus bekam diesmal einen enormen elektrischen Schlag ab und sein mentaler Körper sackte wieder in sich zusammen. Da lag er, neben dem Steinheld mit seinem erhobenen Schwert und suchte fieberhaft nach einer Rettung.
"Bekennen Sie sich zu unserem Ideal, oder ich werde Sie sonst vernichten lassen müssen", sagte der Deutsche rücksichtslos.
"Warten Sie, ich kann Ihnen die Zukunft für das Dritte Reich vorhersagen", versprach der Seher, um Zeit zu gewinnen.
"Unser schönes Reich, so weiß - so weiß und wunderschön", sang Goebbels komplett gestört und legte eine weiteres Stück von Wagner auf. "Tristan und Isolde", erklärte er und schaltete auf einmal wieder das Licht aus. Der neue Schock verursachte bei Michel eine einseitige Lähmung und seine Wahrnehmung geriet ins Wanken. Das Telefon klingelte zum zweiten Mal und verschaffte ihm eine kleine Verschnaufpause. Der Reichsminister schaltete die Opernmusik aus und nahm den Hörer ab.
"Nein, es ist nichts los. Ich spiele nur etwas mit der Beleuchtung", antwortete er und legte auf.
"Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Sie wollten mir die Zukunft vom Dritten Reich vorhersagen. Davon werde ich mich natürlich nicht einwickeln lassen, aber ich kann Ihnen voraussagen, dass Ihre Zukunft nicht rosig aussieht", und ließ das Lichtermeer von neuem aufleuchten. Wegen der harten Schläge, konnte Michel kaum noch denken und sein flüchtiger Körper zitterte gefährlich und neigte zur Verdunstung. Noch so ein Anschlag wäre fatal. Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür und Magda kam herein.
"Ich habe die Kinder abgeholt und sie ins Bett gebracht. Hast du dich unterdessen gut benommen?", fragte sie ihn.
"Ja, Liebling. Ich habe meine Rede eingeübt", täuschte er vor. Seine Frau sah ihn auf einmal eindringlich an.
"Ich will nicht, dass du Irene wieder siehst. Das schadet dem Image des Führers", sagte sie.
"Ich habe nichts mit ihr; sie ist lediglich eine gute Schauspielerin, die ich genau verfolge."
"Wir wissen es doch beide besser, Joseph. Du willst doch eine Modellfamilie sein, oder nicht? Beherrsche deine sexuellen Triebe, ansonsten muss ich es dem Führer erzählen." Er setzte sich mürrisch auf das Sofa und blickte an seiner Frau vorbei.
"Ich gehe jetzt ins Bett und hör auf, mit den Lichtern zu spielen", sagte sie zu ihm und verließ wieder das Zimmer. Ihr Mann dachte einen Moment nach und schaute gespannt auf sein Spielzeug. Doch neben dem lebensgroßen Helden war nichts mehr zu sehen. Der Geist war verschwunden. Dieser kehrte gerade noch rechtzeitig zu seinem physischen Körper zurück, der brav auf seinen Meister wartete.
"Das war knapp", murmelte er mit Goebbels noch immer auf seiner Netzhaut. Er rappelte sich auf und räumte das Stativ weg. Danach setzte er sich an seinen Schreibtisch, um dieses gefährliche Abenteuer schriftlich festzuhalten.
Nur indem ich das Licht auf die Dunkelheit werfe, kann ich das Böse überwinden, reflektierte er, während er die Feder in die Tinte eintauchte.

Anne war zum vierten Mal schwanger, und bis zur Geburt des Kindes waren es nur noch wenige Monate.
"Es wird ein Mädchen!", vorhersagte ihr Mann, der mit seinem zweiten Almanach beschäftigt war.
"Ich will es nicht wissen", rief sie und steckte schnell ihre Finger in die Ohren.
"Mach nicht soviel Lärm, du bringst das Kind noch um seinen Verstand", warnte er, aber sie hörte nicht zu. Unverhofft klopfte es an der Tür und Michel ging, um sie zu öffnen. Mit einem niedergeschlagenen Blick kam er wieder zurück ins Wohnzimmer.
"Geh mit den Kindern nach oben und bleib dort", gebot er.
"Was ist?", reagierte Anne entrüstet. "Wieso werde ich wie ein Stück Vieh behandelt?"
"Keine Diskussionen jetzt; ich erkläre es dir später", und nachdem sie mit den Sprösslingen nach oben gegangen war, ging er zurück an die Haustür und bat die Besucher einzutreten. Es war ein Ehepaar aus Sénas. Die Frau hielt ein monströses, neugeborenes Kind mit zwei Köpfen und vier Armen. Sie waren geradewegs aus Toulon angereist, um den hellseherischen Arzt zu konsultieren. Während das verzweifelte Ehepaar ihn erwartungsvoll anschaute, kratzte er sich angesichts dieser Missgestalt hinter seinen Ohren.
Was soll ich da nur machen, dachte er, hatte aber nicht das Herz, sie wieder wegzuschicken und untersuchte Form halber die miteinander verschmolzenen Zwillinge.
"Wie haben Sie mich denn gefunden?", fragte er, während er das abstoßende Wesen von hinten betrachtete.
"Die Behörden von Toulon haben Sie uns empfohlen", antwortete der junge Vater. "Sie erzählten uns, dass Sie uns vielleicht helfen könnten." Nachdem er dem Paar etwas zu trinken gegeben hatte, konzentrierte er sich kurz auf das Wesentliche dieses Kindes, das nicht sehr lebensfähig aussah.
"Es tut mir leid, aber Ihr Kind wird nicht sehr lange am Leben bleiben", sagte er vorsichtig, worauf die Mutter in Tränen ausbrach. Ihr Mann tröstete sie und sehr bedrückt zogen sie wieder davon. Anne kam mit den Kindern herunter und fragte, was geschehen sei.
"Ich wollte dir etwas Grausames ersparen, so grausam, dass du Alpträume davon bekämst", erklärte er. Später, als die Kinder bereits in ihren Betten lagen, hob er gegenüber seiner hochschwangeren Frau den Schleier der Verschwiegenheit etwas an, was ihr eine Gänsehaut über den Rücken trieb.
Einige Monate später wurde ihr viertes Kind - glücklicherweise normal - geboren. Es war in der Tat ein Mädchen, so wie Michel vorhergesagt hatte, und wurde auf den Namen Pauline getauft. Anne wurde kurze Zeit danach wieder schwanger. Ihr Mann war begeistert davon, auch wenn der Haushalt ziemlich umtriebig wurde und das Gezeter und Geschrei die ruhige Atmosphäre in seinem Arbeitszimmer störte. Die Abhilfe war einfach: Es wurde eine Zwischentür ins Treppenhaus eingebaut, so dass der Gelehrte wieder in Ruhe seiner Arbeit nachgehen konnte.
Neben der Ausarbeitung von Ereignissen für das kommende Jahr und der Erstellung von Horoskopen für allerhand von Gästen, hatte Nostradamus verschiedene Versuche unternommen, sich weiter ins zwanzigste Jahrhundert zu vertiefen, doch der Trick mit dem Hocker funktionierte nicht mehr. In dem Okkultladen in Marseille entdeckte er ein neues Instrument und zu Hause angekommen, rannte er sofort mit dem rätselhaften Paket noch oben. Vorsichtig packte er eine zerbrechliche Schale aus und stellte sie auf den Boden. Danach rannte er in den Garten, um Wasser aus der Regentonne zu holen.
"Junge, bist du durstig", sagte Anne, die Wäsche am aufhängen war.
"Ich sterbe fast daran", entgegnete ihr Mann, der sich nicht auf ein wildes Gezänk mit ihr einlassen wollte, und kehrte mit einem vollen Eimer zurück in seine Kammer. Heute würde es ihm gelingen, Hister zu besuchen, den großen deutschen Führer, der einen Weltkrieg verursachen würde, dachte er überzeugt. Er füllte etwas Wasser in die Schale, gab einige Tropfen Öl mit einer halluzinogener Wirkung dazu und setzte sich nebenhin. Nachdem er eine Weile auf das Wasser gestarrt hatte, begann er sich zu entspannen und wurde von den ätherischen Dämpfen berauscht und fiel in einen tiefen Traumzustand. Plötzlich wurde er von hinten angefallen; jemand sprang auf seinen Rücken. Es war zu spät, um sich zu wehren und er fiel vornüber.
"Papa, wir haben etwas für dich", rief César, der an seinem Nacken hing.
"Verdammt noch mal", entfuhr es ihm wutentbrannt und erschreckte damit den jungen zu Tode. Er hatte seinen Vater noch nie böse gesehen. Vater war immer die personifizierte Selbstbeherrschung, doch jetzt sprühten seine Augen Blitz und Donner. Michel sah seinen Lieblingssohn ganz verdattert dastehen und bereute es sofort.
"Es tut mir leid, dass ich so aus der Haut gefahren bin, aber du kamst zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt", und streckte ihm seine Hand entgegen. César zögerte etwas, gab aber dann zögerlich die seine.
"Ja, mein Junge, in jedem steckt das Böse - auch in deinem Vater - und es ist gut, diese Macht zu beherrschen, was mir soeben leider misslang. Glücklicherweise besitzen wir noch ein Gewissen." Sie fühlten sich beide ziemlich durcheinander und brauchten ein Weilchen, um sich davon zu erholen.
"Michel, kommst du nach unten? Wir haben eine Überraschung für dich", rief seine Frau plötzlich zwei Stockwerke tiefer.
"Was gibt es jetzt schon wieder?", und polterte missmutig die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo niemand zu finden war.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag", johlten Anne und die Kinder und kamen aus der Küche zum Vorschein. "Dein Geschenk steht an der Haustür!" Der Vater, der nun Abraham gesehen hat und fünfzig wurde, bekam Kopfschmerzen und lief mürrisch zur Tür. Doch dort konnte er nichts finden und ging achselzuckend zurück ins Wohnzimmer.
"Hinter der Tür", skandierten sie. Das Geburtstagskind trabte mürrisch wieder los und öffnete die Tür.
"Trara", schmetterte ein Horn. Vor seiner Nase tauchte eine Horde von Stadtbewohnern auf.
"Doktor Nostradamus", hob Bürgermeister Lemerre an, "es ist uns eine Freude, Ihnen zum fünfzigsten Geburtstag, einem halben Leben, zu gratulieren." Der Bejubelte hätte ihnen am liebsten die Türe vor der Nase zugeknallt, was er allerdings vor seinen enthusiastischen Mitbewohnern und seiner Familie nicht machen konnte und ließ es somit über sich ergehen.
"Sie sind ein ganz besonderer Mensch", huldigte der Bürgermeister, "und von großem Wert für Salon de Provence. Deshalb hat der Gemeinderat beschlossen, eine Statue für Sie zu errichten und Sie in aller Bescheidenheit zu bitten, mitzukommen zum Stadtplatz und ihr eigenes Standbild zu enthüllen." Es gab kein Entkommen und der gefeierte Gelehrte wurde sogleich mitgezogen. Die feiernde Menge trug ihn sogar auf Händen auf den Platz, wo seine verhüllte Statue stand.
"Liebe Mitbürger", rief dort der Stadtvater. "Unser berühmter Stadtgenosse ist heute fünfzig geworden und der Vorstand will diese Gelegenheit nutzen, ihm die Ehrenbürgerwürde unserer Stadt auszurufen und ihm ein Denkmal zu setzen." Lemerre bat Nostradamus die Leinwand von dem Standbild zu entfernen und unter großem Jubel kam eine Bronzegestalt zum Vorschein, die eine gelungene Ähnlichkeit mit dem Astrologen hatte, zum Vorschein. Daraufhin begann ein Fanfarenorchester zu spielen und der Stadtrat eilte auf den Gelehrten zu, um ihm viel Glück zu wünschen. Nach dieser Sturzflut von Belobigungen, sah der umschmeichelte Ehrenbürger endlich seine Chance und schlich sich davon. Der Bürgermeister plauderte noch mit der Frau des Sehers, während die Ratsleute sich über die kostenlosen Happen hermachten. Danach ging Anne zufrieden nach Hause, ließ die Kinder jedoch noch etwas länger auf dem Platz Ball spielen. Ihr Ehemann wartete bereits im Wohnzimmer wie erstarrt auf seine Frau.
"Ich möchte derartige Überraschungen nie wieder erleben müssen", sprach er grimmig. "Ich befand mich in tiefer Konzentration, als du César zu mir schicktest. Ich bekam fast einen Herzstillstand." Pauline, die in Tüchern gewickelt war, fing an zu weinen.
"Ach, Kleines", beruhigte sie die Mutter, "wir müssen uns stets an unseren seltsamen Vater anpassen, denn wie es scheint, dreht sich alles um ihn." Wie ein getretener Hund ließ er seine eigensinnige Frau zurück und lief fluchend und schimpfend die Treppe hinauf.
"Du willst dich ja nur mit allerlei Katastrophen beschäftigen", warf sie ihm noch hinterher. "Wir nicht. Wir möchten von Zeit zu Zeit auch einmal Spaß haben." Er wusste, dass er mit einer unkonventionellen Frau verheiratet war, doch dieses Mal war sie zu weit gegangen und trotzig verriegelte er die Tür des Dachbodens für gut. Den ganzen Tag blieb er schmollend in seiner Kammer und erst am Abend, als er sich wieder beruhigt hatte, suchte er seine Frau im Schlafzimmer auf und erzählte ihr, dass es ihm leid täte.
"Du hast ja Recht, ich bin viel zu ernst und es muss für dich und die Kinder schwierig mit mir sein, aber ich bin nun einmal wie ich bin…"
"Das ist nichts Neues. Komm her, zieh deine Sachen aus", sagte sie. Er kroch zu ihr ins Bett und sie schmiegten sich liebevoll aneinander.
"Ich weiß, dass du eine Mission zu erfüllen hast", fuhr sie fort, "und ich werde dich bis ans Ende meiner Tage unterstützen, doch daneben möchte ich auch leben." Ihr Verständnis tat ihm wohl und es folgte eine Nacht voller Liebe.
"Ich bin so glücklich, dass es dich gibt", flüsterte er später.
Am nächsten Morgen erwachte er und fühlte sich unwohl; es schien, als ob sein ganzer Körper kochte. Es war am Vortag vielleicht doch etwas zu viel für ihn gewesen. Anne hörte ihren Mann stöhnen und sah, dass er ernsthaft krank war.
"Soll ich einen Doktor holen?", fragte sie besorgt.
"Ich bin der Doktor und alles was ich brauche ist Ruhe. Und Liebe…", fügte er hinzu. Tagelang war er an sein Bett gebunden und seine Frau pflegte ihn fürsorglich, trotz ihres dicken Bauches.
Immer nur Streit mit meinem Gelehrten, dachte sie traurig, während sie ein Ei für ihn schälte. Fortan müssen wir uns gegenseitig mehr Raum lassen.

Es war Weihnachten, das größte Fest nach Ostern. Die Nostredame-Familie, die sich auf fünf Kinder vergrößert hatte, feierte die Geburt Jesus Christus in der Kirche von Saint Laurent. Es war das erste Mal, dass er im Haus Gottes eine Krippe mit lebensgroßen Figuren zu sehen bekam, die alle anderen ebenso sehen wollten. Die Kinder waren so zappelig wie Hühner, Paul und César hatten sich dann auch dicht neben die Krippe mit dem Jesuskind gedrängt.
"Mama, André sieht aus wie Jesus!", rief Paul, der eine Ähnlichkeit in seinem neugeborenen Brüderchen sah.
"Ich finde, er sieht viel hübscher aus", antwortete sie hinter einer Reihe von Menschen. Die Umstehenden sahen sie mit schiefen Augen an.
"Das ist Gotteslästerung", bezichtigte sie einer. Anne machte sich nichts daraus und besuchte mit ihrem Mann die anderen Weihnachtspuppen. Maria, Josef und die Hirten waren bei weitem weniger populär und etwas weiter, bekamen die Könige aus dem Osten die geringste Aufmerksamkeit. Alle Kirchgänger wurden nun aufgefordert, auf den Holzbänken Platz zu nehmen, wo Nostradamus seinen Kindern über Franz von Assisi erzählte, der mit der Benutzung des Stalls begonnen hatte. Der Geistliche wollte auf diese Weise den Analphabeten die Weihnachtsbotschaft näher bringen. Leider waren die Kinder nicht so wissbegierig, wie er gehofft hatte. Stattdessen bestaunten sie die Tausenden von Lichtern, die den Saal verzauberten. Die Weihnachtsvorstellung begann. Der alte Erzbischof von Arles schlurfte zum Rednerpult und war bereit für seine Ansprache.
"Meine Damen und Herren, Weihnachten ist die Verheißung des neuen Lebens, das Jesus uns bringt, und diese wunderbare Botschaft soll nun für euch gespielt werden. Viel Vergnügen." Die Schauspieler betraten die Bühne und die Zuschauer saßen wie gebannt auf ihren Sitzen. Nicht das ganze Publikum, denn Michel fand die ganze Vorstellung etwas fragwürdig. Es war vor dem Aufstand der Protestanten noch nie eine solch schöne Weihnachtsvorstellung organisiert worden und noch nie zuvor war der Bischof so freundlich und hatte so kurz nur gesprochen. Die Gegenreformation versuchte nur allzu deutlich wieder Seelen zurück zu gewinnen, allerdings konnten keine kritischen Stimmen von diesem provinzlerischen Publikum erwartet werden. Unterdessen wurden seine Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen. Nur widerstrebend folgte er diesem Theaterstück, doch nachdem die Zuschauer immer enthusiastischer wurden, gab auch er der guten Stimmung nach. Zum Abschluss gab es noch eine Parade mit den Hirten und den drei Königen, die bei der Krippe endete. Trotz Hintergedanken der Kirche wurde es ein unterhaltsamer Abend und die Familie kehrte amüsiert nach Hause zurück. In dieser Nacht wurde das sechste Kind gezeugt.







Kapitel 7


Der Pfeil des Himmels wird sich ausdehnen,
Tod während des Sprechens, große Hinrichtung.
Der Stein im Baum, den großen Leuten anvertraut,
wilde menschliche Monster, Zeit der Reinigung.

"Michel", rief Anne durch die verschlossene Dachbodentür, "ich werde heute Nachmittag fortgehen und nicht bis morgen Abend zurück sein. Wenn du möchtest, trinken wir noch eine Tasse Tee miteinander." Ihr Mann war von dieser Idee sehr angetan und öffnete die Tür, woraufhin sie eintrat und ein Tablett mit Tee und Keksen auf seinen Arbeitstisch stellte.
"Was wirst du tun?", fragte er sie.
"Mit Jacqueline in der Camargue ausreiten. Es ist schon eine so lange Zeit her, seit ich meine Schwester das letzte Mal gesehen habe."
"Ich wusste nicht, dass sie auch reitet."
"Erst seit kurzem. Du wirst es ohne mich schaffen müssen. Das Hausmädchen wird jedoch ein Auge auf die Kinder werfen", klärte sie ihn auf und schenkte den Blumentee ein.
"Ist sie noch immer in dem Schneideratelier beschäftigt?", fragte ihr Mann und biss in einen Rosinenkeks.
"Ja, und ich habe sie gebeten, für dich ein langes, braunes Gewand zu fertigen."
"Wunderbar", bedankte er sich bei ihr. Sie zupfte ihm noch ein paar Krümelchen aus seinem Bart und machte sich anschließend auf den Weg.
"Grüß mir deine Schwester", trug er ihr auf, als sie sich zum Abschied flüchtig küssten. Er verriegelte die Fenster und vorsichtshalber auch noch die Tür, so dass ihm keines der Kinder auf den Rücken springen konnte. In der nun fast finsteren Kammer setzte er sich auf seinen Bürostuhl, wo er dann eine geheime Pillendose aus einer Schublade zum Vorschein brachte. In dem Döschen bewahrte er ein Kraut auf, das angewendet wurde, um das dritte Auge zu stimulieren. Ein neuer Versuch! Er streute das pulverisierte Kraut auf die Tischplatte und schnupfte es in einem Zug weg.
"Verflixt, habe wohl zuviel von dem Zeug genommen", brummte er und seine Augen tränten vor lauter Schmerzen. Auf einmal begann sich die ganze Kammer zu drehen und er klammerte sich an der Armlehne fest, verlor aber bald die Kontrolle.
"Anne!", wimmerte er mit verdrehten Augen und glitt langsam vom Stuhl runter.
Nach einiger Zeit kam der Mystiker, der ausgestreckt auf dem Boden lag, wieder zur Besinnung.
Dies ist nicht mein Arbeitszimmer, bemerkte er während er sich umsah. Nachdem er in einem kolossalen Saal wieder zu sich gekommen war, stand er auf und betrachtete sich diesen näher. Der Saal besaß ein imposantes Bodenmosaik von einer schwarzen Sonne, einem Bildnis, welches aus Symbolen verschiedener Glaubensrichtungen zusammengesetzt war. Ebenso gab es viele Reliquien in dem Raum und ein kleines Fenster, aus dem er sofort einen Blick hinaus warf.
Es ist ein Schloss in dem ich gelandet bin, stellte er fest. Da es in dem Saal weiter nichts Interessantes gab, ging er neugierig zu einem Ausgang.
Es liegt eine seltsame Atmosphäre in der Luft, die mich an schwarze Magie erinnert, ging es ihm durch den Kopf und stieg vorsichtig eine steinerne Treppe hinunter. Eine Etage weiter unten befanden sich noch mehr Räume, deren Türen sperrangelweit offen standen. Der erste wurde 'König Arthur Saal' genannt. In diesem Zimmer stand ein runder Holztisch mit zwölf Stühlen.
Inspiriert von der Ritterzeit, folgerte er. Der Zeitreisende wandelte bedächtig umher und berührte nur die Stühle, bevor er den nächste Raum, den 'König Heinrich Saal', aufsuchte. Hier waren die Möbel aus moderneren Materialien und stammten wahrscheinlich aus dem neunzehnten oder zwanzigsten Jahrhundert, vermutete er. Dort standen ein Schreibtisch, Aktenschränke aus Stahl und ein Tresor. An der Wand hing eine Bauzeichnung, über der in großen Buchstaben Wewelsburg geschrieben stand.
Es musste wohl eine Konstruktionszeichnung des Schlosses sein, dachte er. Dieses gigantische Projekt, mit einem exakten Durchmesser von Eintausend Meter und die Form eines nach Norden zeigenden Pfeils hatte, umringte es halbkreisförmig eine Stadt. Anschließend schnüffelte er noch in einer offenen Schreibtischschublade herum, in der lauter Totenkopfringe herumlagen.
Eine makabre Sammlung, fand er. In den Aktenschränken waren Dossiers fein säuberlich, in alphabetischer Reihenfolge abgelegt. Lediglich ein Ordner, mit einem gestochen scharfen Bild eines tibetanischen Klosters, lag beliebig oben drauf. Plötzlich hörte er Stimmen und vorsichtig lugte er um den Türpfosten. Drei Männer in Uniform stapften die Steintreppe herauf.
"Das deutsche Volk wird alle Tausend Jahre einen besonderen Führer anerkennen", hörte er einen von ihnen sagen.
"Sie meinen natürlich mich", entgegnete der Mann mit dem kleinen Schnauzer und einer schauderhaften Stimme.
Das muss Hister sein, realisierte Michel sofort.
"Ohne jeglichen Zweifel, mein Führer", sagte sein Stellvertreter Heinrich Himmler. "Es ist auf den Tag genau Tausend Jahre her, als Heinrich I. über die germanischen Gebiete herrschte und vielleicht sind Sie ja seine Reinkarnation." Die Männer befanden sich nun ganz in der Nähe und machten Anstalten, den Raum zu betreten, in dem sich Michel befand.
"Wie geht es mit der Renovierung der Wewelsburg voran", fragte Hermann Göring.
"Die Burg ist so gut wie fertig. Kommen Sie, ich zeige Ihnen schon einmal den Generalsaal", antwortete ihm Himmler und sie stiegen die Treppe wieder hinunter. Michel konnte die Männer zwar nicht mehr verstehen, aber dafür hallten ihre Schritte durchs gesamte Gebäude. Nach einiger Zeit kamen die Deutschen wieder näher und ihre Stimmen waren erneut zu vernehmen.
"So, großer Meister des Teutonischen Ritterordens", neckte Göring, "wo wird unser fester Platz sein?"
"Der König Arthur-Saal", antwortete Himmler, "und dort werden wir auch von nun an tagen." Michel hörte sie vom Nebenzimmer aus, wie sie an den runden Tisch gingen und sich setzten. Mucksmäuschenstill stand er an der Verbindungstür und legte sein Ohr daran.
"Meine Herren, ich habe Sie aus einem besonderen Anlass gebeten, hierher zu kommen. Ich möchte Ihnen nämlich meine neuen Pläne vorstellen."
"Ich erwarte nur große Pläne von Ihnen", schmollte Hitler, doch sein Stellvertreter ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
"Wewelsburg soll Europas Heiligtum werden", erklärte er. "Das Schloss soll zum Mittelpunkt einer neuen Religion werden. Einer Religion, mit erkennbaren Göttern, Mythen und sogar einem eigenen Vatikan."
"Auf der christlichen Lehre basierend?", mutmaßte Göring.
"Nein. Ich will, dass unsere alten, arischen Wurzeln dominieren werden. Deshalb will ich die Bibel durch Mein Kampf ersetzen und alle Kreuze durch Swastiken. Der Hellseher Karl Wiligut hat bereits vorhergesehen, dass dieser Ort eine magische germanische Hochburg sein würde."
"Die verdammte Macht des Vatikans muss in der Tat gebrochen werden", sagte Hitler zu seinen Gunsten.
"Doch gibt es etwas im Christentum," sagte der zweite Mann im Reich, "das uns alle maßlos fasziniert - und das ist der Heilige Gral". Michel hörte ihm gespannt zu. Es ging um den magischen Becher, aus dem er bei seiner Aufnahme getrunken hatte.
"Seit Jahren versucht unsere Thule-Gesellschaft sich des Grals zu bemächtigen, da dieser uns zur ultimativen Macht führen würde. Vor vier Jahren habe ich dem geschichtskundigen Otto Rahn* den Auftrag erteilt, in den Grotten nahe Montségur nach dem Gral zu suchen - aber leider vergebens. Belangreiche Hinweise können jedenfalls nicht mehr von ihm weitergegeben werden."
"Ich habe gehört, dass es auf Ihrer Suche noch mehr Opfer gegeben hat", kommentierte Hitler.
"Ungefähr eine Million", gab Himmler trocken zurück. "doch in Anbetracht dessen was wir vor haben, ist das zweitrangig.
"Sie werden jetzt schon Großinquisitor genannt", scherzte Göring worüber die Männer lachen mussten.
"Ja, ja…aber jetzt kommt's: Ich bin selbst nach Montségur gereist und habe monatelang danach gesucht. Eine Spur führte mich schließlich nach Spanien zum Kloster Montserrat und meine Herren, es ist mir geglückt. Ich habe den Gral gefunden." Voller Unglauben hörte Nostradamus zu. Dieser Himmler war ja noch schlimmer als sein Vorgesetzter.
"Wo ist der Becher", kreischte Hitler aufgeregt.
"Nebenan, im Tresor. Ich werde ihn sofort holen", und Himmler lief stolz wie ein Pfau zum König Arthur-Saal, wo der überrumpelte Seher sich wie ein kleiner Junge duckte. Mit gestocktem Atem spähte er hinter dem Aktenschrank hervor und beobachtete, wie der Tresor geöffnet wurde. Es gelang ihm, einen raschen Blick auf den Gral zu werfen.
Das ist er nicht, dachte er erleichtert; der echte Gral ist viel kleiner und zerbeult.
Inzwischen nahm Himmler die Reliquie mit und kehrte zu seinen Brüdern des Schattens zurück.
"Mein Führer, die Ehre liegt bei Ihnen", und er überreichte den vermeintlichen Gral seinem Vorgesetzten. Dieser untersuchte den Becher misstrauisch und stellte ihn dann schweigend auf den Tisch. Von seiner Echtheit überzeugt, fing er an zu klatschen und sah seinen Nachfolger wohlwollend an.
"Die absolute Macht gehört nun uns", grinste Himmler, "aber erlauben Sie mir, den Gral sofort wieder in Sicherheit zu bringen. Herr Wiligut* und die Offiziere werden gleich hier sein und ich möchte, dass nur wir drei von dem Versteck des Grals wissen." Hitler erteilte ihm seine Zustimmung, woraufhin Heinrich erneut das Zimmer verließ, um den Gral an seinen sicheren Ort zu bringen und Michel sich derweil wieder hinter dem Aktenschrank verstecken musste. Auf der Wewelsburg wimmelte es nun von Wachen und schon bald erschien eine Gruppe von SS-Offizieren. Sie traten ein und begrüßten den Führer. Adolf ignorierte sie gänzlich und blieb sitzen, denn er hatte nur Augen für seinen Stellvertreter, der womöglich noch mehr in petto hatte.
"Kommt Josef denn nicht?", fragte Göring seinen träumenden Chef.
"Nee, Josef ist noch mit meiner Rede und den Vorhersagen Kritzingers beschäftigt", antwortete er unbeteiligt.
"Dieser Saal", sprach Himmler zu der erweiterten Gesellschaft, "ist zukünftig einzig und allein für die zwölf Ranghöchsten des Reiches zugänglich. Nach der Einweihung wird es eine strikte Geheimhaltung darüber geben, was in diesem Orden vor sich geht. Die Schweigepflicht wird mittels Zwangmethode und der Leitung des Hellsehers Wiligut gewährleistet." Das beorderte Medium stellte sich vor und Nostradamus roch Lunte.
"Jedes Mitglied nimmt einzeln zu einer bestimmten Zeit im Nebenraum Platz", fuhr Himmler fort, "und die anderen unterdessen fokussieren ihre Gedanken auf genau jene Person. Durch diesen Einfluss des ritterlichen Zwangs wird das Mitglied nicht in der Lage sein, irgendwelche Geheimnisse für sich zu bewahren. Herr Göring, ich schlage vor, Sie machen den Anfang." Michel duckte sich zum dritten Mal, als eine Splittsekunde später Göring eintrat, sich an den Tisch setzte und wartete. Daraufhin begann der geschlossene SS-Ring Kontakt mit germanischen Vorfahren zu machen, die in Kombination mit tibetischen Klangschalen den Raum säubern mussten. Nachdem die Klänge verstummten, herrschte für eine Weile eine Totenstille. Dieses Experiment machte ihn derart unsicher und nervös, dass er auf seinen Fingernägeln herumkaute. Schließlich war es ihm wieder erlaubt, zu seinen Kollegen zurückzukehren.
"Das habe ich nicht erwartet, Hermann. Was hast du vor uns zu verbergen", fragte Himmler unerwartet.
"Ich verberge absolut nichts", erwiderte Göring mit hoher Stimme.
"Nun, laut Herrn Wiligut bist du…"
"Ich bin ein Mann von Ehre und Anstand und war stets dem Führer treu ergeben."
"Dann muss wohl noch jemand anderer im Raum sein", vermutete Wiligut.
"Das scheint mir unmöglich", sagte Himmler, "dieser Komplex wird wie eine Festung bewacht." Zur Sicherheit jedoch beauftragte er die Wachen, das Nebenzimmer zu untersuchen.
Verfluchter Mist, bemerkte der andere Hellseher zu spät. Die Soldaten fanden ihn hinter dem Kasten und schleppten ihn zur Gruppe der anderen Verschwörer. Der Führer stand auf und blickte ihn in wütender Verachtung an.
"Wie sind Sie hier hereingekommen", schnauzte dieser, doch der Spion schwieg.
"Der Führer hat Sie was gefragt", bellte Himmler giftig, aber Michel hielt seine Lippen weiterhin verschlossen.
"Es wird nicht noch einmal passieren, mein Führer", entschuldigte sich Heinrich. "Werft ihn in die Walhalla und schmeißt den Verbrennungsofen an. Wir werden ihn schon noch zum reden bringen." Die Wachen nahmen Michel mit und schlossen ihn im Keller ein, wo Michel wieder zu Sinnen kam.
Ich war zu sehr von der Gefahr besessen und habe ganz vergessen, dass es sich einfach nur um eine Vision handelte, begriff er. Einigermaßen beruhigt, sah er sich im Raum um. Abgesehen von der Verbrennungsanlage, die nun die ersten Lebenszeichen von sich gab, entdeckte er eine Kiste voller Plaketten toter Soldaten. Die Abzeichen wurden hier feierlich verbrannt.
Die Angst ist zwar mein größter Feind, aber sicherheitshalber lasse ich mich auf kein Risiko ein. Wer weiß, vielleicht werfen die mich auch noch in die Asche.
Der Ofen wurde schon heiß und er richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Arbeitszimmer.
"Es dreht sich alles um die Konzentration…" Nachdem er wieder einen kühlen Kopf besaß, löste er sich allmählich wieder auf.
"Ah, welch Augenschmaus", seufzte er, als er seine vertraute Dachkammer in Augenschein nahm. Schnurstracks ging er zu seinem Schreibtisch, um das Ereignis aufzuschreiben, entdeckte aber stattdessen enttäuscht, dass seine irdische Gestalt reglos neben dem Stuhl lag. Der Körper atmete nur sehr langsam und er vermutete, dass er sich noch immer erholte von der Überdosis des Krauts, das er eingenommen hatte. Der Geist versuchte seinen Rückeintritt zu erzwingen, doch es kam keinerlei Reaktion vom physischen Körper.
Und jetzt? Kein Buch kann dir dies lehren, sagte er ernüchternd zu sich selbst und beschloss, einfach abzuwarten.
Die Ritter aus dem zwölften Jahrhundert haben einen großen Eindruck auf die Deutschen gemacht, dachte er. Ich bin einmal gespannt, was mit diesen Monstern geschehen wird.
Nostradamus war mit seinem Gedanken kaum fertig, als er blitzartig sich in einem Bunker wieder fand, umgeben von Nazis, die panisch hin und her rannten.
"Verflucht!" Zum Glück bemerkte ihn niemand. Diese Schattengestalten waren von dringenderen Angelegenheiten in Beschlag genommen.
Manchmal sehen sie dich und dann wieder nicht, je nach Stimmung, stellte er stirnrunzelnd fest. Es sah wie das wirkliche Leben aus, doch dann wiederum…
Plötzlich erschütterte eine Explosion den Betonbunker gefährlich und Staubwolken wehten durch den Bunker. Die Nazis wurden bombardiert; es ging um Leben und Tod. Eine große, blonde Sekretärin rannte in dem Durcheinander verwirrt umher und fegte rechts an dem unbemerkten Besucher vorbei.
Auch geblendet und ohne Verstand etwas anderes wahr zu nehmen, stellte Michel von neuem fest. Sorgfältig untersuchte er den Komplex, wo in den verschiedenen Räumen sich Dutzende von Soldaten vor dem Angriff verschanzten. Der Großteil von ihnen lag in Etagenbetten und sah aus, als ob ihre letzte Stunde geschlagen hätte. Alle Zimmer machten einen desolaten Eindruck und befanden sich in einem Zustand der Verwahrlosung. Leitungen hingen lose von der Decke, die Wände waren rissig und überall lag Müll herum. Zwischen den Betten standen mit Benzin gefüllte Kunststoffkanister. In einer der Schlafkammern entdeckte der Zeitreisende sechs blonde Kinder mit blauen Augen.
Wenn das mal nicht Goebels Sprösslinge sind, dachte er. In der Offizierskammer befanden sich Hitler und seine Vertrauten. Erneut wurde der Bunker bis auf seine Grundfeste erschüttert und ein Telefonist hielt mit Müh und Not die Verbindung zur Armee aufrecht. Der Führer versuchte, die Überbleibsel seines Dritten Reiches vom Bunker aus zu steuern. Sein Quartier, befand sich direkt unter dem Reichstag und hatte meterdicke Betondecken, um den Führer vor den schlimmsten Bombenangriffen zu schützen.
"Die Russen und alliierten Streitkräfte greifen uns von allen Seiten an", schrie Hitler, der nicht das Rückgrat hatte, sich zu ergeben, und Nostradamus studierte den zu Fleisch gewordenen Hass. Jede Pore schien im Dienste der Zerstörung zu stehen.
Irgendwie komisch, dass ich diesen Anführer hautnah unter die Lupe nehmen kann, dachte er. Himmler war ebenso anwesend. Er nahm seine Brille ab und rieb sich voller Verzweiflung die Augen.
"Es ist vielleicht noch nicht zu spät, um im Gegenzug einer Freilassung zu kapitulieren", schlug er vor.
"Nein! Niemals werden wir mit dem Feind verhandeln. Wir machen bis zum Endsieg weiter!", krächzte Hitler, während ein Schäferhund an seinen Fingern leckte. Sein Stellvertreter starrte hoffnungslos vor sich hin. Wieder bebte der Bunker bis in die Grundmauern. Die Bombardierungen kamen immer näher.
"Ich denke auch, dass wir uns besser ergeben", stimmte General Berger vorsichtig zu.
"Hören Sie gefälligst zu: Ich werde mich nie und nimmer lebend ergeben", zischte Hitler in Bergers Gesicht, der daraufhin wutentbrannt den Raum verließ.
"Sie Verräter, Sie lassen mich also im Stich", lamentierte sein Vorgesetzter, während er immer noch despotische Befehle erteilte. Seine Anhänger hingegen waren besänftigt und ergaben sich der Situation. Die Lage wurde mit jeder Minute aussichtsloser und der verzweifelte Führer eilte zu seiner Sekretärin, um ihr seinen letzten Willen zu diktieren.
"Schreiben Sie", befahl er, "dass ich, Adolf Hitler, schwöre, mein Drittes Reich noch aus dem Grab heraus zu führen."
Wenn das nur mal nicht wahr wird, dachte Michel, der direkt hinter ihm stand. Der Telefonist überbrachte eine schlechte Nachricht.
"Die Partisanen haben unseren Verbündeten Mussolini ermordet und umgekehrt aufgehängt", teilte er mit. Hitler war für einen Moment außer sich, fasste sich aber sofort wieder.
"Ich will nicht, dass der Feind meinen Leichnam bekommt. Verbrennt ihn, sobald ich tot bin", befahl er und Traudl notierte seinen Willen. Eva, die Freundin des Führers, kam mit einer Schüssel voll Wasser für Blondie, den Hund, der es sofort gierig schlabberte.
"Wo ist Magda eigentlich?", fragte Eva, die gegen einen Stapel Kisten lehnte, in denen sich alle wichtigen Dokumente befanden, die im allerletzten Moment verbrannt werden mussten.
"Sie wird wahrscheinlich bei Joseph sein", vermutete Himmler. Wider kam der Verbindungsoffizier mit einer schlechten Nachricht. Die SS schien eine schwere Niederlage vor den Toren der Stadt erlitten zu haben.
"Meine Armee lässt mich jetzt auch noch im Stich", schrie Hitler, der purpurrot anlief. Er stand kurz vor einem Anfall und musste das Quartier verlassen. Er zog sich in das Wohnzimmer zurück, wo Magda Goebels gerade wie ein Geschirrtuch über die Lehne des Sofas hing.
"Lassen Sie Ihre Kinder auch anfangen zu kämpfen", schnauzte er sie an.
Klug wie sie war, hielt sie den Mund und floh vor ihrem Abgott. Adolfs Traum von einem Superreich lag in Trümmern.
"Niemand spricht mehr mit mir, einzig und allein noch Eva", jammerte er und ließ sich auf die Bank fallen, wo er erneut den Nürnberger Parteitag ablaufen ließ. Es war sein Höhepunkt und der Film brachte ihm etwas Entspannung. Seine Freundin Eva war ihm gefolgt und setzte sich neben ihn.
"Adolf, ich will dich heiraten, heute noch", sagte sie.
"Du weißt doch, dass ich mit meiner Mission verheiratet bin", protestierte er. Eva aber begann ihn zu streicheln, um ihn doch noch umstimmen zu können.
"Nun gut, dann heiraten wir eben", stimmte er endlich zu. Und während sie ihm mit einem Kuss auf seine Nase dankte, erschien auf der Leinwand ein gigantischer Platz, wo Hunderttausende von Menschen ihren rechten Arm nach oben ausgestreckt hielten, um ihrem Führer zu salutieren.
Der König der Könige, mit Hilfe Pannoniens, enträtselte Michel, der zusah. Der persönliche Diener des Führers kam herein.
"Was gibt es jetzt schon wieder", fragte sein Chef.
"Herr Himmler ist fort. Er flüchtete westwärts durch das Tunnelsystem."
"Schickt ein paar Soldaten hinterher und erledigt ihn."
"Eh, es ist niemand mehr da, um es auszuführen", antwortete der Angestellte zögerlich. Hitler stoppte den Film und blickte grimmig vor sich hin. Nostradamus war neugierig auf die Flucht des Stellvertreters und verließ den Raum. Nachdem er den Bau durchsucht hatte, entdeckte er einen Tunnel in den Westen, durch den Himmler anscheinend geflohen sein musste. Er überlegte gerade, was er tun sollte, als er ein Klopfgeräusch aus dem Nebenzimmer vernahm.
"Sieh an, sieh an, wenn das mal nicht unser Hausgeist ist", sagte plötzlich eine bekannte Stimme. Es war der Propagandaminister, der Geister sehen konnte und der ihn schon einmal mit einer umstürzlerischen Diskussion in eine Falle gelockt hatte. Mit einem seltsamen Gesichtsausdruck stand Goebels an der Tür und starrte ihn an.
Ich darf mich nicht wieder von diesem Idioten vorführen lassen, nahm Michel sich vor.
"Wie schade, dass Sie das letzte Mal so schnell verschwunden sind", sagte Goebels zu ihm. "Sie kommen sicherlich um zu sehen, wie wir dem sicheren Untergang entgegen gehen? Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten", und er begann zu lachen. Hitler kam herbeigelaufen.
"Joseph, ich brauche dich als Zeugen. Eva und ich werden heiraten."
"Ich komme gleich. Ich bin gerade noch in einem Gespräch."
"Hier ist niemand, Joseph. Du siehst schon wieder Gespenster."
"Aber da ist er!", und wies in Michels Richtung. Hitler packte daraufhin seine Pistole und schoss mehrere Male auf den Punkt, wo das Phantom sich befinden musste.
"Jetzt nicht mehr. Komm jetzt und halt die Klappe." Einige erschrockene Offiziere kamen mit Maschinengewehren herbeigeeilt und wollten wissen, was los war.
"Ich habe ein Gespenst erschossen", höhnte der Führer, während er Goebels mit sich zog. Michel war inzwischen zusammengebrochen. Die Kugeln waren direkt durch ihn durch gegangen.
"Ich sterbe", jammerte er. Sein höherer Körper war lediglich schockiert.
Aus dem Wohnzimmer erklang ein Hochzeitsmarsch. Adolf und Eva hatten wirklich in letzter Minute den Bund der Ehe geschlossen. Die Zeremonie verlief dennoch nicht ganz reibungslos, da es erneut schwere Explosionen gab. Der Feind belagerte mit großer Übermacht die Stadt. Wegen des Bombardements lief der Schäferhund verängstigt davon, um sich neben dem zusammengebrochenen Geist zu legen, dem einzigen behaglichen Plätzchen im Untergrund. Für Michel war dies ein Glücksfall, denn wegen der tierischen Wärme erholte er sich auffallend gut. Nach einigem Überlegen wollte er dann doch den Ausgang des Kriegsdramas miterleben. Zur Sicherheit beschloss er, sich von dem medialen Goebels fern zu halten, als er aus nächster Nähe den Untergang der Nazis verfolgte.
Nach der Hochzeit gab Hitler bekannt, dass er Selbstmord begehen und in Ruhe gelassen werden wolle. Als er alleine war mit Eva, träufelte er irgendetwas in das Maul seines getreuen Vierbeiners. Blondie, die sofort tot umfiel, wurde in eine Ecke des Raumes geschleift.
Er musste irgendein Gift ausprobiert haben, begriff Michel. Und in der Tat, der "König der Könige" gab davon etwas seiner frisch vermählte Braut und nahm danach selbst davon ein. Beide fielen in den ewigen Schlaf. Anschließend kam der persönliche Diener herein, der seinem Arbeitgeber zusätzlich noch in den Kopf schoss. Die letzten Getreuen schleppten die beiden, zusammen mit den Dokumenten, nach oben und verbrannten alles im Garten.
"Grundgütiger", murmelte der nachgefolgte Seher, der wieder zum Bunker zurückkehrte, um alles bis zur letzten Minute zu verfolgen.
Wer wohl sonst noch hier ist, fragte er sich, während er sich durch das Gebäude bewegte. Im Kinderzimmer begegneten ihm neue Gräueltaten. Die sechs Sprösslinge von Goebels lagen tot durch Vergiftung im Bett.
Da stecken sicherlich Vater und Mutter dahinter, vermutete er und die er dann leblos hinter der Tür entdeckte.
Gerechtigkeit hat obsiegt. Dennoch, das teuflische Genie ist entkommen, und entschlossen begab er sich zum Tunnel, durch den Himmler geflohen sein musste. Behutsam betrat er den dunklen Tunnel und schürfte sich ein paar Mal an den Grundmauern auf.
Herrje, das wird viel Kraft kosten, stellte er besorgt fest. In der Ferne schimmerte zum Glück etwas Licht. Es war leider von kurzer Dauer, denn es schien von Hitlers Sekretärin zu kommen, die versuchte, ihre Haut zu retten. Besiegt und mit einer Laterne in der Hand, lief Traudl den Pfad entlang. Er flog an ihr vorbei und machte sich auf und davon. Wenig später tauchte eine U-Bahnstation auf, wo beschädigte Lampen auf große Gruppen von Frauen, Kinder und Betagte schienen. Sie hatten sich hier vor den heftigen Kämpfen in der Stadt versteckt und saßen nun auf dem Bahnsteig, um auf das bevorstehende Kriegsende zu warten. Michel flog vorbei an den Arkaden und den verzweifelten Gesichtern, und ließ die U-Bahnstation hinter sich. Während er der Spur nach Westen folgte, rumpelte er erneut gegen die Tunnelwand.
"Autsch", rief er über diese Störung, die ihm keinen irdischen Schmerz verursachte, und beschleunigte sein Tempo. Sein Gefühl sagte ihm, dass er rechtzeitig kommen müsse. Eine weitere Station kam zum Vorschein, wo heftige Gefechte stattfanden. Fanatische SSler ermordeten desertierte Soldaten, die sich zwischen den schutzsuchenden Bürgern versteckt hielten.
Keine Zeit, um hier anzuhalten, entschied der Geist und segelte an den Berlinern vorbei, die um ihr Leben kämpften. Der Tunnel schien endlos zu sein, bis zu der Stelle, wo er versperrt war. Der Untergrund war eingestürzt und es schien etwas Tageslicht auf die Trümmerhaufen. Michel begutachtete die verwüstete Decke und glitt mit seinem geschmeidigen Körper durch die Öffnung nach draußen und gelangte in den Westen Berlins, das dem Erdboden gleich gemacht worden war. Große Brände verursachten schwarze Wolken und hier und da stand noch ein letzter unbeschädigter Häuserblock. Die Alliierten bewegten sich stetig durch die noch verbliebenen Straßen, in Richtung Innenstadt. Überall lagen blutverschmierte Leichen zwischen den Trümmerhäufen und umgestürzten Bäumen herum. Aus den Wolken kamen urplötzlich dröhnende Objekte vorbei geflogen.
"Es ist den Menschen doch tatsächlich gelungen, Flugmaschinen zu bauen", rief der Seher euphorisch, missbilligte aber sein kindliches Verhalten und konzentrierte sich wieder auf irgendwelche Anzeichen von Himmler. Aus der Luft entdeckte er einen britischen Kontrollpunkt der den Weg für den abgehenden Verkehr behinderte und wie pferdelose Kutschen untersucht wurden. Dort waren auch Tausende von Soldaten, die jedoch alle in Richtung Zentrum marschierten. Da er irgendwie die Spur verloren hatte, kehrte er nun für mögliche Hinweise wieder zum eingestürzten Tunnel zurück. Eureka! Hinter einem Berg von Schutt fand er eine Offiziersmütze mit dazugehörender Jacke, mit dem höchsten Abzeichen des Landes darauf.
Der Nazi hat sich seiner Uniform entledigt, dachte er bei sich und suchte daraufhin die ganze Umgebung ab. Er kreiste einige Male über dem Kontrollposten, bis dass er Himmler entdeckte. Dieser kam gerade aus einer Baracke heraus und wurde von einem britischen Kommandeur begleitet. Himmler tat so, als wäre er ein einfacher, desertierter Offizier und versuchte heimlich ein Abkommen auszuhandeln. Als der Geist direkt neben ihm im Gras landete, hörte er dessen Heuchelei. Dieser nichtsnutzige Halunke erzählte eine unglaublich intrigante Geschichte und, im Flüsterton, faselte er zudem etwas von einer großen Belohnung. Der britische Befehlshaber schien nicht abgeneigt zu sein und sah sich nervös um, ob er auch ja nicht von seinen Kollegen belauscht werden konnte. Aber es herrschte überall Chaos; sowohl die britischen als auch amerikanischen Soldaten hatten nur noch Augen für die letzten Widerständler. Dies war der absolut perfekte Augenblick für derartig finstere Machenschaften, dass die beiden Männer sich zu diesem Zweck hinter einem Baum versteckten, um ihren Betrügereien nachzugehen. Himmler spielte dabei mit dem Feuer, woraufhin ein lebhafter Wortwechsel über die Höhe der Bestechungsgelder folgte.
"Abgemacht", einigte sich der Brite mit ihm und besiegelte die Abmachung just in dem Moment, als über ihnen sich dunkle Wolken auf wundersame Weise auftaten. Die Sonne kam durch die Öffnung zum Vorschein und strahlte genau auf diesen düsteren Ort. Himmler war ins Licht gesetzt, so aber auch Nostradamus, der unvorhergesehen sichtbar wurde.
"Bist du die letzte Instanz, die das Urteil fällt?", fragte der gewissenlose Deutsche, der ihn erscheinen sah. Der vermeintliche Richter sah ihn schweigend aber dennoch bedeutungsvoll an.
"Ich spuck auf dich", sagte Himmler ohne die geringste Spur von Reue. Dann schoss ein mysteriöser Pfeil durch die Wolken vom Himmel herunter und durchbohrte sein Herz. Dies bedeutete das endgültige Ende vom Dritten Reich.
Macht meine Anwesenheit nun einen Unterschied aus oder nicht, wunderte Michel sich schließlich.


Nostradamus Weltuntergang

Kapitel 8/16

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